Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 95: Die Eröffnung

Wir hatten den Termin auf den zwölften September gelegt.

Es war kein willkürliches Datum. Frau Dr. Bauer hatte mit der Stadt verhandelt, Heinrich hatte zwei Vorbesichtigungen begleitet, Fabian hatte im August die letzten Türen prüfen lassen, und Anne hatte dreihundertvierzehn Einladungen verschickt. Die Einladungen waren auf einem cremefarbenen Karton gedruckt, mit einer schmalen schwarzen Schrift, ohne Verzierung. Margot hatte die Schriftart ausgewählt. Sie hatte mir am Telefon gesagt: „Einladungen, die ihre eigene Schönheit ausstellen, sind die langweiligsten. Die schönsten sind die, die nichts verlangen.“

Ich hatte ihr das gegönnt.

Ich hatte sie machen lassen.

Der zwölfte September kam an einem Donnerstag.

Der Frühherbst hatte München an diesem Vormittag mit einem Licht überzogen, das die Stadt manchmal in der zweiten Septemberwoche annahm: kühler als der Sommer, klarer als der Hochsommer, mit einem Blau über den Dächern, das keine Wolken duldete. Die Luft roch nach Kastanien, die in den nächsten Tagen herunterfallen würden, und nach den frischen Pflastersteinen, die wir an der Theresienstraße neu hatten setzen lassen.

Wir hatten den Empfang in den Innenhof gelegt.

Der mittlere Hof, der größere von den dreien, hatte sich in den letzten Wochen mit einem Rasen gefüllt, mit einer kleinen Reihe junger Bäume, mit zwei Bänken aus Eichenholz, die Fabian in der dritten Augustwoche selbst hatte aussuchen wollen. Er hatte mir damals zwei Fotos geschickt. Ich hatte die linke Bank gewählt. Er hatte am nächsten Tag geschrieben, dass beide bestellt seien, weil er sich für die andere Variante entschieden habe und nun beide nebeneinanderstehen würden.

Ich hatte es ihm gegönnt.

Ich hatte ihn machen lassen.

Um halb elf kamen die ersten Gäste.

Der Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Vogt mit seiner Frau. Heinrich mit seiner Tochter. Frau Dr. Bauer mit zwei Mitarbeitern aus Berlin. Margot kam um Viertel vor elf, allein, in einem dunklen Mantel, der an den Schultern grau abgesetzt war. Sie nickte mir zu, als sie über die Schwelle trat. Sie sprach nicht mit mir. Sie wusste, dass ich zu tun hatte.

Anne führte sie zu einem Stuhl in der ersten Reihe.

Margot setzte sich. Sie schlug die Beine übereinander. Sie sah sich um.

Ich hatte in den letzten Tagen mehrmals gedacht, dass dies ein Vormittag sein würde, an dem ich Margot beobachten würde. Margot hatte in den vergangenen vierzig Jahren genug Eröffnungen erlebt, um aus den ersten zwanzig Minuten zu entscheiden, ob ein Bauwerk standgehalten hatte. Ich wollte ihr Gesicht sehen.

Um elf Uhr eröffnete Heinrich das Wort.

Er stand am kleinen Pult in der Mitte des Hofs, in einem dunklen Anzug, mit der Brille, die er die ganzen Sommer über getragen hatte. Er sprach kurz. Er bedankte sich bei der Stadt, bei den Bauarbeitern, bei den Architekten, bei den Mitarbeitern. Er bedankte sich nicht bei mir.

Er hatte mich am Vorabend gefragt, ob er es tun solle.

Ich hatte gesagt: „Nein.“

Er hatte genickt.

Heinrich sprach drei Minuten und vierzig Sekunden. Dann übergab er das Wort an mich.

Ich ging zum Pult.

Ich hatte mir keinen Text aufgeschrieben. Ich hatte mir drei Sätze überlegt. Ich hatte die drei Sätze in meinem Kopf herumgetragen, einmal beim Frühstück, einmal beim Anziehen, einmal beim Aussteigen aus dem Wagen. Ich hatte sie in der gleichen Reihenfolge gelassen, in der ich sie zum ersten Mal gedacht hatte.

Ich legte die Hände auf das Pult.

Ich sah in den Hof.

In der ersten Reihe Margot. In der zweiten Heinrich, Frau Dr. Bauer. In der dritten Reihe, am Rand, halb hinter einer Säule, Fabian. Er sah nicht zu mir. Er sah auf das Pflaster.

Ich begann.

„Wir haben heute ein Quartier eröffnet, das nicht nach uns benannt sein wird.“

„Es wird nach der Stadt benannt sein, in die es gehört.“

„Es wird stehen, solange jemand darin wohnt.“

Ich machte eine Pause.

Ich sah Margot an. Margot sah mich an.

„Ich danke Ihnen, dass Sie heute hier sind.“

Ich trat zurück.

Es klatschte.

Es klatschte länger, als ich erwartet hatte. Ich hatte mit zehn Sekunden gerechnet, vielleicht fünfzehn. Es klatschte fast vierzig Sekunden. Heinrich kam zu mir an das Pult und legte mir kurz die Hand auf die Schulter.

