Kapitel 77: Anne
Anne kam am Mittwoch um halb vier in mein Büro.
Ich saß an dem Schreibtisch, der bis vor einer Woche Marks Schreibtisch gewesen war. Frau Lehmann hatte sie heraufbegleitet, leise an der Tür geklopft und mir nur einen kurzen Blick zugeworfen. Ich hatte genickt. Sie hatte sich zurückgezogen.
Anne stand in der Tür.
Sie trug ein dunkelgraues Kostüm, schlicht, etwas zu groß. Ihre Haare hatte sie zurückgebunden. In den Händen hielt sie eine schmale Mappe, die sie nicht abzulegen wagte.
„Frau Richter.“
„Anne. Bitte kommen Sie herein.“
—
Sie schloss die Tür hinter sich.
Sie blieb zwei Schritte hinter dem Stuhl stehen, der vor meinem Schreibtisch stand. Sie wartete, bis ich ihr den Stuhl anbot. Ich tat es.
„Bitte setzen Sie sich.“
Sie setzte sich.
Sie legte die Mappe auf den Schoß. Sie hielt sie mit beiden Händen fest.
Ich sah sie einen Augenblick an.
Sie war jünger, als ich sie in Erinnerung hatte. Vielleicht weil sie in den letzten Wochen schmaler geworden war. Vielleicht weil sie heute keine Sekretärin von jemandem mehr war.
„Sie haben um diesen Termin gebeten“, sagte ich.
„Ja.“
„Bitte.“
Sie öffnete den Mund. Sie schloss ihn wieder. Sie sah auf die Mappe.
Ich wartete.
Ich hatte gelernt, dass Stille in solchen Momenten eine Großzügigkeit war. Niemand sollte gezwungen sein, schneller zu sprechen, als er sprechen konnte.
—
„Frau Richter.“
„Ja, Anne?“
„Ich möchte Sie um eine Stelle bitten.“
Sie sagte es geradeaus, nachdem sie es einmal in sich selbst zurückgehalten hatte.
„Welche Stelle?“
„Die, die ich hatte. Sekretariat. Aber für Sie.“
„Sie waren Marks Sekretärin.“
„Ich war die Sekretärin des Vorstandsvorsitzenden.“
Sie sah einen Augenblick an mir vorbei.
„Die Stelle ist jetzt unbesetzt.“
„Sie ist nicht unbesetzt, Anne. Sie ist abgeschafft. Es gibt im Moment keinen Vorstandsvorsitzenden. Es gibt einen Sprecher der Geschäftsleitung und eine zweite Geschäftsführerin. Beide haben eigenes Sekretariat.“
„Ich weiß.“
„Was möchten Sie also?“
Sie atmete einmal.
„Ich möchte Ihre Sekretärin werden.“
—
Ich legte den Stift, mit dem ich gespielt hatte, auf den Tisch.
„Anne.“
„Ja?“
„Erklären Sie es mir.“
Sie sah mich an.
„Ich habe in den letzten neun Monaten Dinge gesehen, die ich nicht sehen wollte. Ich habe Briefe geöffnet, die ich nicht öffnen sollte. Ich habe Anrufe weitergeleitet, die ich nicht hätte weiterleiten sollen. Ich habe Termine in Kalender eingetragen, die nicht in einem Geschäftskalender hätten stehen dürfen.“
„Anne.“
„Ich habe einmal eine Adresse aus dem System gelöscht, weil mir ein Mitarbeiter gesagt hat, ich solle sie löschen. Ich habe nicht gefragt, warum. Ich habe nicht gefragt, wessen Adresse es war. Ich habe nur gelöscht.“
„Anne.“
„Frau Richter. Ich habe auch im Januar eine Mappe in den Schredder gelegt, in der die Korrespondenz mit der Berliner Bank lag. Ich wusste nicht, was darin stand. Ich wusste nur, dass Herr Hartmann sie loswerden wollte. Es war ein Freitagnachmittag. Niemand außer mir war auf der Etage.“
Ich schwieg einen Moment.
„Anne. Wissen Sie, dass die Mappe Kopien hatte?“
Sie sah mich an.
„Ich habe es vermutet.“
„Sie hatte Kopien, Anne.“
„Frau Richter, ich weiß nicht, ob Sie die Person zu sein wünschen, die diese Information hat.“
„Ich habe sie schon.“
Sie sah mich noch einmal an, einen Augenblick länger als zuvor.
Dann nickte sie.
„Verstanden.“
—
Ich stand auf.
Ich ging einen Schritt zum Fenster, drehte mich aber nicht um. Ich sah Anne, deren Spiegelbild ich im Fenster halb sah. Sie saß ruhig. Sie hatte die Hände jetzt nicht mehr auf der Mappe. Sie hatte sie nebeneinander auf den Knien.
