Kapitel 21: Neue Wochen
Die ersten Wochen nach dem Teil, den Weber den „aktiven“ nannte, waren still.
Weber hatte mir zum Abschied an einem Mittwoch gesagt: „Der nächste Monat ist Ihre Aufgabe. Ihre Aufgabe ist, keine Aufgabe zu haben.“
Ich hatte das zuerst nicht verstanden. Dann hatte ich es verstanden und es nicht gemocht. Dann hatte ich es gemocht.
Ich stand auf, wenn es hell wurde. Das war im April kurz nach sechs. Ich trank einen Kaffee in der Küche, manchmal allein, manchmal mit Frau Brandl, die früher aufstand als ich und die den Küchentisch bereits gedeckt hatte, wenn ich herunterkam. Wir sprachen wenig am Morgen. Sie las die Süddeutsche. Ich las die Kulturbeilage, weil die Wirtschaftsseite mich nicht mehr interessierte. Das war eine Überraschung gewesen. Die Wirtschaftsseite hatte mich zwölf Jahre interessiert. Jetzt interessierte sie mich nicht mehr. Ich las Rezensionen über Ausstellungen, die ich vielleicht sehen würde, und Konzerte, zu denen ich wahrscheinlich nicht gehen würde.
Nach dem Frühstück zog ich mich an und ging.
Ich ging jeden Tag im Englischen Garten.
Ich ging nicht auf demselben Weg. Ich wechselte. Am ersten Tag ging ich vom Monopteros zum Chinesischen Turm und zurück. Am zweiten Tag ging ich den Eisbach entlang bis zum Haus der Kunst und durch die Kastanienallee zurück. Am dritten Tag ging ich in die andere Richtung, durch den Hirschanger, bis zum Kleinhesseloher See, und machte dort eine Runde um das Wasser.
Die ersten Tage ging ich langsam. Zu langsam, fand ich selbst. Aber mein Arzt hatte gesagt, es sei wichtig, dass ich ging, wie es mir möglich war, und nicht, wie ich es mir vorstellte. Nach zwei Wochen ging ich ein wenig schneller. Nach vier Wochen hatte ich das Gefühl, dass ich wieder gehen konnte, wie ich vor anderthalb Jahren gegangen war.
Ich sah Dinge.
Ich sah die ersten Tulpen in den Beeten am Monopteros. Ich sah eine alte Frau, die ihre Enten mit altem Weißbrot fütterte, obwohl ein Schild neben ihr dies untersagte. Ich sah einen Mann mit einem Fahrrad, das mindestens dreißig Jahre alt war und dessen Klingel noch funktionierte. Er klingelte jedes Mal, wenn er mich überholte, obwohl wir auf einem breiten Weg waren und er nicht hätte klingeln müssen. Ich mochte das Geräusch. Es war eine Gewohnheit aus einer Zeit, in der Menschen sich höflicher begrüßt hatten.
Ich sah auch die Zweitwohnung, in der Mark und Sophia gewohnt hatten, zweimal in zwei Wochen, wenn mein Weg mich am Haus der Kunst vorbei in die Nähe der Prinzregentenstraße führte. Das Haus lag leicht zurückgesetzt hinter zwei alten Linden. Die Fenster im ersten Stock waren verhängt. Es hing ein Schild in einem der Fenster. Zu vermieten. Ich sah es, ich blieb nicht stehen, ich ging weiter.
Ich nahm mir nichts vor.
Das war das Neue. Ich hatte mir seit zwanzig Jahren jeden Tag etwas vorgenommen. Ich hatte Listen gemacht. Ich hatte Termine gehabt. Ich hatte Verträge gelesen. Ich hatte Briefe geschrieben. Ich hatte Anrufe beantwortet. Ich hatte in jeder Woche einen Zeitplan gehabt, der mich von Montagmorgen bis Freitagabend getragen hatte, und wenn ich einen Zeitplan nicht gehabt hatte, hatte ich einen erfunden.
Jetzt hatte ich keinen.
Frau Brandl kochte. Ich aß. Ich ging spazieren. Ich las. Ich schlief. Am Abend saß ich manchmal im Salon in dem Sessel des Vaters und hörte den Wind in den Linden und sah zu, wie das Licht nachließ.
