Kapitel 36: Das Gespräch mit Sophia
Frau Brandl war wieder verschwunden.
Wir saßen mit den beiden Gläsern Wasser da, und ich merkte, dass Sophia jetzt langsamer sprach. Nicht vorsichtiger. Nur, als hätte sie sich entschieden, dass sie dieses Gespräch mit sich selbst führen konnte und nicht mit einer Gegnerin.
„Frau Hartmann.“
„Ja.“
„Darf ich Sie etwas Persönliches fragen?“
„Sie können fragen. Ich antworte, wenn ich will.“
Sie lächelte kurz. Ein schmales, ehrliches Lächeln.
„Fair.“
Sie setzte sich ein wenig gerader.
„Warum haben Sie ihn so lange gelassen?“
Ich hatte diese Frage nicht erwartet. Nicht von ihr. Ich hatte sie von Clara erwartet, von Jan, von Margot. Nicht von Sophia.
„So lange?“
„Siebzehn Monate. Das habe ich ausgerechnet. Ich wusste nicht, dass Sie es wussten, bis vor zwei Wochen. Ich dachte, Sie hätten vielleicht seit drei, vier Monaten einen Verdacht. Mark hat mir angedeutet, Sie hätten es geahnt, aber nicht mehr.“
„Er hat es sich so zurechtgelegt.“
„Ja. Wahrscheinlich.“
Sie sah in ihr Glas.
„Aber Sie wussten es siebzehn Monate lang.“
„Ja.“
„Warum?“
Ich dachte nach.
Ich hätte antworten können wie eine Frau, die sich rechtfertigt. Ich hätte sagen können: meine Krankheit, meine Eltern, das Haus, die Firma. Ich hätte sagen können: es war nicht klug, es zu stören, solange ich selbst nicht wusste, was ich wollte.
Aber das war nicht die Antwort.
„Frau Brenner, ich habe nicht gewartet. Ich habe gearbeitet.“
„Gearbeitet?“
„An mir. An meinen Papieren. An meinen Überlegungen. Ich wusste siebzehn Monate lang, dass die Ehe vorbei war. Ich wusste es. Er wusste es nicht. Er glaubte bis zum letzten Tag, es gehe nur um den Vorteil seiner Situation.“
Sophia hörte zu, ohne zu nicken.
„Ich habe die Zeit gebraucht, um zu verstehen, in welcher Form ich gehen wollte. Nicht als betrogene Frau. Nicht als wütende Frau. Ich wollte gehen, ohne die Hälfte meines Lebens in Streit zu verbringen.“
„Und dann hat er sich Sie zuerst ausgesucht.“
„Er hat die Reihenfolge bestimmt. Ja. Er hat die Scheidungspapiere in mein Krankenzimmer gebracht. Das war sein Fehler. Nicht, dass er die Papiere vorbereitet hatte. Der Ort.“
„Der Ort“, wiederholte sie.
„Wenn er sie mir in die Villa geschickt hätte, per Anwalt, per Bote, hätte ich anders reagiert. Ich hätte den Tag gebraucht. Ich hätte vielleicht nur unterschrieben und still weitergemacht.“
„Aber er hat sie Ihnen im Krankenzimmer hingelegt.“
„Ja.“
„Und das war — —?“
„Das war die Sekunde, in der ich verstanden habe, dass ich mit einem Mann zwölf Jahre verheiratet war, der wirklich nicht begreift, wo er gerade steht. Nicht nur unsensibel. Blind.“
„Blind.“
„Ja.“
Sie trank einen Schluck Wasser. Sie stellte das Glas ab. Sie sah mich an.
„Frau Hartmann. Ich glaube, ich bin jetzt nicht mehr sicher, was ich von Ihnen wissen wollte.“
„Sie wollten wissen, ob ich ihn hasse. Ich habe Ihnen geantwortet. Sie wollten wissen, warum ich ihn so lange gelassen habe. Ich habe Ihnen geantwortet. Sie haben zwei Antworten.“
„Ja.“
„Das ist viel.“
„Das ist viel.“
Sie schwieg einen Moment.
„Darf ich einen dritten Versuch wagen?“
„Sie dürfen.“
„Werden Sie in die Firma zurückkommen?“
Ich sah sie ruhig an. Sie fragte nicht beiläufig. Sie fragte wirklich.
„Ich war nicht in der Firma, Frau Brenner. Ich habe nie einen offiziellen Posten gehabt.“
„Das ist nicht meine Frage.“
„Ich weiß, das ist nicht Ihre Frage.“
Ich stellte mein Glas ab.
„Die Firma gehörte ursprünglich meiner Familie. Die Richter-Immobilien. Mein Vater hat sie aufgebaut. Mein Mann ist hineingeheiratet und hat ihr einen anderen Namen gegeben. Das ist fast zwanzig Jahre her. In den letzten zwölf Jahren habe ich, sagen wir, an vielen der wichtigen Entscheidungen mitgewirkt. Ohne dass das jemand gesehen hat.“
„Auch Mark nicht?“
„Mark wusste es. Er hat es sich anders erzählt.“
Sophia nickte.
