Kapitel 14: Die Entscheidung
Drei Tage später saß ich wieder bei Weber.
Diesmal war es kein Termin, den er einberufen hatte. Es war einer, um den ich gebeten hatte. Ich hatte in den drei Tagen kaum geschlafen, aber nicht schlecht. Es war nicht die Art von Schlaflosigkeit, die aus Angst kam. Es war die Art, die aus Rechenprozessen kam, die im Kopf noch nicht zu Ende gelaufen waren.
„Sie haben sich entschieden“, sagte er, bevor ich den Mantel ausgezogen hatte.
„Ja.“
„Gut. Setzen Sie sich.“
Ich zog den Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe. Ich setzte mich. Frau Hoffmann brachte Kaffee. Weber wartete, bis sie die Tür hinter sich geschlossen hatte.
„Bitte.“
Ich legte die Hände flach auf den Tisch. Ich hatte mir in den letzten Tagen zweimal die Sätze aufgeschrieben, einmal nachts, einmal am Küchentisch. Ich hatte sie zweimal zerrissen, weil sie pathetisch klangen. Sie klangen auch jetzt noch nicht, wie ich sie hören wollte, aber ich sagte sie trotzdem.
„Ich möchte nichts anfechten“, sagte ich. „Noch nicht.“
„Noch nicht.“
„Noch nicht.“
Er nickte.
„Ich möchte keinen Prozess führen. Ich möchte keine Klage einreichen. Ich möchte nicht, dass morgen in der Zeitung steht, die Witwe im Wartestand ziehe gegen ihren Mann zu Felde. Ich möchte nichts davon.“
„Gut.“
„Ich möchte, dass die Dinge, die wir wissen, weiterhin nur wir wissen. Sie. Ich. Der Kollege. Später Jan.“
„Ja.“
„Ich möchte, dass das Gutachten in Ihrem Tresor bleibt, bis es aus einem anderen Grund herausgeholt wird.“
„Welcher Grund?“
„Das ist die Frage.“
Weber nahm die Brille ab. Er legte sie vor sich auf den Schreibtisch. Er sah mich an, ohne sie.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Sagen Sie mir, was Sie wollen. Genau.“
Ich atmete einmal ein. Ich atmete einmal aus. Ich sah auf die Brille auf dem Schreibtisch und nicht in sein Gesicht, weil ich sonst zu langsam sprechen würde.
„Ich möchte nicht, dass ich ihn ruiniere“, sagte ich. „Ich möchte, dass er sich selbst ruiniert.“
Ich wartete.
Weber schwieg einen Moment. Dann nickte er, einmal.
„Das ist ein Unterschied.“
„Das ist ein großer Unterschied.“
„Sagen Sie es noch einmal. Damit wir es beide gehört haben.“
Ich sah jetzt doch auf.
„Ich möchte nicht, dass ich ihn ruiniere. Ich möchte, dass er sich selbst ruiniert.“
„Und das Gutachten?“
„Ist für den Tag, an dem er sich selbst ruiniert hat. Damit ich dann nehmen kann, was meiner Familie gehört. Nicht mehr.“
„Nicht mehr.“
„Nicht mehr.“
Weber sah mich lange an.
„Erklären Sie es mir“, sagte er. „Ich möchte es genau verstehen.“
„Mark hat in den letzten zwölf Jahren einen Platz eingenommen, den ich für ihn freigehalten habe. Er hat Verträge unterzeichnet, die ich für ihn vorbereitet habe. Er hat in Sitzungen gesprochen, in denen ich die Argumente geschrieben habe. Er hat Kunden bedient, denen ich die Antworten gegeben habe. Er hat gelebt, wie er lebte, weil ich für ihn arbeitete. Er hat es nie gesehen. Er hat mich nie dafür bezahlt. Er hat mich nie gefragt. Er hat es für selbstverständlich gehalten, weil ich seine Frau war.“
„Ja.“
„Ich bin nicht mehr seine Frau. Das Papier ist noch nicht unterschrieben, aber ich bin es nicht mehr. Ich werde nicht mehr für ihn arbeiten. Das ist meine Entscheidung. Ich habe sie in diesem Zimmer schon getroffen, vor anderthalb Wochen, als Sie mich gefragt haben, was ich nicht will.“
„Ich erinnere mich.“
„Wenn ich aufhöre, für ihn zu arbeiten, wird er Fehler machen. Er wird nicht wissen, dass er sie macht. Das ist die Art, in der er sich selbst ruinieren wird.“
„Das kann lange dauern.“
„Ich habe Zeit.“
„Sie haben Zeit. Aber nicht unbegrenzt.“
„Ich weiß.“
Weber nickte.
