Kapitel 4: Die Entlassung
Am Mittwoch unterschrieb ich den Entlassungsbogen.
Die Ärztin war jung. Sie hatte seit fünf Wochen die Station übernommen, und man sah ihr an, dass sie sich auf diesen Posten vorbereitet hatte, wie man sich auf eine Prüfung vorbereitet. Sie stellte die Fragen in der richtigen Reihenfolge. Sie wiederholte den Namen jedes Medikaments zweimal. Sie sagte nicht „alles Gute“, sondern „Melden Sie sich, wenn etwas ist.“
Ich mochte sie.
„Sie haben jemanden, der Sie abholt?“
„Ja.“
„Gut.“
Ich hatte niemanden.
Es war keine Lüge. Es war eine Verabredung mit dem Tag.
—
Der Fahrer der Hartmann Gruppe sollte um halb elf kommen.
Das hatte Mark vor drei Wochen bei der Einlieferung zugesagt. „Ich schicke dir Johann.“ Er hatte es so gesagt, als stelle er mir einen Dienst zur Verfügung, den sonst niemand bekam. Johann war seit elf Jahren bei der Firma. Er war ein ruhiger Mann mit schlechtem Rücken, der nie ein Wort zu viel sprach. Er hatte meinen Vater noch gefahren. Ich mochte ihn. Ich war sicher, dass er die Fahrt sorgfältig vorbereiten würde.
Um zehn Uhr vierzig saß ich auf der Bank im Foyer, die Tasche neben mir, den Mantel über dem Arm.
Um zehn Uhr fünfzig stand ich auf und trat vor die Glastür.
Um elf Uhr fünf ging ich zurück zur Bank.
Um elf Uhr zwanzig holte ich mein Handy heraus.
Der Anruf bei Johann wurde nicht angenommen.
Der zweite Anruf wurde nach sechs Klingeltönen weggedrückt.
Ich legte das Handy auf den Schoß.
Ich hatte auf vieles gewartet. Das Warten ist eine Disziplin, die man lernt, wenn man siebzehn Monate in einem Haus mit einem Mann lebt, der einen betrügt. Aber dieses Warten war anders. Es war kein langes Warten. Es war ein kurzes, sauberes Warten, und es war bereits entschieden.
Mark hatte Johann zurückgehalten.
Das war nicht böse. Das war nur seine Art, etwas klarzustellen. Er wollte mir sagen, dass ich nicht mehr in der Kolonne war. Er wollte mir sagen, dass es ab heute keine Fahrer mehr gab.
Ich legte das Handy zurück in die Tasche.
Ich stand auf.
—
Der Taxistand lag auf der anderen Seite des Vorplatzes.
Ich hatte mir eingeprägt, langsam zu gehen. Kein Schritt, den ich nicht tragen konnte. Die Kraft war in den letzten Tagen zurückgekommen, aber sie kam in kleinen Stücken, und ich musste lernen, mit ihnen zu haushalten.
Am Stand stand nur ein Wagen. Ein älterer Mercedes. Der Fahrer hatte die Tür auf. Er las Zeitung auf dem Fahrersitz, die Beine nach draußen gestreckt, eine Thermoskanne auf dem Armaturenbrett.
„Bogenhausen“, sagte ich. „Isarhochufer.“
Er faltete die Zeitung.
„Isarhochufer welche Nummer?“
Ich nannte sie.
Er nickte.
„Einsteigen.“
Er half mir nicht in den Wagen. Das war mir lieber so. Ich hatte es satt, in den letzten Wochen von Menschen gehalten worden zu sein. Manche Menschen halten einen, damit sie sich selbst halten.
Der Fahrer wartete, bis ich die Tür zugezogen hatte. Dann fuhr er los.
—
Wir fuhren die Marchioninistraße hinunter, dann auf den Mittleren Ring.
Es war ein heller Vormittag. Der Himmel über München war von einem Grau, das keine Wolke war und keine Sonne. Die Straßen waren nicht voll. Wir kamen zügig voran.
Der Fahrer redete nicht. Ich war ihm dankbar. Er hatte Radio an, leise, eine Nachrichtensendung über die Bank in Italien, die diese Woche wieder jemandem etwas versprochen hatte. Ich hörte nicht hin.
Ich sah aus dem Fenster.
Das war mein München.
Die Weiße Fassade eines Jugendstilhauses an der Kreuzung. Das Schild einer Drogerie, das mein Vater im Vorbeifahren jedes Mal wieder gelesen hatte, als prüfe er, ob der Name noch stimmte. Ein Mann auf einem Rad, der an einer Ampel darauf wartete, dass Grün wurde, und dabei etwas in sein Handy sprach, leise, nur mit den Lippen.
Die Isar glänzte unter der Brücke.
Ich atmete tiefer, als es mir gut tat. Der Brustkorb hielt.
—
Wir kamen in Bogenhausen an.
Die Straßen wurden ruhiger. Die Häuser wurden größer. Der Fahrer bog ohne Zögern in die richtige Straße ein. Er kannte sich aus. Das hatte mich früher einmal gestört. Heute war es mir recht. Ich hatte keine Lust, jemandem einen Weg zu erklären.
„Hier?“, fragte er.
„Hier.“
Er hielt vor der Einfahrt.
Ich gab ihm den Schein. Er wollte Wechselgeld. Ich ließ es ihm.
„Danke“, sagte ich.