„Das passt.“
„Das passt.“
„Werden Sie zurückkehren?“
„Ich werde das tun, was für die Familie richtig ist.“
„Das ist keine Antwort.“
„Das ist die einzige Antwort, die ich Ihnen geben werde.“
Sie lächelte wieder kurz.
„Fair.“
Sie richtete sich auf. Sie sah an den Wänden entlang. Sie betrachtete einen Moment lang das Porträt meines Großvaters neben dem Kamin.
„Das ist Ihr Großvater?“
„Ja.“
„Er sieht ernst aus.“
„Er war ernst.“
„Und Ihr Vater?“
„Hängt im Arbeitszimmer. Nicht hier.“
„Ich habe gedacht, er hänge überall.“
„Mein Vater wollte das nicht. Er hat gesagt, Männer, die ihre Porträts in jedem Zimmer hängen, haben Angst, vergessen zu werden.“
Sophia lachte einmal leise. Es war das erste Mal, dass sie lachte.
„Das ist ein guter Satz.“
„Er hatte viele gute Sätze. Ich habe die meisten vergessen. Nur die scharfen habe ich behalten.“
Sie stand auf. Sie strich den Mantel, der noch im Vestibül lag, aus der Entfernung mit den Augen glatt.
„Frau Hartmann. Ich werde jetzt gehen.“
„Ja.“
„Ich danke Ihnen.“
„Sie müssen mir nicht danken.“
„Ich danke Ihnen trotzdem.“
Sie ging Richtung Tür. Sie blieb noch einmal stehen.
„Eine letzte Sache.“
„Ja.“
„Ich werde von Mark weggehen. Nicht heute. Nicht morgen. Aber bald.“
Ich sah sie an.
„Sie müssen mir das nicht sagen.“
„Ich weiß. Aber ich wollte, dass Sie es von mir hören, nicht von jemand anderem.“
„Warum?“
„Weil ich nicht möchte, dass Sie denken, ich gehe, weil Sie mich hierher gebeten haben.“
„Ich habe Sie nicht hierher gebeten.“
„Genau. Und trotzdem wollte ich es sagen, bevor es passiert. Damit niemand einen Zusammenhang herstellen kann.“
„Das ist fast professionell von Ihnen.“
„Ich bin Influencerin, Frau Hartmann. Ich lebe von Zusammenhängen, die andere Leute herstellen.“
„Ich weiß.“
Sie lächelte dünn.
Dann ging sie. Frau Brandl war wieder da, half ihr mit dem Mantel, reichte ihr die Autoschlüssel, die Sophia unbewusst auf dem Tischchen im Vestibül hatte liegenlassen.
An der Tür drehte sie sich nicht um.
Das Auto sprang an. Das Auto fuhr weg.
Frau Brandl schloss die Tür.
Sie kam in den Salon.
„War das unangenehm, Frau Hartmann?“
„Nein.“
„War es gut?“
„Ich weiß nicht, ob ‚gut‘ das richtige Wort ist.“
„War es wichtig?“
„Ja. Es war wichtig.“
Frau Brandl nahm die beiden Gläser vom Tisch.
„Sie ist höflicher, als ich gedacht hätte.“
„Ja.“
„Aber sie ist nicht Ihnen gewachsen.“
„Das war nicht ihr Ziel.“
„Was war ihr Ziel?“
Ich dachte nach.
„Vorbereitung.“
Frau Brandl sah mich kurz an.
„Vorbereitung worauf?“
„Auf ihr eigenes Weggehen.“
Frau Brandl nickte, wie sie nickte, wenn sie etwas begriff, das ihr eigentlich nicht zu sagen war. Dann ging sie mit den Gläsern in die Küche.
Ich blieb noch eine Weile im Salon.
Der Regen draußen hatte aufgehört. Es war noch hell, aber die Dämmerung zog bereits durch die Bäume. Ich stand auf und ging zum Fenster.
Die Auffahrt war leer. Kein Mini, kein Jaguar, keine Fremden. Nur der feuchte Kies und der kleine Streifen Rasen, auf dem Sophia aus Versehen kurz geparkt hatte, als sie hergekommen war.
Ich sah einen Moment auf den Kies.
Dann drehte ich mich weg. Ich schloss die Tür des Salons hinter mir — ich würde heute nicht wieder hineingehen — und ich ging die Treppe zurück in den Wintergarten, wo mein Buch noch aufgeschlagen auf dem Sessel lag.
Ich las nicht weiter.
Ich saß nur.
Es gibt Gespräche, nach denen man nichts anderes tun kann, als sitzen.
—
Frau Brandl kam irgendwann mit Tee.
Sie stellte die Tasse neben mich und verschwand wieder, ohne ein Wort. Sie wusste, wann sie nicht sprechen musste. Ich hielt die Tasse in beiden Händen. Der Tee war heiß, und ich trank ihn nicht.
Ich dachte an Sophia.
