Kapitel 113: Weihnachten
Am Heiligabend lag kein Schnee.
Es hatte am 23. zu schneien angefangen, in einer Art, die mehr versprach, als sie gehalten hatte, und dann hatte es in der Nacht geregnet, und am Morgen des 24. waren die Straßen schwarz und nass. Frau Brandl hatte mir das schon beim Frühstück gesagt: *Kein weißer Heiligabend in diesem Jahr. Wieder einmal.* Sie hatte das gesagt wie immer — leicht ironisch, ohne Enttäuschung. Frau Brandl war seit dreißig Jahren in München, und sie hatte die meisten Heiligabende in München als nicht-weiße Heiligabende erlebt. Sie wusste, was sie zu erwarten hatte.
—
Ich hatte für sechs Personen gedeckt.
Jan, Margot, Fabian, ich. Vier.
Aber Frau Brandl hatte zugesagt, mit uns zu essen — was sie in den letzten zwölf Jahren nie getan hatte — und ich hatte ihren Sohn aus Augsburg eingeladen. Ich hatte ihn nie kennengelernt. Frau Brandl hatte mir am 1. Dezember beim Tee gesagt, er werde dieses Jahr allein in Augsburg sein, weil seine Frau zu ihrer Mutter ans Bayerische Meer gefahren sei und er vom Hund nicht weg könne und der Hund nicht in den Zug dürfe. Frau Brandl hatte das gesagt, und ich hatte geantwortet: *Soll er mitkommen? Mit dem Hund?* Sie hatte einen Moment gezögert. Dann hatte sie genickt.
Sechs Personen also.
Und ein Hund.
—
Jan kam um vier.
Er hatte den letzten Zug aus Hamburg genommen, der noch vor dem Heiligabend in München ankam, und er hatte den Koffer noch in der Hand, als er die Tür aufmachte. Er roch nach Bahn — nach diesem schwachen Gemisch aus Heizung, Plastik und kaltem Tee, das alle Bahnreisenden im Dezember an sich haben.
Er sagte: „Frohe Weihnachten.“
Ich sagte: „Frohe Weihnachten.“
Wir umarmten uns kurz.
Jan und ich umarmten uns immer kurz. Es war eine Familieneigenschaft. Mein Vater hatte uns nie länger als zwei Sekunden umarmt, und meine Mutter hatte das auch nicht getan. Es war keine Kälte. Es war eine Form von Vertrauen, die mit langem Festhalten nicht zu tun hatte.
Er stellte den Koffer ab.
Er sah sich um.
Er sagte: „Es riecht gut.“
Ich sagte: „Frau Brandl.“
Er nickte.
—
Margot kam um halb fünf.
Sie kam mit dem Taxi, weil sie nicht mehr selbst fuhr, und sie kam in einem schwarzen Mantel, der ihr seit zwanzig Jahren gehörte und an dem sich seit zwanzig Jahren nichts geändert hatte.
Sie hatte einen Strauß weißer Rosen mitgebracht.
Sie sagte: „Für Sie.“
Ich sagte: „Margot.“
Sie sagte: „Heute keine Förmlichkeit. Heute ist Heiligabend. Du.“
Ich sah sie an.
Sie hatte mich nie geduzt.
Sie sah es an meinem Gesicht.
Sie sagte: „Es war Zeit. Du bist achtunddreißig. Ich bin dreiundsiebzig. Und wir kennen uns seit du sechs warst.“
Ich sagte: „Margot.“
Sie sagte: „Ja.“
Ich sagte nichts mehr.
Wir hängten ihren Mantel an die Garderobe, und sie ging in den Salon, wo der kleine Baum stand, und sie sah ihn an, ohne ihn zu kommentieren. Margot kommentierte Weihnachtsbäume nicht. Sie sah sie nur an, in der Art, in der sie ein Bild an einer Wand ansah — mit Aufmerksamkeit, ohne Urteil.
—
Fabian kam um Viertel vor sechs.
Er kam zu Fuß. Er war den ganzen Weg von der Maxvorstadt herübergegangen, weil ihm gestern Abend gesagt worden war, dass München an Heiligabend leer sei und ein Spaziergang durch eine leere Stadt eine schöne Art sei, den Abend zu beginnen. Er hatte recht gehabt. Er kam mit roten Wangen herein, mit Schnee — keinem Schnee, aber einer Idee von Schnee — auf dem Mantel, und er gab mir die Hand.
Er sagte: „Frohes Fest.“
Ich sagte: „Frohes Fest.“
Er gab Margot die Hand.
Er gab Jan die Hand.
Margot sah ihn an, von oben bis unten, einmal, kurz, in der Art, in der nur Margot einen Mann ansah.
Sie sagte: „Setzen Sie sich. Sonst frieren Sie.“
Er setzte sich.