„Anne, warum kommen Sie zu mir?“
„Weil ich nicht weggehen will.“
„Sie könnten woanders eine Stelle finden.“
„Ich könnte.“
„Aber?“
„Aber ich möchte, dass das, was ich in den letzten neun Monaten gesehen habe, an einer Stelle aufgehört hat. Ich möchte, dass es nicht in einem Lebenslauf weiterläuft, den mir jemand anders schreibt, der sich denken muss, was ich vielleicht weiß und vielleicht nicht weiß. Ich möchte hierbleiben. An einer Stelle, an der jemand weiß, was ich weiß.“
„Sie möchten hierbleiben, weil Sie Zeugin sein wollen.“
„Nein, Frau Richter. Ich möchte hierbleiben, weil ich aufhören möchte, Zeugin zu sein.“
—
Ich drehte mich um.
Ich sah sie an.
Sie war jung. Sie war achtundzwanzig oder dreißig. Sie war nicht dumm. Sie war eine Frau, die in einem Büro auf der Maximilianstraße neun Monate lang Dinge gesehen hatte und die jetzt in einem anderen Büro, nur fünf Türen weiter, eine zweite Chance suchte, ohne so zu tun, als hätte sie keine erste Chance gehabt.
„Anne, ich habe Bedingungen.“
„Bitte.“
„Erstens. Sie sprechen mit niemandem über das, was Sie in den letzten neun Monaten gesehen haben. Auch nicht mit Kollegen. Auch nicht mit einem Journalisten, der Sie irgendwann anrufen wird. Auch nicht mit Ihrer Mutter.“
„Verstanden.“
„Zweitens. Wenn jemand eine konkrete Frage hat, die Sie beantworten könnten, antworten Sie nicht. Sie verweisen an Doktor Weber.“
„Verstanden.“
„Drittens. Sie nennen mich nicht Frau Richter, wenn andere im Raum sind, deren Vertrauen ich noch nicht habe. Sie nennen mich Frau Vorsitzende oder einfach gar nichts. Frau Richter ist mein Name in diesem Haus, aber er ist auch eine Aussage. Ich möchte, dass die Aussage nicht überdeckt, was wir tatsächlich tun.“
Sie sah mich kurz an.
„Verstanden.“
„Viertens. Das Gehalt wird das Gehalt einer Sekretärin der Vorsitzenden des Aufsichtsrats sein. Es ist nicht das Gehalt, das Sie vorher hatten. Es ist auch nicht weniger. Es ist anders strukturiert. Frau Lehmann wird Ihnen die Einzelheiten heute nachmittag aushändigen.“
„Verstanden.“
Ich hielt einen Augenblick inne.
„Fünftens, Anne.“
„Ja?“
„Wenn Mark Hartmann jemals versucht, durch Sie etwas zu erfahren — durch eine SMS, durch einen Anruf, durch ein zufälliges Treffen in einem Café Vorhölzer — dann sagen Sie mir das.“
„Verstanden.“
„Sie sagen es mir nicht aus Loyalität, Anne. Sie sagen es mir, weil das die Bedingung ist, unter der ich Sie behalte.“
„Verstanden, Frau Richter.“
—
Ich setzte mich wieder.
„Wann können Sie anfangen?“
„Morgen früh.“
„Morgen früh ist gut.“
Ich hielt einen Stift in der Hand. Ich schrieb auf einen Notizzettel die Wörter „Anne, ab morgen, Sekretariat Vorsitzende“.
Ich schob ihn nicht zu ihr.
Ich legte ihn auf einen kleinen Stapel.
„Frau Lehmann wird Ihnen das Schriftliche heute nachmittag geben.“
„Gut.“
Sie stand auf.
Sie hielt die Mappe noch immer in den Händen. Sie machte einen halben Schritt vor, einen halben zurück. Sie schien nicht zu wissen, ob sie mir die Hand geben sollte.
Ich gab sie ihr nicht.
Ich nickte ihr nur zu.
„Anne.“
„Ja?“
„Ich möchte Ihnen etwas sagen.“
„Bitte.“
„Ich nehme Sie nicht aus Mitleid. Ich nehme Sie auch nicht aus Großmut. Ich nehme Sie, weil Sie eine gute Sekretärin sind und weil ich eine brauche.“
„Frau Richter.“
„Ja?“
„Ich danke Ihnen.“
„Bitte.“
Sie ging zur Tür. Sie öffnete sie. Sie drehte sich noch einmal kurz um.
„Frau Richter.“
„Ja, Anne?“
„Es tut mir leid für die Mappe.“
Ich sah sie an.
„Anne, die Mappe hat eine Kopie. Es war nicht Ihre Mappe. Es war seine. Sie haben einen Auftrag ausgeführt, von dem Sie nicht wussten, was er bedeutete. Sie tragen einen kleinen Anteil. Er trägt den großen.“
Sie sah einen Augenblick auf den Boden.
„Frau Richter.“
„Ja?“
„Ich möchte den kleinen Anteil tragen.“
„Sie tragen ihn schon.“
Sie nickte. Sie ging.
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.
—
Ich blieb noch lange am Schreibtisch sitzen.
Ich legte den Notizzettel mit dem Wort „Anne“ obenauf den Stapel.
Ich nahm die Mappe, die heute Vormittag von Frau Dr. Bauer auf meinen Tisch gelegt worden war. Sie enthielt die kurzen Berichte aus den operativen Bereichen. Sie waren tatsächlich kurz. Eine Seite, höchstens anderthalb. Ich blätterte sie durch.