Ich hätte sie hassen sollen. Zwölf Jahre Ehe, siebzehn Monate Wissen, neun Monate offizielle Geliebte — wenn es eine Frau gab, die ich hassen durfte, dann sie. Das Gesetz hätte es mir zugestanden, das gesellschaftliche Gesetz, das ungeschriebene Gesetz, das eine Frau das Recht gab, das Band des Hasses zu dem anderen zu ziehen, um nicht selbst zu zerbrechen.
Ich hatte dieses Band nie gezogen.
Nicht, weil ich eine gute Frau war. Sondern weil das Band sich nicht spannen ließ. Ich hatte es versucht, in den ersten Wochen nach Rottach-Egern, an einem Abend im Badezimmer, als ich allein war und mich selbst zwingen wollte, diese junge Frau zu verachten. Ich hatte es gedacht. Ich hatte es gesagt. Ich hatte es in meinen Spiegel gesagt, laut, mit offenem Mund.
Es hatte sich nicht echt angefühlt.
Was ich wirklich gefühlt hatte, war etwas anderes. Es war eine stille Beobachtung. Sophia war ein Instrument gewesen. Sie war nicht die Ursache, und sie war nicht der Verrat. Der Verrat war Mark. Sophia war nur die Frau, in deren Armen er seinen Verrat ausgelebt hatte. Das war etwas anderes.
Man hasst keinen Hammer, mit dem man geschlagen wird. Man hasst den Mann, der den Hammer führt.
Das hatte ich damals gedacht. Ich dachte es auch jetzt.
—
Und jetzt war der Hammer gekommen und hatte mir gegenübergesessen, und er hatte wie eine junge Frau mit gebundenem Haar ausgesehen, und er hatte gefragt, ob ich ihn — ihren Mann, ihren Liebhaber, den Mann, den sie gerade verlassen wollte — hasste.
Ich hatte nein gesagt.
Und es war die Wahrheit.
Ich war zu müde für Hass. Ich war zu beschäftigt. Hass verlangt Energie, Tag für Tag, Jahr für Jahr, er verlangt einen Teil des Herzens, den ich in den letzten Jahren für andere Dinge gebraucht hatte — für die Krankheit, für den Vater, für die Entscheidung, was aus mir werden sollte.
Mark war zu unwichtig geworden, um gehasst zu werden.
Das war der Satz, den ich zu Sophia nicht gesagt hatte.
Ich sagte ihn mir selbst, leise, im Wintergarten, während der Tee in meinen Händen kühl wurde.
Ich trank ihn nicht.
Ich stellte ihn auf die kleine Anrichte neben mir.
Dann stand ich auf, und ich ging ins Arbeitszimmer meines Vaters, und ich blieb dort lange, bis Frau Brandl das Abendessen ankündigte.
—
Beim Essen sprachen wir nicht über Sophia.
Frau Brandl hatte Rindfleisch mit Kartoffeln gemacht, ein altes Rezept meiner Mutter. Wir aßen im kleinen Esszimmer, zu zweit, wie es Frau Brandl in den letzten Wochen eingerichtet hatte — sie kochte, ich wollte nicht allein essen, und sie hatte irgendwann aufgehört, sich zu sträuben.
Wir sprachen über den Garten. Über die Narzissen, die im Vestibül schon begannen, die Köpfe zu senken. Über die Tulpen, die noch Wochen brauchen würden. Über die alte Glyzinie an der Südmauer, die in diesem Jahr früher austreiben wollte als gewöhnlich.
„Frau Hartmann.“
„Ja.“
„Die junge Dame heute.“
„Sophia.“
„Sie. Sie war nicht das, was ich erwartet hatte.“
„Nein.“
„Ich hatte mir, wenn ich ehrlich bin — —“
Sie brach ab.
„Was hatten Sie sich vorgestellt?“
„Laut. Auffallend.“
„Sie hatten sich die Idee vorgestellt, die Mark von ihr hat.“
Frau Brandl lachte einmal trocken.
„Ja, wahrscheinlich genau das.“
„Er hat sie in seiner Vorstellung auffälliger gemacht, als sie ist.“
„Männer machen das.“
„Ja.“
Wir aßen.
Dann, nach einer Weile, sagte Frau Brandl: „Sie wird ihn verlassen.“
„Ja.“
„Ich habe es in ihrem Gang gesehen.“
„Was haben Sie gesehen?“
„Frauen, die einen Mann verlassen werden, gehen aus einer Tür anders heraus als Frauen, die an seinem Arm bleiben. Sie gehen — ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Sie gehen schon für sich.“
„Schon für sich.“
„Ja.“
Ich hob die Augenbraue.
„Frau Brandl, das ist der zweite wirklich gute Satz, den ich heute höre.“
„Welchen ersten meinen Sie?“
„Den, in dem Sie vorhin gesagt haben, dass sie höflicher war als erwartet.“
„Das war kein guter Satz.“
„Es war ein ehrlicher Satz. Das ist oft dasselbe.“