„Gesund bleiben.“
Das war nicht gleichgültig. Das war der Satz, den man in München zu jemandem sagt, von dem man nicht weiß, ob man ihn je wiedersieht.
Er fuhr weg.
Ich stand auf dem Gehweg.
—
Die Villa stand da, wo sie immer stand.
Sie war groß. Weißer Putz, dunkle Fensterläden, das Dach mit dem breiten Vorsprung. Mein Großvater hatte sie bauen lassen, 1927. Mein Vater war hier geboren. Ich war hier geboren. Jan war hier geboren.
Mark war hier eingezogen, als wir heirateten.
Ich hatte immer gewusst, dass er sich in der Villa nie wirklich zu Hause gefühlt hatte. Er hatte es nur nie zugegeben. Er hatte sich eingerichtet, als handele es sich um ein Hotel, dessen Betreiber er wäre. Er hatte Sessel gekauft. Er hatte die Bar im Salon einmal umbauen lassen. Er hatte die Hecke vorne kürzen lassen, „weil sie den Blick nimmt“. Er hatte nie verstanden, dass eine Hecke nicht da ist, damit man über sie hinwegsieht.
Ich ging durch die Einfahrt.
Der Kies knirschte unter den Sohlen.
Ich blieb einen Moment stehen, drei Meter vor der Treppe.
Und dann geschah etwas, auf das ich nicht vorbereitet gewesen war.
Das Haus wirkte leerer, als es leer war.
—
Das ist ein Satz, den ich an Clara später nicht erklären konnte. Sie hatte mich gefragt, wie es sich angefühlt habe, und ich hatte gesagt: „Das Haus war leerer, als es leer war.“ Sie hatte mich komisch angesehen. Dann hatte sie genickt, als habe sie es doch verstanden.
Ein Haus ist leer, wenn niemand darin ist.
Ein Haus ist leerer als leer, wenn jemand gegangen ist, der nie wirklich da war.
Mark war gegangen.
Er hatte Spuren hinterlassen, die mir gehörten, nicht ihm. Ein Sessel, den er ausgewählt hatte, der aber einen Stoff hatte, den ich angefasst hatte. Ein Bild über dem Kamin, das wir zusammen gekauft hatten, obwohl ich es ohne ihn genauso gekauft hätte. Eine Flasche Cognac auf der Bar, die ich ihm zum vierzigsten Geburtstag geschenkt hatte.
Nichts in diesem Haus war wirklich durch ihn hier.
Das war die Wahrheit, die ich zwölf Jahre lang nicht gesehen hatte.
Mark war ein Gast gewesen. Kein Bewohner.
—
Ich stieg die drei Stufen zur Haustür hinauf.
Die Glocke brauchte ich nicht. Frau Brandl hatte den Wagen gehört. Ich sah sie durch das Mattglas der Seitenfenster, bevor die Tür aufging. Sie trug die grauwollene Strickjacke, die sie immer im Haus trug, wenn sie glaubte, dass niemand Gäste bringe.
Sie öffnete.
Sie sagte nichts.
Ihre Augen gingen über mich, von den Schuhen bis zum Haaransatz, wie eine Mutter ihre erwachsene Tochter ansieht, wenn diese von einer Reise zurückkommt, von der sie nicht hätte fahren sollen.
Dann trat sie einen Schritt zurück.
„Frau Hartmann.“
„Frau Brandl.“
Sie schloss die Tür hinter mir.
Ich stand in der Eingangshalle.
Ich roch Bienenwachs. Sie hatte gestern die Dielen geputzt. Die Luft war kühl, aber nicht kalt. Im Salon brannte eine kleine Lampe, die sonst nie brannte, und ich wusste, dass sie sie für mich angezündet hatte, damit ich nicht in ein dunkles Haus kam.
Ich stellte die Tasche ab.
Ich zog den Mantel aus.
Ich blieb einen Moment stehen und sah in den Salon hinein, durch die halb offene Flügeltür.
„Es ist alles ruhig, Frau Hartmann.“
Ihre Stimme war leise. Keine Überredung. Nur eine Tatsache.
„Danke.“
„Möchten Sie einen Tee?“
„Nein. Nicht jetzt.“
„Das Bett oben ist frisch bezogen.“
„Welches?“
Sie zögerte eine halbe Sekunde.
„Ihr altes Mädchenzimmer. Ich dachte, vielleicht.“
Ich sah sie an.
Frau Brandl wusste Dinge, ohne dass man sie ihr sagen musste. Sie hatte von selbst das richtige Bett bezogen. Nicht das Schlafzimmer, in dem ich mit Mark zwölf Jahre geschlafen hatte. Nicht das Gästezimmer. Das Zimmer, in dem ich aufgewachsen war. Das Zimmer mit dem Fenster zum Garten, dem alten Schreibtisch, der Lampe mit dem grünen Schirm.
„Ja“, sagte ich. „Danke.“
Sie nickte einmal.
Sie drehte sich um und ging in die Küche, wie sie es immer tat, wenn sie einem Menschen Zeit geben wollte, allein in einem Raum zu stehen.
Ich hörte, wie sie den Wasserkocher einschaltete.
Ich ging langsam zur Treppe.
Ich legte die Hand auf das Geländer.
Die Villa war ruhig.
Nicht still.
Ein Haus, das so alt ist, ist nie wirklich still. Es knackt. Es atmet. Es erinnert sich.
Heute erinnerte es sich an mich.