Kapitel 3: Clara im Klinikum
Clara kam um acht.
Ich erkannte sie am Schritt, bevor ich sie sah. Clara ging anders als die anderen auf dem Gang. Sie ging, als habe sie immer einen Termin, auch wenn sie keinen hatte. Schwester Barbara hatte mir am Morgen den Kaffee gebracht, den es im Klinikum eigentlich nicht gab. Sie hatte ihn mir ohne Wort in die Hand gedrückt, auf dem Weg nach draußen, als sei er nie gewesen.
Dann war die Tür aufgegangen.
„Du hast nicht geschlafen“, sagte Clara.
„Guten Morgen.“
„Guten Morgen. Und du hast nicht geschlafen.“
Sie stellte einen Pappbecher auf den Nachttisch. Echter Kaffee. Schwarz. Ich kannte den Becher. Er kam aus dem kleinen Laden an der Ecke Marchioninistraße, der seit Jahren aussah, als würde er nächste Woche zumachen, und seit Jahren nicht zumachte.
„Einen für dich, einen für mich“, sagte sie. „Ich habe den deinen schwächer genommen.“
„Danke.“
Sie setzte sich in den Stuhl am Fenster. Sie zog den Mantel aus. Darunter trug sie einen Pullover mit aufgekrempelten Ärmeln. Clara machte sich in letzter Zeit nicht mehr fein. Das war mir schon länger aufgefallen. Seit ihre Agentur gut lief, war sie aus den teuren Sachen herausgewachsen, die andere hineinwuchsen.
„Also“, sagte sie.
—
Ich trank einen Schluck.
„Er war gestern hier.“
„Das weiß ich. Das hast du mir gesagt.“
„Er hatte einen Umschlag dabei.“
Sie sah zum Nachttisch.
„Das ist er?“
Ich nickte.
Sie stand auf. Sie nahm den Umschlag nicht. Sie strich nur mit dem Finger darüber, als prüfe sie, ob er echt war. Clara machte solche Gesten. Sie berührte Dinge, bevor sie sie besprach. Von allen Menschen, die ich kannte, war sie die, die am schnellsten begriff, ohne dass es laut werden musste.
„Sauber vorbereitet“, sagte sie.
„Ja.“
„Alles ordentlich.“
„Ja.“
„Unterhalt?“
„Nicht ungerecht. Für eine Frau, die er für dankbar hält.“
Sie lachte kurz. Nicht freundlich. Das war Clara. Wenn ihr ein Mensch nicht gefiel, lachte sie trocken, und man wusste, dass sie nie wieder etwas anderes zu ihm sagen würde als das Nötigste.
„Und du?“
„Ich habe nicht unterschrieben.“
„Das ist nicht, was ich gefragt habe.“
—
Ich sah aus dem Fenster.
Draußen war der Regen gegangen. Der Parkplatz glänzte noch. Ein Mann lud jemanden in ein Auto um. Eine Frau hielt ein Kind an der Hand, das Kind in einer zu großen Jacke.
„Ich weiß es noch nicht“, sagte ich. „Aber nicht er.“
Clara nickte.
Sie setzte sich wieder. Sie wartete. Sie drängte nie. Das hatte sie gelernt, nicht von mir, von ihrer Mutter, die in einem Dorf nördlich von München ein kleines Blumengeschäft gehabt hatte. Clara hatte mir einmal erzählt, dass ihre Mutter sagte: „Menschen, die reden wollen, reden. Menschen, die nicht reden wollen, reden auch, wenn du nur dableibst.“
„Ich werde unterschreiben“, sagte ich. „Irgendwann. Aber nicht heute. Und nicht in der Form.“
„Was meinst du mit Form?“
„Er hat alles aufgeteilt. Das Haus, die Konten, den Wagen. Das Haus ist nicht seins.“
„Das weiß er nicht?“
„Er weiß, was er glaubt. Mark glaubt, das Haus sei unsers. Weil er darin gewohnt hat. Weil er die Rechnungen in den letzten Jahren unterschrieben hat.“
„Und in Wirklichkeit?“
„Das Haus gehört meiner Mutter. Über eine Erbengemeinschaft. Ich bin die einzige lebende Erbin. Jan verzichtet seit dem Tod meiner Mutter auf seinen Anteil.“
Clara pfiff leise.
„Dann hat er also eine Urkunde aufgesetzt, in der er ein Haus verteilt, das ihm nicht gehört.“
„Nicht einmal zur Hälfte.“
„Emilia.“
„Ja.“
„Das ist nicht dumm. Das ist peinlich.“
Ich nickte.
„Er hatte immer schlechte Anwälte“, sagte ich. „Er hat die billigen genommen, weil er glaubte, er bezahle nur für die Marke. Er wusste nicht, dass man bei Anwälten für die Arbeit bezahlt.“
—
Eine Weile sagten wir nichts.
Der Kaffee war jetzt lauwarm. Ich trank ihn trotzdem. Ich bekam den Kaffee aus dem Automaten in der Cafeteria nicht hinunter, seit ich hier war.
