Kapitel 106: Frau Brandl
Frau Brandl gab mir die Nachricht an einem Freitagvormittag in der Küche.
Die Küche war ihr Reich. Sie war es seit dreißig Jahren, sie war es mehr als das Esszimmer, mehr als die Diele, mehr als die Speisekammer, in der sie seit Jahren versuchte, eine Ordnung durchzuhalten, die niemand außer ihr nachvollziehen konnte. In der Küche stand ihr großer Tisch, ihr eigenes Geschirr — eine kleine Schale mit einem blauen Fischmuster, das aus dem Hausstand ihrer Mutter stammte —, ihre Schürze mit einem Wappen, das sie 1996 in Salzburg gekauft hatte.
In dieser Küche sagte sie es mir.
„Frau Richter.“
„Ja, Frau Brandl.“
„Ich werde im Mai aufhören.“
Ich hatte gerade eine Tasse Tee in der Hand. Ich legte sie nicht hin. Ich hielt sie weiter, weil ich nichts in mir spürte, das eine plötzliche Bewegung verlangt hätte.
„Aufhören?“
„In Rente gehen.“
Sie sagte es ruhig. Sie hatte das Wort vorher zweimal in der Küche zu sich selbst gesagt, vermutlich, um zu hören, wie es klang. Sie hatte es jetzt zum dritten Mal gesagt, mir gegenüber, und es klang fest.
„Wann?“
„Am dreißigsten Mai. Es wird ein Freitag sein.“
—
Wir saßen einander am Tisch gegenüber.
Ich legte die Tasse hin. Ich legte die Hände auf den Tisch. Frau Brandl saß mir gegenüber, nicht ganz aufrecht, aber nicht eingesunken — wie sie immer saß, wenn sie etwas zu sagen hatte, worüber sie nicht zu lange nachdenken wollte, weil sie es schon zu lange überlegt hatte.
„Frau Brandl. Sie sind achtundsechzig.“
„Ja.“
„Sie hätten schon vor drei Jahren aufhören können.“
„Ja.“
„Warum jetzt?“
Sie sah eine Weile auf die Tasse, die zwischen uns stand.
„Weil das Haus jetzt eines hat, das es weiterführt.“
Sie sagte das schlicht. Sie sagte es nicht als Lob. Sie sagte es, weil es für sie eine Tatsache war, an die sie ihre Entscheidung gelehnt hatte.
„Ich habe Ihrer Mutter versprochen, in dem Haus zu bleiben, solange das Haus jemanden braucht, der weiß, wo die Bettwäsche liegt. Ich habe das Versprechen einer Frau gegeben, die wusste, dass ich nichts anderes konnte und nichts anderes wollte. Aber ich hatte nicht gedacht, dass das Versprechen vierundzwanzig Jahre dauern würde.“
„Frau Brandl —“
„Lassen Sie mich aussprechen.“
Sie sah mich an.
„Sie wissen jetzt, wo die Bettwäsche liegt. Sie wissen, dass die Heizung im Keller einen kleinen Pfiff macht, wenn die Pumpe anspringt. Sie wissen, dass die Schlüssel auf dem Brett mit den blauen Haken nicht zu den Schlössern auf der Hofseite passen. Das sind die Dinge, die ich weiß. Sie sind nicht vieles. Aber sie sind alles, was ich Ihnen vermachen kann. Und Sie können sie jetzt.“
Sie schwieg.
Ich auch.
—
Wir tranken den Tee.
Sie hatte ihn zwei Minuten zu lange ziehen lassen. Frau Brandl ließ den Tee oft zwei Minuten zu lange ziehen, weil sie eine Generation kannte, in der Tee noch billiger gewesen war als jetzt. Ich hatte ihr das nie gesagt.
„Frau Brandl.“
„Ja.“
„Wo werden Sie wohnen?“
„Bei meiner Schwester. In Schliersee. Wir haben in den letzten Wochen telefoniert. Sie hat keine Kinder, ihr Mann ist seit fünf Jahren tot. Wir werden in ihrem Haus zusammenwohnen. Es gibt einen Garten.“
„Sie haben das alles vorbereitet.“
„Ja.“
„Frau Brandl.“
„Ja.“
„Es ist sehr früh in dem Vorhaben, dass Sie es mir jetzt sagen.“
„Ich wollte Ihnen genug Zeit lassen.“
„Genug Zeit, eine neue Haushälterin zu suchen.“
Sie nickte.
