Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 89: Brief aus Berlin

Die Karte aus Berlin lag drei Wochen in der Schublade.

Ich hatte sie nicht vergessen. Ich hatte sie nur nicht geöffnet. Anne hatte sie mir vor drei Wochen auf den Schreibtisch gelegt, ich hatte sie an demselben Abend mit nach Hause genommen, ich hatte sie in das Arbeitszimmer in der Villa getragen, ich hatte sie in die mittlere Schublade gelegt, neben den Block, neben den Brief Webers, neben die anderen Briefe, die ich aufbewahrte oder nicht öffnete, aus Gründen, die in jedem Einzelfall verschieden waren.

Heute öffnete ich sie.

Es war ein Sonntagvormittag, Ende Mai.

Frau Brandl war nicht da. Sie war in Tegernsee, bei ihrer Schwester, übers Wochenende. Jan war seit Freitagabend in Hamburg, weil er ein Projekt zu Ende bringen musste. Er kam erst Dienstag wieder.

Ich war allein im Haus.

Ich saß im Frühstückszimmer.

Ich hatte mir Kaffee gemacht, was ich sonst Frau Brandl überließ. Der Kaffee war nicht so gut wie Frau Brandls Kaffee, weil Frau Brandl ihn schwächer machte und ich ihn dummerweise zu stark gemacht hatte. Ich trank ihn trotzdem.

Ich hatte die Süddeutsche Zeitung neben mir.

Ich hatte die Karte aus Berlin vor mir.

Ich hatte mir gestern Abend gesagt: morgen früh, beim Kaffee, lese ich sie.

Ich hatte mir das gesagt, ohne genau zu wissen, warum heute der richtige Tag war. Heute schien mir nur ein Tag, an dem Frau Brandl nicht da war, an dem Jan nicht da war, an dem niemand ins Frühstückszimmer kommen würde, der mich beim Lesen sehen konnte.

Es war ein Tag, an dem ich allein lesen konnte.

Manchmal braucht man das.

Die Karte war kein Brief.

Sie war eine handgeschriebene Karte, in einem Format, das größer war als eine Postkarte und kleiner als ein Kuvert. Auf der Vorderseite war ein Foto — eine Schwarzweiß-Aufnahme einer Berliner Straße in der Nachkriegszeit, mit einem Trümmergrundstück und einem Kind, das auf einem Stein saß. Das Foto kannte ich. Es war von Henry Ries, fünfundvierzig oder sechsundvierzig.

Sophia hatte das Foto vermutlich nicht ausgewählt, weil sie wusste, von wem es war.

Sie hatte es vermutlich ausgewählt, weil es schwarz und weiß war und ernst aussah.

Aber es war zufällig richtig.

Ich öffnete die Karte.

Innen, auf der linken Seite, stand kein Druck. Auf der rechten Seite stand Sophias Handschrift.

Die Handschrift war ungeübt.

Das war das Erste, was ich bemerkte. Sophia war achtundzwanzig. Sie hatte vermutlich seit zehn Jahren keinen Brief mehr von Hand geschrieben. Ihre Handschrift war die Handschrift einer Frau, die im Alltag tippte und in Ausnahmefällen schrieb. Sie war groß, ungleichmäßig, leicht schräg. Die Buchstaben standen einzeln, nicht in einem Fluss.

Sie hatte sich Mühe gegeben.

Das war das Zweite, was ich bemerkte.

Der Text war kurz.

*Liebe Frau Hartmann,*

*ich schreibe Ihnen, ohne genau zu wissen, was ich schreiben soll.*

*Ich verstehe jetzt manches besser. Nicht alles. Aber manches.*

*Ich werde nicht schreiben, dass es mir leidtut. Es würde Ihnen nicht helfen, und mir auch nicht. Ich werde Ihnen auch nichts erklären. Ich glaube, Sie haben es lange gesehen, in einer Weise, in der ich es noch nicht sehen konnte.*

*Ich wohne jetzt in Berlin. Ich arbeite in einer Galerie in der Linienstraße. Ich verdiene wenig. Es ist trotzdem mehr Leben, als ich vorher hatte.*

*Ich werde Ihnen nie wieder schreiben.*

*Bleiben Sie gesund.*

*Sophia*

Ich las den Text einmal.

Ich legte die Karte zur Seite.

Ich nahm einen Schluck Kaffee.

Ich las den Text ein zweites Mal.

Ich legte die Karte erneut zur Seite.

Ich sah aus dem Fenster.

Im Garten hatte Frau Brandl den Rasen am Freitag noch gemäht. Auf dem Rasen lagen ein paar Gänseblümchen, die zwischen den geschnittenen Halmen hervorschauten. Auf dem Apfelbaum am hinteren Zaun waren die ersten Blüten erschienen.

Ich las den Text ein drittes Mal.

Diesmal langsam.

*Ich verstehe jetzt manches besser. Nicht alles. Aber manches.*

Es war der ehrlichste Satz, den Sophia je geschrieben hatte. Sie hätte schreiben können, sie verstehe alles. Sie hätte schreiben können, sie verstehe nichts. Sie hatte „manches“ geschrieben, weil „manches“ wahr war.