Clara kam einmal die Woche. Wir aßen zusammen. Sie sprach nicht mehr von ihrer Agentur, nicht mehr von Strategieberatung, nicht mehr von Kunden. Sie sprach von einem Buch, das sie las, von einer Reise, die sie plante, von ihrer Mutter, die wieder einmal zu laut war. Ich hörte zu. Ich erzählte wenig. Wenn ich etwas erzählte, dann von den Enten am Kleinhesseloher See oder von der Fahrradklingel des alten Mannes.
„Du wirst mir langweilig“, sagte Clara einmal. Sie sagte es freundlich.
„Ich weiß.“
„Das ist gut.“
„Ja.“
„Bleib langweilig.“
„Ich werde.“
Jan kam nach zehn Tagen nicht wieder. Er kam nach zwölf, für ein Wochenende. Er brachte Bücher, die ich mal erwähnt hatte und die er nicht gelesen hatte, bis ich sie erwähnt hatte. Er hatte sie dann alle auf einmal gelesen. Er tat das manchmal. Wir aßen zusammen. Wir sprachen über nichts Wichtiges. Am Sonntagmittag fuhr er zurück.
„Ruf an, wenn es sein muss.“
„Ich weiß.“
„Ich meine das ernst.“
„Ich auch.“
Er fuhr.
Von Mark hörte ich nichts. Er rief nicht mehr an. Er klingelte nicht mehr. Weber meldete sich nicht. Das war ein gutes Zeichen. Weber meldete sich nur, wenn etwas zu melden war.
Ich erholte mich.
Ich merkte es zuerst an kleinen Dingen. Ich konnte wieder eine Stunde spazieren gehen, ohne danach eine Stunde sitzen zu müssen. Ich konnte wieder zwei Bücher in einer Woche lesen. Ich schlief wieder sieben Stunden, und ich schlief durch. Ich wachte nicht mehr nachts auf, weil ich ein Geräusch zu hören glaubte, das es nicht gab.
An einem Nachmittag Ende April saß ich am Kleinhesseloher See auf einer Bank. Es war warm genug, dass ich den Mantel meiner Mutter auf der Bank neben mir liegen lassen konnte. Die Sonne schien von halb drei bis vier durch die Zweige der Kastanien, und dann wanderte sie weiter, und die Bank lag im Schatten.
Vor mir auf dem Wasser zog ein Ruderer eine gerade Linie durch das Wasser. Er war vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt. Er zog gleichmäßig, ohne zu spritzen, und das Boot glitt schnell. Er fuhr einmal links, einmal rechts, immer auf derselben Bahn. Ich sah ihm fünfzehn Minuten zu. Er sah mich nicht. Er sah niemanden. Er tat einfach, was er tat, und er war gut darin.
Als er weg war, blieb ich noch eine Weile sitzen.
Ich dachte an nichts Bestimmtes.
Ich dachte nicht an Mark. Ich dachte nicht an die Firma. Ich dachte nicht an die Unterschrift meines Vaters und nicht an den Umschlag in der Kommode. Ich dachte auch nicht an das Gutachten, das Weber in seinem Tresor liegen hatte. Ich dachte an den Wind, der über das Wasser kam. Ich dachte an die Kälte unter der Jacke, wenn die Sonne hinter den Ästen verschwand. Ich dachte daran, dass ich am Abend Hunger haben würde, und dass Frau Brandl vielleicht Knödel kochte, weil sie mir vor zwei Tagen gesagt hatte, ich solle mal wieder richtig essen.
Irgendwann stand ich auf.
Ich nahm den Mantel, zog ihn an, ging los.
Der Weg zurück durch den Hirschanger war nicht lang. Die Pferde standen hinter dem Zaun, alle drei, und die älteste schnaubte kurz, als ich vorbeikam, als hätte sie mich wiedererkannt.
Vor der Villa blieb ich einen Moment in der Auffahrt stehen.
Die Linden hatten in der letzten Woche ausgetrieben. Die Blätter waren klein, hellgrün, weich. In einer Woche würden sie voll sein. In vier Wochen würde alles sein, was der Baum für diesen Sommer auftreiben konnte.
Ich ging ins Haus.
Frau Brandl war in der Küche. Es roch nach Kartoffeln. Es roch nach Majoran und Rindfleisch. Es waren keine Knödel, es war ein Schmorbraten, und ich hörte, wie er leise vor sich hin kochte.
„Frau Hartmann.“
„Frau Brandl.“
„Post?“
„Nein.“
„Gut.“
Sie nickte.
