Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 29: Die Versuchung

Margot rief zwei Wochen nach dem Kaffee zum ersten Mal selbst an.

„Emilia, ich habe einen kleinen Auftrag für Sie. Keine Hetze. Ein Nachmittag, vielleicht zwei. Ich bin mir nicht sicher, ob es Ihre Sache ist. Ich will es Ihnen nur zeigen.“

Ich hatte das Haustelefon abgehoben. Frau Brandl hatte gesagt, es sei Margot, und ich hatte ins Wohnzimmer gewechselt, weil das Haustelefon dort besser war.

„Was für ein Auftrag?“

„Ein Kulturprojekt. Eine Freundin meines verstorbenen Mannes, eine Stiftung für Musik. Sie haben eine neue Villa gekauft, in der Nähe von Schloss Nymphenburg. Die Dame, Irene von Randow, möchte in zwei Zimmern Konzertnachmittage veranstalten. Sie hat keine Ahnung, was sie dafür tun muss. Sie hat Geld. Sie hat einen Architekten. Der Architekt hat ihr einen Plan gemacht, der zu teuer ist und nicht passt. Sie braucht jemanden, der sich die Zahlen ansieht, den Plan liest und einen Vorschlag macht, der in zwei Wochen zum Abschluss kommt.“

„Das ist kein kleiner Auftrag, Margot.“

„Das ist ein Nachmittag. Zwei Stunden mit der Dame, zwei Stunden mit dem Plan, zwei Stunden mit den Zahlen. Dann ein Gespräch in einer Woche. Mehr nicht. Ich habe ihr gesagt, ich kenne jemanden. Sie hat gesagt, sie vertraut mir. Sie vertraut Ihnen damit.“

„Warum ich?“

„Weil Ihr Vater Ihnen zu Hause beigebracht hat, was Architekten in der Schule zu lernen versäumen.“

Ich lachte halb, weil es stimmte, und halb, weil ich nicht lachen wollte.

„Margot, ich weiß nicht.“

„Sie müssen nicht wissen. Denken Sie darüber nach. Clara würde Ihnen sagen: Nehmen Sie. Weber würde sagen: Lassen Sie. Ich sage nichts. Ich sage nur, es ist da. Wenn Sie nein sagen, sage ich es der Dame weiter, und sie wird einen anderen finden, der es schlechter macht. Sie wird nicht weinen. Es geht ihr vor allem ums Prinzip, und dem wird auch durch einen schlechteren Plan Genüge getan.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

„Ich rufe Sie übermorgen an. Wenn Sie ja sagen, kommen wir am Freitag hin. Ich fahre mit. Ich hole Sie ab. Ich halte keine Reden. Ich bin nur dabei, damit die Dame weiß, dass sie sich freut.“

Sie legte auf.

Ich rief Clara an.

„Was meinst du?“

„Ich meine ja“, sagte Clara. „Aber das wusstest du, bevor du mich gefragt hast.“

„Ich frage trotzdem.“

„Das ist nicht das, was du mir vor drei Wochen abgelehnt hast.“

„Ist es auch nicht.“

„Ich weiß.“

Ich rief Dr. Weber an.

„Ein einzelner Auftrag über Frau Lenz. Kulturprojekt. Privatvilla.“

„Werden Sie bezahlt?“

„Vermutlich.“

„Unterschreiben Sie als Richter. Nicht als Hartmann. Als Emilia Richter. Kein Firmenname. Keine Vertretung. Beratung, Honorar, eine Rechnung. Ich sende Ihnen eine Mustervorlage, damit Sie keinen Formfehler machen.“

„Das ist alles?“

„Das ist alles. Sie können auch Nein sagen, Frau Richter. Ein Auftrag ist kein Anfang. Ein Auftrag ist eine Stunde. Aus Stunden werden manchmal Tage. Aber nicht automatisch.“

„Danke, Dr. Weber.“

Er legte schon wieder auf, weil er selten länger telefonierte, als er musste.

Margot rief am Mittwoch.

Ich sagte ja.