„Gut“, sagte er. Mehr nicht.

Er ging zurück zum Mikrofon und kündigte den Sektempfang an. Die Reihen lösten sich auf. Anne führte die Gäste zu den drei langen Tischen, die wir an die Hofwand hatten stellen lassen. Eine kleine Quartettmusik begann mit etwas von Mozart.

Ich blieb einen Moment am Pult stehen.

Margot kam zu mir.

Sie nahm meine Hand kurz.

„Drei Sätze“, sagte sie.

„Ja.“

„Es waren genug.“

Sie sah mich an.

„Deine Mutter hätte zwei genommen. Aber sie hätte den dritten nicht gemissbraucht.“

Sie ließ meine Hand los.

Sie ging zu Heinrich.

Ich arbeitete mich durch den Empfang.

Ich sprach mit Dr. Vogt, der mir mitteilte, dass die Bank über eine zweite Tranche nachdenke. Ich sprach mit der Vertreterin der Stadt, die mir eine kleine Plakette überreichte, die ich später Anne übergab. Ich sprach mit zwei Journalisten, einer aus der Süddeutschen, einer aus der Abendzeitung. Der Süddeutsche stellte Fragen, der Abendzeitungskollege machte Notizen. Ich sprach mit drei Mitarbeitern aus dem Vertrieb, die seit zwei Monaten an den Verkaufsverhandlungen für die ersten Wohnungen arbeiteten und mir mit deutlicher Genugtuung berichteten, dass sie bereits achtundzwanzig der vierundvierzig Wohnungen hatten reservieren können.

Es ging mir schnell durch den Vormittag.

Es ging mir leichter durch den Vormittag, als ich gedacht hatte.

Gegen ein Uhr lichtete sich der Hof.

Die meisten Gäste waren gegangen. Anne und zwei junge Frauen aus dem Catering räumten die Tische ab. Heinrich hatte sich in den Schatten gesetzt, mit einem Glas Wasser. Margot war mit Frau Dr. Bauer in einem Gespräch, das beide Frauen offenbar lange aufgespart hatten — Margot stand mit der Hand am Tisch, sie hatte das eigentliche Glas abgestellt.

Ich ging über den Hof, zur hinteren Wand.

Dort stand Fabian.

Er hatte sich nicht zu mir gemeldet, seit der Empfang begonnen hatte. Er hatte mit zwei Kollegen gesprochen, mit einer Journalistin, mit einem Vater, der sich für eine Wohnung im dritten Hof interessierte. Er hatte mich vom Rand aus gesehen. Er war nicht nähergekommen, weil er, wie ich begriff, nicht nähergekommen war.

Ich ging zu ihm.

„Frau Hartmann.“

„Herr Möller.“

Wir sahen uns einen Moment an.

„Ein gutes Quartier“, sagte er.

„Ein gutes Quartier.“

„Drei Sätze.“

„Ja.“

Er sah einen Augenblick auf das Pflaster.

„Es war richtig, dass Sie sie nicht aufgeschrieben haben.“

„Woher wussten Sie, dass ich sie nicht aufgeschrieben hatte?“

„An Ihren Händen.“

Ich lachte einmal, leise.

Er lächelte.

Wir standen einen Moment still.

Eine Schwalbe, eine späte, schoss über den Hof. Sie kam aus der Richtung der Theresienstraße, sie verschwand hinter dem Dach des dritten Quartiers.

„Frau Hartmann.“

„Ja?“

„Ich hatte mir den Hof immer kleiner vorgestellt, als er nun ist.“

„Ist er zu groß?“

„Nein. Er ist genau, wie er sein soll.“

Er sah mich an.

„Es ist selten, dass Pläne sich so übersetzen.“

Ich sah ihn an.

„Sie haben es übersetzt“, sagte ich.

„Wir.“

Er sagte es ohne Nachdruck.

Es war kein Kompliment, weder seines noch meines. Es war eine Feststellung. Wir hatten an einem Plan gearbeitet. Der Plan stand jetzt in München, in einer Maxvorstadt, an einem Vormittag, an dem die Schwalben noch flogen und an dem die Kastanien begonnen hatten, in den nächsten Wochen herunterzufallen.

Heinrich kam zu uns.

„Wir gehen“, sagte er. „Frau Lenz möchte mit Ihnen ein paar Schritte machen.“

Ich nickte.

Fabian trat einen halben Schritt zurück.

„Sie werden nächste Woche nach Hamburg fahren?“, fragte er.

„Am Montag, ja.“

„Falls Sie Zeit haben — Jan kommt am Donnerstag mit Frau Möller zum Essen. Ich nehme an, er erzählt es Ihnen.“

„Er hat es mir noch nicht erzählt.“

Er nickte.

„Dann erzählt er es Ihnen.“

Er gab Heinrich die Hand. Er gab mir die Hand. Seine Hand war kühl, nicht weil sie kalt war, sondern weil der Hof um diese Tageszeit schattig wurde.

