Kapitel 30: Mark ruft an
Es war ein Montag. Ein ganz normaler Montag.
Ich hatte am Morgen mit Dr. Weber telefoniert. Er hatte mir gesagt, dass Heinrich Altmann ihn am Freitag angerufen hatte, auf meinen Vorschlag hin, und dass sie für Mittwoch einen Termin in der Kanzlei hatten. „Er kommt nicht in Ihre Wohnung, Frau Richter, das ist ihm wichtig“, hatte Weber gesagt. „Er kommt zu mir. Das ist seine Grenze, und ich respektiere sie. Ich sage Ihnen, was aus dem Gespräch wird, am Donnerstag.“
Ich hatte gesagt: „Gut.“
Ich hatte nichts mehr gefragt.
Ich hatte mein Handy auf den Schreibtisch gelegt, den Ton aus, das Vibrieren an, und war in den Garten gegangen, weil die Sonne zum ersten Mal seit Tagen durch die Wolken kam. Ich hatte eine kleine Runde gemacht, bis zur Buche am hinteren Zaun und zurück. Frau Brandl hatte mir eine Tasse Tee mitgebracht, als ich zurückkam, und ich hatte gesagt: „Danke.“
Sie hatte gelächelt.
„Sie sehen besser aus als vor zwei Wochen.“
„Meinen Sie?“
„Ja.“
Sie ging wieder ins Haus.
—
Das Handy vibrierte um elf Uhr.
Ich hatte es im Arbeitszimmer gelassen, auf dem Schreibtisch, als ich in die Küche gegangen war, um einen zweiten Tee zu holen. Ich hörte es summen, bevor ich den Wasserkessel abstellte. Das Summen war lang.
Ich ging zurück.
Ich nahm das Handy. Ich sah auf das Display.
MARK HARTMANN.
Ich hatte seinen Namen nicht entfernt. Ich hatte nie daran gedacht, es zu tun. Er hatte dort gestanden, seit ich das Handy hatte. Er stand dort als Mark Hartmann, nicht als Mark oder als Schatz oder als M., wie ich es manchmal in den ersten Jahren gespeichert hatte. Für den Telefonvertrag, für Steuerformulare, für Notfälle war die Vollform praktisch.
Das Handy summte weiter.
Es summte zum zweiten Mal.
Ich legte es wieder auf den Schreibtisch.
Ich setzte mich.
Ich sah es an.
Das Handy summte zum dritten Mal. Zum vierten. Zum fünften.
Ich saß.
Ich nahm nicht ab.
Ich sah auf das Display, ohne es anzufassen. Der Name blieb stehen.
—
Es gab einen Teil meiner Hand, der seit siebzehn Jahren so trainiert war, dass er auf das Vibrieren dieses Namens reagierte. Der Teil wollte jetzt abnehmen. Er wollte es nicht aus Liebe. Er wollte es aus Gewohnheit. Er wollte es, weil das Handy auf dem Schreibtisch lag und sich sieben Sekunden bewegte, und weil ein Anruf in meiner Erfahrung ein Ding war, auf das eine Frau reagierte, die in einer Firma mitgearbeitet hatte, die formal ihrem Mann gehörte.
Ich lehnte mich zurück.
Ich legte die Hände auf den Tisch, mit den Handflächen nach unten, weil mein Vater das manchmal getan hatte, wenn er nachdenken wollte und seine Hände stillhalten musste.
Ich atmete einmal aus.
Das Handy vibrierte zum siebten Mal.
Zum achten.
Zum neunten.
Zum zehnten.
Dann hörte es auf.
Eine Sekunde Stille. Ein neues Summen. Der Ton, der eine Nachricht auf der Mailbox anzeigt.
Ich rührte mich nicht.
Ich sah das Handy an, bis es wieder dunkel wurde. Dann schob ich es mit zwei Fingern vom Schreibtisch weg, ein paar Zentimeter, näher zur Schreibunterlage. Ich legte eine Postkarte darüber, die auf dem Schreibtisch lag, eine Postkarte aus Salzburg, die Jan mir vor Monaten geschickt hatte. Die Karte deckte das Handy nicht ganz zu, nur einen Teil des Displays. Das genügte. Man musste es nicht ansehen können, um zu wissen, dass es da war.
—
Ich stand auf.
Ich ging in die Küche.
Frau Brandl war dort. Sie hatte gehört, dass das Handy oben vibriert hatte. Sie sagte nichts. Sie fragte nichts. Sie stellte mir eine neue Tasse Tee hin.
„Er hat angerufen“, sagte ich.
