Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 97: Hauptbahnhof

Jan ging an einem Montag Ende September.

Er hatte den Tag gewählt, weil er an Montagen am liebsten reiste. Er hatte mir in seiner ruhigen Art einmal erklärt, dass die Züge an Montagen geordneter seien, dass die Schaffner geordneter seien, dass die Reisenden geordneter seien. Ich hatte ihm geglaubt, weil Jan in diesen Dingen selten etwas behauptete, was er nicht beobachtet hatte.

Er war seit Anfang März bei mir gewesen.

Sieben Monate. Zwei Wochen länger, als er ursprünglich vorgehabt hatte.

Er hatte in dieser Zeit sein halbes Hamburger Büro nach München verlegt, hatte zwei Mitarbeiter, eine junge Architektin und einen Bauleiter, in die Maxvorstadt geschickt, hatte sich in der Villa eingerichtet, im Gästezimmer zur Straße, mit dem alten Schreibtisch meines Vaters, den er aus dem Keller geholt hatte. Er war montags früh aufgestanden, er war freitags spät zu Bett gegangen, er hatte mir an drei Abenden die Woche beim Abendessen Gesellschaft geleistet, ohne dass er die Notwendigkeit dafür ausgesprochen hatte.

Jetzt ging er.

Frau Brandl hatte sein Frühstück eine Stunde früher gemacht.

Er saß um halb sieben in der Küche, in der grauen Strickjacke, die er aus Hamburg mitgebracht hatte. Er trank Tee, nicht Kaffee, weil er morgens immer Tee trank. Frau Brandl hatte ihm zwei Eier weichgekocht und einen Toast geschnitten. Sie stand am Spülbecken. Sie sprach nicht viel.

Ich kam um zehn vor sieben hinunter.

„Jan.“

„Emi.“

Wir frühstückten.

Frau Brandl räumte sein Geschirr ab. Sie nahm einen Augenblick einen Faden Wolle aus seiner Strickjacke, so wie sie es früher bei meiner Mutter getan hatte, ohne darüber nachzudenken. Sie tat es bei Jan zum ersten Mal.

Jan sah es. Er sagte nichts.

Wir fuhren um halb acht zum Hauptbahnhof.

Jan saß auf dem Beifahrersitz. Ich fuhr selbst. Wir hatten in den letzten Monaten meistens ich gefahren, wenn wir gemeinsam unterwegs waren. Jan hatte gesagt, dass er München von Beifahrersitzen besser sehen lerne. Ich hatte ihm das zugestanden.

Wir sprachen wenig auf der Fahrt.

Wir kamen an der Frauenkirche vorbei. Wir kamen an dem Café Luitpold vorbei. Wir kamen an der Karlspforte vorbei. Jan sah auf jede dieser Stellen mit demselben Blick, mit dem ein Mann auf eine Stadt sieht, die er für eine längere Zeit nicht wiedersehen wird.

„Du kommst öfter.“

„Ja.“

„Wann das nächste Mal?“

„Vor Weihnachten.“

„Gut.“

Wir fuhren weiter.

Ich parkte am Bahnhofsvorplatz.

Wir gingen mit seinen zwei Koffern in die Halle. Jan reiste leicht, leichter als die meisten Männer in seinem Alter. Er hatte einen Koffer für die Kleidung, einen Koffer für die Akten. Mehr nicht. Er hatte mir einmal gesagt, dass er sich angewöhnt habe, mit zwei Koffern zu reisen, weil er sonst nicht aufhöre einzupacken.

Der Zug nach Hamburg ging um Viertel nach acht.

Wir gingen zu Gleis 14.

Wir hatten noch zehn Minuten.

Jan stellte die Koffer ab.

Wir standen auf dem Bahnsteig, neben einem dünnen Pfeiler, an dem ein Aushang mit den nächsten Verbindungen hing. Über uns die hohe Halle, mit den Tauben in den Stahlträgern. Vor uns der ICE, der schon eingefahren war, mit den geöffneten Türen, mit den ein- und aussteigenden Reisenden.

„Emi.“

„Jan.“

„Ich wollte dir sagen, dass es mir gut getan hat.“

„Das ist gut.“

„Nicht nur die Arbeit. Auch die Villa. Auch das Frühstück mit Frau Brandl. Auch dass ich dich gesehen habe.“

„Das ist gut.“

Er schwieg einen Augenblick.

„Es war mehr Zeit, als wir je miteinander hatten.“

„Ja.“

„Wir hatten als Kinder nie so viel.“

„Nein.“

Er sah mich an.

„Ich war kein guter Bruder, lange.“

„Jan.“

„Ich war es nicht.“

„Du warst, wie du sein konntest.“

„Ich war es nicht.“

Er sagte es ruhig, ohne Aufladung, in der Art, in der er auch das Wetter feststellte.

Ich legte die Hand kurz auf seinen Arm.