Er ging.

Margot wartete am Tor.

Wir gingen ein Stück durch die Theresienstraße.

Sie nahm meinen Arm. Sie ging langsam. Sie sagte nichts. Wir kamen bis zur nächsten Kreuzung, dann blieb sie stehen.

„Emilia.“

„Margot.“

„Du hast es gut gemacht.“

„Danke.“

„Ich werde dir noch eine Sache sagen, dann sprechen wir nicht mehr darüber.“

„Gut.“

Sie sah mich an.

„Er hat dir lange in den Hof gesehen, bevor du zu ihm gegangen bist. Er hat nicht bemerkt, dass ich ihn gesehen habe. Männer wissen selten, dass alte Frauen sie sehen.“

Ich lächelte einen Augenblick.

„Margot.“

„Ja?“

„Du brichst dein Versprechen. Du sagst nicht eine Sache. Du hast gerade zwei gesagt.“

Margot sah mich an, kurz, mit dem Blick, den sie nur für mich hatte.

„Das ist mein Privileg.“

Sie lachte einmal, leise. Sie nahm wieder meinen Arm. Wir gingen weiter, bis zur nächsten Ecke, an der ihr Wagen wartete.

Ich half ihr einsteigen. Ich schloss die Tür. Der Wagen fuhr an.

Ich blieb am Bordstein stehen.

Hinter mir, in der Theresienstraße, verschwand die letzte Schwalbe. Über mir wurde der Himmel langsam blasser. Eine Glocke schlug irgendwo. Ich konnte nicht sagen, welche.

Ich war für den Augenblick nirgendwohin unterwegs.

Es machte mir nichts.

Ich ging zu Fuß zurück bis zur Theresienstraße.

Im Quartier war noch jemand. Anne hatte zwei junge Frauen aus dem Catering verabschiedet, sie selbst war geblieben, weil sie das Pult abräumen wollte, an dem ich am Vormittag gestanden hatte. Sie sah auf, als ich kam.

„Frau Hartmann.“

„Anne.“

„Ich wollte gerade gehen.“

„Warten Sie.“

Sie sah mich an.

„Ich werde Sie zurückfahren“, sagte sie.

„Nein. Lassen Sie das. Ich gehe zu Fuß.“

„Frau Hartmann —“

„Anne. Bitte.“

Sie nickte.

Sie nahm ihren Mantel. Wir gingen zusammen bis zum Tor. Sie ging in die eine Richtung, ich in die andere. Bevor wir uns trennten, sagte sie:

„Es war ein guter Vormittag, Frau Hartmann.“

„Ja, Anne.“

„Ich gehe nach Hause und schlafe.“

„Tun Sie das.“

Sie ging.

Ich ging in die andere Richtung. Ich ging langsam. Es war nicht eilig. Es war kein Termin offen.

Über der Stadt zog die Septembersonne an die schräge Linie, an der sie um diese Tageszeit immer stand. Eine Bäckerei hatte gerade geschlossen, eine andere lehnte ihre Stühle hoch. In einem Café, an einem Fenster, las eine junge Frau in einem Buch, das ich nicht erkennen konnte. Ich blieb einen Augenblick stehen, ohne dass sie es bemerkte. Sie hob nicht den Kopf. Sie las weiter.

Ich ging weiter.

Auf der Briennerstraße, in Höhe der Kanzlei Weber, traf ich Dr. Klaus Weber.

Er kam aus dem Haus, mit dem schweren Mantel, den er seit Jahrzehnten trug, mit dem Hut, den er in der Diele aufgesetzt hatte, mit der Aktentasche in der Hand.

„Frau Hartmann.“

„Dr. Weber.“

„Ich habe gehört, es war ein guter Vormittag.“

„Es war ein guter Vormittag.“

Er nickte.

„Frau Stelzer hat Ihre Eröffnung im Radio gehört. Sie hat mich heute Mittag aus dem Schlaf geholt, um es mir zu sagen.“

Ich lächelte einen Augenblick.

„Sie hat es Ihnen gesagt, weil sie wollte, dass Sie mit ihr darauf anstoßen.“

„Ja“, sagte er. „Wir haben einen kleinen Cognac getrunken.“

„Tagsüber?“

„Tagsüber.“

Er sah mich an, mit der ruhigen Wärme, die er hatte.

„Frau Hartmann.“

„Ja?“

„Ihr Vater hätte sich heute kein einziges Mal in einer Reihe bemerkbar gemacht. Aber er wäre da gewesen, in einer hinteren Reihe, mit seinem grauen Mantel, und er hätte gewartet, bis alle Hände geschüttelt waren, und er wäre dann zu Ihnen gekommen, hätte Ihnen die Hand gegeben und gesagt: ‚Drei Sätze sind genug, Emilia. Komm zum Mittagessen.'“

Ich schwieg einen Augenblick.

„Danke, Dr. Weber.“

„Gern.“

Er ging.

Ich blieb noch einen Moment stehen.

Nächste Seite

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert