Kapitel 63: Die leere Wohnung
Frau Brandl erzählte es am Freitagvormittag.
Sie erzählte es nicht direkt. Sie erzählte es so, wie sie alles erzählte, was sie für richtig hielt mir zu erzählen — beiläufig, beim Abdecken des Frühstückstischs, ohne Pause, so dass ich entscheiden konnte, ob ich zuhörte oder nicht.
„Die Köchin der Voigts war heute morgen im Geschäft“, sagte sie. „Sie hat erzählt, was Frau Lechner ihr erzählt hat, und Frau Lechner ist die Hausmeisterin in dem Gebäude am Englischen Garten. Sie hat den Schlüssel für die Reinigung.“
Ich rührte in meinem Tee.
„Mhm.“
„Frau Lechner sagt, die Wohnung ist seit Mittwoch nicht aufgeräumt worden. Er hat ihr gesagt, sie braucht diese Woche nicht zu kommen. Aber sie war am Donnerstag trotzdem da, weil sie etwas vergessen hatte. Sie hat geklingelt. Niemand hat aufgemacht. Sie hat aufgeschlossen.“
Frau Brandl stellte das Marmeladenglas in den Kühlschrank.
„Sie sagt, er ist auf dem Sofa eingeschlafen gewesen. Nicht im Bett. Auf dem Sofa, mit dem Anzug von gestern. Sie hat ihn nicht geweckt. Sie ist wieder gegangen.“
„Mhm.“
„Auf dem Tisch im Wohnzimmer“, sagte Frau Brandl, „lagen drei Handys. Frau Lechner hat es gesehen, weil sie auf dem Weg zur Tür kurz hingeschaut hat. Drei Handys. Zwei waren aus. Eines klingelte.“
„Mhm.“
„Die Wohnung“, sagte Frau Brandl, „sah nicht aus wie eine Wohnung, in der jemand wohnt. Sie sah aus wie eine, in der jemand wartet.“
Ich sah aus dem Küchenfenster.
„Danke, Frau Brandl.“
„Bitte, Frau Richter.“
—
Clara rief am Nachmittag.
„Em, du hast es schon gehört?“
„Was?“
„Dass er nicht ins Büro gegangen ist diese Woche.“
„Nein. Aber es überrascht mich nicht.“
„Schmidt hat angerufen vorhin. Bei mir, weil er Weber nicht erreicht hat. Er sagt, Mark war seit Mittwoch nicht da. Er hat sich nicht abgemeldet. Er hat keinen Termin abgesagt. Er ist einfach nicht erschienen. Anne deckt es noch, aber sie wird es nicht lange decken.“
„Sie wird es nicht decken müssen.“
„Wie meinst du das?“
„Es ist nicht ihre Aufgabe.“
Clara schwieg einen Moment.
„Em.“
„Ja.“
„Bist du sicher, dass du davon nichts wissen willst?“
„Ich weiß davon. Du hast es mir gerade erzählt.“
„Du weißt, was ich meine.“
Ich überlegte einen Augenblick.
„Clara, ich kann ihm nichts mehr geben. Ich habe ihm dreizehn Jahre gegeben. Davon waren die letzten siebzehn Monate Lügen. Er hat in einer Wohnung gewohnt, die er sich von einer Firma bezahlen ließ, die er von meinem Vater bekommen hat. Er hat in dieser Wohnung mit einer Frau gewohnt, die nicht ich war. Er hat dort gegessen, geschlafen, geredet, gelacht. Wenn er jetzt allein in dieser Wohnung sitzt und drei Handys hat, von denen zwei aus sind, dann ist das nicht meine Wohnung, nicht meine Frau, nicht meine Handys. Es ist nicht meine Geschichte.“
„Em.“
„Ich kann nicht plötzlich seine Geschichte werden, weil sie traurig wird. Sie war nicht meine, als sie schön war. Sie ist es jetzt nicht.“
Clara war einen Moment still.
„Du hast recht.“
„Ich weiß.“
„Du musst nicht recht haben, um mit mir zu sprechen. Aber du hast recht.“
—
Margot rief am Abend.