„Und was, wenn er sich nicht ruiniert? Was, wenn er jemand anderen findet, der ihm die Arbeit abnimmt?“
„Den findet er nicht.“
„Sind Sie sicher?“
„Ich bin sicher.“
„Warum?“
„Weil niemand für ihn arbeitet, wie ich für ihn gearbeitet habe. Dafür hätte er jemanden bezahlen müssen. Er bezahlt niemanden, weil er glaubt, er sei selbst die Leistung.“
Weber sah mich eine Sekunde lang an. Dann lächelte er ganz leicht, ohne Freude. Es war das Lächeln, das alte Anwälte haben, wenn sie etwas hören, das sie schon kennen, das sie aber noch nie so sauber formuliert gehört haben.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Wenn wir das so machen, wie Sie es sagen, gibt es eine Regel.“
„Welche?“
„Sie rühren nichts an. Sie schreiben keine E-Mail an einen Kunden. Sie rufen keinen Mitarbeiter an. Sie empfehlen Ihrem Mann nichts, auch nicht über Dritte. Sie geben Ihrem Bruder keine Information weiter, die er in die Firma tragen könnte. Sie sind nur abwesend. Das ist alles, was Sie tun. Und das ist viel.“
„Das kann ich.“
„Das wird Ihnen schwerer fallen, als Sie denken. Sie haben zwölf Jahre lang reagiert, ohne es zu merken. Jemand ruft an, Sie antworten. Jemand fragt, Sie helfen. Das ist eine Gewohnheit. Die muss man abtrainieren.“
„Ich werde sie abtrainieren.“
„Zweite Regel. Keine Kommunikation mit Mark. Nichts, was er als Gesprächsangebot verstehen könnte. Er wird sich irgendwann melden. Er wird fragen. Er wird bitten. Er wird vielleicht auch drohen. Sie bleiben still.“
„Ja.“
„Dritte Regel. Sie unterschreiben die Scheidungspapiere, wie sie sind.“
Ich sah auf.
„Wie sie sind?“
„Wie sie sind. Ohne Verhandlung. Sie nehmen, was er Ihnen angeboten hat. Er hat Ihnen die Villa gelassen, weil er dachte, sie sei Belastung und nicht Wert. Er hat Ihnen einen Unterhalt angeboten, der für ihn Kleingeld ist. Er hat Ihnen nichts aus der Firma gegeben, weil er dachte, die Firma gehöre ihm.“
„Ich verstehe.“
„Unterschreiben Sie. Still. Ohne Diskussion. Er wird es für Resignation halten. Er wird es für seinen Sieg halten. Er wird Sophia davon erzählen. Er wird trinken gehen.“
„Gut.“
„Und der Rest?“
„Der Rest kommt später“, sagte ich. „Mit dem Gutachten.“
„Ja.“
„Wenn der Zeitpunkt da ist.“
„Wenn der Zeitpunkt da ist.“
Ich nickte.
„Dr. Weber.“
„Ja.“
„Eine Frage.“
„Bitte.“
„Ist das, was ich tue, gerecht?“
Er überlegte einen Moment.
„Frau Richter. Es ist nicht meine Aufgabe, Gerechtigkeit zu beurteilen. Ich bin Anwalt. Ich beurteile, was rechtlich zulässig ist. Das, was Sie tun, ist rechtlich zulässig. Sie sind frei, aufzuhören zu helfen. Sie sind frei, Unterlagen aufzubewahren, die Sie selbst erstellt haben. Sie sind frei, ein Gutachten anfertigen zu lassen und es in einem Tresor zu verwahren. Sie sind frei, zu schweigen.“
„Das war nicht meine Frage.“
„Nein. Ihre Frage war eine andere.“
Er schwieg kurz.