—
Frau Brandls Sohn kam um sechs.
Er hieß Hans und war fünfundvierzig. Er sah aus wie sein Vater, den ich auf einem Foto in Frau Brandls Zimmer gesehen hatte — runder Kopf, klare Augen, ein bisschen schwerfällig in den Bewegungen. Er trug einen graubraunen Pullover und einen unauffälligen Anzug darunter. Er hatte den Hund an der Leine. Der Hund hieß Bruno und war ein älterer Dackel mit grauer Schnauze. Er sah jeden im Raum nacheinander an, als wäre er da, um eine Inventur durchzuführen.
Frau Brandl saß im Salon.
Ich hatte ihr einen Sessel zugewiesen, in dem sie sich nicht wohl fühlte, weil sie ihn als zu repräsentativ empfand. Ich hatte sie gebeten, sich heute zu fühlen, als sei sie zu Hause — was eine merkwürdige Bitte war, da sie seit dreißig Jahren in diesem Haus arbeitete. Aber heute war sie als Gast da. Und sie wusste nicht ganz, wie das ging.
Hans grinste, als er sie sah.
Er sagte: „Mama.“
Sie sagte: „Hans.“
Sie umarmten sich.
Sie war stolz auf ihn. Das hatte sie mir nie gesagt, aber ich konnte es an der Art sehen, in der sie ihn ansah.
—
Wir aßen um halb sieben.
Es gab Karpfen.
Ich hatte das schon im November mit Frau Brandl besprochen. Wir hatten beide entschieden, nicht das traditionelle bayerische Menü zu machen, das Mark immer hatte machen lassen, sondern etwas Schlichteres. Karpfen, Petersilienkartoffeln, Salat. Dazu einen Riesling. Eine Suppe vorweg — Karottensuppe mit Ingwer. Zum Nachtisch eine einfache Mohnstrudel-Variante, die Frau Brandl in ihrem Repertoire hatte und die sie für Heiligabend immer gemacht hatte, in den Jahren, in denen sie ihn allein verbracht hatte.
Es war ein Essen ohne große Gesten.
Es war das richtige Essen.
—
Wir saßen am Tisch.
Sechs Personen, ein Hund unter Hansens Stuhl.
Margot saß an dem Platz, an dem Mark zwölf Jahre lang gesessen hatte. Ich hatte ihr diesen Platz gegeben, ohne darüber nachzudenken — er war der zweitwichtigste Platz, und Margot war, in diesem Raum heute Abend, die zweitwichtigste Person. Erst während des Abendessens fiel mir auf, dass dies nicht zufällig war. Margot saß auf Marks Platz. Sie nahm ihn ein, leise, würdig, ohne dass irgendjemand am Tisch etwas davon merkte außer mir.
Ich sah sie an.
Sie sah mich an.
Sie hob das Glas.
Sie sagte: „Auf das Haus.“
Ich hob mein Glas.
Jan hob seines.
Fabian hob seines.
Frau Brandl hob ihr Glas, ein wenig zögerlich.
Hans hob sein Glas, mit der unbeholfenen Würde eines Mannes aus Augsburg, der noch nie in einer Bogenhausener Villa Heiligabend gefeiert hatte und der heute Abend nicht ganz wusste, ob er die richtige Gabel benutzte. (Er benutzte die richtige Gabel. Frau Brandl hatte ihn das sechsundzwanzig Jahre lang trainiert.)
Wir tranken.
Niemand sagte mehr etwas.
Es war genug.
—
Nach dem Essen gingen wir in den Salon.
Es gab Geschenke, aber sehr kleine. Ich hatte seit vielen Jahren die Regel, an Heiligabend nichts Großes zu schenken — nichts, das man in einer Geschäftsstraße hätte kaufen können. Nur Dinge, die man entweder selbst gemacht oder bei einem alten Münchner Handwerker bestellt hatte oder die man irgendwo gefunden hatte, ohne danach zu suchen.
Jan bekam eine Brieftasche aus dem Geschäft am Marienplatz, in dem mein Vater seine Brieftaschen gekauft hatte.
Margot bekam ein Buch, das sie mir vor zwei Jahren empfohlen hatte und das ich nicht hatte verschenken können, weil sie es schon kannte; ich hatte ein Exemplar mit einer Widmung des Übersetzers gefunden, durch Weber, und dieses gab ich ihr nun.
Fabian bekam einen Bleistift.
Es war ein Bleistift, den mein Vater einmal aus Italien mitgebracht hatte, einer von denen, die Architekten in den siebziger Jahren benutzt hatten und die heute kaum noch zu finden waren. Er war alt. Er war benutzt worden, aber gut. Ich hatte ihn in einer Schublade meines Vaters gefunden, vor zwei Wochen, und ich hatte gewusst, wem ich ihn geben würde.
