Kapitel 96: Die Presse
Die Süddeutsche kam wie immer um sechs.
Frau Brandl legte sie auf das Tablett im Frühstückszimmer, neben die Karaffe mit Wasser und den Korb mit den zwei Brötchen, die ich morgens aß. Sie tat es ohne Bemerkung. Sie hatte mir in den vergangenen Wochen gelernt, dass ich die Zeitung lieber selbst aufschlug.
Ich kam gegen halb sieben hinunter.
Die Veranda war an diesem Morgen kühl. Im Garten lag der erste Tau, und die ersten Blätter, die in der Nacht von den Kastanien gefallen waren, sammelten sich an der Schwelle. Frau Brandl hatte die Tür einen Spalt offen gelassen, weil sie wusste, dass ich morgens Luft mochte.
Ich setzte mich.
Ich aß das erste Brötchen. Ich trank den ersten Kaffee. Ich schlug die Zeitung auf.
—
Sie war im Lokalteil.
Auf Seite vier. Eine Spalte breit, oben auf der Seite, nicht groß. Ein Foto vom Hof, von gestern Mittag, mit dem Mozartquartett im Hintergrund. Daneben mein Name, den der Setzer richtig geschrieben hatte: *Emilia Hartmann*.
Über dem Artikel die Überschrift, in der Mittellinie:
*Eine neue Generation in der Münchner Immobilienbranche.*
Ich las langsam.
Der Text begann mit dem Quartier. Mit den drei Höfen. Mit der Klinkerfassade, die alterte. Mit der Theresienstraße, die durch den Durchblick aufgemacht war. Der Verfasser hatte in den ersten Absätzen die Sache geschildert, wie sie war, ohne Übertreibung, ohne Schmuckwort. Es war, wie ich aus meiner Zeit als Beraterin gelernt hatte, der wichtigste Teil eines guten Artikels: dass die Sache zuerst stand und das Urteil danach.
Im zweiten Drittel kam der Verfasser zu mir.
*Frau Hartmann, die 1985 als Emilia Richter geborene Tochter des einflussreichen Münchner Bauunternehmers Hermann Richter, hat innerhalb eines Jahres die Geschäftsführung der Hartmann Gruppe übernommen und das Unternehmen in einer Phase großer Unruhe stabilisiert. Ihr Vorgänger Mark Hartmann ist seit dem vergangenen Sommer nicht mehr im operativen Geschäft tätig.*
Ein knapper Satz. Eine knappe Notiz.
Es war, wie ich mir gewünscht hatte, dass es einmal in der Zeitung stehen würde.
—
Im letzten Drittel kam der Verfasser zu seiner Beobachtung.
*Mit Frau Hartmann tritt in der Münchner Immobilienbranche eine neue Generation auf, die weniger laut, weniger glamourös, weniger nach außen gerichtet arbeitet als jene, die in den letzten zwanzig Jahren das Bild der Stadt geprägt hat. Es ist eine Generation, die an die Überlieferung anknüpft, ohne sich an sie zu klammern. Es ist eine Generation, die — so lässt es sich nach dem Empfang in der Maxvorstadt einschätzen — die Stadt so behandelt, wie sie behandelt werden möchte: ernsthaft, gewachsen, ohne Pose.*
Ich legte die Zeitung hin.
Ich nahm einen Schluck Kaffee.
Ich saß einen Moment still.
Ich hatte mir nicht vorgestellt, was ich beim Lesen fühlen würde. Ich hatte den Artikel erwartet — Anne hatte ihn am Vorabend angekündigt — und ich hatte mich auf eine kurze Notiz eingestellt. Diese Zeile war keine Notiz. Sie war ein Urteil, ausgesprochen von einem Mann, der für solche Urteile zwanzig Jahre lang Material gesammelt hatte. Sie war, in der Sprache der Stadt, eine Form von Aufnahme.
Ich war aufgenommen.
Ich war nicht nervös darüber.
Ich war nicht erleichtert.
Ich war nur wach.
—
Ich faltete die Zeitung zusammen.
Ich trank den Kaffee aus. Ich aß das zweite Brötchen. Frau Brandl sah einen Augenblick herein, sah, dass ich gefrühstückt hatte, sah die Zeitung gefaltet auf dem Tisch, sah meinen Blick, sagte nichts.
„Frau Brandl.“
„Frau Richter.“
„Bitte legen Sie die Zeitung in mein Arbeitszimmer.“
„Verstanden.“
Sie nahm sie. Sie ging.
Ich blieb noch einen Moment auf der Veranda.
Im Garten begann die Sonne über die Kastanien zu fallen. Ein Vogel, ein Buchfink, sang einmal kurz. Ein zweiter antwortete, weiter im Garten. Ein Auto fuhr vorbei.
Ich stand auf.