„Ich glaube, es ist gerecht. Aber ich rate Ihnen nicht, mir zu glauben. Glauben Sie Ihrem Vater.“
„Mein Vater ist tot.“
„Ihr Vater hat Ihnen einen Satz gesagt, als Sie sechzehn waren. Sie haben ihn mir in unserem zweiten Gespräch zitiert.“
Ich hatte es vergessen. Nein. Ich hatte es nicht vergessen.
„Niemand ist so teuer wie der Mann, der dich nicht schätzt.“
„Ja. Ihr Vater hat diesen Satz gesagt, weil er einen Mann wie Mark in seinem Leben hatte. Er hat es Ihnen nicht erzählt. Aber er hat es gewusst.“
Ich sagte nichts.
„Gehen Sie jetzt“, sagte Weber. „Heute ist genug.“
Ich stand auf.
An der Garderobe zog ich den Mantel an. Der Mantel war der alte Kaschmirmantel meiner Mutter. Ich hatte ihn drei Wochen nach ihrem Tod aus dem Schrank genommen und zwölf Jahre nicht getragen. Ich trug ihn jetzt. Er passte. Er hatte immer gepasst.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Noch etwas.“
„Ja.“
„Lassen Sie sich morgen einen Termin für die Unterzeichnung geben. Ich schicke Ihnen die Papiere mit einer Notiz, wo Sie unterschreiben müssen. Keine Änderungen. Kein Komma.“
„Gut.“
„Und dann ruhen Sie sich aus.“
„Das mache ich.“
Ich ging.
Unten auf der Straße blieb ich einen Moment stehen. Die Luft roch nicht mehr nach Regen. Sie roch nach dem Frühjahr, wie es wirklich in München roch: nach Stein, nach frischen Knospen, nach dem Staub, den der Winter in den Platanen gelassen hatte. Ich hatte eine Entscheidung getroffen. Ich hatte sie laut ausgesprochen. Ich hatte sie zweimal ausgesprochen, weil Weber es so wollte, und ich war froh gewesen, sie zweimal aussprechen zu dürfen.
Sie war nicht groß.
Sie war klein.
Sie hieß: Ich tue nichts.
Sie hieß: Ich warte.
Sie hieß nicht Rache. Sie hieß Geduld. Und Geduld war das Einzige, was ich im Überfluss hatte.
Ich fuhr nach Bogenhausen.
Auf der Fahrt hörte ich keine Musik. Ich hatte Radios und Abspielgeräte in den letzten Monaten abgestellt. Es gab Zeiten, in denen ich Musik gebraucht hatte. Ich brauchte sie jetzt nicht. Der Motor war ein leises Geräusch, das Rauschen der Reifen ein anderes, und dazwischen passte nichts.
Ich dachte an das, was Weber gesagt hatte. Dritte Regel. Unterschreiben Sie die Scheidungspapiere, wie sie sind.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er das so formulieren würde. Ich hatte damit gerechnet, dass er mir raten würde, Änderungen auszuhandeln, ein paar Zehntausender mehr, eine Anpassung bei den Nebenposten. Stattdessen sagte er: unterschreiben Sie. Still. Ohne Diskussion.
Ich hatte es zuerst seltsam gefunden.
Beim Fahren verstand ich es.
Mark hatte mir einen Vertrag vorgelegt, den er für Großzügigkeit hielt. Er hatte mir die Villa gelassen, weil sie ihm als Belastung erschien. Er hatte mir einen Unterhalt zugebilligt, der seinem Ego passte: genug, dass ich nicht verhungerte, aber nicht so viel, dass er die Summe jedes Quartal als Schmerz empfinden würde. Er hatte darauf gesetzt, dass ich die Zahlen las und sie ungerecht fand. Er hatte erwartet, dass ich meinen Anwalt anriefe. Er hatte erwartet, dass mein Anwalt Berufung einlegen würde. Er hatte erwartet, dass es einen Disput geben würde, an dessen Ende er mir ein paar Posten nachließe und sich zu Hause sagen könnte, er habe klug verhandelt.
Stattdessen würde ich unterschreiben.
Er würde die unterzeichneten Papiere bekommen. Er würde die Nachricht an Sophia weitergeben. Er würde sich zu Hause einschenken. Er würde sagen, er habe das alles gut gemacht. Er würde das nächste Kapitel planen: eine Reise, ein Auftrag, eine Investition, eine Zweitwohnung in einer neuen Straße.
