Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 78: Der Wagen

Frau Brandl erzählte es mir am Donnerstagabend.

Sie kam in mein Arbeitszimmer, was sie sonst nur tat, wenn etwas im Haushalt geklärt werden musste. Sie blieb in der Tür stehen. Sie hatte ein Geschirrtuch in der Hand, das sie noch nicht abgelegt hatte.

„Frau Richter.“

„Frau Brandl.“

„Ich habe vorhin den Garagisten von der Holbeinstraße zurückgerufen, wie Sie gesagt haben.“

„Ja?“

„Er hat mir noch etwas erzählt. Ich weiß nicht, ob es Sie interessiert.“

„Bitte.“

Sie sah einen Augenblick auf das Tuch in ihrer Hand.

„Herr Hartmann ist am Freitag selbst gekommen, um den Wagen abzugeben. Mit einem Taxi. Er hat den Schlüssel auf den Tresen gelegt. Er hat den Vertrag unterschrieben. Er hat keinen Kaffee angenommen.“

„Hat der Garagist Ihnen das so erzählt?“

„Ja.“

„Warum?“

Sie zögerte.

„Er war mit Ihrem Vater befreundet, Frau Richter.“

„Mit meinem Vater?“

„Vor vielen Jahren. Sie haben am selben Tag Auto gefahren gelernt. Sie waren beide siebzehn. Ihr Vater war in der Werkstatt seines Vaters Lehrling, und der Garagist war der Sohn vom Nachbarn. Sie sind immer in Kontakt geblieben.“

„Das wusste ich nicht.“

„Es war auch nichts, was er Ihnen erzählen würde. Es ist eine alte Geschichte.“

Sie legte das Geschirrtuch über die Lehne eines Stuhls. Sie setzte sich nicht. Sie blieb in der Tür stehen.

„Er sagte, Herr Hartmann habe ausgesehen wie jemand, der in einem fremden Auto kommt.“

Ich verstand den Satz nicht sofort.

Dann verstand ich ihn.

„Frau Brandl.“

„Ja?“

„Wissen Sie, wie viel der Wagen gebracht hat?“

„Nein. Das hat er mir nicht gesagt. Es wäre ihm unangenehm gewesen.“

„Verstehe.“

Sie sah mich an.

„Frau Richter.“

„Ja?“

„Möchten Sie, dass ich morgen früh nochmals in der Holbeinstraße anrufe?“

„Nein, Frau Brandl. Es ist eine private Angelegenheit von Herrn Hartmann. Ich möchte sie nicht weiter verfolgen.“

„Verstanden.“

Sie nahm das Tuch wieder auf.

Sie blieb noch einen Moment stehen.

„Frau Richter.“

„Ja?“

„Ihr Vater hat einmal zu dem Garagisten gesagt, in einem Gespräch, das mir Ihre Mutter weitergegeben hat: ‚Ein Mann, der seinen Wagen verkauft, weil er ihn nicht mehr braucht, ist einer. Ein Mann, der ihn verkauft, weil er ihn nicht mehr halten kann, ist ein anderer.‘ “

„Und?“

„Es ist nicht meine Aufgabe, das zu unterscheiden, Frau Richter. Aber ich dachte, Sie sollten wissen, dass es einen Unterschied gibt.“

Sie nickte mir zu.

Sie ging.

Ich blieb am Schreibtisch sitzen.

Ich machte das Licht aus. Ich saß im Halbdunkel. Auf dem Tisch lagen die Berichte aus den operativen Bereichen, die Mappe von Heinrich Altmann, der Notizzettel mit Annes Namen.

Auf einem anderen Zettel hatte ich heute Nachmittag eine Zahl notiert.

*Liquidität +12 % — durch Verkauf Privatfahrzeug.*

Ich hatte sie hingeschrieben, weil ich sie hatte verstehen wollen.

Jetzt verstand ich sie.

Mark hatte den Wagen nicht verkauft, um Geld zu haben. Er hatte ihn verkauft, um Geld einzubringen. In einer der kurzfristigen Verbindlichkeiten der Hartmann Gruppe stand sein Name als Mitbürge. Er hatte vor einem Jahr eine Bürgschaft unterschrieben, die er nicht hätte unterschreiben dürfen. Schmidt hatte mir vor zwei Tagen davon erzählt, in einem Nebensatz.

Der Wagen war eine Bürgschaft auf seine Bürgschaft.

Er hatte ihn aus dem Privatvermögen verkauft, um eine Lücke zu stopfen, die er selbst geschaffen hatte.

Es war keine Maßnahme, die ihm jemand abverlangt hatte. Es war eine Maßnahme, die er selbst gewählt hatte, weil er den Brief der Bank vor sich gehabt hatte und nichts anderes mehr zur Hand.

Er war jemand, dem nur noch sein Wagen geblieben war.

Jetzt war er auch der nicht mehr.

Ich blieb noch lange im Halbdunkel sitzen.

Es war keine Genugtuung in mir.

Es war auch kein Mitleid.