Sie hatte das Telefon der alten Sorte, das sie immer noch benutzte — schwarz, schwer, das Hörerkabel in einer langen Spirale. Sie sprach in dieses Telefon, als spräche sie zu einer Person im Nachbarzimmer.
„Emilia.“
„Margot.“
„Sie haben gehört.“
„Frau Brandl. Dann Clara. Dann Schmidt über Clara.“
„Gut. Es spielt keine Rolle, wie die Nachricht reist. Nur, dass sie Sie erreicht hat.“
„Sie hat mich erreicht.“
„Ich rufe Sie nicht an, weil ich denke, dass Sie etwas tun sollten.“
„Das hatte ich auch nicht angenommen.“
„Ich rufe Sie an, weil ich wissen wollte, ob Sie etwas tun werden.“
Ich überlegte einen Moment.
„Nein.“
„Gut.“
„Sollte ich?“
„Nein.“
„Margot.“
„Ja.“
„Sagen Sie es trotzdem.“
Sie atmete einmal kurz aus, was ihre Art war, sich Bedenkzeit zu geben, ohne länger zu schweigen, als sie wollte.
„Ein Mann, der nichts hat, ist nicht Ihr Mann. Ein Mann, der nichts gegeben hat, ist nicht Ihr Mann. Ein Mann, der allein in einer Wohnung sitzt, in die er Sie nie eingeladen hat, ist eine Frage, die Ihre Haushälterin lösen kann oder die Hausmeisterin oder seine Sekretärin oder seine Mutter, falls sie noch lebt. Sie ist nicht Ihre Frage.“
„Seine Mutter lebt nicht mehr.“
„Dann eben nicht sie.“
„Ich werde nichts tun.“
„Ich weiß.“
„Warum wollten Sie es trotzdem hören?“
„Weil ich gelegentlich Frauen gesehen habe, die in solchen Augenblicken etwas getan haben, was sie ein halbes Jahr später bereut haben. Es war nicht groß, was sie getan haben. Eine SMS. Ein Anruf. Ein Brief mit zwei Zeilen. Aber es war genug, um die Sache, die zu Ende war, noch einmal anzufangen. Und dann ging sie noch einmal zu Ende. Und das zweite Ende ist immer schlimmer als das erste.“
„Ich werde nichts schreiben.“
„Auch nicht heute Abend?“
„Auch nicht heute Abend.“
„Auch nicht morgen früh?“
„Auch nicht morgen früh.“
„Auch nicht, wenn Frau Brandl Ihnen Sonntagabend etwas erzählt, was sie Ihnen lieber nicht erzählen würde?“
„Auch dann nicht.“
„Gut.“
Sie war einen Moment still.
„Emilia, ich mochte Mark nie. Sie wissen das. Ich habe es Ihrer Mutter damals gesagt, und sie hat es mir nicht geglaubt. Es freut mich nicht, dass ich recht hatte. Aber es freut mich, dass Sie jetzt das tun, was Ihre Mutter, glaube ich, irgendwann hätte tun müssen. Sie tut es nur in einer anderen Generation.“
„Meine Mutter hat nie sitzen gelassen.“
„Nein. Sie ist gestorben. Sie ist Mark zuvorgekommen, ohne es zu wissen. Aber wenn sie länger gelebt hätte, wäre sie irgendwann in der Küche gestanden, wie Sie jetzt, und hätte gesagt: nein, ich werde nichts tun.“
„Das ist ein milder Satz.“
„Ich werde alt. Ich werde milder. Es bleibt nicht viel Zeit für anderes.“
Sie lachte trocken.
„Schlafen Sie gut, Emilia.“
„Sie auch, Margot.“
—
Frau Brandl kam noch einmal um zehn Uhr in den Salon, in dem ich saß.
Sie hatte ein Tablett mit einem Glas warmer Milch.
„Ich habe Honig dazugetan“, sagte sie.
