Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 35: Sophia in der Villa

Es war Freitagnachmittag, kurz nach vier.

Ich saß im Wintergarten mit einem Buch. Der Regen vom Vorabend hatte aufgehört, aber der Himmel war grau geblieben, und der Garten hatte die feuchte, dunkle Farbe, die April in Bogenhausen annehmen kann, wenn die Sonne eine Woche lang nicht wirklich durchkommt.

Frau Brandl erschien in der Tür zum Salon.

„Frau Hartmann.“

Sie machte eine kurze Pause. Das machte sie nur, wenn sie etwas Ungewöhnliches sagen wollte.

„Jemand steht vor der Tür.“

Ich legte das Buch zur Seite.

„Wer?“

„Fräulein Brenner.“

Ich sah sie an.

„Sophia.“

„Ja.“

„Allein?“

„Allein.“

Ich stand auf. Ich ging an der Glaswand vorbei zum Fenster, das auf die Auffahrt ging. Ein kleiner roter Wagen, ein Mini, parkte halb auf der Einfahrt und halb auf dem Rasen, als wäre die Fahrerin sich nicht sicher gewesen, ob sie die Zufahrt ganz hereinfahren durfte.

Eine Frau stand vor dem Eingangsportal. Mantel, keine Handtasche. Die Hände in den Manteltaschen, das Haar zurückgebunden.

Von oben konnte ich nicht viel sehen. Ich konnte nur sehen, dass sie schon eine Weile dort stand.

„Hat sie geklingelt?“

„Ja. Ich habe gesagt, ich frage, ob Sie heute Besuch empfangen. Ich habe sie draußen stehen lassen.“

„Das war richtig.“

Ich sah noch einen Moment.

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Lassen Sie sie rein.“

Frau Brandl sah mich kurz an. Sie fragte nicht. Sie nickte. Sie ging hinunter.

Ich blieb oben am Fenster und sah, wie die Haustür aufging, wie Sophia einen kurzen Schritt ins Vestibül machte, wie Frau Brandl ihr den Mantel abnahm und auf den Korbschirmständer legte.

Dann ging ich langsam die Treppe hinunter.

Ich nahm mir Zeit. Ich hatte nicht besonders geübt, aber ich hatte eine Frau, die mehrere Monate im Klinikum verbracht hatte, und ich ging so, wie eine solche Frau die Treppe hinuntergeht — mit einer Hand am Geländer, ohne Hast.

Sophia stand im Eingangsbereich, bei den Narzissen.

Sie war kleiner, als ich gedacht hatte. Auf den Bildern, die ich gesehen hatte, hatte sie anders gewirkt — größer, kantiger. In Wirklichkeit war sie fein. Schmal. Sorgfältig.

Sie trug eine einfache dunkelblaue Bluse, schwarze Hose, flache Schuhe. Ich hatte etwas Auffallenderes erwartet. Etwas, das einem sagen sollte, dass die Frau hier gewann.

Aber das war nicht die Frau, die da stand.

Sie sah mich an. Einen Moment lang. Länger als höflich, kürzer als unhöflich.

„Frau Hartmann.“

„Frau Brenner.“

„Danke, dass Sie mich hereinlassen.“

„Sie sind da. Darüber reden wir später.“

Frau Brandl blieb im Vestibül. Sie sah mich kurz an — ich nickte, kaum merklich —, und sie verschwand in die Küche. Nicht weit. Sie würde in Hörweite bleiben. Das war ein Teil ihrer Treue, den ich nicht aufgeschrieben hatte.

„Kommen Sie in den Salon.“

Ich ging voran.

Der Salon war der Raum im Haus, den ich am wenigsten benutzte. Er war groß, kühl, an den Wänden alte Porträts. Es war der Raum, in dem mein Vater früher Geschäftsfreunde empfangen hatte. Er hatte einen flachen Kamin und zwei Sofas aus gelblichem Leder, die ich nicht mochte. Aber er war der richtige Raum für dieses Gespräch.

Ich zeigte ihr eines der Sofas.

„Nehmen Sie Platz.“

Sie setzte sich. Sie setzte sich mit einer Höflichkeit, die mir auffiel. Nicht verhandelnd, nicht vorsichtig, nur — mit einer Art Respekt vor dem Raum.

Ich setzte mich ihr gegenüber.

„Möchten Sie etwas trinken?“

„Nein, danke.“

„Wasser?“

„Nein.“

„Kaffee?“

„Nein. Wirklich nicht.“

„Gut.“

Ich legte die Hände in den Schoß.

„Warum sind Sie hier?“

Sie sah mich an. Sie sah mich genau an.

„Ich wollte wissen, wer Sie wirklich sind.“

Ich lachte nicht. Ich schwieg einen Moment.

„Warum?“

„Weil es wichtig wird.“

Das war präzise. Das war präziser, als ich von ihr erwartet hatte.

„Wichtig für wen?“

„Für mich.“

Ich beobachtete sie. Ich beobachtete die Art, wie sie auf der Sofakante saß — nicht zu weit hinten, aber auch nicht vorgebeugt. Wie sie die Hände hielt. Wie sie die Nase ein wenig zu den Narzissen hin gerichtet hatte, ohne nach ihnen zu sehen.