Ich sagte ja, ohne dass ich mir über die Entscheidung einen ganzen Satz zurechtgelegt hatte. Ich hatte zwischen dem Moment, als ich aufgelegt hatte, und jenem, als Margot sich meldete, ungefähr vierzig Stunden gehabt. Ich hatte nicht ganz gewusst, was ich tun würde. Ich hatte am Dienstagnachmittag im Arbeitszimmer gesessen, die Mappe meines Vaters auf dem Tisch, ohne sie zu öffnen. Ich hatte am Abend mit Frau Brandl über das Wetter gesprochen, länger, als man über das Wetter sprechen sollte. Dann war ich ins Bett gegangen, und irgendwo zwischen halb elf und dem Einschlafen hatte ich beschlossen, dass ein Nachmittag in Nymphenburg kein Leben entschied.

Am Telefon sagte ich nur: „Freitag passt.“

„Ich hole Sie um halb drei.“

„Gut.“

Am Freitag saß ich um halb drei in Margots altem Mercedes.

Sie fuhr selbst. Ihre Hände auf dem Lenkrad waren schmal, mit feinen blauen Adern. Sie fuhr wie eine Frau, die seit fünfzig Jahren fuhr und die sich in den letzten fünfzehn daran gewöhnt hatte, dass München hektischer geworden war, ohne selber hektisch zu werden.

„Die Dame Irene“, sagte Margot unterwegs, „wird Ihnen zu viel erzählen. Hören Sie zu, bis sie sich ausgeredet hat. Sagen Sie dann einen Satz. Sie wird daran hängen. Wenn Sie drei Sätze sagen, verlieren Sie sie.“

„Warum?“

„Weil sie nur Zeit für einen Satz hat, auch wenn sie den ganzen Nachmittag hat.“

Ich lachte.

Das Haus war nicht übertrieben. Es war größer als nötig, aber nicht laut. Stuck, helles Parkett, viele Türen. Eine Haushälterin führte uns in einen Salon, in dem eine Dame saß, von der ich mir sofort ein Bild machte.

Irene von Randow war einundsechzig, trug ein seidenes Tuch um die Schultern und Schuhe, die aus einer anderen Zeit waren, ohne altmodisch auszusehen. Sie stand auf, als wir eintraten. Sie grüßte Margot mit einem Kuss neben die Wange, mich mit einem festen Händedruck.

„Frau Richter. Ich habe gehört, dass Sie die Papiere Ihres Vaters kannten.“

„Ja.“

„Dann verstehen Sie, dass ich nervös bin.“

„Das ist kein schlechter Anfang.“

Sie lachte.

Wir saßen zwei Stunden am Salontisch.

Frau von Randow erzählte zuerst die Geschichte des Hauses. Das Haus war ihr Elternhaus gewesen, sie hatte es vor sechs Monaten zurückgekauft, zwanzig Jahre nachdem es verkauft worden war. Sie hatte eine Vorstellung, was sie darin tun wollte, und sie hatte einen Architekten gefunden, der eine andere Vorstellung hatte.

Dann breitete sie die Pläne aus.

Ich sah die Pläne an, fünfzehn Minuten, ohne zu sprechen. Ich legte den Finger an die Stelle, an der zwei Wände entfernt werden sollten, die tragend waren. Ich legte den Finger auf eine andere Stelle, an der die Küche in einen Raum verlegt werden sollte, in dem die Wasserleitungen neu gesetzt werden mussten, obwohl dreißig Meter weiter eine Leitung lag, die dafür gebaut worden war.

Ich hob einmal den Blick.

„Er ist kein schlechter Architekt“, sagte ich. „Er löst das falsche Problem.“

Frau von Randow sah mich an.

„Was ist das falsche Problem?“

„Er glaubt, Sie wollten ein repräsentatives Haus. Sie wollen einen Konzertraum mit einem Haus drumherum. Das ist ein Unterschied.“

„Das ist es, ja.“

„Dann beginnen wir an der richtigen Stelle. Ich brauche eine halbe Stunde mit den Zahlen. Frau Lenz kann in der Zwischenzeit ihre Meinung zu Ihrem Flügel abgeben, den ich dort drüben sehe und der älter ist als wir alle drei zusammen.“

Margot lachte leise.

