Kapitel 59: Jans Wochenende
Jan kam am Samstagvormittag mit dem ICE.
Er kam, ohne dass ich ihn gebeten hatte. Er hatte am Mittwoch angerufen, hatte gesagt: „Ich habe Freitagabend einen Termin in München, ich bleibe das Wochenende.“ Es war eine seiner gewohnten Lügen, die mit der Zeit liebenswert geworden war. Jan hatte keine Termine in München. Jan kam, weil er kam. Er nannte das einen Termin, weil er Termine schöner fand als Besuche.
Frau Brandl hatte das Gästezimmer im ersten Stock vorbereitet. Das Zimmer, in dem er als Junge geschlafen hatte, wenn die Familie aus Hamburg zu Besuch war. Sie hatte das Bett frisch bezogen. Sie hatte einen Krug mit kleinen Vergissmeinnicht aufs Fensterbrett gestellt, weil sie das immer tat, wenn Jan kam, ohne dass je jemand erwähnt hätte, dass Vergissmeinnicht die Lieblingsblumen unserer Mutter gewesen waren.
Ich holte ihn am Hauptbahnhof ab.
Er kam aus dem Wagen, mit einem Lederrucksack und einem grauen Mantel, der ihn größer aussehen ließ, als er war. Mit seinen vierundvierzig Jahren sah er aus wie unser Vater mit fünfzig. Es war ein Vergleich, den er nicht hörte gerne, aber er war richtig.
„Emilia.“
„Jan.“
Er umarmte mich. Kurz. Wie immer. Männer in unserer Familie umarmten kurz.
„Du siehst besser aus.“
„Ich werde älter.“
„Das ist nicht dasselbe.“
Wir fuhren mit dem Taxi nach Bogenhausen. Er sah aus dem Fenster. Jan war ein Mann, der in einer fremden Stadt aus dem Fenster schaute und in seiner Heimatstadt auf seine Hände. In München sah er auf seine Hände.
—
Frau Brandl hatte Mittagessen gemacht. Suppe, dann Forelle, dann ein einfacher Apfelkuchen. Sie hatte Jan nichts Besonderes gemacht. Jan mochte das. „Tante Brandl“, sagte er, „wenn Sie etwas Besonderes machen, weiß ich, dass etwas nicht stimmt.“
Sie sagte: „Heute stimmt nichts Besonderes.“
Er lachte.
Er saß auf seinem Platz am Tisch, dem Platz unseres Vaters, den er einnahm, ohne darüber nachzudenken. Ich saß an meinem Platz. Frau Brandl setzte sich nach einigem Drängen für die Suppe dazu, dann stand sie wieder auf, dann setzte sie sich für den Apfelkuchen wieder hin, dann trug sie ab.
Wir sprachen wenig beim Essen.
Jan und ich konnten lange Pausen aushalten, die andere Geschwister nicht aushielten. Es war eine der wenigen Eigenschaften, die wir aus dem Haus gemeinsam mitgenommen hatten.
—
Nach dem Essen gingen wir in das kleine Wohnzimmer. Jan zog die Schuhe aus, was er in München nur in diesem Zimmer machte, und legte die Beine auf den Hocker. Er sah sich um.
„Es ist immer noch unverändert.“
„Vater hat es so gelassen.“
„Ich meine seit Vater.“
„Das auch.“
„Du hast nichts geändert.“
„Ich habe vor sechs Jahren die Vorhänge gewechselt.“
„Welche.“
„Die in diesem Zimmer.“
Er sah hin.
„Sehe ich nicht.“
„Sie sind dieselbe Farbe wie die alten.“
„Du.“
„Ja.“
„Du wechselst Vorhänge in der gleichen Farbe.“
„Sie waren ausgeblichen.“
„Du.“
Er lachte wieder. Er lachte als Kind oft. Er hatte als Erwachsener seltener gelacht. Es tat gut, dass er hier lachte.
—
Er hatte einen Umschlag mitgebracht.
