Kapitel 99: Ein zweiter Brief
Der zweite Brief von Sophia kam an einem Mittwochmorgen.
Anne legte ihn mir wie den ersten auf den Schreibtisch, ohne ihn zu öffnen, ohne ein Wort. Sie hatte den Umschlag erkannt, am Berliner Stempel, an der schmalen Schrift, an dem cremefarbenen Papier, das Sophia, wie es aussah, in einer Berliner Papeterie kaufte. Anne legte den Umschlag auf die Akte, an der ich gerade arbeitete, und ging.
Ich ließ ihn liegen.
Ich arbeitete eine Stunde an der Akte, weil ich die Akte fertig haben wollte, bevor der Tag begann. Erst danach nahm ich den Umschlag in die Hand.
—
Er war dünner als der erste.
Er war im Frühjahr ein dichterer Brief gewesen. Sophia hatte damals zwei Seiten geschrieben, in einer engen Schrift, eng beieinander, wie Frauen schreiben, die etwas sagen wollen, das sie sich nicht laut zu sagen erlauben. Diesmal war der Umschlag dünn. Eine Karte.
Ich öffnete ihn.
Es war wirklich nur eine Karte.
Auf der Vorderseite ein einfacher Druck — ein Detail eines alten Bildes, eine Madonna, halb angeschnitten, in einem dunklen Rot. Auf der Rückseite Sophias Handschrift, in derselben Tinte wie im Frühjahr, etwas größer, etwas leichter.
*Liebe Frau Hartmann,*
*ich schreibe Ihnen, weil ich es Ihnen vor anderen sagen möchte. Ich erwarte ein Kind. Es kommt im Mai. Ich heirate im April. Mein Mann heißt Konstantin Lederer. Er führt eine Galerie in Berlin-Mitte. Ich arbeite seit dem Sommer für ihn und mit ihm. Wir leben in Schöneberg.*
*Ich wollte, dass Sie es von mir wissen. Es ist mein Versuch, Anstand zu üben.*
*Ich grüße Sie.*
*S.*
—
Ich legte die Karte auf den Tisch.
Ich saß einen Moment still.
Ich hatte mir nicht vorgestellt, was ich beim Lesen einer solchen Nachricht fühlen würde. Ich hatte mir nicht ausgemalt, dass eine solche Nachricht überhaupt kommen könnte. Ich hatte angenommen, dass Sophia, sobald sie sich aus München gelöst hatte, nicht mehr schreiben würde. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass die Karte vom Frühjahr ihre einzige bleiben würde.
Sie hatte zum zweiten Mal geschrieben.
Sie hatte etwas geschrieben, das ich nicht erwartet hatte.
Sie heiratete.
Sie war schwanger.
Sie hatte mich es wissen lassen wollen.
—
Ich las die Karte noch einmal.
Ich las sie ein drittes Mal.
Ich versuchte, die Frau zu sehen, die sie geschrieben hatte. Ich kannte Sophia nicht. Ich hatte sie viermal gesehen, in den siebzehn Monaten von Marks Affäre, und davon zweimal nur von hinten. Ich hatte sie in Zeitschriften gesehen, in den frühen Monaten ihrer Beziehung, als sie noch geglaubt hatte, neben Mark eine Form von Anwesenheit zu sein. Ich hatte sie auf einem Foto im Nachlass eines Frühjahrsempfangs gesehen, in einem hellen Kleid, mit dem schmalen Lächeln, das sie sich in den Modemonaten antrainiert hatte.
Ich hatte sie nie als die Frau gesehen, die sie heute war.
Ich hatte mir auch nie vorgestellt, dass es diese Frau geben würde.
Sie war achtundzwanzig gewesen, als sie mit Mark begonnen hatte. Sie war jetzt dreißig. Zwei Jahre — eine kurze Zeit für einen Menschen wie mich, der seit zwölf Jahren auf der gleichen Straße ging. Zwei Jahre für sie waren möglicherweise eine längere Strecke, weil sie jünger war und weil sie aus einem Leben kam, das sich öfter änderte.
Sie hatte einen Galeristen geheiratet.
Sie würde im Mai ein Kind haben.
Sie hatte mir geschrieben.
—
Ich nahm einen Stift in die Hand.
Ich legte ihn wieder hin.
Ich hatte einen Augenblick lang den Gedanken gehabt, ihr zu antworten. Es war kein bestimmter Gedanke gewesen. Er war eine Bewegung, die in mir aufgekommen war, bevor ich sie ausgesprochen hätte. Etwas in mir hatte gedacht: vielleicht ist es richtig, ihr ein Wort zu schreiben.