„Ich habe es gedacht.“
„Ich habe nicht abgenommen.“
„Gut.“
Mehr sprach ich darüber nicht. Frau Brandl auch nicht. Wir tranken beide unseren Tee.
Nach einer Viertelstunde sagte sie:
„Haben Sie die Mailbox gehört?“
„Nein.“
„Haben Sie vor, sie zu hören?“
„Später.“
„Gut.“
Sie räumte zwei Tassen ein. Sie drehte das Wasser an und drehte es wieder ab, weil sie sich entschied, die Tassen nicht jetzt, sondern nach dem Mittagessen zu spülen.
„Frau Hartmann.“
„Ja.“
„Wenn er wieder anruft, wird es ihn stören.“
„Das glaube ich auch.“
„Ihn stört nichts mehr, als wenn er nicht weiß, ob ein Mensch zu Hause ist.“
„Ja.“
—
Ich ging zurück ins Arbeitszimmer.
Ich räumte den Schreibtisch kurz auf, ohne eine Absicht. Ich verschob den Stift nach links. Ich legte zwei Papiere übereinander. Die Postkarte von Jan blieb über dem Handy liegen. Ich ließ sie dort.
Ich las eine halbe Stunde in dem Buch, das Margot mir geliehen hatte. Ich verstand nicht jede Zeile. Die Frau von Stein schrieb an einen Mann in Weimar, den ich mir nicht gut vorstellen konnte. Aber ich verstand ihren Ton. Sie schrieb ruhig. Sie schrieb mit einer Zurückhaltung, die auch ein Ja enthalten konnte, wenn sie nein schrieb.
Nach einer halben Stunde legte ich das Buch weg.
Ich ging nach unten.
—
Ich aß Mittag mit Frau Brandl in der kleinen Küchenecke.
Sie hatte eine klare Suppe gemacht, und danach gab es Brot und Käse. Nicht viel. Wir sprachen nicht viel. Draußen fuhr ein Postauto vorbei. Ich hörte, wie ein Brief durch den Schlitz der Haustür fiel.
„Holen Sie ihn?“, fragte Frau Brandl.
„Später.“
Wir aßen zu Ende.
Ich ging dann doch und holte den Brief. Er war eine Werbebroschüre einer Münchner Galerie, die ich nicht mehr besuchte. Ich legte ihn auf den Stapel.
Als ich zurück in den Flur trat, vibrierte das Handy oben wieder.
Ich hörte es durch zwei Stockwerke hindurch, weil das Haus so still war.
Ich ging nicht hinauf.
Ich setzte mich in den Sessel in der Eingangshalle. Ich saß dort, eine Hand auf der Armlehne, und wartete.
Das Handy vibrierte weiter. Ich zählte nicht mehr.
Irgendwann hörte es auf.
Dann war es wieder still.
—
Ich ging nach einer Weile doch hinauf.
Ich nahm die Postkarte von Jan vom Handy. Ich drückte den Knopf.
Zwei entgangene Anrufe von Mark Hartmann.
Zwei Sprachnachrichten.
Ich hörte die erste nicht ab.
Ich hörte die zweite nicht ab.
Ich drückte auf „Löschen, alle“. Ich tat es ohne Gefühl. Ich tat es, wie man einen Stapel alter Werbung in einen Papierkorb wirft. Ich hatte nicht die Absicht, sie nicht zu hören. Ich hatte nicht die Absicht, sie zu hören. Ich hatte keine Absicht. Ich hatte die Sicherheit, dass die Nachrichten nichts enthielten, was ich nicht schon wusste. Was er mir sagen wollte, hatte sich in dem Moment erledigt, in dem er es auf einen Anrufbeantworter gesprochen hatte, den ich nicht einschaltete.
Ich legte das Handy wieder hin.
Ich schaltete den Ton diesmal ganz aus, auch das Vibrieren. Ich legte die Postkarte von Jan zurück auf den Schreibtisch, neben das Handy, nicht darüber.
Ich machte das Fenster auf.
Kalte, weiche Luft kam herein. Ich stand am Fenster. Ich atmete langsam. Ich roch die erste Ahnung von etwas Grünem, das vielleicht Frühling werden würde.
—
Ich schrieb ins Heft.
Datum. Zwei Worte.
„Mark: geklingelt.“
Ich fügte eine kleine Zeile hinzu, in kleinerer Schrift, weil ich nicht sicher war, ob sie hineingehörte.
„Nicht abgenommen.“
Ich sah den Satz an. Er war nicht eitel. Er war eine Tatsache. Ich ließ ihn stehen.
Ich schloss das Heft.