„Und genug Zeit, Sie an den Gedanken zu gewöhnen.“
„An Sie, oder an die neue?“
Sie sah mich an.
„An beides.“
—
Wir saßen lange.
Ich erinnerte mich an meinen ersten Tag in dem Haus mit Frau Brandl, an den ich seit Jahren nicht gedacht hatte. Ich war achtzehn gewesen, ich war aus dem Internat zurückgekommen, ich hatte in dem Haus gewohnt, das ich kannte, in dem aber meine Mutter seit drei Wochen nicht mehr gewesen war.
Frau Brandl hatte mir an jenem ersten Abend ein Fischfilet gemacht.
Sie hatte gesagt: „Ihre Mutter hatte mir einmal gesagt, dass Sie Fisch mögen. Ich hoffe, sie hat sich nicht geirrt.“
Ich hatte gesagt: „Sie hat sich nicht geirrt.“
Wir hatten gegessen. Sie hatte mir gegenübergesessen, weil mein Vater an dem Abend noch nicht zu Hause gewesen war. Sie hatte mich nach der Schule gefragt, sie hatte mich nach den Lehrern gefragt, sie hatte mich nach dem Zug gefragt, mit dem ich gekommen war. Sie hatte mich nicht nach meiner Mutter gefragt.
Daran hatte ich am nächsten Morgen gewusst, dass sie eine gute Frau war.
—
„Frau Brandl.“
„Ja.“
„Was möchten Sie?“
„Was?“
„An Ihrem letzten Tag. Möchten Sie eine Feier? Möchten Sie ein Geschenk? Möchten Sie, dass die Familie kommt?“
Sie sah einen langen Augenblick aus dem Fenster.
„Ich möchte, dass es ein normaler Tag ist.“
„Ein normaler Tag?“
„Ich möchte, dass ich morgens aufstehe, dass ich das Frühstück mache, dass ich den Tisch decke, dass ich die Bettwäsche wechsele, dass ich am Nachmittag einkaufe, dass ich abends den Tisch decke, dass ich am späten Abend das Licht in der Diele ausmache, dass ich gehe.“
Sie sagte das, ohne mich anzusehen.
„Sie wollen es nicht groß machen.“
„Nein.“
„Verstanden.“
Sie sah mich an.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Aber Sie könnten am Abend in der Küche sein.“
„Ich werde in der Küche sein.“
Sie nickte.
Sie stand auf. Sie nahm die Tassen. Sie spülte sie. Sie stellte sie auf das Tuch. Sie begann den Mittagstisch vorzubereiten, als wäre nichts gesagt worden, was das Mittagessen verzögert hätte.
—
Ich ging hinaus.
Im Garten war ein leichter Wind.
Ich blieb bei der Forsythie stehen, an der sie vor drei Wochen geschnitten hatte. Sie blühte noch. Sie würde in zwei Wochen verblüht sein, dann würden die Blätter kommen. So war es jedes Jahr. Frau Brandl hatte den Strauch jedes Jahr im Herbst und im Frühjahr geschnitten, abwechselnd in zwei verschiedenen Höhen, die sie mir nie erklärt hatte und die ich mir nicht zu erklären getraut hatte.
Ich würde sie an einem Vormittag bitten müssen, mir das vor dem Mai zu zeigen.
Ich würde es mir notieren.
—
In den Wochen darauf gingen wir vieles zusammen durch.
Sie zeigte mir die Schubladen in der Küche, von denen ich glaubte, sie zu kennen, und die ich nicht kannte. Sie zeigte mir das Schrankfach, in dem die Tischwäsche der Großmutter lag, von der sie gewusst hatte, dass meine Mutter sie hatte aufheben wollen, ohne zu wissen, an welchem Tag des Jahres man sie hervorholen sollte. Sie zeigte mir den Karton mit den Weihnachtskerzen, die seit acht Jahren nicht mehr ausgepackt worden waren. Sie zeigte mir den kleinen Koffer im Keller, in dem die Schulhefte meiner Schwester lagen, die als Kind gestorben war und über die in unserer Familie nie viel gesprochen worden war.