*Ich werde nicht schreiben, dass es mir leidtut.*

Auch das war richtig. Eine Entschuldigung von Sophia hätte ich nicht annehmen können. Ich hätte sie nicht zurückweisen können — das wäre zu hart gewesen — aber ich hätte sie auch nicht annehmen können, weil eine Entschuldigung etwas voraussetzt, das wir beide nicht hatten: ein gemeinsames Maß für das, was geschehen war.

*Ich werde Ihnen auch nichts erklären.*

Das war die Stelle, an der sie ihre Handschrift nach links hatte rutschen lassen. Sie hatte hier gezögert. Sie hatte vermutlich überlegt, ob sie etwas erklären solle, und hatte sich entschieden, es nicht zu tun. Es war eine kluge Entscheidung. Eine Erklärung von Sophia hätte ich nicht hören wollen.

*Ich glaube, Sie haben es lange gesehen, in einer Weise, in der ich es noch nicht sehen konnte.*

Das war der Satz, an dem ich beim ersten Lesen vorbeigegangen war. Beim dritten Lesen blieb ich an ihm hängen. Sie sagte nicht: „Sie haben es früher gesehen als ich.“ Sie sagte: „in einer Weise, in der ich es noch nicht sehen konnte.“ Sie meinte damit etwas, das nicht das Datum betraf, sondern die Art des Sehens.

Sie meinte, dass eine Frau, die zwölf Jahre verheiratet war, anders sah als eine Frau, die mit einem fremden Mann in einer Zweitwohnung am Englischen Garten lebte.

Sie sagte nicht, dass meine Art besser war.

Sie sagte nur, dass sie anders war.

Ich legte die Karte hin.

Ich stand auf, holte mir noch einen Schluck Kaffee, setzte mich wieder hin.

Ich las den letzten Absatz.

*Ich wohne jetzt in Berlin. Ich arbeite in einer Galerie in der Linienstraße. Ich verdiene wenig. Es ist trotzdem mehr Leben, als ich vorher hatte.*

Es war der erste Satz in der Karte, in dem Sophia von sich selbst sprach. Ich war einen Augenblick überrascht, dass sie es so direkt tat. Sie hatte eine Galerie genannt, keine Adresse, aber genug, dass ich sie hätte finden können, wenn ich es gewollt hätte.

Sie hatte nichts beschönigt. Sie hatte nicht geschrieben, sie sei glücklich. Sie hatte geschrieben, sie verdiene wenig. Sie hatte geschrieben, es sei „trotzdem mehr Leben“.

Es war der ehrlichste Satz in der Karte.

Es war der Satz einer Frau, die nicht mehr von einem Mann gehalten wurde und die sich an ihrer eigenen Hand wieder aufrichten musste — was, je nach Hand, schwer oder leicht ist, was aber nie ohne Mühe geschieht.

*Ich werde Ihnen nie wieder schreiben.*

Das war das Versprechen, das mich entlastete.

Sie hatte gewusst, dass ich nicht antworten würde. Sie hatte mir die Antwort abgenommen, indem sie das Schreiben für sich beendete. Sie hatte mich aus der Pflicht entlassen, in der ich sonst gestanden hätte — der Pflicht, ihr nicht zu antworten und das Nicht-Antworten als Zustand zu führen.

Es war, in seiner Art, ein Geschenk.

Sophia hatte mir vor einem Jahr ein Geschenk gegeben, das ich nicht hatte annehmen können — sie hatte mir Mark abgenommen, ohne dass mir das damals als Geschenk vorkam.

Heute gab sie mir ein zweites Geschenk.

Dieses konnte ich annehmen.

*Bleiben Sie gesund.*

Sie schrieb das nicht aus Höflichkeit.

Sie schrieb es, weil sie wusste, dass ich krank gewesen war. Sie hatte es vermutlich gewusst, lange bevor Mark ihr davon erzählt hatte. Frauen wissen so etwas, wenn sie mit einem Mann zusammen sind, der sich nicht um seine Frau kümmert.

Sie hatte gesehen.

Sie hatte sich gemeldet.

Sie hatte mir alles Gute gewünscht.

Es war ein höflicher Satz. Es war auch ein wahrer Satz.

Beides ging gleichzeitig.

*Sophia*

Sie hatte nur ihren Vornamen geschrieben.

Sie hatte nicht „Sophia Brenner“ geschrieben.

Auch das war in Ordnung. Es war nicht intim. Es war einfach kürzer. Eine Frau, die nicht mehr Marks Geliebte war und auch nicht meine Bekannte, hatte keinen Grund, sich mit Vor- und Nachnamen zu verabschieden.

Sie war Sophia.

Sie würde es bleiben.

Ich legte die Karte in den Umschlag zurück.

Ich stand auf.

Ich ging in mein Arbeitszimmer.

Ich öffnete die mittlere Schublade meines Schreibtisches.

Ich legte die Karte hinein, neben den Block, neben den Brief Webers, neben die zwei Kuverts meiner Mutter.

Ich schloss die Schublade.

