Kapitel 39: Der CFO ruft an
Dienstagmorgen rief Markus Schmidt an.
Ich kannte Markus Schmidt seit zwölf Jahren, aber ich hatte nie viele Worte mit ihm gewechselt. Er war der CFO der Hartmann Gruppe. Er war im Haus gewesen, wenn Mark Vorstände zum Abendessen einlud. Er hatte immer höflich genickt, manchmal ein Glas Wein abgelehnt, weil er fahren musste. Er war ein Mann, der nie eine Meinung äußerte, solange jemand in Hörweite war, dem die Meinung schaden konnte.
Das Handy zeigte seine Nummer. Ich zögerte einen Moment, aber ich nahm ab.
„Frau Hartmann.“
„Herr Schmidt.“
„Entschuldigen Sie, dass ich einfach anrufe.“
„Sie dürfen anrufen, Herr Schmidt.“
„Ich weiß nicht, ob Sie — —“
Er brach ab. Ich hörte sein Atmen. Er war nervös. Er war nervöser, als ich es je von ihm gehört hatte.
„Ich weiß, wer Sie sind, Herr Schmidt. Sagen Sie einfach, warum Sie anrufen.“
„Ich muss mit Ihnen sprechen.“
„Sie sprechen gerade mit mir.“
„Nicht am Telefon. Nicht über den Firmenanschluss.“
„Sie rufen von Ihrem privaten Handy an?“
„Ja.“
„Gut. Wo möchten Sie mich treffen?“
Er schwieg einen Moment. Er hatte sich das überlegt, auf dem Weg zum Telefon. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ich ja sagen würde.
„Irgendwo, wo mich niemand sieht.“
„Das ist in München nicht einfach, Herr Schmidt.“
„Ich weiß.“
„Ich schlage Ihnen das Café Luitpold vor. Hinterer Raum, am Fenster zur Brienner. Heute Nachmittag um drei.“
„Drei ist gut.“
„Sind Sie sicher, dass Sie das wollen?“
Er schluckte einmal.
„Ich bin sicher.“
„Dann um drei.“
Er legte auf.
—
Ich kam um Viertel vor drei im Café Luitpold an.
Ich hatte einen Mantel an, einen unauffälligen grauen, und einen kleinen Hut, den ich früher oft getragen und seit meiner Krankheit weggelegt hatte. Ich hatte ihn wieder aus der Schublade genommen. Ich war in den letzten Tagen weniger müde. Die Kraft kam zurück in kleinen Mengen.
Der hintere Raum war fast leer. Eine ältere Dame las eine Zeitung. Zwei amerikanische Touristen fotografierten den Deckenspiegel. Das war alles.
Ich setzte mich an den Tisch am Fenster.
Schmidt kam um drei Uhr zwei. Er trug ebenfalls einen Mantel, den ich von ihm nicht kannte. Ich hatte ihn immer nur in Anzügen gesehen.
Er setzte sich.
„Frau Hartmann.“
„Herr Schmidt. Bestellen Sie etwas. Sonst sieht das merkwürdig aus.“
„Einen Kaffee.“
Ich winkte der Kellnerin.
Er redete nicht, bevor die Kaffees kamen. Er rührte Zucker in seinen Kaffee, ohne Zucker genommen zu haben. Er sah es nicht. Er rührte trotzdem.
„Herr Schmidt. Sagen Sie es.“
Er sah mich an.
„Frau Hartmann, ich komme Ihnen nicht als Mitarbeiter Ihres Mannes entgegen. Ich komme Ihnen als Mensch entgegen. Das ist die eine Sache, die ich vorweg sagen muss.“
„Ich habe nicht angenommen, dass Sie als Mitarbeiter kommen.“
„Gut.“
Er atmete einmal durch.
„Die Firma hat ein Problem.“
„Das weiß ich.“
„Das Problem ist nicht der Kredit. Der Kredit ist nur das Symptom. Das Problem ist, dass Ihr Mann seit siebzehn, achtzehn Monaten Entscheidungen trifft, die nicht durch die üblichen Kontrollen gehen. Er hat sich angewöhnt, um Kontrollen herum zu arbeiten. Er nennt das ‚Tempo‘. Wir nennen das anders, unter uns. Jetzt ist ihm die Bank auf die Schliche gekommen. Aber die Bank ist nicht das einzige.“
„Sagen Sie, was noch.“
Er senkte die Stimme.
„Wir haben in Berlin ein Hotelprojekt verloren, weil die Bürgschaftsunterlagen fehlerhaft waren. Das war Dezember. Wir haben einen Investor in der Schweiz verloren, weil bei der Due Diligence ein Teil der Konzernbilanzen nicht mit den Tochterabschlüssen übereinstimmte. Das war Februar. Wir haben in der letzten Woche einen Rahmenvertrag für Leipzig verloren, weil Ihr Mann unter einer Vollmacht unterzeichnet hat, die seit September widerrufen ist. Diese drei Dinge sind zusammen unangenehm. Aber das, was dahinter liegt, ist schlimmer.“
„Was liegt dahinter?“
„Er hat die Unterlagen nicht, die er bräuchte. Nicht in der Firma. Nirgendwo.“
„Welche Unterlagen?“
„Alles, was seit 2012 intern vorbereitet wurde. Die wirklich entscheidenden Papiere — Strategievorbereitungen, Szenarien, die interne Sicht auf Partner, die Zahlen in der Form, in der wir sie in Verhandlungen brauchen. Das ist alles irgendwo — —“
Er brach ab.