Ich wusste nicht, dass es diesen Koffer gab.
„Frau Brandl.“
„Ja.“
„Ich habe nie davon erfahren.“
„Ihre Mutter hat nicht gewollt, dass Sie davon erfahren.“
„Aber Sie haben den Koffer gehütet.“
„Ich habe ihn nicht gehütet. Er stand. Ich habe nur darauf geachtet, dass er nicht weggeräumt wurde.“
Ich nahm den Koffer nicht in die Hand.
Ich öffnete ihn nicht.
Ich nickte ihr zu, und sie verschloss den Keller wieder, und wir gingen die Treppe nach oben, ohne miteinander zu reden. Es gibt Dinge, vor denen ein Haus stillhalten muss, weil sie sonst nicht still bleiben.
—
Am dreißigsten Mai stand ich um halb sieben auf.
Ich hatte mir vorgenommen, an diesem Tag früher aufzustehen, nicht um Frau Brandl zu helfen, sondern um sie nicht zu stören. Ich war gegen sieben unten. Sie war schon in der Küche.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Es ist heute kühl. Ich habe die Heizung in der Frühe noch einmal angestellt.“
„Verstehe.“
„Ich werde sie um neun wieder ausschalten.“
„Verstanden.“
Sie machte das Frühstück. Es war ein Frühstück wie an jedem Freitag — ein gekochtes Ei, ein Stück Vollkornbrot, ein Glas Tomatensaft, eine Tasse Tee. Sie deckte den Tisch im Esszimmer für eine Person.
Sie aß nicht mit mir.
Sie aß nie mit mir.
Sie war Hausangestellte, sie wollte es bleiben, bis zum Ende, und ich respektierte das.
—
Den Tag verbrachte ich im Büro.
Ich kam um halb sieben nach Hause.
Ich kam etwas früher, als ich an einem normalen Freitag gekommen wäre, weil ich wollte, dass der Abend bei ihr war und nicht ich an ihm vorbeiging. Frau Brandl war in der Küche. Sie hatte das Abendessen schon fertig, einen einfachen Kalbsbraten mit Spätzle, den sie in den letzten Jahren nur selten gemacht hatte und der zu meinen Lieblingsgerichten gehörte.
„Frau Brandl.“
„Frau Richter.“
„Setzen Sie sich heute Abend dazu.“
Sie sah mich an.
„Frau Richter.“
„Bitte.“
„Heute ja.“
Sie deckte einen zweiten Platz.
—
Wir aßen.
Wir sprachen nicht viel. Wir sprachen über das Essen, das gut war. Wir sprachen über das Wetter, das im Mai dieses Jahres ungewöhnlich kühl war. Wir sprachen über den Vogel, der in der vergangenen Woche im Garten gegen das Küchenfenster geflogen war und der wieder davongeflogen war.
Nach dem Essen tranken wir einen Tee.
Frau Brandl hatte ihn nicht zu lange ziehen lassen. Sie hatte ihn dreieinhalb Minuten ziehen lassen, vermutlich, weil sie wusste, dass dieser Tee länger als üblich auf dem Tisch stehen bleiben würde.
Ich holte den Umschlag.
—
Ich legte ihn auf den Tisch.
„Frau Brandl. Das ist für Sie.“
Sie sah ihn an.
„Was ist es?“
„Ein Umschlag. In ihm ist eine Karte. Und ein Scheck.“
„Frau Richter.“
„Sagen Sie nichts.“
Sie schwieg.
„Dreißig Jahre“, sagte ich, „sind eine lange Zeit. Mein Vater hat mir einmal gesagt, dass eine Hausangestellte, die dreißig Jahre in einem Haus war, kein Lohn ist. Sie ist eine Mitversicherte. Sie versichert das Haus, und das Haus versichert sie.“
Sie hörte mir zu.
„Der Scheck ist nicht groß genug, um Ihnen etwas zu beweisen. Er ist groß genug, um Ihnen das Gefühl zu geben, dass das Haus seine Pflicht gegenüber einer Mitversicherten kennt. Mehr nicht. Nehmen Sie ihn ohne Worte.“
Sie nahm den Umschlag.