Ich saß einen Moment, mit dem Stift in der Hand, der nicht in der Hand war.
Dann legte ich den Stift hin.
Ich würde nicht antworten.
Es war nicht aus Härte. Es war nicht aus Stolz. Es war eine Form der Klarheit, die ich mir nicht abnehmen wollte. Sophia hatte mir geschrieben, weil sie es selbst gebraucht hatte. Sie hatte „Anstand“ geschrieben — ein Wort, das ich an einer Frau wie ihr lange nicht erwartet hätte. Sie hatte mit dem Wort einen Versuch gemacht. Ich hatte den Versuch gelesen. Ich erkannte ihn an.
Aber er war ihr Versuch.
Es war nicht meiner.
Wenn ich antwortete, würde ich aus ihrem Versuch eine Verbindung machen, die zwischen uns nicht bestand. Ich würde aus zwei Frauen, die einmal denselben Mann gekannt hatten, eine Form von Korrespondentinnen machen, die wir nicht waren. Sophia war ein Kapitel, das geschlossen war. Ich hatte das Kapitel im Frühjahr geschlossen. Ich öffnete es heute nicht wieder.
Ich legte die Karte in die untere Schublade.
In dieselbe Schublade wie die erste.
Ich schloss die Schublade.
—
Ich arbeitete weiter.
Ich beendete die Akte. Ich rief Frau Dr. Bauer in Berlin an. Wir sprachen eine halbe Stunde. Sie hatte Konstantin Lederer schon einmal gehört. Sie hatte es nicht erwähnt, weil sie nicht wusste, woher sie ihn kannte.
„Eine Galerie in Mitte“, sagte sie. „Mittelgroß. Solide. Nicht der Trend der letzten Saison, aber nicht der vorletzte. Wer dort ausstellt, verkauft.“
„Verstehe.“
„Frau Hartmann, warum?“
„Aus persönlichen Gründen.“
„Verstehe.“
Sie schwieg einen Augenblick. Sie war eine Frau, die schwieg, wenn das Schweigen das Richtige war.
„Frau Hartmann.“
„Ja, Frau Doktor?“
„Ich werde es nicht weitererzählen.“
„Ich weiß.“
Wir legten auf.
—
Mittags ging ich nicht zum Essen.
Ich blieb am Schreibtisch. Anne brachte mir einen Salat, ein Glas Wasser, eine kleine Tasse Tee. Sie sagte nichts. Sie hatte am Vormittag bemerkt, dass ich die Karte gelesen hatte. Sie hatte bemerkt, dass ich sie nicht beantwortete. Sie hatte bemerkt, dass ich sie nicht erwähnte. Sie hatte alles bemerkt, und sie schwieg, weil das Schweigen das Richtige war.
Ich aß den Salat.
Ich trank den Tee.
Ich arbeitete weiter.
—
Am Nachmittag kam Heinrich.
Er hatte einen Termin um drei. Wir sprachen eine Stunde über die Berliner Geschäfte. Heinrich war in den letzten Wochen müder geworden — er hatte mir am Vorabend einer Sitzung gesagt, dass er an einen Ruhestand denke, im Frühjahr vielleicht, im Sommer spätestens. Er hatte das ohne Klage gesagt, in der Form, in der er die meisten Dinge sagte. Ich hatte ihm gesagt, dass ich es verstehe und dass wir gemeinsam einen Weg finden würden.
Heute sagte er nichts darüber.
Er sprach geschäftlich.
Vor dem Gehen zog er seinen Mantel an.
„Frau Hartmann.“
„Heinrich.“
„Sie sehen heute nachdenklich aus.“
„Es ist ein nachdenklicher Mittwoch.“
Er nickte.
Er sagte nichts weiter.
Er ging.
—
Am Abend fuhr ich nach Hause.
Frau Brandl hatte den Tisch im Esszimmer gedeckt. Sie hatte ein einfaches Abendessen gemacht, eine Suppe, ein Stück Brot, einen Apfel. Wir aßen an dem langen Tisch, an dem ich seit zwei Wochen nicht mehr gegessen hatte, weil im Esszimmer der Kamin brannte.
„Frau Brandl.“
„Frau Richter.“
„Ich habe heute eine Nachricht bekommen.“
„So.“
Sie sah mich nicht an. Sie sah auf ihre Suppe.
„Frau Brenner heiratet.“
„So.“
„Sie erwartet ein Kind.“
Frau Brandl legte den Löffel ab. Sie sah mich an. Sie sah mich ohne Schärfe und ohne Mitleid an.