—
Im Wagen, auf dem Weg in die Maximilianstraße, dachte ich an Anne.
Ich dachte daran, dass Anne am Vorabend zwei Stunden lang bei den Korrekturfahnen gewesen war, dass sie die Pressemitteilung, die wir der Süddeutschen geschickt hatten, dreimal überarbeitet hatte, dass sie den Verfasser persönlich angerufen hatte, weil eine Zahl ihm zu hoch erschienen war. Anne hatte in den letzten zwölf Monaten viel gemacht, das nicht zu sehen war. Sie hatte das Stille gemacht, das der Stadt so fehlt.
Ich hatte mir vorgenommen, ihr heute den Artikel zu zeigen.
Anne war seit Wochen müde. Ich hatte es gesehen. Sie hatte es nicht erwähnt. Sie war im August zwei Wochen weg gewesen, sie hatte einen Onkel in Niederbayern besucht, sie war zurückgekommen mit dem Gesicht einer Frau, die zwei Wochen lang versucht hatte, sich auszuruhen, ohne dass es ganz gelungen war. Ich hatte ihr in den letzten Wochen zweimal sagen wollen, dass sie sich Zeit nehmen solle. Beide Male hatte ich es nicht gesagt, weil ich gewusst hatte, dass Anne in den Tagen vor der Eröffnung nichts so sehr brauchte wie Aufgaben.
Heute war die Eröffnung vorbei.
Heute durfte ich ihr den Artikel zeigen, ohne dass es eine Belohnung war.
—
Ich kam um Viertel vor neun ins Büro.
Anne war schon da. Sie saß an ihrem Schreibtisch, in der weißen Bluse, die sie am Eröffnungstag getragen hatte, mit der dunklen Strickjacke darüber. Sie hatte die Zeitung schon aufgeschlagen. Vor sich hatte sie einen Notizblock, auf den sie zwei oder drei Zeilen geschrieben hatte. Sie sah auf, als ich eintrat.
„Frau Hartmann.“
„Anne.“
„Haben Sie ihn gelesen?“
„Ja.“
Sie nickte.
Sie sah einen Augenblick auf die Zeitung. Dann sah sie wieder auf.
„Ich habe ihn dreimal gelesen“, sagte sie. „Ich wollte sicher sein, dass ich nichts übersehen habe.“
„Was sollten Sie übersehen?“
„Etwas, das nicht stimmt.“
Ich sah sie an.
„Anne.“
„Ja?“
„Stimmt etwas nicht?“
„Nein.“
Sie sah mich an, kurz, sehr direkt.
„Es stimmt alles.“
Und dann, zum ersten Mal seit Wochen, lächelte sie offen.
Ich hatte es lange nicht gesehen.
Ich hatte fast vergessen, dass Anne ein offenes Gesicht hatte. Sie hatte in den vergangenen Monaten ein verschlossenes gehabt, weil sie sich in Sitzungen, in Telefonaten, in Empfängen ständig zusammenhalten musste. Sie hatte einen schmalen Mund gehabt, einen geraden Blick, eine ruhige Hand. Sie hatte all das auch jetzt noch. Aber unter dem Lächeln, das sie jetzt nicht zurückhielt, war eine Anne, die ich seit dem vergangenen Herbst nicht mehr gesehen hatte.
Ich legte die Zeitung auf ihren Schreibtisch.
„Das ist Ihrer“, sagte ich.
„Frau Hartmann —“
„Anne. Es ist Ihr Artikel. Sie haben ihn dreimal redigiert. Sie haben ihn dem Verfasser zwei Stunden lang am Telefon erklärt. Sie haben mich dreimal davon abgehalten, eine andere Zahl zu nennen, als die Zahl die Sie schon abgestimmt hatten.“
Anne nahm die Zeitung. Sie hielt sie einen Moment in beiden Händen.
„Danke“, sagte sie.
Sie sagte nichts mehr.
Ich ging in mein Zimmer.
—
Ich arbeitete bis halb zwölf.
Frau Dr. Bauer rief an. Sie hatte den Artikel ebenfalls gelesen.
„Frau Hartmann.“
„Frau Doktor.“
„Herzlichen Glückwunsch.“
„Danke.“
„Ich habe Ihnen eine Mail geschickt. Drei Punkte aus Berlin. Wir können sie morgen besprechen.“
„Gerne.“
Sie zögerte einen Augenblick.
„Frau Hartmann.“
„Ja?“
„Ihr Vater wäre stolz.“
Ich schwieg einen Moment.
„Danke, Frau Doktor.“
Sie legte auf.
—
Mittags ging ich allein zum Café Luitpold.
Ich hatte mit niemandem verabredet. Ich hatte mir vor zwei Wochen vorgenommen, am Tag nach der Eröffnung allein zu Mittag zu essen, weil ich gewusst hatte, dass ich diesen Vormittag nicht so leicht allein verbringen würde, wenn ich ihn nicht selbst eingerichtet hätte. Ich hatte einen Tisch am Fenster reserviert. Ich hatte eine Suppe und einen Salat bestellt.
