Kapitel 81: Renovierung
Drei Wochen später ließ ich den Stuckateur kommen.
Er kam an einem Donnerstagvormittag, ein älterer Herr aus Haidhausen, den Heinrich Altmann mir empfohlen hatte. Er hieß Herr Beier. Er trug eine graue Arbeitsjacke und einen Filzhut, den er in der Diele abnahm, ohne dass er es gefragt werden musste.
Frau Brandl ließ ihn ein.
Sie führte ihn in das Esszimmer, in dem die Decke von einer feinen Linie durchzogen war, die ich das erste Mal vor Wochen bemerkt hatte. Mark hatte den Riss damals nicht erwähnt, weil er ihn nicht gesehen hatte. Frau Brandl hatte ihn gesehen, aber nichts gesagt, weil sie auf den richtigen Zeitpunkt gewartet hatte.
Der richtige Zeitpunkt war jetzt.
—
Herr Beier sah die Decke an.
Er kniff die Augen zusammen. Er ging einmal um den Tisch herum, dann ein zweites Mal, in einem etwas größeren Bogen. Er trat einen Schritt zurück. Er nickte, eher zu sich selbst als zu mir.
„Frau Richter.“
„Herr Beier.“
„Der Riss ist alt. Er ist nicht akut. Er ist nicht statisch. Er ist kosmetisch.“
„Verstehe.“
„Aber wenn man ihn nicht macht, wird er in fünf, sechs Jahren zu zwei werden.“
„Dann machen wir ihn.“
„Ich werde Ihnen einen Voranschlag schicken. Bis Ende der Woche.“
„Gut.“
Er sah einen Augenblick auf den Stuck, der die Kante der Decke umrahmte. Es war ein einfacher Stuck, eine Reihe stilisierter Akanthusblätter, vor neunzig Jahren angebracht, von einer Generation von Stuckateuren, die in München gegen Ende der zwanziger Jahre die meisten Wohnzimmerdecken gemacht hatten.
„Der Stuck“, sagte er, „ist gut erhalten.“
„Mein Vater hat ihn nach dem Krieg ausbessern lassen.“
„Ich sehe es.“
„Er sagte mir einmal, er habe es als das Wichtigste gehalten. Das Haus könne vieles verlieren, aber den Stuck nicht.“
Herr Beier sah mich an.
„Ihr Vater hatte recht.“
—
Herr Beier ging.
Frau Brandl brachte ihm den Hut. Sie führte ihn zur Tür. Ich hörte sie kurz mit ihm an der Schwelle sprechen, leise, höflich. Sie schloss die Tür hinter ihm.
Ich blieb im Esszimmer stehen.
Ich sah die Decke an.
Der Riss war fein. Er ging nicht in einer geraden Linie, sondern in einer leichten Welle, von einer Ecke zur Mitte, dann ein Stück nach rechts, dann zurück. Er war wie eine Schrift, die jemand hingeschrieben hatte und die ich nicht entziffern konnte.
In wenigen Wochen würde er nicht mehr da sein.
Es war kein Bedauern in mir. Es war auch keine Befriedigung. Es war eine Beobachtung — wie an jenem Vormittag im Hofgarten, mit dem Brunnen vor mir.
—
Frau Brandl kam herein.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Im Wäscheschrank ist ein Karton aus dem Keller. Soll ich ihn auspacken?“
„Welcher Karton?“
„Der mit den Sachen, die Herr Hartmann vor sechs Jahren herausnehmen ließ, als er den Schreibtisch in den Keller bringen ließ.“
„Was ist darin?“
„Akten Ihres Vaters. Ein paar Briefe. Ein altes Adressbuch. Eine Lupe. Ich habe heute Morgen den Karton gefunden, als ich den Wäscheschrank durchsah. Er stand unten, hinter den Wintermänteln.“
„Stellen Sie ihn in mein Arbeitszimmer.“
„Soll ich ihn auspacken?“
„Nein. Ich werde es selbst tun.“
„Verstanden.“
Sie ging.
—
Ich ging in mein Arbeitszimmer.
Frau Brandl hatte den Karton schon hineingestellt. Er war nicht groß. Ein Pappkarton mit einer aufgeklebten Etikette, auf der in Marks Handschrift „Schreibtisch H.R.“ stand. Mark hatte den Karton vor sechs Jahren mit Etiketten versehen, weil er Etiketten als ordentlich empfand.
Ich öffnete ihn.
Oben lagen die Akten — alte Verträge, alte Bilanzen, alte Rechnungen aus den achtziger Jahren. Mein Vater hatte sie aufbewahrt, weil er meinte, ein Geschäft solle seine eigenen Anfänge nicht vergessen.