„Frau Richter.“
„Ja?“
„Ist es Ihnen unangenehm?“
„Nein.“
„Macht es Ihnen etwas?“
„Nein.“
Sie nickte.
„Dann ist es gut.“
Sie nahm den Löffel wieder auf.
Sie aß weiter.
—
Wir aßen die Suppe auf.
Frau Brandl räumte ab. Ich half ihr. Wir spülten gemeinsam. Sie wusch, ich trocknete. Es war ein Brauch, den wir uns in den letzten Wochen angewöhnt hatten, ohne dass wir ihn besprochen hätten.
„Frau Richter.“
„Ja?“
„Werden Sie ihr antworten?“
„Nein.“
„Verstehe.“
Sie hob den letzten Teller aus dem Wasser, sie reichte ihn mir.
„Mein Vater hat mir einmal gesagt“, sagte sie, „dass nicht jede Nachricht eine Antwort braucht. Manche Nachrichten sind nur dazu da, dass jemand sie sich von der Brust schreibt. Wer antwortet, nimmt dem Sender etwas, das ihm zusteht: nämlich, dass er es gesagt hat, und damit Schluss.“
Ich trocknete den Teller.
„Ihr Vater war ein kluger Mann.“
„Ja.“
Sie lächelte einen Augenblick.
—
Ich ging nach oben.
Im Schlafzimmer öffnete ich das Fenster. Im Garten war es still. Im Haus war es still. Im Erdgeschoss hörte ich Frau Brandl, die das Licht in der Küche ausmachte, dann die Tür ihres Zimmers schloss.
Ich legte mich nicht sofort hin.
Ich saß auf dem Rand des Bettes, ohne das Licht zu machen. Ich dachte einen Augenblick an Sophia, die in einer Wohnung in Schöneberg saß, in einer Stadt, die ich nur als Reisende kannte, und die nun, an einem Mittwochmorgen Ende November, in mir keinen Platz mehr hatte, der nicht klein gewesen wäre.
Ich dachte an Mark.
Ich dachte an ihn nicht lange.
Ich dachte an ihn nur als jemanden, der irgendwo in dieser Stadt in einer Zweizimmerwohnung in Schwabing lebte und der nicht wusste, dass die Frau, mit der er einmal sein Leben hatte umstellen wollen, ein Kind erwartete und einen anderen Mann heiratete und nichts mehr von ihm hatte.
Ich dachte daran, dass er es vermutlich aus den Gerüchten erfahren würde.
Ich dachte daran, dass es nicht meine Sache war.
Ich legte mich hin.
Ich schloss die Augen.
—
In der Nacht träumte ich.
Ich träumte, dass ich in einer Stadt war, die ich nicht kannte. Es war nicht Berlin, es war nicht München, es war kein Ort, den ich hätte benennen können. Ich ging eine Straße entlang, an der eine lange Reihe von Häusern stand, alle in derselben Höhe, alle mit denselben Fenstern. In einem der Fenster, im ersten Stock, sah ich für einen Augenblick eine junge Frau. Sie sah mich nicht. Sie hielt etwas in der Hand, vielleicht ein Buch, vielleicht einen Brief. Sie wandte sich um, in das Zimmer hinein, und war fort.
Ich ging weiter.
Am Ende der Straße war ein Park. Es war kein Park, den ich erkannte. Es waren Bäume, ein Weg, eine Bank. Ich setzte mich auf die Bank. Ich saß lange. Niemand kam.
Dann wachte ich auf.
Es war kurz vor sechs.
Ich blieb liegen, mit offenen Augen, in der Dunkelheit, die schon nicht mehr ganz Dunkelheit war. Ich hatte den Traum noch deutlich in mir. Ich behielt ihn nicht. Ich ließ ihn gehen.
Ich dachte an Sophias Karte, die unten in der Schublade lag. Ich dachte daran, dass Frau Brandl recht gehabt hatte: nicht jede Nachricht braucht eine Antwort, manche sind dazu da, dass jemand sie sich von der Brust schreibt. Ich dachte daran, dass Sophia in den letzten zwei Jahren vermutlich mehr Brüste-Schreibungen hatte machen müssen, als ich mir eingestanden hatte. Ich hatte sie als die Frau gesehen, die mich verletzt hatte, und ich hatte sie nicht als die Frau gesehen, die in einer Wohnung in Schwabing oder einer Wohnung in Berlin nachts wach lag und sich fragte, was sie eigentlich getan hatte.
Es entlastete sie nicht.
Es war nur eine Form, sie zu sehen, die heute zu mir gekommen war, weil mir das Sehen heute leichter fiel als vor einem Jahr.
Ich schlief noch einmal ein, eine halbe Stunde, leicht.