„Danke.“
Sie stellte das Glas ab. Sie wandte sich zur Tür. Dann hielt sie an.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Frau Lechner hat heute nachmittag noch einmal angerufen. Sie war heute Mittag noch einmal in der Wohnung. Er war wach. Er hat den Anzug gewechselt. Er hat gesagt, sie soll am Montag wieder kommen. Er hat ihr ein Trinkgeld gegeben, das zu hoch war. Sie hat es genommen.“
„Mhm.“
„Sie hat gesagt, er hat sich rasiert. Aber nicht überall.“
„Mhm.“
„Sie sagt das nicht aus Bosheit. Sie sagt es, weil sie nicht weiß, ob sie am Montag wirklich wiederkommen soll.“
„Sie soll wiederkommen.“
„Ja?“
„Es ist nicht meine Sache, was sie tut. Aber sie kann ruhig weiterarbeiten, solange sie ihren Lohn bekommt. Wer ihn bezahlt, ist eine zweite Frage.“
Frau Brandl nickte.
„Das werde ich ihr ausrichten lassen.“
„Danke.“
Sie ging.
—
Ich trank die warme Milch.
Ich dachte einen Augenblick — nicht länger — an die Wohnung am Englischen Garten. Ich war nie drin gewesen. Ich kannte sie nur von Marks Beschreibungen aus den ersten Monaten, als er sie für ein „Stadtbüro“ gehalten haben wollte: hoher Stuck, Parkett, ein Balkon mit Blick auf die Bäume des Gartens. Eine Wohnung, in der man sich gut zeigen konnte. Eine Wohnung, in der man aber, wie sich jetzt herausstellte, schlecht allein blieb.
Ich dachte an die drei Handys auf dem Tisch.
Eines klingelte. Zwei waren aus.
Das war keine Wohnung. Das war ein Wartezimmer.
Wer wartete, war Mark. Auf was, war seine Sache.
—
Ich ging früh zu Bett.
In der Nacht wachte ich kurz auf. Es war nichts, was mich geweckt hätte — kein Geräusch, kein Traum. Ich lag eine Weile mit offenen Augen.
Ich dachte an etwas, das mein Vater einmal gesagt hatte, vor sehr langer Zeit, als ich neunzehn war und einen jungen Mann nicht hatte gehen lassen wollen, der gehen wollte. Mein Vater hatte mich am Frühstückstisch angesehen und gesagt: „Emilia, halt nichts fest, was sich schon entschieden hat, dich loszulassen. Du verbrennst dir nur die Hände.“
Ich hatte den Satz damals nicht verstanden.
Heute verstand ich ihn.
Mark hatte sich vor siebzehn Monaten entschieden, mich loszulassen. Ich hielt ihn nicht fest. Ich hatte ihn nie festgehalten. Ich hatte ihn nur einmal nicht gehen sehen wollen, in einem Krankenzimmer, im April, vor nicht ganz einem Jahr. Aber er war trotzdem gegangen. Er hatte mich allein in dem Bett gelassen, das er sich selbst nicht mehr zugemutet hatte.
Jetzt saß er in einer anderen Wohnung allein.
Das war kein Zufall.
Das war nur Symmetrie.
—
Am nächsten Morgen, als ich in die Küche kam, lag eine Zeitung auf dem Tisch.
Frau Brandl hatte sie aufgeschlagen. Die Seite war Wirtschaft. In der unteren Spalte, klein, war eine Notiz von vier Zeilen.
*Hartmann Gruppe, München. Geschäftsführer Mark Hartmann hat seine für Mittwoch angesetzte Pressekonferenz auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Firma teilt mit, dass Termine ab kommender Woche wieder regulär wahrgenommen werden.*
Ich las die vier Zeilen zweimal.
Frau Brandl kam herein.
„Möchten Sie Eier heute?“
„Ein Ei, weich.“
„Drei Minuten?“
„Drei Minuten.“
Sie ging zur Herdplatte.
Ich legte die Zeitung weg.
Das Telefon im Salon klingelte einmal, dann nichts mehr.