Er hatte ihn nicht ausgepackt, als er ankam, er hatte ihn nicht beim Essen erwähnt. Er holte ihn jetzt aus seinem Rucksack, einen großen braunen Umschlag, der voller war, als ich erwartet hatte.
„Ich habe vor zwei Wochen meinen Keller in Hamburg ausgemistet.“
„Du.“
„Ich weiß. Ich habe ihn auch ausgemistet. Es war ein Termin. Und in einer der Kisten lagen diese hier.“
Er kippte den Umschlag aus.
Es waren Fotos.
Eine ganze Schachtel voll Fotos. Schwarzweiß, Sepia, einige in Farbe. Fotos, von denen ich die Hälfte nie gesehen hatte. Fotos aus der Zeit vor unserer Geburt, aus der Zeit unserer Jugend, aus der Zeit, in der unsere Eltern noch keine Eltern gewesen waren.
„Wo hast du die her.“
„Mutter hat sie ihrer Schwester gegeben, als wir klein waren. Tante Lotte hat sie, als sie starb, an mich weitergegeben. Ich habe sie zwölf Jahre nicht angesehen.“
„Warum jetzt.“
„Weil ich gemerkt habe, dass du sie nie gesehen hast.“
Ich sah ihn an.
„Du hast sie gerade jetzt mitgebracht.“
„Ja.“
„Warum.“
„Weil ich denke, dass es jetzt der richtige Moment ist.“
—
Wir setzten uns auf den Boden vor dem niedrigen Tisch. Jan zog die Fotos aus dem Umschlag. Wir sortierten sie.
Es gab Fotos von unserer Mutter, die ich nie gekannt hatte. Eine Mutter mit Anfang zwanzig, in einem Sommerkleid, an einem See, der nicht der Starnberger See war, sondern wahrscheinlich der Ammersee. Eine Mutter mit Mitte zwanzig, im Schnee, mit Skiern, lachend. Eine Mutter mit Ende zwanzig, vor einem Cafe in Italien, mit dunkler Brille, einer Zigarette in der Hand.
„Sie hat geraucht.“
„Das hat sie aufgegeben, bevor du geboren wurdest.“
„Ich wusste das nicht.“
„Sie hat es uns nie erzählt. Sie war nicht stolz darauf.“
„Ich finde es schön.“
„Ich auch.“
Es gab Fotos von unserem Vater als jungem Mann. In einem Anzug, der zu groß für ihn war, weil er ihn von seinem eigenen Vater geerbt hatte. An einem Schreibtisch, an dem heute mein Schreibtisch stand, im selben Haus, in dem wir jetzt saßen. In einem Boot, mit einer Zigarre, die er später aufgegeben hatte.
Es gab Fotos von ihnen zusammen. Ein Verlobungsfoto in Schwarzweiß. Ein Hochzeitsfoto, in dem unsere Mutter ein Kleid trug, das ich noch im Schrank hängen hatte, ohne dass ich gewusst hätte, dass es das Hochzeitskleid war.
Und es gab ein Foto, vor dem ich lange saß.
—
Es war ein Foto von unserer Mutter und unserem Vater an einem Tisch in einem Restaurant. Jan datierte es auf etwa 1988, also drei Jahre vor meiner Geburt. Sie waren um die dreißig, beide. Sie sahen sich nicht an. Mutter sah in die Kamera, Vater sah auf einen Punkt jenseits der Kamera.
In der Hand unseres Vaters lag ein Stück Papier.
„Was ist das.“
Jan beugte sich darüber.
„Ich glaube, das ist ein Vertrag.“
„Ein Vertrag?“
„Ich glaube, das ist der Tag, an dem er die Architekturfirma offiziell übernommen hat. Von Großvater.“
„An einem Tisch im Restaurant.“
„Großvater hat nicht in seinem Büro unterschrieben. Er hat sich immer dagegen gewehrt, dass Geschäfte im Büro geführt werden.“
„Warum.“
„Mutter hat einmal gesagt, er habe den Satz gehabt: ‚In einem Büro werden Geschäfte gemacht. An einem Tisch werden Verträge geschlossen.'“
Ich sah lange auf das Foto.