Ich öffnete sie nicht wieder, an diesem Tag.

Im Frühstückszimmer trank ich den Kaffee aus.

Er war kalt geworden. Ich trank ihn trotzdem.

Im Garten ging ein Hund vorbei, der einem Kind gehörte, das im Nachbarhaus wohnte. Der Hund war ein Dackel. Er kam einmal die Woche durch unseren Garten, weil zwischen dem Zaun und der Hecke eine Lücke war, durch die er passte. Frau Brandl hatte einmal versucht, die Lücke mit einem Brett zu schließen. Der Dackel hatte das Brett umgangen.

Frau Brandl hatte das Brett wieder weggenommen.

Der Dackel kam jetzt, wenn er kommen wollte.

Ich sah ihn ungestört durch den Garten gehen.

Er sah einmal zu mir herauf, durch das Fenster.

Er ging weiter.

Am Sonntagabend rief Clara an.

„Wie war dein Wochenende.“

„Ruhig.“

„Was hast du gemacht.“

„Wenig.“

„Genug.“

„Genug.“

„Hast du den Brief aus Berlin gelesen.“

Ich sagte einen Augenblick nichts.

„Woher weißt du von dem Brief.“

„Margot.“

„Margot weiß auch davon.“

„Margot weiß alles. Frag mich nicht woher.“

„Ich frage nicht.“

„Hast du ihn gelesen.“

„Ja.“

„Und.“

„Es war eine Karte.“

„Was stand drin.“

„Sie hat sich nicht entschuldigt. Sie hat nicht gefleht. Sie hat geschrieben, dass sie jetzt in Berlin wohnt und dass sie nie wieder schreiben wird.“

Clara war einen Augenblick still.

„Das ist anständig.“

„Ja.“

„Hätte ich ihr nicht zugetraut.“

„Ich auch nicht.“

„Vielleicht hat sie sich verändert.“

„Vielleicht.“

„Vielleicht hat sie sich nicht verändert. Vielleicht hat sie nur gelernt, was sie ist.“

„Vielleicht.“

Wir sagten eine Weile nichts.

„Emilia.“

„Ja.“

„Du klingst gut.“

„Ja.“

„Schlaf gut.“

„Du auch.“

Sie legte auf.

Im Bett, später am Abend, dachte ich nicht an Sophia.

Ich dachte an meine Mutter.

Ich dachte daran, dass meine Mutter nie eine Karte geschrieben hatte, weil sie nie eine Karte hätte schreiben müssen — sie hatte alles, was sie zu sagen hatte, im Leben gesagt, und was sie nicht im Leben gesagt hatte, hatte sie in den zwei Briefen geschrieben, die in meiner Schublade lagen.

Sie hatte Glück gehabt.

Sie hatte nicht geschrieben werden müssen, weil sie da gewesen war.

Manche Frauen müssen schreiben, weil sie nicht da waren.

Sophia war eine davon.

Sie hatte heute eine Karte geschrieben.

Es war genug.

Am nächsten Morgen, beim Frühstück, fragte Frau Brandl, die heute aus Tegernsee zurückgekommen war, ob ich gut geschlafen hätte.

„Ja.“

„Sie sehen heute ausgeruht aus.“

„Ich war ausgeruht.“

„War etwas zu lesen über das Wochenende.“

Sie fragte das, ohne aufzusehen. Sie wusste vermutlich von der Karte. Anne hatte ihr vor drei Wochen am Telefon erwähnt, dass eine Karte aus Berlin gekommen sei, ohne den Namen zu nennen. Frau Brandl hatte den Namen vermutlich erraten. Sie erriet die meisten Namen.

„Ich habe die Karte gelesen.“

„Welche Karte.“

„Die aus Berlin.“

„Ah.“

„Es war eine Karte. Eine knappe.“

Sie nickte einmal, ohne zu schauen.

„Sie hat sich anständig benommen.“

„Ja.“

„Anständiger, als ich erwartet hätte.“

„Ja.“

„Es ist gut, wenn jemand sich anständiger benimmt, als man erwartet hat. Es zwingt einen, die Erwartung zu überprüfen.“

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Sie sagen heute Morgen Sätze, die wie aus einem Buch klingen.“

„Ich habe heute Morgen in einem Buch gelesen.“

„Welchem.“

„Ihres Vaters Notizen. Er hat einen Satz aufgeschrieben, der ähnlich klingt. Ich weiß nicht mehr, ob ich den Satz gerade frei wiedergegeben oder ihn aus dem Gedächtnis zitiert habe.“

„Wo sind die Notizen.“

„Im obersten Fach des Sekretärs. Ich habe sie heute Morgen herausgenommen, weil ich nach einem Rezept gesucht habe, das ich vor langer Zeit dort hineingelegt hatte.“

„Welches Rezept.“

„Eines für Birnenkompott. Es ist nicht im Sekretär. Ich werde es nicht finden.“

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Lassen Sie die Notizen liegen, wenn Sie das Rezept nicht finden.“

„Ja.“

„Ich werde sie mir am Wochenende ansehen.“

„Verstanden.“

Sie schenkte mir Kaffee nach.

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