Es war eine Beobachtung, ähnlich wie an dem Vormittag, an dem ich am Brunnen vor dem Hofgarten gestanden hatte. Eine Beobachtung, die ich registrierte, weil sie zu mir gehörte, und die ich nicht weiter ausbaute, weil ein Ausbau ihr Gewicht verzerrt hätte.

Mark hatte einen Wagen verkauft.

Mark hatte einen Anzug, der vielleicht nicht sein eigener gewesen war.

Mark würde am kommenden Montag aus der Wohnung am Englischen Garten ausziehen, weil sie zum Verkauf stand.

Mark würde im nächsten Vierteljahr versuchen, eine kleinere Wohnung zu finden, in einer Gegend, die nicht zur Maximilianstraße gehörte.

Und Mark würde, irgendwann in den nächsten Wochen, mit einem Bekannten an einem Tisch im Café Luitpold sitzen und versuchen, eine neue Geschäftsmöglichkeit zu eröffnen, die er ohne Wettbewerbsklausel und ohne Empfehlungsschreiben aus der Hartmann Gruppe nicht eröffnen können würde.

Ich wusste das alles, ohne ihm zu folgen.

Ich wusste es, weil ich ihn zwölf Jahre lang gekannt hatte.

Frau Brandl klopfte an.

Sie öffnete die Tür einen Spalt.

„Frau Richter.“

„Ja?“

„Sie sitzen im Dunkeln.“

„Ich weiß.“

Sie kam herein. Sie machte das Licht an. Sie zog die Vorhänge zu.

„Es ist halb zehn. Soll ich Ihnen einen Tee bringen?“

„Bitte.“

Sie ging.

Sie kam mit dem Tee zurück. Sie stellte die Tasse vor mich. Sie sah einen Augenblick auf die Mappen auf meinem Schreibtisch.

„Frau Richter.“

„Ja, Frau Brandl?“

„Ich habe heute Nachmittag im Wäscheschrank etwas gefunden.“

„Was?“

„Einen Stapel Hemden von Herrn Hartmann. Acht Stück. Sie hingen seit vergangenem Herbst dort. Ich hatte sie gewaschen, gebügelt, gefaltet. Sie sind nie wieder geholt worden.“

„Verstehe.“

„Soll ich sie wegwerfen?“

Ich überlegte.

„Nein.“

Sie sah mich an.

„Schicken Sie sie ihm.“

„Ihm?“

„Vogel hat mir vor zwei Tagen die neue Adresse von Herrn Hartmann mitteilen lassen. Sie liegt in einer Schublade in Webers Kanzlei. Frau Dr. Stelzer kann sie Ihnen morgen früh durchgeben.“

„Soll ich die Hemden in einen Karton legen?“

„Ja. Mit einem Begleitzettel von Ihnen. Nichts von mir. Nur ein Satz: ‚Diese Hemden waren noch im Schrank. Ich gebe sie zurück.‘ Unterschrift: Frau Brandl.“

Sie nickte.

„Verstanden.“

Sie wollte schon gehen.

„Frau Brandl.“

„Ja?“

„Es ist nicht aus Großmut.“

„Ich weiß.“

„Es ist, weil ich nichts von ihm hier haben möchte.“

„Auch das weiß ich.“

Sie nickte.

Sie ging.

Ich nahm die Tasse in die Hand.

Ich trank langsam.

Ich dachte an die Hemden im Wäscheschrank.

Ich hatte sie nicht bemerkt. Ich hatte den Wäscheschrank seit Monaten nicht mehr geöffnet. Ich hatte das Frau Brandl überlassen. Sie hatte die Hemden gewaschen, gebügelt, gefaltet, weil sie es seit dreißig Jahren so machte. Sie hatte sie nicht weggeworfen, weil sie nicht ihre Hemden waren, weder ihres Eigentums noch ihrer Verantwortung.

Sie hatte gewartet, bis ich es bemerken würde.

Ich hatte es nicht bemerkt.

Sie hatte heute, am Tag des Wagens, von selbst eine Antwort gesucht. Sie hatte den Schrank geöffnet, die Hemden gezählt, den Stapel gefaltet, und sie war zu mir gekommen, weil sie wusste, dass dies der Tag dafür war.

Frau Brandl wusste mehr über mein Leben, als ich selbst manchmal wusste.

Am Freitagvormittag rief Weber an.

„Emilia.“

„Klaus.“

„Frau Dr. Stelzer hat mir gerade von Frau Brandl die Bitte um eine Adresse durchgegeben.“

„Ja.“

„Es ist die in der Hans-Sachs-Straße.“

„Hans-Sachs-Straße.“

Es war nicht der schlechteste Teil der Stadt. Es war auch nicht die Maximilianstraße. Es war eine Adresse, an der Mark vor zwei Jahren niemals gewohnt hätte, weil sie nicht groß genug gewesen wäre für seine Vorstellung von sich selbst.

„Welcher Stock?“

„Vierter. Hinterhaus.“

Ich schwieg einen Moment.