Mein Vater hielt den Vertrag, ohne ihn anzusehen. Meine Mutter sah in die Kamera, ohne zu lächeln. Auf dem Tisch stand ein Glas Rotwein, halb voll. Eine Hand meiner Mutter lag auf der Hand meines Vaters. Die andere Hand meines Vaters hielt das Papier.
„Das ist“, sagte ich, „das schönste Foto unserer Eltern, das ich je gesehen habe.“
Jan nickte.
„Ich auch. Deshalb habe ich es mitgebracht.“
„Du hast es nicht in einer Kiste.“
„Nein. Ich habe es in der Tasche.“
Er hatte es ganz oben gelegen.
—
Wir saßen lange auf dem Boden. Frau Brandl kam nach einer Weile mit Tee und ging wieder, ohne ein Wort zu sagen. Es wurde später Nachmittag. Das Licht im Zimmer wurde langsam wärmer, dann grauer. Jan zog sich eine Decke über die Beine, die er als Junge schon benutzt hatte. Ich schüttete ihm Tee nach.
„Emilia.“
„Ja.“
„Wie geht es dir wirklich.“
„Es geht mir gut.“
„Antworte nicht so.“
„Ich antworte so, weil es so ist.“
„Du bist seit drei Wochen wieder in der Firma.“
„Inoffiziell.“
„Es wird offiziell.“
„In zehn Tagen.“
„Du bist sicher.“
„Ja.“
„Vater hätte das gewollt.“
„Ich glaube nicht, dass er sich gewünscht hat, was passiert ist. Aber ich glaube, dass er sich gewünscht hätte, dass ich, wenn es passiert, die Firma nehme.“
„Das meine ich auch.“
„Jan.“
„Ja.“
„Ich habe dich nie gefragt, ob es dich stört.“
„Ob mich was stört.“
„Dass die Firma an mich geht und nicht an dich.“
Er sah mich an, einen langen Moment.
„Emilia, ich bin Architekt. Ich habe ein Büro in Hamburg, das mich zufrieden macht. Ich habe nie Geschäfte gemacht. Ich habe keine Geduld für Aufsichtsräte. Ich habe nicht den Verstand für Bilanzen. Vater hat das gewusst. Mutter hat das gewusst. Ich habe das gewusst. Du hattest schon mit fünfzehn die Hand für solche Dinge, und ich nicht. Es ist gut, wie es ist.“
„Du nimmst das nicht persönlich.“
„Ich nehme es persönlich, dass es nötig ist. Aber nicht, dass es du bist.“
—
Wir blieben bis nach acht in dem Zimmer.
Frau Brandl kam, wir aßen zu Abend, dann saßen wir wieder im Wohnzimmer. Jan zeigte mir noch zwei oder drei weitere Fotos. Eines unserer Mutter mit mir auf dem Arm, ich war drei oder vier Monate alt, sie sah mich an, als wisse sie schon, dass ich klüger werden würde, als ihr lieb war. Eines unseres Vaters mit Jan an der Hand auf dem Marienplatz, Jan war fünf, beide schauten in entgegengesetzte Richtungen.
„Was machst du mit den Fotos.“
„Du behältst sie.“
„Alle?“
„Alle. Ich habe sie zwölf Jahre nicht angesehen. Ich werde sie auch in den nächsten zwölf Jahren nicht ansehen. Du wirst sie ansehen.“
„Nimm zwei mit.“
Er sah mich an.
„Welche.“
„Die zwei, die du am liebsten hast.“
Er nahm das Foto unserer Mutter mit der Zigarette in Italien. Er nahm das Foto unseres Vaters auf dem Boot.
„Diese.“
„Gut.“
Er steckte sie in seinen Rucksack.