„Du brauchst einen Anwalt“, sagte Clara.
„Ich habe einen.“
„Du hast einen, von dem ich nicht wusste?“
„Dr. Weber.“
„Weber.“ Sie wiederholte den Namen, als erinnere sie sich. „Der alte Freund deines Vaters.“
„Ja.“
„Der mit der Kanzlei in der Briennerstraße.“
„Ja.“
„Lebt der noch?“
„Vierundsechzig.“
„Also nein, was die Präsenz im Internet angeht. Aber ja. Gut.“
Sie nickte wieder.
„Ruf ihn an.“
„Ich rufe ihn an, sobald ich hier raus bin.“
„Wann bist du hier raus?“
„Übermorgen, wahrscheinlich.“
„Gut.“
—
Sie sah mich an.
„Emilia.“
„Ja.“
„Du kannst bei mir wohnen.“
Ich schwieg.
„Das Gästezimmer ist frei“, sagte sie. „Das ist es immer. Du kannst da bleiben, solange du willst. Einen Tag, zwei Wochen, ein halbes Jahr. Nicols Zimmer ist nebenan, aber er ist fast nie da. Er schläft bei Marie. Er heiratet sie irgendwann, wenn sie es ihm erlaubt.“
Ich lächelte zum ersten Mal an diesem Morgen.
„Danke.“
„Das ist kein Danke. Das ist ein Ja.“
„Clara.“
„Sag ja.“
Ich sah zum Fenster.
„Ich gehe in die Villa.“
„In das Haus?“
„Ja.“
„Emilia.“
„Er ist weg, Clara. Seine Sachen sind weg. Frau Brandl hat mir gestern eine Nachricht geschickt. Er hat sie am Montag holen lassen.“
„Er wird zurückkommen.“
„Nein.“
„Er wird es versuchen.“
„Dann wird Frau Brandl ihn nicht hereinlassen.“
„Frau Brandl ist achtundsechzig.“
„Frau Brandl hat meine Mutter aus einem brennenden Topf gezogen, als ich neun war. Ich habe vor niemandem in meinem Leben mehr Respekt als vor Frau Brandl.“
Clara lachte. Kurz. Richtig.
„Gut“, sagte sie. „Dann geh in die Villa. Aber du kommst am Wochenende zu mir. Am Samstag. Ich koche.“
„Du kannst nicht kochen.“
„Ich bestelle. Wir essen bei mir auf dem Balkon. Und wenn es kalt ist, in der Küche.“
„Gut.“
—
Sie stand auf.
Sie nahm ihren Mantel, aber sie zog ihn nicht an. Sie hielt ihn über dem Arm. Sie sah sich im Zimmer um, so wie sie es immer tat, wenn sie etwas überprüfen wollte, ohne es zu sagen.
„Barbara ist nett“, sagte sie.
„Sehr.“
„Ich habe ihr unten Kaffee mitgebracht.“
„Das weiß ich.“
„Woher?“
„Weil sie mir einen in die Hand gedrückt hat, der nicht aus der Cafeteria stammte.“
Clara lachte wieder.
„Ich gehe jetzt. Ich habe um zehn einen Kunden. Ein neues Start-up. Die sind alle achtundzwanzig und glauben, sie hätten den Markt für Müsli erfunden.“
„Viel Glück.“
Sie blieb an der Tür stehen. Sie drehte sich noch einmal um.
„Emilia.“
„Ja.“
„Hast du mir etwas nicht gesagt?“
Ich sah sie an.
Ich überlegte einen Moment. Ich hätte ihr vom Stick erzählen können. Von den drei Ordnern. Von dem Namen Richter auf dem zweiten Ordner und dem namenlosen dritten mit dem Datum aus einem Herbst vor vielen Jahren.
Ich tat es nicht. Noch nicht.
Nicht, weil ich Clara nicht traute. Ich traute ihr. Ich traute ihr mehr als jedem anderen Menschen, der mir in den letzten zwölf Jahren begegnet war.
Aber manche Dinge sagt man erst, wenn man weiß, was sie bedeuten.
„Nein“, sagte ich. „Nichts Wichtiges. Noch nicht.“
Sie nickte.
„Dann frage ich dich am Samstag wieder.“
„Gut.“
„Frag mich auch etwas, wenn du willst.“
„Was?“
„Irgendetwas. Nicht alles muss über dich und ihn gehen.“
Sie ging.
Die Tür fiel zu.
Ich saß noch eine Weile. Der Pappbecher war leer. Das Licht im Zimmer hatte sich in der Stunde, die sie dagewesen war, verändert. Es war heller geworden, als sei draußen jemand aus den Wolken getreten.
Ich legte die Hand wieder unter das Kissen.
Der Stick war noch da.
Ich wusste nicht, wann ich ihn Weber geben würde. Ich wusste nicht einmal, ob ich ihn ihm geben würde.
Aber ich wusste, dass ich eine Freundin hatte, die mir ein Gästezimmer anbot und am Samstag nicht kochte.
Das war heute genug.