Ich hängte den Mantel auf. Ich ging in die Bibliothek. Ich setzte mich an den Tisch, an dem Jan vor zwei Wochen die Mappen gelesen hatte. Auf dem Tisch lag heute kein Dokument. Es lag ein Buch. Ich hatte es am Morgen dort abgelegt. Es war ein Roman. Ich hatte ihn noch nicht angefangen. Ich öffnete ihn.
Das war ein neuer Rhythmus.
Er war noch nicht eingeübt. Er war noch nicht mein eigener. Es war ein Rhythmus, den ich leih-weise trug, bis er einer wurde, den ich behalten konnte. Aber er war da. Er war kein Platzhalter. Er war eine Form von Tag, die ich zwanzig Jahre lang nicht gekannt hatte, und die mir, jedes Mal wenn ich sie bemerkte, ein wenig seltsam vorkam.
Seltsam war nicht schlecht.
Ich las bis zum Abend.
Frau Brandl rief mich zum Essen. Ich aß mit ihr in der Küche, weil der Speisesaal zu groß gewesen wäre und weil wir nie im Speisesaal gegessen hatten, wenn wir allein waren. Wir sprachen über den Wetterbericht, der versprach, dass der Mai warm werden würde. Wir sprachen darüber, dass die Linden früher ausgetrieben hatten als im letzten Jahr. Wir sprachen nicht über Mark. Wir sprachen nicht über die Firma. Wir sprachen nicht über das, was war, und auch nicht über das, was kommen würde.
Nach dem Essen ging ich ins Mädchenzimmer.
Ich öffnete das Fenster einen Spalt. Ich hörte die Vögel, die noch nicht ganz verstummt waren. Ich hörte ein Auto, das langsam die Ismaninger Straße hinauffuhr. Ich hörte Frau Brandl, die unten das Geschirr in die Spülmaschine räumte.
Ich legte mich hin.
Ich schlief.
Morgen würde ich wieder in den Englischen Garten gehen. Ich würde wieder den Weg wählen, den ich an diesem Tag zuletzt gegangen war. Oder einen anderen. Es war egal. Es gab genug Wege, und es gab genug Tage, und beides würde reichen.
Das genügte.
—
Am Freitag ging ich zum ersten Mal ins Lenbachhaus.
Ich hatte es mir Wochen zuvor vorgenommen, auf dem Rückweg aus Webers Kanzlei, als ich vor dem Gebäude gestanden hatte, ohne hineinzugehen. Jetzt ging ich hinein. Ich hatte den ganzen Vormittag Zeit. Ich hatte mir einen Kaffee in der Lobby gekauft, den ich nicht trank, weil er zu bitter war, und ich hatte die Kasse an einer jungen Frau passiert, die mich gefragt hatte, ob ich einen Audioguide wünsche. Ich hatte verneint. Ich hatte das Gefühl, ich würde heute keine Erklärungen hören wollen.
Ich ging langsam durch die Säle.
Ich blieb länger vor den Bildern stehen, die mich nicht interessierten, weil ich mir eingestehen musste, dass ich sie nicht schnell durchqueren wollte, nur um zu denen zu kommen, die ich schon kannte. Das war ein kleiner Akt von Respekt. Ich kam nicht, um Lieblingsbilder zu besuchen. Ich kam, um Zeit zu haben.
In einem der Räume stand eine alte Dame in einem dunkelgrünen Mantel, mit einem Stock, vor einem Gemälde, das ich nicht kannte. Sie sah es an, sehr lange, ohne sich zu bewegen. Ich blieb in einigem Abstand stehen und sah dasselbe Bild an. Ich konnte es nicht besonders schätzen. Ich wartete, bis sie weiterging. Dann schaute ich noch einmal kurz hin. Dann ging auch ich.
Ich war zwei Stunden im Haus.
Als ich hinausging, blieb ich auf der Treppe stehen und sah über den Platz. Ich sah das Münchner Licht, das um diese Zeit im Jahr eine helle, durchsichtige Qualität hatte, die es nicht überall gibt. Ich hatte in Rom studiert, ein Semester. Rom hatte anderes Licht. Ich hatte New York besucht, zweimal. New York hatte keines. Münchner Licht war ein eigenes Licht. Es gehörte zu dieser Stadt, weil es vom Himmel und von den Bergen kam, die man nicht immer sah, aber die immer da waren.
Ich fuhr mit der U-Bahn zurück, bis zur Max-Weber-Platz-Station. Ich ging die letzten Minuten zu Fuß.
—
Am Samstag rief Weber an.