Er würde vergessen, mir Zeit zu geben, um irgendetwas anderes vorzubereiten.
Das war, was Weber gesehen hatte. Weber hatte gesehen, dass Mark zu seinem eigenen Vorteil zu kurz dachte. Ein Mann, der einen Sieg will, verschiebt andere Fragen auf später. Ein Mann, der einen Sieg bekommt, stellt die Fragen gar nicht mehr. Wir wollten, dass Mark einen Sieg bekam. Einen kleinen, schnellen, hübschen Sieg. Einen, der ihn davon abhielte, genauer hinzusehen.
Ich verstand es jetzt.
Ich fuhr die Ismaninger Straße entlang. Die Villa lag in ihrer Auffahrt, wie immer, mit den beiden Linden davor. Ich bog ein, schaltete den Motor ab.
Ich ging ins Haus.
Frau Brandl war in der Küche. Sie hatte den Wasserkocher an, noch bevor ich den Mantel abgelegt hatte.
„Kaffee?“
„Tee.“
„Ich mache Tee.“
Ich setzte mich in den Salon, auf das Sofa am Fenster.
Frau Brandl brachte den Tee. Sie stellte die Kanne und die Tasse vor mich hin. Sie setzte sich nicht, aber sie blieb stehen.
„Frau Hartmann.“
„Ja.“
„Darf ich Sie etwas fragen?“
„Bitte.“
„Sind Sie heute schwächer als gestern?“
Ich sah auf.
„Warum fragen Sie?“
„Weil Sie länger weg waren als sonst. Und weil Sie leiser hereingekommen sind.“
Ich dachte nach.
„Ich bin nicht schwächer. Ich bin nur konzentrierter.“
„Gut.“
„Frau Brandl.“
„Ja.“
„Haben Sie ein Lieblingsessen?“
Sie sah mich an.
„Was für eine Frage.“
„Eine einfache.“
„Knödel.“
„Dann machen Sie heute Abend Knödel.“
„Wegen mir?“
„Wegen Ihnen.“
„Aber Sie essen doch so wenig.“
„Dann esse ich zwei Knödel statt einen.“
Sie lachte. Frau Brandl lachte selten, und wenn sie es tat, dann als eine Sache, die halb in ihrer Kehle stecken blieb. Aber sie lachte.
„Gut, Frau Hartmann.“
Sie ging.
Ich trank den Tee.
Ich blieb eine Stunde im Salon sitzen. In dieser Stunde dachte ich an mehrere Dinge, keines davon groß. Ich dachte daran, dass ich am nächsten Tag ein Paar Schuhe besorgen müsste, die sich für das Gehen im Englischen Garten eigneten. Ich dachte daran, dass die Bibliothek Staub hatte, den Frau Brandl nicht gesehen hatte, weil er nur bei einer bestimmten Lichtrichtung sichtbar wurde. Ich dachte an Jan, der morgen aus Hamburg ankommen würde. Ich dachte an Clara, die wahrscheinlich am nächsten Wochenende zu Abend essen kommen würde.
Ich dachte nicht an Mark.
Das war neu.
Ich hatte in den letzten siebzehn Monaten jeden Tag an Mark gedacht. Manche Tage hundertmal. Manche Tage tausendmal. Es waren keine schönen Gedanken gewesen, aber es waren Gedanken, und sie hatten einen Platz in meinem Kopf eingenommen, wie ein schwerer Koffer in einem Wohnzimmer, um den man herumlaufen musste.
Der Koffer war jetzt weg.
Ich wusste nicht, wie lange diese Abwesenheit dauern würde. Vielleicht eine Stunde. Vielleicht einen Tag. Aber jetzt, an diesem Nachmittag, war er weg, und ich nutzte den Platz.
Ich stellte die Tasse ab.
Ich ging in die Bibliothek. Ich nahm ein Buch aus dem Regal. Es war ein Band mit Gedichten, den mein Vater mir zum achtzehnten Geburtstag geschenkt hatte. Ich hatte ihn seit zehn Jahren nicht mehr geöffnet. Ich setzte mich in den Sessel am Fenster und schlug eine Seite auf.
Frau Brandl rief mich nach einer Weile zum Essen.
Es gab Knödel.
Sie waren sehr gut.