Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 7: Die alten Akten

Ich legte das Telefon nicht sofort weg.

Ich hielt es nur in der Hand und ging zurück nach oben, in das Arbeitszimmer, setzte mich wieder an den Schreibtisch und blätterte weiter in der Mappe, bevor ich anrief.

Man ruft einen Anwalt nicht an, ohne zu wissen, was man fragt. Das war eine der ersten Regeln, die mein Vater mir beigebracht hatte. Er hatte sie mir gegeben, als ich sechzehn war und ihn gefragt hatte, ob er mir helfen könne, weil mein Freund sich nicht mehr meldete. Er hatte gelacht und gesagt: „Für einen Freund braucht man keinen Anwalt, Emilia. Für alles andere braucht man auch keinen, bevor man weiß, was man ihn fragt.“

Ich wusste, was ich Weber fragen wollte.

Aber ich wollte es so fragen, dass die Frage ihn nicht überraschte. Weber war ein alter Mann, aber kein langsamer. Er reagierte am besten, wenn man ihm drei Schritte Raum ließ und er nicht das Gefühl hatte, jemand wolle ihn vor sich hertreiben.

Hinter dem Vertrag lagen weitere Blätter.

Ein handschriftlicher Entwurf meines Vaters, offenbar vor dem eigentlichen Vertrag verfasst. Fünf Seiten mit seiner Schrift, die in der Ecke immer mit der Spitze nach links oben lief. Er hatte mehrfach überlegt, das sah ich an den Durchstrichen. An einer Stelle hatte er geschrieben:

„40% zuviel. Maximum 20%, und nur gegen Einlage.“

Das Wort „zuviel“ war mit einem kleinen Strich unterstrichen. Darüber, in noch kleinerer Schrift: „M. hat darauf bestanden.“

M.

Mark.

Das war im Herbst 2013 gewesen. Mein Vater war damals fünfundsechzig. Er hatte seit einem Jahr gewusst, dass er krank war. Er hatte es niemandem gesagt, außer meiner Mutter und vielleicht Weber. Mir hatte er es erst im Januar 2014 gesagt, zehn Tage vor seinem Tod, als niemand mehr etwas verbergen konnte.

Mark hatte schon vorher gewusst, dass mein Vater krank war.

Das wusste ich jetzt.

Mark hatte von Konrads Witwe gehört, die es von einer Schwester gehört hatte, die eine Bekannte im Klinikum hatte. Mark hatte es mir damals nicht gesagt. Er hatte es mir erst fünf Jahre später gesagt, bei einem Abendessen, beiläufig, fast als Vorwurf. „Ich habe es gewusst, und du nicht. Das war nicht meine Aufgabe, dir das zu sagen.“

Ich hatte damals genickt. Ich hatte den Satz nicht einordnen können.

Jetzt ordnete ich ihn ein.

Ein weiteres Blatt.

Ein Brief meines Vaters, nicht abgeschickt. Adressiert an Dr. Weber, aber mit dem Zusatz in roter Tinte: „Entwurf 2, Oktober 2013.“

Ich las den Brief.

„Lieber Klaus,

ich weiß nicht, ob ich das Richtige tue. Mark hat darauf bestanden, die Hartmann-Seite auf vierzig Prozent zu bringen. Er argumentiert mit dem gemeinsamen Interesse an der Stabilisierung des Unternehmens nach meiner Erkrankung. Er sagt, Emilia werde ohne seine Führung nicht zurechtkommen.

Ich traue dem nicht. Ich traue Mark in diesem Punkt nicht.

Aber ich bin müde, Klaus. Ich habe in den letzten drei Monaten sieben Kilo verloren. Ich weiß nicht, wie lange ich noch klar bin. Ich unterschreibe die Erhöhung auf vierzig Prozent, wenn du die Unterlagen nicht beanstandest. Aber ich lege dir eine Kopie der Aktennotiz bei, in der ich meine Zweifel festhalte.

Bitte bewahre sie auf. Sollte nach meinem Tod jemals die Frage auftauchen, ob ich diese Unterschrift unter freiem Willen gesetzt habe, soll das Blatt als Zeugnis dienen. Ich setze sie unter freiem Willen. Aber ich setze sie gegen mein besseres Urteil.

Mein Vertrauen liegt bei Emilia. Mein Vertrauen liegt bei dir.

Hermann.“

Der Brief war nicht unterschrieben.

Er war nie abgeschickt worden.

Aber das „Entwurf 2″ am oberen Rand bedeutete, dass es einen ersten Entwurf gegeben hatte. Das erste Exemplar hatte er wahrscheinlich abgeschickt.

Weber hatte also eine Aktennotiz.

Und wenn Weber eine Aktennotiz hatte, dann war der Vertrag, den ich vor mir liegen hatte, nie so zustande gekommen, wie er dort beschrieben war.

Ich legte den Brief langsam zurück.

Ich blieb eine Weile sitzen.

Draußen war der Himmel ein gleichmäßiges Grau. Die Linde schwankte leicht. Eine Krähe saß auf dem Brunnendach und pickte an etwas, das sie in einem der feinen Ritzen vermutete.

Ich war nicht wütend.

Das war das, was mich am meisten überraschte.

Ich hatte gedacht, wenn ich jemals einen solchen Beweis fände, würde mich etwas hochziehen. Eine Welle, eine Hitze, ein Atemzug, der zu schnell käme.

Es kam nichts.

Ich hatte stattdessen das Gefühl, dass mein Vater mir gegenübersaß, am anderen Ende des Tisches, mit seinem braunen Pullover, den er im Winter drinnen trug, und mich ansah, wie er mich ansah, wenn ich eine Aufgabe in der Schule richtig gemacht hatte.