Ich ging nach unten.
—
Clara rief abends an.
Wir telefonierten nicht lange. Sie hatte einen Kundentermin gehabt, der länger gewesen war als geplant, und sie war müde. Ich erzählte ihr nichts von Mark, weil es nichts zu erzählen gab.
„Wie war der Montag?“, fragte sie.
„Ruhig.“
„Gut.“
Wir legten auf.
Ich ging in den Garten.
Die Luft war jetzt kälter als am Morgen. Die Abende waren noch kühl, obwohl die Mittage schon weich wurden. Ich blieb eine Weile an der Buche am hinteren Zaun stehen. Ich sah zur Villa zurück. Vom Garten aus sah das Haus anders aus. Größer, als es sich von innen anfühlte. Ein Haus mit vielen Fenstern, die alle dunkel waren, bis auf zwei in der Küche, in denen Frau Brandl vor dem Gehen noch das Licht hatte brennen lassen.
Ich stand dort eine Minute. Zwei. Dann ging ich zurück.
Im Flur schloss ich die Haustür.
Ich schloss sie von innen ab.
Das tat ich jeden Abend. An diesem Abend tat ich es ein wenig langsamer, weil mir die Geste gefiel.
—
Im Mädchenzimmer zog ich die Vorhänge einen Spalt zu. Ich legte mich hin. Ich ließ das Handy nicht neben dem Bett. Ich ließ es unten im Arbeitszimmer. Das war neu.
Ich dachte kurz nach, ob ich Mark morgen zurückrufen würde.
Ich dachte nicht lange nach.
Ich würde ihn nicht zurückrufen.
Nicht aus Trotz. Nicht aus Stolz. Nicht, weil ich etwas damit machen wollte. Nicht, um ihn zu ärgern.
Ich würde ihn nicht zurückrufen, weil ich ihm nichts mehr zu sagen hatte. Alles, was ich zu ihm hätte sagen müssen, hatte ich mir selbst längst gesagt, in den Nächten nach der Rückkehr aus dem Klinikum. Was übrigblieb, waren Fragen, die Weber beantwortete, und Dinge, die andere Leute regelten. Mark war nicht mehr mein Gesprächspartner für irgendetwas. Er war jemand, den ich früher einmal geheiratet hatte.
Die Stille im Zimmer war angenehm.
Ich dachte an Margot.
Sie würde diesen Satz schätzen. Nicht „Die Stille war angenehm.“ Das war zu klein. Sondern: „Die Stille war schön.“
So sagte man das.
Die Stille war schön.
—
Ich schlief früh ein.
Draußen fuhr einmal ein Auto die Straße hinunter. Ich hörte die Räder auf dem Asphalt, dann waren sie weg.
Ich wachte in dieser Nacht nicht auf.
—
Am nächsten Morgen, beim Frühstück, sah Frau Brandl mich kurz von der Seite an.
„Haben Sie gut geschlafen?“
„Ja.“
„Sie sehen ausgeruht aus.“
„Ich habe das Handy unten gelassen.“
Sie nickte, als sei das eine sehr angemessene Entscheidung.
„Mein Mann hat mir einmal gesagt, das Schlafzimmer sei der einzige Raum, in dem man die Welt nach draußen lassen darf. Ich habe gedacht, das sei altmodisch. Ich denke heute, es war richtig.“
„Ja.“
„Kaffee?“
„Ja.“
Sie schenkte ein. Sie schob mir die Zeitung zu. Auf der Wirtschaftsseite, zwei Spalten rechts unten, stand eine kurze Notiz über die Hartmann Gruppe, die einen Investor verloren habe. Keine Namen. Nichts Genaues. Nur ein Hinweis. Der Satz war ruhig geschrieben. Er hätte einen Journalisten genannt, der auf eine Gelegenheit wartete. Ich las ihn einmal. Ich las ihn nicht zweimal.
Ich legte die Zeitung weg.
„Heute machen wir nichts Besonderes“, sagte ich zu Frau Brandl.
„Gut.“
—
Ich arbeitete den Vormittag an dem Plan für Frau von Randow. Ich trank noch einmal Tee. Ich telefonierte kurz mit Clara, über nichts Wichtiges. Ich rief Dr. Weber nicht an. Er würde am Donnerstag von sich aus anrufen.
Das Handy lag oben auf dem Schreibtisch, stumm, mit der Postkarte aus Salzburg daneben. Es vibrierte in der ganzen Woche nicht mehr. Ich sah einmal am Freitag darauf. Keine neuen Nachrichten. Keine Anrufe. Ich schaltete den Ton nicht wieder an.