Sie öffnete ihn nicht.
Sie legte ihn neben ihren Teller.
—
Dann holte ich die Rosen.
Ich hatte sie heute Vormittag in einem Blumenladen in der Maximilianstraße bestellt. Sie waren weiß. Sie waren in einer schlichten, fast strengen Form gebunden. Eine alte Frau in dem Laden hatte sie selbst gemacht, weil ich es so verlangt hatte. Sie hatte mich gefragt, für wen sie seien.
„Für eine Frau, die in Rente geht“, hatte ich gesagt.
„Wie alt?“
„Achtundsechzig.“
„Wie lange im Dienst?“
„Dreißig Jahre.“
Die Frau im Laden hatte einen Augenblick auf den Tisch gesehen, dann mir in die Augen.
„Weiße Rosen“, hatte sie gesagt. „Lange Stiele. Wenig Beiwerk. Nicht zwanzig. Fünfzehn. Fünfzehn ist die Zahl, die man nicht zählt.“
Sie hatte fünfzehn gemacht.
Ich legte sie jetzt vor Frau Brandl.
Sie sah die Rosen an.
Sie sah lange.
Sie sah dann von den Rosen weg, zur Wand, zum Fenster, zum Boden, zur Tür. Sie sah nicht zu mir.
Ihre Augen wurden feucht.
Sie blieb sitzen.
Sie weinte nicht.
Sie atmete einmal langsam aus.
Sie nahm das Tuch aus ihrer Schürze. Sie tupfte einmal an die Augen. Das Tuch war ein einfaches, weißes Stofftuch, das sie seit Jahren benutzte und das sie immer in derselben Tasche der Schürze trug.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Ich werde die Rosen heute Abend in eine Vase stellen.“
„Welche Vase?“
„Die schmale, im Esszimmer. Nicht die runde. Sie haben zu lange Stiele für die runde.“
„Verstehe.“
„Sie werden zwei Wochen halten.“
„Sie haben darauf geachtet, glaube ich, dass sie lange halten.“
„Sie haben gut ausgesucht, Frau Richter.“
—
Wir saßen einen Augenblick still.
Ich legte meine Hand neben die ihre auf den Tisch. Ich nahm sie nicht. Wir waren nicht aus einem Haus, in dem man sich an die Hand fasste. Wir waren aus einem Haus, in dem man die Hände nebeneinanderlegte und sich darauf verließ, dass das genügte.
Sie sah unsere Hände an.
Dann stand sie auf.
„Frau Richter. Es ist Zeit, abzudecken.“
„Ich helfe Ihnen.“
„Nein. Heute decke ich ab. Es ist mein letzter Abend.“
Sie deckte ab.
Sie spülte die Teller.
Sie legte das Geschirr in den Schrank.
Sie nahm die Rosen, sie ging mit ihnen in das Esszimmer, sie holte die schmale Vase, sie schnitt jeden Stiel einmal, sie ordnete die Rosen.
Ich sah ihr zu.
Sie machte das Licht im Esszimmer an, dann wieder aus. Sie machte es ein zweites Mal an, kontrollierte die Vase, dann wieder aus.
Sie ging in die Diele.
Sie nahm ihren Mantel.
Sie nahm ihren Hut, den sie seit zwanzig Jahren trug.
Sie nahm den Umschlag, den sie nicht geöffnet hatte. Sie steckte ihn in die Innentasche ihres Mantels.
Sie nahm ihre Tasche, die seit dem Morgen in der Diele bereitstand und in der nur das Notwendigste war, weil sie alles andere schon gestern und vorgestern in mehreren Etappen nach Schliersee gebracht hatte.
An der Tür drehte sie sich um.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Achten Sie auf den Pfiff in der Heizung.“
„Ich werde.“
„Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen.“
Sie ging.
—
Ich hörte die Tür zugehen.
Ich blieb in der Diele stehen.
Auf dem Tisch im Esszimmer standen die fünfzehn weißen Rosen.
Im Haus war es still, auf eine Weise, die nicht leer war, sondern nur — anders.
Ich machte das Licht in der Diele aus.
Es war, wie sie es gewollt hatte: ein normaler Tag.