—
Vor dem Schlafengehen stand er an der Tür meines Zimmers. Er hatte einen alten Pullover meines Vaters an, den er sich aus dem Schrank des Gästezimmers genommen hatte, weil er ihm zu kalt im Haus war.
„Emilia.“
„Ja.“
„Eines noch.“
„Bitte.“
„Du musst nichts beweisen.“
„Ich beweise nichts.“
„Auch nicht Vater.“
„Vater nicht.“
„Er hätte dich geliebt, ob du diese Firma nimmst oder nicht.“
„Ich weiß.“
„Sag es nochmal.“
„Ich weiß.“
Er nickte.
„Gute Nacht, kleine Schwester.“
„Gute Nacht, großer Bruder.“
Er ging.
Ich blieb mit dem Stapel Fotos auf dem niedrigen Tisch sitzen.
Ich nahm das Foto, auf dem mein Vater den Vertrag in der Hand hielt. Ich legte es in das oberste Fach meines Schreibtisches, in dem ich seit Jahren keine wichtigen Dinge mehr aufbewahrte, weil es das einzige Fach war, in das niemand schaute außer mir.
Mark hatte bei mir nie hineingesehen.
Mark würde es nie tun.
—
Am Sonntagvormittag fuhr ich Jan zum Hauptbahnhof zurück.
Frau Brandl hatte ihm ein kleines Paket mit Brot und Apfelkuchen mitgegeben, was sie immer tat, wenn er fuhr, und was er sich immer in Hamburg in der Küche ansah und für eine Mahlzeit aufhob, die er dann allein an seinem Schreibtisch aß, weil er seine Frau bisher noch nicht hatte.
Im Taxi sagte er wenig.
Am Bahnsteig stand er an seinem Wagen.
„Emilia.“
„Ja.“
„Eine Sache fällt mir noch ein.“
„Bitte.“
„Mutter hat in den letzten Wochen vor ihrem Tod ein Notizbuch geführt. Ich habe es bei Tante Lotte gefunden, vor zehn Jahren. Ich habe es nicht weitergegeben, weil ich nicht wusste, ob du es lesen wolltest.“
„Du hast es noch.“
„Ich habe es noch.“
„Bring es mir.“
„Beim nächsten Mal?“
„Beim nächsten Mal.“
„Wann ist das.“
„Das ist, wenn die Hauptversammlung gewesen ist.“
„Du willst es danach lesen.“
„Ich will es danach lesen.“
Er nickte. Er stieg ein. Der Zug schloss die Türen. Er hob die Hand. Ich hob die Hand.
Der Zug fuhr.
Ich blieb stehen, bis er nicht mehr zu sehen war. Ich stehe ungerne an Bahnsteigen, wenn jemand abfährt. Heute stand ich.
—
Im Taxi nach Bogenhausen sah ich aus dem Fenster.
München lag im Sonntagslicht. Die Straßen waren leer, die Gehsteige wenig belebt, eine Stadt im Halbschlaf. Ich dachte an das Foto meines Vaters mit dem Vertrag in der Hand. Ich dachte an die Worte unseres Großvaters: *In einem Büro werden Geschäfte gemacht. An einem Tisch werden Verträge geschlossen.*
Ich hatte am nächsten Donnerstag einen Termin in der Briennerstraße bei Weber. Es war kein Tisch, es war ein Konferenzraum, aber Weber hatte einen langen, schlichten Eichentisch, der in seiner Mitte stand und an dem schon mein Vater unterschrieben hatte.
Ich überlegte, ob ich um diesen Tisch bitten würde.
Ich überlegte ja.
Im Hauseingang hörte ich Frau Brandl in der Küche das Geschirr abräumen. Im Flur lag ein Brief, der gerade angekommen war.
Mein Name. Marks Schrift.
Ich öffnete ihn nicht.
Ich legte ihn ungeöffnet in die obere Schublade meines Schreibtischs, neben das Foto meiner Eltern.
Mark hatte bei mir nie hineingesehen.
Mark würde es nie tun.