Fabian nahm den Bleistift.
Er drehte ihn in der Hand.
Er sagte: „Ein Faber-Castell.“
Ich sagte: „Ja.“
Er sagte: „Aus den Siebzigern.“
Ich sagte: „Ja.“
Er sagte: „Danke.“
Ich sagte nichts.
Er legte den Bleistift in die Innentasche seines Sakkos.
Er schloss die Tasche mit der gleichen Hand.
Margot sah es, ohne es anzusehen.
Sie nickte einmal kurz, fast unbemerkt, in meine Richtung.
Es war ihr Segen.
Es war kein dramatischer Segen. Es war, in der Form, in der Margot Lenz Dinge tat, ein Nicken, das niemand außer mir verstand und das alles aussagte.
—
Hans hatte um halb elf einen langen Weg zurück nach Augsburg.
Er stand auf.
Er sagte: „Es war der schönste Heiligabend seit zehn Jahren.“
Frau Brandl sah ihn an.
Sie sagte: „Hans.“
Er sagte: „Mama.“
Sie umarmten sich.
Er nahm Bruno an der Leine.
Er gab uns die Hand, einem nach dem anderen.
Bei mir blieb er einen Augenblick stehen.
Er sagte: „Frau Richter. Danke, dass Sie meine Mutter so behandeln.“
Ich sagte: „Sie behandelt mich so.“
Er nickte.
Er ging.
Bruno folgte ihm, langsam, mit der Würde eines alten Hundes.
—
Margot ging um halb zwölf.
Sie wollte nicht das Mitternachtsläuten in einem fremden Salon erleben, sagte sie. Sie wollte zu Hause sein. Ich verstand sie.
Jan begleitete sie zum Taxi.
Frau Brandl ging zu Bett.
Fabian und ich saßen noch einen Moment im Salon.
Wir saßen auf dem Sofa.
Wir tranken den Rest des Rieslings.
Wir sprachen nicht viel.
Er sagte: „Das war ein gutes Essen.“
Ich sagte: „Frau Brandl.“
Er sagte: „Du.“
Ich lächelte.
Er sagte: „Beide.“
—
Das Haus war still.
Im Esszimmer war noch eine Kerze nicht ausgeblasen.
Ich stand auf, ging hinüber, blies sie aus.
Als ich zurückkam, war Fabian auf der Stelle, an der ich gesessen hatte, eingeschlafen — nicht tief, nur kurz, mit dem Kopf an der Lehne. Er war heute viel gegangen. Er war seit halb sechs hier. Er hatte nicht viel geschlafen letzte Nacht.
Ich setzte mich nicht neben ihn.
Ich setzte mich auf den anderen Sessel.
Ich sah ihn an.
Er war ein einfacher Mann.
Das war kein abwertendes Wort. *Einfach* hieß: ohne Falten in den Absichten, ohne doppelte Böden, ohne den Drang, mehr zu sein als er war. Mark war nie einfach gewesen. Mark war kompliziert gewesen, immer, in jedem Augenblick, auch wenn er charmant war. Fabian war einfach. Es war eines der schönsten Dinge an ihm.
Ich sah ihn eine Weile an.
Dann hörte ich Jan an der Tür.
Ich stand auf, ging in den Flur, ließ ihn herein.
—
Jan sagte: „Sie ist gut nach Hause gekommen.“
Ich sagte: „Schön.“
Er sagte: „Fabian schläft?“
Ich sagte: „Fast.“
Er nickte.
Wir gingen beide in den Salon.
Fabian wachte auf, leicht verlegen.
Er sagte: „Entschuldigt. Es war ein langer Tag.“
Ich sagte: „Bleibst du heute?“
Er sah mich an.
Er sagte: „Ja, wenn ich darf.“
Ich sagte: „Im Gästezimmer am Ende des Flurs.“
Er sagte: „Danke.“
Jan grinste leise, in der Art eines älteren Bruders, der nichts sagte und alles sagte.
—
Um Mitternacht läuteten die Glocken der Bogenhausener Kirche.
Ich war oben im Schlafzimmer.
Ich hatte das Fenster geöffnet.
Die Glocken kamen über die Hecken, über das Dach des Nachbarhauses, durch das offene Fenster.
Es war kein Schnee gefallen.
Es war keine besondere Nacht.
Es war Heiligabend.
Es war der erste Heiligabend in vielen Jahren, an dem ich gewusst hatte, wer in den Zimmern unter mir schlief.
Jan im Gästezimmer rechts.
Fabian im Gästezimmer links.
Frau Brandl in ihrer Wohnung im Erdgeschoss.
Niemand fehlte.
Niemand war zu viel.
Ich schloss das Fenster.
Ich legte mich hin.
Ich schlief schnell ein.