Er sah mich an.
„Das ist alles irgendwo außerhalb der Firma. Wir wissen seit Jahren, dass es außerhalb der Firma ist. Ihr Mann hat sich nie darum gekümmert. Er hat gesagt, das brauche er nicht im Server, das liege woanders sicher, und er rufe es ab, wenn er es braucht. Bis jetzt hat er es immer abgerufen.“
Er sah mir in die Augen.
„Frau Hartmann. Er hat es bei Ihnen abgerufen.“
Ich sagte nichts.
„Ich sage das nicht als Vorwurf. Ich sage es als Feststellung. Er hat die Strategiearbeit der letzten zehn Jahre nicht selbst gemacht. Wir alle im Vorstand wussten das. Niemand hat es ausgesprochen. Es war Ihre stille Arbeit. Jetzt ist diese Arbeit nicht mehr verfügbar, und er merkt es. Wir merken es auch.“
„Herr Schmidt. Warum erzählen Sie mir das?“
Er hielt einen Moment inne.
„Weil der Vorstand in drei Wochen zur Aufsichtsratssitzung gehen muss. Und der Vorstand wird gefragt werden, wie es weitergeht. Und der Vorstand hat keine ehrliche Antwort, solange Ihr Mann sitzt, wo er sitzt. Ich habe drei Kollegen, die in der letzten Woche überlegen, ob sie kündigen. Ich bin einer davon.“
„Sie wollen kündigen?“
„Ich habe überlegt. Mein Angebot steht auf meinem Schreibtisch. Ich habe es nicht unterschrieben. Ich bin kein Held, Frau Hartmann. Ich bin auch nicht der Mann, der still die Hand hebt und sagt: Ich spreche dagegen. Ich habe das nie in mir gehabt.“
„Das wissen wir beide.“
Er lächelte kurz, ein wenig traurig.
„Ja.“
„Was wollen Sie also?“
„Ich möchte wissen, ob Sie kommen werden.“
„Zur Sitzung?“
„Ja.“
„Und warum möchten Sie das wissen?“
„Weil wir — — weil ich — — nicht wissen möchte, was ich dort sagen soll, ohne zu wissen, ob Sie dort sind.“
Ich sah ihn an.
Er schwitzte leicht.
„Herr Schmidt, ich werde da sein.“
Er schloss kurz die Augen.
„Danke.“
„Nicken Sie mir nicht zu, wenn Sie mich sehen. Gehen Sie neutral mit mir um. Ich werde auf der Sitzung keine Forderungen stellen, die den Vorstand in Verlegenheit bringen. Ich werde meine Rolle als Miteigentümerin klären. Mehr nicht.“
„Das ist mehr als genug.“
„Herr Schmidt.“
„Ja.“
„Ich habe eine Frage.“
„Bitte.“
„Wissen Sie von der Änderungsurkunde aus dem Januar 2005?“
Er sah mich an. Er dachte lange nach.
„Ich kenne die Urkunde. Ich habe sie in der Akte gesehen. Ich habe mich nie mit ihr beschäftigt. Sie war die Grundlage, mit der wir in den letzten zehn Jahren gerechnet haben.“
„Sie wissen nicht, dass sie eine Fälschung ist.“
Er hielt inne.
„Nein. Das wusste ich nicht.“
„Ich sage es Ihnen jetzt, damit Sie nicht in drei Wochen überrascht werden. Ich werde es auf der Sitzung nicht öffentlich machen. Ich werde Ihrem Vorstandsvorsitzenden es unter vier Augen sagen, vorher. Er soll seine Wahl treffen können, ohne dass er sie vor zwanzig Leuten treffen muss.“
Er nickte langsam.
„Frau Hartmann.“
„Ja.“
„Ich hätte das alles nicht gedacht.“
„Was genau nicht?“
„Dass Sie diese Gespräche so führen.“
„Wie hätten Sie sie geführt?“
„Ich weiß es nicht. Aber nicht so.“
„Herr Schmidt, ich führe sie so, weil ich sie anders nicht führen kann. Ich bin keine Kämpferin. Ich bin eine Erbin, die ihr Erbe nicht verlieren will. Das ist ein Unterschied.“
Er sah mich an.
„Ich glaube, der Unterschied ist wichtiger, als Sie denken.“
Er stand auf. Er legte fünf Euro auf den Tisch für seinen Kaffee. Er griff nach dem Mantel.
„Noch eins, Herr Schmidt.“
„Ja.“
„Wenn Mark Sie fragt, ob Sie mich getroffen haben, lügen Sie nicht.“
„Das werde ich nicht.“
„Sagen Sie ihm, Sie hätten mich getroffen, aber ich hätte nichts gesagt, was Sie weitergeben könnten.“
„Das ist fast die Wahrheit.“
„Das ist genug der Wahrheit.“
Er nickte ein letztes Mal. Er zog den Mantel an. Er ging.