Ich saß eine Stunde.
Ich aß langsam.
Ich sah aus dem Fenster, auf die Brienner Straße, auf die Menschen, die in der Mittagspause vorbeigingen, auf eine alte Dame mit einem kleinen Hund, auf zwei Männer in Anzügen, die vor dem Café ein Telefonat führten, ohne dass sie sich selbst zuhörten.
Ich dachte nicht viel.
Ich dachte daran, dass eine Zeile in der Süddeutschen, gelesen von zweihundertfünfzigtausend Menschen, mich an diesem Vormittag hatte aufnehmen sollen. Ich dachte daran, dass die Aufnahme leicht über mich gegangen war, weil ich, ohne es zu merken, längst aufgenommen war. Ich dachte daran, dass ich bei meinem Vater einmal in einem Sommer auf dem Balkon der Villa gesessen hatte, mit zwölf Jahren, und er mir gesagt hatte: „Emilia, wenn die Zeitung dich einmal aufnimmt, lies sie aufmerksam, aber lass sie nicht auf dich aufpassen. Eine Zeitung kann viele Dinge, aber nicht auf dich aufpassen.“
Ich war heute nicht aufgenommen worden, weil die Zeitung etwas entschieden hätte. Ich war aufgenommen worden, weil etwas geschehen war, das zu sehen sich lohnte, und die Zeitung hatte es als Erste gesehen. Das war ein Unterschied. Es war ein wichtiger Unterschied.
Ich zahlte. Ich ging zurück.
—
Im Büro lag eine Karte auf meinem Schreibtisch.
Anne hatte sie aufgemacht, weil sie offen gekommen war, ohne Umschlag. Sie war mit einer Hand geschrieben, die ich kannte. Margot.
*Emilia.*
*Eine neue Generation. Es gefällt mir, dass sie es so genannt haben. Ich hätte es selbst nicht eleganter formuliert. — M.*
Ich lächelte.
Ich legte die Karte zu der anderen Karte, die Margot mir vor zwei Wochen geschickt hatte, in die Schublade des Schreibtischs, neben den Brief meiner Mutter, neben den Brief, den meine Mutter an meinen Vater geschrieben hatte, neben das Adressbuch und die Lupe und die Akten aus dem Karton, der seit sechs Jahren im Wäscheschrank gestanden hatte.
Ich schloss die Schublade.
Ich arbeitete weiter.
—
Am Abend war Frau Brandl in der Küche.
Sie hatte einen kleinen Tisch in der Küche gedeckt, weil sie wusste, dass ich an diesem Abend nicht im Esszimmer essen mochte. Sie hatte eine Suppe gemacht und ein Stück Fleisch und einen Apfel zum Nachtisch.
Wir aßen schweigend.
Frau Brandl sprach selten beim Essen. Sie hatte mir vor langer Zeit gesagt, dass das Essen kein guter Ort für Gespräche sei, weil das Essen die Worte aufnahm, statt umgekehrt.
Nach dem Essen räumte ich mit ab.
Ich hatte das in den letzten Wochen begonnen. Frau Brandl hatte sich am Anfang gewehrt, sie hatte sich dann darangewöhnt. Sie hatte aufgehört, sich daran zu wehren, weil sie verstanden hatte, dass es nicht eine Geste an sie war, sondern ein Bedürfnis von mir.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Es war ein guter Tag.“
„Ja.“
„Ihr Vater hätte sich gefreut.“
Ich hielt einen Augenblick die Tasse in der Hand.
„Ja“, sagte ich.
Sie nahm mir die Tasse ab. Sie stellte sie ins Spülbecken.
—
Im Schlafzimmer setzte ich mich an den kleinen Schreibtisch unter dem Fenster.
Ich nahm einen Bogen Papier. Ich schrieb eine kurze Notiz an Anne, die ich ihr morgen früh übergeben würde:
*Anne. Sie haben heute mehr getan, als heute zu tun war. Ich werde Sie nächste Woche zwei Tage frei nehmen lassen. Es ist keine Frage. — E.H.*
Ich legte den Bogen in einen Umschlag. Ich klebte den Umschlag zu. Ich legte ihn auf die Mappe, die ich morgen früh ins Büro mitnehmen würde.
Ich blieb noch einen Augenblick am Schreibtisch sitzen.
Im Garten unten hatte der Wind gedreht. Eine Kastanie fiel mit einem leisen, scharfen Geräusch auf das Pflaster vor der Veranda. Eine zweite, weiter weg. Es war die Jahreszeit, in der die Kastanien fielen.
Ich machte das Licht aus.
Ich legte mich hin.