„Das Gutachten ist fertig.“
„Gut.“
„Ich hinterlege es im Tresor.“
„Gut.“
„Möchten Sie eine Kopie?“
„Nein.“
„Sicher?“
„Sicher.“
„Gut.“
Er schwieg einen Moment.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Wie fühlen Sie sich?“
„Nicht schlecht.“
„Das ist eine diplomatische Antwort.“
„Ich fühle mich ruhig.“
„Das ist eine bessere Antwort.“
„Dann nehmen Sie die.“
„Gut.“
„Ist sonst etwas?“
„Nein. Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass es abgeschlossen ist. Es liegt nun dort, wo es liegen soll. Es wartet, wie wir warten.“
„Ja.“
„Schönes Wochenende, Frau Richter.“
„Schönes Wochenende, Dr. Weber.“
Ich legte auf.
Das Wetter wurde wärmer. Am Sonntag war es so warm, dass ich zum ersten Mal ohne Mantel nach draußen ging. Ich nahm nur eine leichte Strickjacke. Ich ging am Kleinhesseloher See entlang. Der Ruderer war wieder da. Er sah mich wieder nicht. Er fuhr seine Bahnen, und ich sah ihm zu. Ich aß am Kiosk einen kleinen Salat. Ich trank eine Apfelschorle. Der Wirt war ein alter Mann, der mich nicht kannte. Das war angenehm.
Ich ging zurück durch den Hirschanger.
Ein Kind lief vor seinen Eltern davon und fiel hin. Es weinte nicht. Es stand auf, sah sich die Knie an, klopfte den Sand ab und lief weiter. Die Eltern lachten und riefen ihren Namen. Das Kind drehte sich um und rief: „Alles gut!“
Ich lächelte.
An der Villa angekommen, öffnete ich die Haustür und blieb einen Moment im Flur stehen. Das Haus hatte seit Wochen angefangen, einen anderen Geruch zu haben. Es roch nicht mehr nach den Sachen meines Mannes, nach seinen Rasierwassern, nach den Büchern, die er gekauft und nie gelesen hatte. Es roch nach Frau Brandls Kochen, nach dem Wachs, das sie für die alten Böden benutzte, nach dem Holz der Dielen, das die Sonne im Salon erwärmte. Es roch nach einem Haus, das jemandem gehörte, der darin lebte.
Es roch nach einem zu Hause.
Ich hängte die Strickjacke an die Garderobe.
Frau Brandl kam aus der Küche.
„Frau Hartmann.“
„Frau Brandl.“
„Es gibt heute Abend Lammbraten.“
„Gut.“
„Herr Jan hat geschrieben. Er kommt in vierzehn Tagen wieder. Diesmal länger.“
„Gut.“
„Frau Winter hat angerufen. Sie kommt am nächsten Samstag zum Essen.“
„Gut.“
„Und Frau Lenz hat einen Brief geschickt. Er lag heute im Briefkasten.“
Sie reichte mir einen kleinen Umschlag. Der Umschlag war aus Büttenpapier, so wie Margot ihre Briefe immer schrieb. Ich nahm ihn, aber ich öffnete ihn nicht sofort. Ich hielt ihn in der Hand und sah Frau Brandl an.
„Danke.“
„Gern.“
Sie ging wieder in die Küche.
Ich ging in den Salon. Ich setzte mich in den Sessel des Vaters. Ich öffnete den Brief. Er war mit Tinte geschrieben, in der engen, etwas altmodischen Schrift, die Margot seit sechzig Jahren pflegte. Ich las ihn einmal. Ich las ihn zweimal. Ich legte ihn auf den niedrigen Tisch.
Ich stand auf. Ich ging zum Fenster.
Draußen bewegten sich die Linden leise. Die kleinen hellgrünen Blätter sahen jetzt, an einem späten Sonntagnachmittag im April, fast aus wie eine Farbe, die jemand mit dünnem Pinsel zwischen die Äste gesetzt hatte.
Ich schloss die Augen einen Moment.
Dann öffnete ich sie wieder.
Der Rhythmus war gefunden.
Ich würde ihn tragen, bis er sich in meinem Körper verankerte. Bis er nicht mehr nur geliehen war. Bis er mir gehörte. Das würde dauern. Es würde Wochen oder Monate dauern. Ich hatte Wochen. Ich hatte Monate.
Draußen begann es zu dämmern.
Frau Brandl rief mich nach einer halben Stunde zum Essen.
Ich ging hinüber.