„Das ist eine ungewöhnliche Frage, Frau Brenner.“

„Die Situation ist ungewöhnlich.“

„Nicht so ungewöhnlich, wie Sie denken. Aber wir können so tun, als ob.“

Sie schluckte einmal.

„Frau Hartmann, ich bin nicht hier, um Ihnen etwas wegzunehmen. Ich habe Ihnen längst etwas weggenommen, wenn man es so nennen will. Ich bin auch nicht hier, um mich zu entschuldigen. Das würde Ihnen nicht weiterhelfen und mir auch nicht.“

„Warum dann?“

„Mark spricht seit einer Woche von niemandem als Ihnen.“

Ich sagte nichts.

„Er sagt Ihren Namen nicht. Aber er redet nur noch von der Frau, die ihm die Vollmacht entzogen hat. Von der Frau, die die Unterlagen hat, die er nicht hat. Er redet nicht wütend. Er redet — ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll.“

„Er redet beunruhigt.“

Sie sah mich an.

„Ja. Genau. Beunruhigt.“

Sie legte die Hände kurz auf die Knie, dann wieder zurück.

„In den neun Monaten, in denen wir zusammen sind, hat Mark nie beunruhigt gewirkt. Nicht einmal. Er wirkt beschwert, er wirkt ungeduldig, er wirkt fröhlich, er wirkt selbstgefällig. Er wirkt nicht beunruhigt.“

„Und jetzt schon.“

„Jetzt schon.“

Ich dachte nach. Ich dachte nicht über Sophia nach. Ich dachte darüber, wie oft ich Mark in zwölf Jahren beunruhigt gesehen hatte. Dreimal, vielleicht. Und alle drei Male hatte er beunruhigt gewirkt, weil ihn jemand, den er nicht kontrollieren konnte, in eine Situation gebracht hatte, in der er nicht die oberste Autorität war.

Es ist ein Mann, dachte ich, der immer nur die Autorität erkennt, nachdem er sie bereits verloren hat.

„Frau Brenner“, sagte ich. „Sie sind heute nicht hier, weil Mark beunruhigt ist. Sie sind heute hier, weil Sie selbst es sind.“

Ihr Gesicht blieb gleich. Aber sie brauchte eine halbe Sekunde zu lang, um zu antworten.

„Vielleicht.“

„Nicht vielleicht.“

„Gut. Ja. Ich bin es auch.“

„Sagen Sie mir, warum.“

Sie atmete ein.

„Mark hat mich vor zwei Tagen gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, einen der Wagen zu übernehmen. Nicht kaufen, nur — auf meinen Namen anmelden. Vorübergehend.“

„Welchen Wagen?“

„Den Jaguar.“

„Haben Sie ja gesagt?“

„Ich habe gesagt, ich denke darüber nach.“

„Haben Sie?“

„Ja. Ich habe darüber nachgedacht.“

„Und?“

„Ich habe verstanden, dass er zum ersten Mal seit neun Monaten eine Frage gestellt hat, auf die er keine fertige Antwort hatte. Das war die interessante Sache. Nicht der Wagen.“

Ich nickte.

Das war sie. Das war die eigentliche Sophia, und sie war, anders als ich es mir in den siebzehn Monaten seit Rottach-Egern vorgestellt hatte, nicht dumm. Sie war auch nicht intrigant. Sie war nur eine junge Frau, die gelernt hatte, Männer schnell einzuschätzen — wahrscheinlich, weil sie musste.

Ich verstand auf einmal, warum sie gekommen war.

Sie war gekommen, um zu sehen, wer Mark verlor, während sie selbst noch an seiner Seite stand.

„Frau Brenner.“

„Ja.“

„Ich werde Ihnen keine Auskunft über Marks Firma geben.“

„Das erwarte ich nicht.“

„Ich werde Ihnen auch keinen Rat geben.“

„Das erwarte ich noch weniger.“

„Aber Sie möchten etwas wissen.“

Sie schwieg. Sie sah mich wieder an. Länger.

„Ich möchte wissen, ob Sie — —“

Sie brach ab. Sie suchte das Wort.

„Ob ich was?“

„Ob Sie ihn hassen.“

Ich sah durch die hohen Fenster in den grauen Garten hinaus. Der Flieder stand dort, unverschnitten, und die Narzissen im Vestibül dufteten durch die offene Salontür.

„Nein“, sagte ich. „Das ist zu viel Arbeit.“

Sophia senkte für einen Moment den Blick.

Als sie wieder aufsah, war etwas anderes in ihrem Gesicht. Nicht viel. Eine kleine Bewegung.

„Frau Hartmann“, sagte sie. „Ich glaube, ich trinke doch ein Wasser.“

Ich stand auf.

„Frau Brandl.“

Frau Brandl war in Sekundenschnelle in der Tür, als hätte sie dort gewartet. Das hatte sie wahrscheinlich.

„Zwei Gläser Wasser, bitte.“

„Gern.“

Sie ging.