„Du warst es, als ich es brauchte.“

Er nickte.

„Das hoffe ich.“

Eine Lautsprecherstimme kündigte den Zug an.

Jan hob seine zwei Koffer.

„Emi.“

„Ja?“

„Ich komme öfter.“

„Du hast es schon gesagt.“

„Ich sage es noch einmal, damit es stimmt.“

Er sah mich an.

„Ich komme öfter.“

Wir umarmten uns kurz.

Es war eine kurze Umarmung, ohne Druck. Jan und ich waren in den letzten Jahren keine Umarmer gewesen. Wir hatten es uns nicht abgewöhnt — wir hatten es nie wirklich gemacht. Heute war es nicht ungewohnt. Heute war es leicht.

Er stieg ein.

Er kam noch einmal an die Tür.

Er sah aus dem Wagen.

„Frau Brandl soll für sich sorgen.“

„Ich werde es ihr sagen.“

„Margot bitte grüßen.“

„Ich werde es tun.“

„Und Fabian.“

Er sagte es ohne Spitze. Er sagte es, weil er Fabian in den letzten Wochen zweimal gesehen hatte und weil er ihn höflich grüßen lassen wollte.

„Auch das.“

Er nickte.

Die Türen schlossen.

Der Zug fuhr an.

Ich blieb am Bahnsteig stehen. Ich sah ihm nach, bis der letzte Wagen die Halle verlassen hatte. Ich sah noch einen Moment auf das leere Gleis. Dann ging ich.

In der Halle kaufte ich an einem Kiosk eine Zeitung. Ich brauchte sie nicht. Ich kaufte sie, weil ich auf dem Weg zum Wagen etwas in der Hand halten wollte. Ich war seit langer Zeit nicht mehr ohne Tasche durch eine Bahnhofshalle gegangen, und ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass meine Hände jetzt frei waren, weil Jan keine Hand mehr brauchte.

Ich fuhr zurück nach Bogenhausen.

Auf dem Weg dachte ich nichts Bestimmtes. Ich fuhr durch die Maximilianstraße, ich bog in den Englischen Garten ein, ich kam am Friedensengel vorbei, ich querte die Isar.

Frau Brandl wartete in der Diele.

„Frau Richter.“

„Frau Brandl.“

„Soll ich das Gästezimmer schließen?“

„Lassen Sie es offen.“

„Verstanden.“

Sie sah einen Augenblick auf die Treppe.

„Frau Richter.“

„Ja?“

„Es ist still im Haus.“

„Ja.“

„Ich werde mich daran gewöhnen müssen.“

„Ich auch.“

Sie nickte.

Sie ging in die Küche.

Ich ging in das Gästezimmer.

Jan hatte das Bett gemacht, bevor er gegangen war. Er hatte das Bettzeug gefaltet, die Tagesdecke darüber gelegt, die Vorhänge aufgezogen. Auf dem Schreibtisch lag ein Notizblock, leer, mit einer kleinen Notiz auf der ersten Seite, in seiner Handschrift:

*Für Emi. Falls Du etwas aufschreiben möchtest, was Du nicht in Deinem eigenen Block aufschreiben willst.*

Daneben ein Bleistift, frisch angespitzt.

Ich nahm den Block in die Hand.

Ich sah einen Moment hinaus, durch das Fenster, auf den Kastanienbaum, der seit zwei Wochen begonnen hatte, gelb zu werden.

Ich legte den Block wieder hin.

Ich schloss die Tür hinter mir.

Im Arbeitszimmer arbeitete ich bis Mittag.

Anne rief um halb elf an. Der Termin in der Briennerstraße war auf Donnerstag verlegt. Die Bauleitung in der Maxvorstadt brauchte am Mittwoch eine Antwort. Frau Dr. Bauer hatte zwei E-Mails geschickt. Heinrich wollte wissen, ob ich am Freitag Zeit habe für ein Mittagessen.

Ich arbeitete die Liste ab.

Ich schrieb an Heinrich. Ich schrieb an Frau Dr. Bauer. Ich rief Anne zurück.

Mittags aß ich am Schreibtisch.

Frau Brandl hatte mir einen Salat hinaufgetragen. Sie hatte sich angewöhnt, ihn an den Tagen, an denen ich nicht ins Esszimmer kam, in das Arbeitszimmer zu bringen, ohne dass ich darum bat.

Am Nachmittag rief Fabian an.

„Frau Hartmann.“

„Herr Möller.“

„Ich wollte mich nur erkundigen, ob Ihr Bruder gut weggekommen ist.“

„Ja, danke. Um Viertel nach acht.“

„Gut.“

Eine Pause.

„Mittwoch um zehn?“

„Ja, Mittwoch um zehn.“

„Bis dann.“

„Bis dann.“

Wir legten auf.

Ich blieb einen Moment am Schreibtisch sitzen, mit der Hand am Hörer.