Auf der Seite über die Berliner Geschäfte stand ein Satz, der mir auffiel.
*Die Liquiditätslage hat sich in der vergangenen Woche um zwölf Prozent verbessert. Eine wesentliche Ursache liegt im Verkauf eines Privatfahrzeugs, dessen Erlös in eine kurzfristige Verbindlichkeit eingebracht wurde.*
Ich las den Satz noch einmal.
Ich legte das Blatt zur Seite.
Es war nicht das erste Mal, dass ich an diesem Vormittag etwas las, was mir ein anderer hatte mitteilen wollen, ohne es mir direkt zu sagen.
—
Frau Lehmann klopfte.
„Frau Richter. Frau Brandl ist am Telefon.“
„Bitte verbinden Sie.“
Frau Brandl kam selten ins Büro durch.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Ich wollte Ihnen nur kurz mitteilen. Der Garagist von der Werkstatt in der Holbeinstraße hat heute angerufen. Er fragte, ob Sie wüssten, wer für Herrn Hartmann den Termin am Freitagvormittag gemacht hat.“
„Welchen Termin?“
„Den Verkauf des Wagens.“
„Den Verkauf?“
„Herr Hartmann hat seinen Wagen am Freitagvormittag in der Werkstatt abgegeben. Er wird verkauft. Der Garagist sagte, er habe die Information weitergegeben, weil er nicht wisse, wem in der Hartmann Gruppe das gegebenenfalls eine Mitteilung wert wäre.“
Ich schwieg.
„Frau Richter?“
„Ja, Frau Brandl. Ich habe es gehört.“
„Soll ich dem Garagisten antworten?“
„Sagen Sie ihm, er soll seinen üblichen Geschäftsgang gehen. Es ist eine private Angelegenheit von Herrn Hartmann. Sie geht uns nichts an.“
„Verstanden.“
Sie zögerte.
„Frau Richter.“
„Ja?“
„Es war ein guter Wagen.“
„Ich weiß, Frau Brandl.“
Sie legte auf.
—
Ich saß noch einen Augenblick still.
Ich nahm das Blatt mit dem Berliner Bericht. Ich legte es in die untere Schublade des Schreibtisches.
Ich stand auf.
Ich ging zum Fenster.
Auf dem Innenhof stand Marks Auto immer noch auf seinem alten Stellplatz.
Ich sah es einen Augenblick an.
Dann verstand ich, dass es nicht mehr Marks Auto war.
Es war ein Auto, das nicht mehr abgeholt worden war.
—
Ich rief Schmidt an.
„Frau Richter.“
„Schmidt. Das Auto im Innenhof.“
„Ja, Frau Richter.“
„Es ist privat.“
„Ich weiß.“
„Es soll dort nicht stehen.“
„Ich werde Vogel heute Nachmittag verständigen. Er wird sich um die Abholung kümmern.“
„Gut.“
„Frau Richter.“
„Ja, Schmidt?“
„Ich hatte gehofft, dass Sie das veranlassen würden. Es ist eine kleine Sache. Aber sie hat seit gestern alle, die durch den Innenhof gehen, beunruhigt.“
„Verstehe.“
„Es war Ihre Aufgabe, sie zu beruhigen.“
„Ich weiß.“
Er legte auf.
Ich saß noch einen Augenblick still.
Dann verstand ich auch das. Schmidt hatte mich nicht anrufen müssen. Schmidt hätte das Auto selbst abschleppen lassen können, ohne ein Wort. Er hatte mir den Anruf überlassen, weil er wusste, dass es ein Anruf war, den ich tun sollte. Er hatte mir die Geste überlassen, die meine zu sein hatte.
Es war keine kleine Lektion.
Es war die erste Lektion, die ein neuer Vorstand braucht. Auch das Kleinste muss von der Stelle aus geregelt werden, an der es zu regeln ist. Und nirgends sonst.
Schmidt war ein Mann, der mir das ohne Worte beigebracht hatte.
—
Am nächsten Morgen war Anne pünktlich um acht im Vorzimmer.
Sie hatte die Schreibtische schon eingeräumt. Sie hatte einen kleinen Pflanzentopf auf eine Ecke gestellt, eine grüne, schmale Pflanze, die ich nicht kannte. Sie hatte eine Mappe mit Briefpapier vorbereitet, das den Namen *Hartmann Gruppe* in einer einfacheren Schrift trug, als wir es bisher gehabt hatten. Sie hatte das Briefpapier am Vorabend in der Hausdruckerei umstellen lassen, ohne dass ich es ihr aufgetragen hätte.
„Anne.“
„Ja, Frau Richter?“
„Wer hat den Auftrag gegeben?“
„Ich. Frau Lehmann hat unten in der Hausdruckerei nachgefragt, was möglich ist. Ich habe mir die Probebögen ausgesucht. Ich hoffe, Sie haben damit kein Problem.“
„Ich habe damit kein Problem.“
Sie nickte.
„Dann bringe ich Ihnen jetzt den Tee.“
Sie ging zum Wasserkocher.