„Klaus.“

„Ja?“

„Es ist nicht meine Aufgabe, mich darüber zu freuen.“

„Ich weiß.“

„Es ist auch nicht meine Aufgabe, ihn zu bedauern.“

„Auch das weiß ich.“

„Gut.“

„Soll ich Ihnen die Adresse durchgeben?“

„Bitte. Frau Brandl wird einen Karton mit Hemden hinschicken.“

„Verstanden.“

Am Freitagnachmittag kam Frau Brandl noch einmal in mein Arbeitszimmer.

Sie hielt den Karton in der Hand.

„Soll ich ihn morgen früh in die Post geben?“

„Ja.“

Sie sah einen Augenblick auf den Karton.

„Soll ich auf den Karton ‚persönlich‘ schreiben?“

„Nein.“

„Soll ich ‚mit freundlichen Grüßen‘ schreiben?“

„Nein, Frau Brandl. Schreiben Sie nichts, was eine Wärme suggerieren würde, die nicht da ist.“

Sie nickte.

„Verstanden. Ich schreibe nur die Adresse und meinen Namen.“

„Gut.“

Sie ging.

In der Tür drehte sie sich noch einmal um.

„Frau Richter.“

„Ja?“

„Haben Sie heute Abend Hunger?“

„Wenig.“

„Soll ich trotzdem etwas auf den Tisch stellen?“

„Bitte.“

Sie ging.

Am Abend saß ich im Esszimmer.

Frau Brandl hatte mir eine Suppe und ein Stück Brot hingestellt. Ich aß die Suppe langsam. Ich aß das Brot nicht.

Ich dachte nicht an Mark.

Ich dachte an die Hemden in dem Karton, der morgen früh zur Post gehen würde, und ich dachte daran, dass jemand sie auspacken würde — vielleicht Mark selbst, vielleicht ein neuer Mitbewohner, von dem ich nichts wusste —, und ich dachte daran, dass die Hemden zwischen den vielen Wäschen zu einer Form gefaltet waren, die die Falten meines Hauses trugen. Sie würden in der Hans-Sachs-Straße nicht lange in dieser Form bleiben. Sie würden ihre eigenen Falten finden.

Es war der letzte Akt.

Es war kein Triumph.

Es war eine Aufräumung im Wäscheschrank.

Auf dem Tisch in der Diele lag, als ich vom Esszimmer kam, ein Brief.

Frau Brandl hatte ihn dort hingelegt, ohne mir Bescheid zu geben. Es war keine Post, die heute gekommen wäre. Es war ein älterer Brief, mit einer Briefmarke, die schon gestempelt war.

Ich hob ihn auf.

Es war ein Brief, den ich vor zwei Wochen geschrieben hatte, an meinen Bruder Jan, und den Frau Brandl heute Vormittag, beim Aufräumen einer Schublade, gefunden hatte.

Ich hatte ihn nicht abgeschickt.

Ich hatte ihn vergessen.

Er war datiert vom Tag vor der Hauptversammlung.

Ich öffnete ihn nicht. Ich legte ihn in die obere Schublade des Tisches.

Manche Briefe muss man nicht abschicken, weil sie ihre Aufgabe schon erfüllt haben, indem sie geschrieben wurden.

Am Samstagmorgen ging Frau Brandl zur Post.

Sie nahm den Karton mit den Hemden mit. Sie hatte sich einen Mantel umgehängt, der schon zu warm war für diese Tage. Sie war so erzogen, dass man am Samstagvormittag, wenn man einen Karton zur Post brachte, einen Mantel trug.

Ich sah ihr vom Fenster aus zu, wie sie die Einfahrt hinunterging, den Karton unter dem rechten Arm, und an der Straße in eine Richtung abbog, in der der Briefkasten und die Postfiliale lagen.

Ich blieb am Fenster stehen, bis sie nicht mehr zu sehen war.

Dann setzte ich mich an den Schreibtisch.

Ich öffnete die Schublade.

Der ungeöffnete Brief an Jan lag oben. Ich nahm ihn heraus. Ich legte ihn auf den Tisch. Ich sah ihn eine Weile an. Dann legte ich ihn ungeöffnet zurück.

Es gab Briefe, die geschrieben werden mussten, damit der Schreibende fertig sein konnte.

Es gab Briefe, die abgeschickt werden mussten, damit ein anderer fertig sein konnte.

Es gab Briefe, die nur in der Schublade liegen mussten, damit irgendjemand fertig sein konnte. Ich war an diesem Samstagvormittag fertig. Der Brief blieb in der Schublade.

Ich stand auf.

Ich ging in den Garten.

Der Flieder duftete jetzt deutlich. Ich blieb einen Augenblick davor stehen. Ich brach keinen Zweig ab. Ich sah ihn nur an. Frau Brandl würde am Montag einen Strauß für die Diele schneiden, wie sie es in jedem Frühjahr tat. Sie würde ihn in eine Vase stellen, die meine Mutter vor vielen Jahren gekauft hatte.

Es war alles in einer Reihenfolge, die nicht ich angeordnet hatte und die trotzdem stimmte.

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