„Du hast es gefunden“, würde er sagen.

„Ja.“

„Was machst du jetzt?“

Ich hätte ihm geantwortet: „Ich weiß es noch nicht, Papa.“

Und er hätte, wie immer, genickt.

Ich griff zum Telefon.

Ich suchte in den Kontakten.

Weber war in den Kontakten gespeichert. Unter „Dr. Klaus Weber, Kanzlei“. Ich hatte ihn vor zwei Jahren eintragen lassen, aus keinem besonderen Grund. Er hatte mir einen Brief geschrieben, zu meinem Geburtstag, wie er es jedes Jahr tat. Ich hatte ihm zurückgeschrieben und zum Schluss, halb beiläufig, nach seiner Büronummer gefragt, weil ich sie nicht mehr hatte. Er hatte sie mir gegeben.

Ich hatte sie damals nur gespeichert, weil man Nummern von alten Männern speichert, wenn sie sie einem geben.

Ich drückte auf den Namen.

Er hob beim dritten Klingeln ab.

„Weber.“

Seine Stimme war genau so, wie ich sie erinnerte. Leicht belegt. Sehr ruhig. Ein Mann, der nicht überrascht wurde.

„Herr Weber. Hier ist Emilia Hartmann.“

Eine kleine Pause.

„Emilia.“

Nur der Vorname.

„Ich bin im Haus meines Vaters“, sagte ich. „Ich habe einige Unterlagen gefunden. Ich glaube, wir müssen uns sehen.“

„Welche Unterlagen?“

„Aus dem Herbst 2013.“

Am anderen Ende war es kurz still.

Dann sagte er, sehr leise:

„Die hat er also behalten.“

„Ja.“

„Er sagte mir, er behalte eine Kopie. Ich wusste nicht, wo.“

„In der zweiten Schublade seines Schreibtischs.“

Weber lachte einmal, ganz leise. Nicht fröhlich. Aber mit einem Ton von Anerkennung.

„Typisch Hermann.“

„Ja.“

„Kommen Sie morgen in die Kanzlei, Emilia.“

„Wann?“

„Zehn Uhr. Briennerstraße. Sie wissen, wo.“

„Ich weiß, wo.“

„Bringen Sie die Unterlagen mit.“

„Alles?“

„Was Sie haben.“

Ich atmete einmal.

„Herr Weber.“

„Ja.“

„Er hat mir vor einer Woche die Scheidungspapiere ins Klinikum gebracht.“

Weber war lange still.

„Ich weiß.“

„Sie wissen das?“

„Ihr Mann ist nicht so diskret, wie er glaubt. Und München ist nicht so groß, wie er glaubt. Und ich mache diesen Beruf seit siebenunddreißig Jahren.“

„Herr Weber.“

„Ja.“

„Ich habe noch nicht unterschrieben.“

„Gut. Tun Sie es auch nicht. Nicht, bevor wir uns gesehen haben.“

„Ich tue es nicht.“

„Morgen, zehn Uhr.“

„Ja.“

Er legte nicht sofort auf.

Er sagte noch einen Satz.

„Emilia.“

„Ja.“

„Es tut mir leid, dass Sie krank waren. Und es tut mir leid, dass Sie das allein tragen mussten. Aber ich bin froh, dass Sie anrufen.“

Ich sagte nichts.

Ich legte auf, weil ich sonst nicht wusste, was ich gesagt hätte.

Ich saß noch eine Weile am Schreibtisch.

Die Mappe war aufgeschlagen. Der Brief meines Vaters lag obenauf.

Ich ließ sie liegen.

Ich stand auf. Ich trat ans Fenster. Der Garten lag vor mir. Die Krähe war weg. Der Brunnen war immer noch abgedeckt.

Ich dachte an einen Satz, den meine Mutter einmal gesagt hatte, Jahre bevor sie starb.

„Die Wahrheit, Emilia, kommt meistens in der falschen Jahreszeit. Sie kommt im November. Im Mai wird sie nur bestätigt.“

Es war November.

Ich ging hinunter.

Frau Brandl war in der Waschküche.

Ich rief ihren Namen, leise, damit sie nicht erschrak.

Sie kam.

„Ich fahre morgen früh in die Stadt“, sagte ich. „Können Sie mir den Wagen aus der Garage holen lassen? Der kleine Kombi meines Vaters.“

„Ich kann ihn auch selbst herausfahren.“

„Sie fahren seit zwölf Jahren nicht mehr.“

„Ich fahre einmal im Monat in die Garage, Frau Hartmann. Ich halte ihn warm.“

Ich sah sie an.

„Das wusste ich nicht.“

„Das war nicht nötig, dass Sie es wissen.“

Ich lächelte.

„Morgen um halb zehn“, sagte ich.

„Er wird stehen.“

Ich ging hinauf.

Ich packte die Mappe in eine Ledertasche, die ich im unteren Schrank fand. Die Ledertasche hatte auch meinem Vater gehört. Sie roch noch nach seinem Büro in der Firma, obwohl sie seit elf Jahren nicht dort gewesen war.

Ich legte auch den Stick in die Tasche, den ich am Morgen aus der Hosentasche genommen und in die kleine Schublade gelegt hatte, die zum Bett gehörte.

Dann schloss ich das Arbeitszimmer ab.

Aber den Schlüssel steckte ich nicht ein.

Ich legte ihn zurück auf den kleinen Tisch im Flur, damit Frau Brandl wusste, dass sie, wenn sie mochte, jeden Dienstag weiter Staub wischen durfte.

Wir waren an dem Punkt, wo ich das Arbeitszimmer meines Vaters nicht mehr allein beschützte.

Es gab jetzt zwei von uns.

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