Es war ein kurzes Gespräch gewesen.

Es war für Fabian länger gewesen, als er telefoniert hätte, wenn es ein Geschäftsanruf gewesen wäre.

Es war für mich kürzer gewesen, als ich es mir leisten würde, wenn ich darüber nachdächte.

Am Abend ging ich in den Garten.

Frau Brandl war in der Küche. Ich hörte sie, als ich die Veranda verließ. Sie hatte den Rundfunk leise gestellt, weil sie sich seit Jahren angewöhnt hatte, beim Kochen zuzuhören, ohne sich von der Stimme stören zu lassen.

Ich ging bis zum Ende des Gartens, zur Mauer, an der die Pfingstrosen gestanden hatten. Sie waren längst verblüht. An ihre Stelle traten die letzten Astern, die meine Mutter vor Jahrzehnten gepflanzt hatte.

Ich sah zur Villa zurück.

Im Erdgeschoss brannte das Licht in der Küche. Im ersten Stock brannte das Licht nicht. Im zweiten Stock, im Gästezimmer, brannte das Licht nicht. Es brannte heute zum ersten Mal seit sieben Monaten nicht.

Ich blieb einen Moment stehen.

Ich hätte mir vorgestellt, dass es mich angefasst hätte. Es fasste mich nicht an. Es war eine Beobachtung. Es war ein Stand der Dinge. Jan war fort, und das Gästezimmer war leer, und die Villa hatte ein Fenster weniger erleuchtet als gestern.

Es war so.

Es war nicht traurig.

Es war auch nicht nicht traurig. Es war.

Ich ging zurück.

Ich aß mit Frau Brandl in der Küche. Sie hatte eine kleine Suppe gekocht und ein Stück Brot dazugelegt. Wir aßen langsam. Sie sprach von ihrer Schwester in Niederbayern, die nächste Woche zu Besuch käme. Sie sprach von dem Heizungsmonteur, der am Donnerstag das Haus prüfen würde. Sie sprach von der Wäsche, die sie morgen abholen würde.

Sie sprach von den Dingen, die sie sprach.

Ich hörte ihr zu.

Wir räumten gemeinsam ab.

Ich ging die Treppe hinauf.

Auf halber Höhe blieb ich stehen, wie ich es seit Wochen tat, ohne dass ich es mir vorgenommen hatte. Ich hörte das Haus. Es war stiller als sonst. Es war stiller, weil im zweiten Stock das Licht nicht brannte. Es war stiller, weil Jan nicht mehr unter der Tür hervor sich räusperte, wenn er las.

Ich hörte das Haus eine Weile.

Dann ging ich weiter.

Im Schlafzimmer machte ich das Licht an. Ich zog mich um. Ich machte das Licht wieder aus. Ich öffnete das Fenster. Ich legte mich hin.

Draußen schlug irgendwo eine Glocke.

Ich wachte einmal auf in der Nacht.

Ich hatte geträumt, dass Jan im Gästezimmer war und dass ich, vom Schlafzimmer aus, das Geräusch seines Räusperns gehört hatte. Ich wachte auf und hörte einen Augenblick. Es kam nicht. Das Haus war still.

Ich blieb liegen und ließ den Traum bei mir.

Ich fragte mich, ob Jan in Hamburg gut angekommen war. Er hatte versprochen, sich zu melden, sobald er die Wohnung erreicht hatte. Ich hatte am Abend nicht auf das Telefon gesehen. Frau Brandl hatte mir nichts gesagt. Wahrscheinlich hatte er angerufen, und Frau Brandl hatte ihm gesagt, dass ich schon im Bett war, und er hatte sich nicht weiter beunruhigt.

Ich nahm das Handy vom Nachttisch.

Eine Nachricht von Jan, um halb zwölf eingegangen: *Bin da. Schlaf gut, Emi. — J.*

Ich lächelte einen Augenblick.

Ich legte das Handy zurück. Ich blieb einen Moment liegen, mit offenen Augen, in der Dunkelheit, die im Schlafzimmer nie ganz Dunkelheit war, weil der Streifen Laternenlicht in der Türritze immer da war, in derselben Schräge, an derselben Stelle.

Ich dachte daran, dass Jan in einer Wohnung am Hamburger Hafen schlief, in einem Zimmer, das ich noch nie gesehen hatte. Ich nahm mir vor, ihn zu besuchen, im Frühjahr. Ich hatte mir das in den letzten Jahren oft vorgenommen und es nie getan. Diesmal würde ich es tun. Ich würde Frau Brandl drei Tage frei geben, ich würde Anne den Termin in den Kalender schreiben lassen, ich würde mit dem Zug fahren, weil Jan mit dem Zug fuhr, und ich würde in der Wohnung am Hafen schlafen, in einem Zimmer, das ich noch nicht kannte.

Ich schlief weiter.

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