Darunter die Briefe.
Ich nahm einige in die Hand. Sie waren in einer Mappe gebündelt, mit einem schwarzen Gummi. Ich öffnete den Gummi nicht.
Darunter das Adressbuch.
Darunter die Lupe.
Darunter, unter der Lupe, lag ein zweites Briefkuvert.
Es war ein Kuvert wie das, das ich gestern in der oberen Schublade meines Schreibtisches in der Maximilianstraße gefunden hatte. Vergilbt. Beschriftet von meiner Mutter. Aber dieses Kuvert trug nicht den Namen meines Vaters.
Es trug meinen.
*Emilia. Wenn Du dieses Haus eines Tages allein verwaltest.*
—
Ich nahm das Kuvert in die Hand.
Ich setzte mich an den Schreibtisch.
Ich legte das Kuvert vor mich.
Ich sah es einen Augenblick an.
Ich öffnete es nicht sofort.
Ich dachte an die Frau, die das Kuvert beschriftet hatte — meine Mutter, in einem Zimmer, das ich kannte, mit einer Hand, die ich mir in der Haltung meiner eigenen Hand vorstellen konnte —, und ich dachte daran, dass sie diesen Brief geschrieben haben musste, ohne zu wissen, ob er jemals gelesen werden würde. Sie hatte die Möglichkeit eingerechnet, ohne darauf zu bauen.
Sie hatte es vorgesehen.
Sie hatte mich vorgesehen.
Sie hatte die Frau vorgesehen, die ich erst jetzt geworden war.
—
Ich öffnete das Kuvert.
Der Brief war kurz. Eine Seite. Drei Absätze.
Im ersten Absatz schrieb sie über das Haus. Über den Stuck im Esszimmer. Über die Heizung im Keller, deren Eigenheit sie kannte. Über das Dach, das alle zwölf Jahre gewartet werden müsse.
Im zweiten Absatz schrieb sie über meinen Vater. Sie schrieb, dass er ein Mann gewesen sei, der in vielen Dingen recht gehabt habe und in wenigen unrecht. Sie schrieb, dass die Dinge, in denen er unrecht gehabt habe, alle damit zu tun gehabt hätten, dass er sich selbst zu sehr getraut habe und sie zu wenig.
Im dritten Absatz schrieb sie über mich.
Sie schrieb: *Emilia, wenn Du dieses Haus allein verwaltest, dann bedeutet es nicht, dass Du einsam bist. Es bedeutet, dass Du angekommen bist.*
Sie schrieb: *Eine Frau, die ein Haus verwaltet, hat nicht angefangen. Sie ist angekommen, an einem Ort, der schon vor ihr da war.*
Sie schrieb: *Ich habe das Haus nicht angefangen. Mein Vater hat es nicht angefangen. Sein Vater hat es nicht angefangen. Wir alle sind nur an einer Stelle angekommen, an der jemand vor uns ein Haus gebaut hat. Unsere Aufgabe ist, dort, wo wir ankommen, zu wohnen.*
Dann der letzte Satz, in einer kleineren Schrift, am Ende der Seite, fast als Nachsatz:
*Vergiss das nicht. Du beginnst nichts. Du kommst nur an.*
—
Ich saß eine Weile still.
Ich legte den Brief auf den Tisch.
Ich nahm die Lupe aus dem Karton. Sie war eine alte Lupe, mit einem Messinggriff, mit einer leichten Patina. Mein Vater hatte sie auf seinem Schreibtisch liegen gehabt, viele Jahre lang.
Ich legte sie neben den Brief.
Ich sah aus dem Fenster.
Im Garten begann der Flieder zu verblühen. Frau Brandl hatte mir gestern erklärt, dass er in diesem Jahr ungewöhnlich früh dran sei. Sie hatte das wissen wollen, ich hatte ihr nicht widersprochen.
Hinter dem Flieder, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, lag das Haus der Nachbarn. Ein Haus, das so alt war wie unseres und das von einer Familie bewohnt wurde, die seit drei Generationen darin wohnte.
Auch sie war angekommen.
Sie hatte nichts begonnen.
—
Frau Brandl klopfte.
„Frau Richter. Anne Hoffmann ist am Telefon.“
„Bitte verbinden Sie.“
„Frau Richter.“
„Anne.“
„Frau Dr. Bauer fragt, ob Sie morgen Vormittag um zehn für eine kurze Beratung Zeit haben. Es geht um die Berliner Geschäfte.“
„Ja. Eintragen, bitte.“
„Eingetragen.“
„Sonst noch etwas?“
„Doktor Weber lässt grüßen. Er bittet, dass Sie ihn morgen Nachmittag um halb fünf in der Briennerstraße kurz aufsuchen. Es geht um eine Unterschrift.“
„Eintragen.“
„Eingetragen.“
Sie zögerte.