Sophia und ich saßen einen Moment schweigend. Draußen begann der Regen wieder, leise, dieser April-Regen, der nicht entscheiden kann, ob er tatsächlich regnen möchte.

„Frau Brenner“, sagte ich. „Sie sind länger geblieben, als ich erwartet habe.“

„Ich weiß.“

„Das ist keine Kritik.“

„Ich weiß.“

Frau Brandl kam mit dem Tablett.

Wir tranken das Wasser. Langsam. Als wäre es etwas anderes.

„Sie haben ein schönes Haus“, sagte Sophia in die Stille.

„Danke.“

„Ich bin noch nie so nah an dem Haus gewesen.“

„Nicht einmal mit ihm?“

„Nein. Er hat mir die Villa gezeigt, von außen. Einmal, im vergangenen Jahr. Wir sind mit dem Wagen einmal um den Block gefahren.“

„Und er hat nicht gehalten?“

„Er wollte halten. Ich habe gesagt, er solle weiterfahren.“

Ich sah sie an.

„Warum?“

„Weil ich nicht davor stehen wollte, ohne hineingegangen zu sein. Das macht etwas mit einer Person. Davor zu stehen, ohne einzutreten.“

Ich fand die Antwort richtig.

„Sie sind eine erwachsenere Frau, als ich erwartet hatte, Frau Brenner.“

„Ich bin achtundzwanzig. Das ist erwachsen genug für manche Dinge.“

„Ja.“

Sie sah an der Wand entlang.

„Dieses Haus“, sagte sie, „fühlt sich an wie ein Haus, in dem jemand entschieden hat. Marks Wohnung fühlt sich an wie eine Wohnung, in der jemand wartet.“

Ich legte mein Glas ab.

„Sie reden wie jemand, die gerade verstanden hat, warum ihr Mann ihrem Mann nicht gewachsen ist.“

Sie sah kurz auf.

„Ich habe das vor Wochen verstanden, Frau Hartmann. Ich bin hier, weil ich wissen wollte, ob ich das richtig verstanden habe.“

„Und?“

„Ich habe es richtig verstanden.“

Wir sahen uns an. Nicht lange. Gerade lang genug, dass keine von uns das Schweigen als unhöflich empfinden musste.

Dann stand sie auf. Sie strich den Mantel in ihrer Vorstellung zurecht, der tatsächlich noch im Vestibül hing.

„Ich möchte Sie jetzt nicht länger aufhalten.“

„Sie halten mich nicht auf.“

„Das ist freundlich, aber es stimmt nicht ganz.“

Ich lächelte kurz. Sie hatte recht.

Später, als ich sie bis zur Tür begleitet hatte, sah ich ihr nach, bis sie in den Mini gestiegen war. Sie startete nicht sofort. Sie blieb einen Moment am Lenkrad, die Hände in beiden Lagen, und sah auf die Windschutzscheibe, als müsste sie sich den Rückweg aus dem Gedächtnis holen.

Dann startete sie, und sie fuhr langsam, sehr langsam die Einfahrt zurück. Am Gartentor hielt sie ein zweites Mal. Sie sah nicht zurück zum Haus. Sie sah nur nach rechts und nach links, wie man an einer Kreuzung schaut. Dann bog sie ein, und der Wagen verschwand hinter der Hecke des Nachbargrundstücks.

Ich schloss die Haustür.

Frau Brandl stand im Vestibül, die Hände gefaltet vor dem Schoß.

„Alles in Ordnung?“

„Alles in Ordnung.“

„Möchten Sie einen Tee?“

„Ja. Bitte. Gerne.“

Sie ging in die Küche.

Ich blieb im Vestibül. Ich sah auf die Narzissen. Ich hörte auf der Straße das Motorgeräusch eines zweiten Wagens, der nicht hielt, und dann war wieder Stille.

Ich dachte, im Gehen zum Wintergarten, an meine Mutter.

Meine Mutter war vierzehn Jahre tot, aber sie hatte mir einmal, lange vor ihrem Ende, einen Satz gesagt, den ich vergessen und nie vergessen hatte. Sie hatte ihn in der Küche gesagt, an einem Abend, an dem ich frisch verlobt war und ihr stolz von Marks Plänen erzählt hatte. Sie hatte zugehört, sie hatte genickt, und dann hatte sie den Spülschwamm abgelegt und gesagt:

„Emilia, wenn du einen Mann heiratest, der zehn Jahre älter ist als seine Art sein sollte, heiratest du einen Jungen, der sich für einen Mann hält. Das ist nicht dasselbe.“

Ich hatte damals gelacht. Ich hatte gedacht, das sei ein typischer Mutter-Satz, einer, den man notierte und nie anwendete.

Ich hatte ihn nie angewendet.

Und jetzt, dreizehn Jahre später, saß eine junge Frau in meinem Salon, die Mark wahrscheinlich besser einschätzte, als meine Mutter ihn damals eingeschätzt hatte, und meine Mutter war längst in ihrem Grab auf dem Waldfriedhof, und ich war die einzige Zeugin dafür, dass sie recht gehabt hatte.

Ich ging zurück in den Wintergarten.

Das Buch lag noch da. Ich las nicht. Ich saß nur.

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