Die ältere Dame mit der Zeitung sah ihn nicht an, als er an ihr vorbeiging.
Ich blieb sitzen und trank meinen Kaffee fertig. Langsam.
Dann bestellte ich noch ein Glas Wasser.
Ich wartete ein wenig, bevor ich das Café verließ.
Draußen war der Nachmittag warm geworden. Die Briennerstraße lag in einem weichen, gelben Licht.
Ich ging zum Wagen.
Ich fuhr nicht direkt nach Hause.
Ich fuhr durch die Straßen meines Vaters. Die Galerie an der Theresienstraße. Das alte Richter-Büro, das wir 1999 zugemacht hatten, in dessen Fenster heute ein Reisebüro saß. Der kleine Park in der Münzstraße, auf dem meine Mutter einmal mit mir im Arm geschlafen hatte, an einem Sommernachmittag im Jahr, in dem ich vier war.
Das waren die Straßen, die sich nichts hatten nehmen lassen.
Ich fuhr lange, ohne ein Ziel.
—
Als ich in die Villa zurückkam, war es schon fast sieben. Frau Brandl hatte Licht im Salon gemacht. Das war ungewöhnlich, sie benutzte den Salon nicht.
„Frau Hartmann.“
„Ja.“
„Es hat jemand angerufen.“
„Wer?“
„Ein Dr. Haller. Er sagt, er sei Vorsitzender des Aufsichtsrats der Hartmann Gruppe. Er hat sich sehr höflich entschuldigt, dass er einfach so anruft. Er möchte, dass Sie zurückrufen.“
„Hat er eine Nummer hinterlassen?“
„Auf dem Notizblock in der Küche.“
Ich nickte. Ich ging nicht sofort in die Küche. Ich zog zuerst den Mantel aus.
Friedrich Haller. Ich erinnerte mich an ihn. Ein schmaler, weißhaariger Jurist, der einmal bei einem Empfang an der Staatsoper neben mir gestanden hatte und der mir, ohne Mark dabei zu erwähnen, mit einem einzigen halben Satz mitgeteilt hatte, dass er nicht viel von meinem Mann hielt.
Ich hatte damals den Satz gehört und nichts geantwortet.
Jetzt rief er an.
Ich ging in die Küche. Der Notizblock lag neben der Herdplatte. Frau Brandls klare Schrift — der Name, die Nummer, das Datum, die Uhrzeit.
Ich rief nicht sofort zurück.
Ich setzte mich stattdessen ein paar Minuten an den Küchentisch, trank ein Glas Wasser, dachte über den Tag nach.
Schmidt hatte angerufen. Schmidt war gekommen. Schmidt hatte die Karten offengelegt. Und jetzt, am Abend desselben Tages, meldete sich der Vorsitzende des Aufsichtsrats bei mir.
Das war kein Zufall.
Weber musste mit Haller gesprochen haben. Ich hatte Weber nicht darum gebeten. Aber Weber war ein Mann, der das tat, was er für richtig hielt, und der mich fragte, nachdem er es getan hatte, wenn er es überhaupt tat.
Ich stand auf. Ich ging zum Telefon. Ich wählte die Nummer.
Er hob nach dem zweiten Klingeln ab.
„Haller.“
„Frau Richter hier.“
Eine kurze Pause.
„Danke, dass Sie zurückrufen.“
„Ich habe gehört, dass Sie mit Dr. Weber gesprochen haben.“
„Ja. Am Wochenende. Ich hoffe, das ist in Ihrem Sinne.“
„Es ist in meinem Sinne.“
„Gut.“
Er ließ eine Pause. Er war einer dieser Männer, die Pausen nicht füllen mussten.
„Ich schreibe Ihnen morgen einen Brief“, sagte er schließlich. „Den formalen Teil. Die Einladung zur Sitzung. Sie bekommen den Brief am Mittwoch, per Kurier. Ich werde dem Brief eine handschriftliche Zeile beilegen. Bitte verstehen Sie die Zeile als persönlich, nicht als Aufsichtsratsvorsitzender.“
„Das werde ich verstehen.“
„Sehr gut.“
„Herr Dr. Haller.“
„Ja.“
„Danke, dass Sie anrufen.“
„Frau Richter. Ich habe dreizehn Jahre in diesem Aufsichtsrat gesessen. Wenn ich in dreizehn Jahren eines gelernt habe, dann, dass das stille Telefonat am Abend wichtiger ist als zehn Sitzungen am Vormittag.“
„Das ist wahr.“
„Schlafen Sie gut.“
„Sie auch.“
Er legte auf.
Ich stand noch einen Moment am Telefon, die Hand auf dem Hörer.
Dann ging ich in die Küche zurück. Ich nahm den Notizblock, riss das oberste Blatt ab, faltete es und steckte es in meine Tasche.
Frau Brandl sah mich, aber sie sagte nichts.