„Frau Richter.“
„Ja, Anne?“
„Ich habe heute Vormittag eine Karte erhalten. Sie ist nicht an mich. Sie ist an Sie. Sie liegt in dem Stapel auf Ihrem Schreibtisch.“
„Eine Karte?“
„Eine handgeschriebene Karte. Aus Berlin. Der Absender ist Sophia Brenner.“
Ich schwieg einen Augenblick.
„Anne.“
„Ja?“
„Lassen Sie sie liegen. Ich werde sie morgen sehen.“
„Verstanden.“
Sie legte auf.
—
Ich blieb noch lange am Schreibtisch sitzen.
Auf dem Tisch lag der Brief meiner Mutter. Daneben die Lupe meines Vaters. Darüber das offene Pappkartonende. Hinter mir das Fenster, das auf den Garten ging.
Ich nahm einen Stift in die Hand.
Ich legte ihn wieder hin.
Ich nahm den Brief noch einmal in die Hand.
Ich las den letzten Satz noch einmal.
*Vergiss das nicht. Du beginnst nichts. Du kommst nur an.*
Ich legte den Brief in die Schublade. Auf den anderen Brief, den ich gestern hineingelegt hatte — den Brief, den meine Mutter an meinen Vater geschrieben hatte, *zu lesen, wenn Du den Schreibtisch räumst* — den ich noch immer nicht geöffnet hatte und den ich vielleicht nie öffnen würde, weil er nicht mir gehörte, und der trotzdem in meiner Schublade lag, weil das Haus, in dem ich angekommen war, ihn aufbewahrt hatte.
Ich schloss die Schublade.
Ich machte das Licht aus.
In der Diele hörte ich Frau Brandl, die sich für den Abend zurückzog.
Ich ging die Treppe hinauf.
Auf halber Höhe blieb ich stehen.
Ich hörte das Haus, das sich abkühlte.
Und ich verstand, in einer Weise, die ich vor einem Jahr noch nicht hätte verstehen können, was es bedeutet hatte, all die Wochen am Klinikbett, am Schreibtisch in der Briennerstraße, an dem Tisch in der Maximilianstraße, auf der halben Treppe in einem Treppenhaus, an dem ein Mann stand und mich unbarmherzig nannte, und ich sagte, ich sei nur fertig.
Ich begann nicht.
Ich kam nur an.
—
Im Schlafzimmer öffnete ich das Fenster.
Die Luft kam herein, kühl, mit dem Duft des Flieders, den der Abend aus dem Garten heraufgetragen hatte. Ein Vogel rief einmal kurz, irgendwo in den Kastanien an der Straße, dann nicht mehr.
Ich legte mich nicht sofort hin.
Ich saß auf dem Rand des Bettes.
Ich dachte an die Karte aus Berlin, die Anne mir morgen früh auf den Schreibtisch legen würde. Ich dachte an Sophia, die in einer Stadt lebte, die ich nur als Reisende kannte, und die mir vermutlich in einer Form schreiben würde, die nicht zu beantworten war und auch nicht zu ignorieren. Es würde ein kurzes Schriftstück sein, mit wenigen Worten. Sophia war keine Frau, die viel schrieb.
Ich würde es lesen.
Ich würde nicht antworten.
Ich würde es in eine Schublade legen.
Ich würde damit fertig sein, in einer Weise, die nicht schwer war.
—
Ich legte mich hin.
Ich machte das Licht aus.
In der Tür stand für einen Moment der Streifen Laternenlicht, den ich seit Wochen kannte, an derselben Stelle wie immer, in derselben Schräge wie immer.
Ich schloss die Augen.
Ich schlief schnell ein.
Im Schlaf träumte ich, dass ich in einem Haus war, das ich nicht kannte, das aber meines war. Das Haus hatte viele Räume. In jedem Raum stand ein Möbelstück, das ich kannte — ein Schreibtisch meines Vaters, eine Vase meiner Mutter, ein Karton von Frau Brandl, ein Strauß Tulpen. Ich ging durch die Räume. Ich öffnete keine Schublade. Ich schloss keine Tür.
Ich ging einfach hindurch.
Am Ende des Hauses war eine Tür, die in einen Garten führte. Im Garten blühte etwas. Ich konnte nicht sehen, was es war. Ich wusste nur, dass es blühte.
Ich trat hinaus.