Ich setzte mich an den Seitentisch.

Ich arbeitete.

Ich arbeitete nicht lange. Zwanzig Minuten. Ich rechnete zwei Posten durch. Ich schrieb eine halbe Seite mit drei Zahlen und vier Bemerkungen. Dann schob ich Frau von Randow das Blatt.

„Wenn Sie das tun, was ich vorschlage, sparen Sie ungefähr ein Drittel. Sie bekommen einen Raum, der klingen wird. Er wird nicht perfekt sein, aber er wird klingen.“

„Warum nicht perfekt?“

„Weil ein altes Haus keine perfekten Räume hat. Es hat Räume, in denen etwas stattfinden kann, oder Räume, in denen nichts stattfindet.“

Sie las.

Sie las lange.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Wieviel nehmen Sie für diesen Nachmittag?“

Ich nannte einen Betrag. Ich hatte ihn am Abend vorher mit Dr. Weber besprochen, der zwei Vorschläge gemacht hatte und auf den niedrigeren gezeigt hatte. Ich nahm den höheren. Sie nickte, als sei er ihr zu niedrig.

„Ich möchte, dass wir in einer Woche noch einmal zusammensitzen. Dann haben Sie den Plan meines Architekten mit Ihren Bemerkungen. Dann reden wir mit ihm zu dritt.“

„Gut.“

Sie gab mir die Hand.

„Ihr Vater hat mir einmal gesagt, dass ich nicht bauen solle, solange ich nicht wisse, warum.“

„Wann war das?“

„Vor dreißig Jahren. Er hatte recht. Ich habe dreißig Jahre gewartet. Ich weiß jetzt, warum.“

Im Wagen, auf dem Rückweg, schwieg Margot zuerst.

Dann sagte sie:

„Sie haben etwas getan, Emilia.“

„Ich habe einen Plan gelesen.“

„Nein. Sie haben einer Frau etwas gegeben, was ihr Architekt ihr in sechs Monaten nicht gegeben hat: die Sicherheit, dass sie keinen Fehler macht, wenn sie weitermacht. Das ist mehr als Planung. Das ist Autorität.“

„Margot. Ich habe nicht auf Autorität hingearbeitet.“

„Das ist das Geheimnis von Autorität.“

Sie hielt an einer Ampel.

„Emilia.“

„Ja.“

„Ich habe Ihnen nicht gesagt, dass dies Ihr Beruf ist. Ich habe gesagt, es ist ein Nachmittag. Das meine ich auch so. Aber wissen Sie, was ich beobachtet habe, heute?“

„Was?“

„Sie waren zwischen halb drei und jetzt zum ersten Mal seit Langem nicht müde. Das müssen Sie selber wissen, was es bedeutet.“

Ich sagte nichts.

Die Ampel wurde grün. Sie fuhr an.

Zu Hause setzte ich mich nicht sofort hin.

Ich ging im Flur umher, einmal, zweimal. Ich ging in die Küche. Ich trank ein Glas Wasser. Ich ging zurück.

Ich hatte heute ungefähr eine Stunde lang so gearbeitet, wie ich seit einem Jahr nicht gearbeitet hatte. Ich war müde, aber anders müde. Ich war nicht schwer müde. Ich war nur leicht müde.

Das war ein Unterschied.

Ich telefonierte kurz mit Clara.

„Du hast ja gesagt?“

„Ja.“

„Und?“

„Es war gut.“

„Dann ist es gut.“

Sie legte auf, ohne etwas Kluges hinzuzufügen. Das war ein Zeichen, dass sie es ernst nahm. Clara fügte kluge Dinge nur an Telefonate an, die sie unwichtig fand.

Abends saß ich im Arbeitszimmer.

Ich öffnete das Heft nicht gleich. Ich sah lange aus dem Fenster. Die Laterne brannte. Eine Katze lief über die Mauer am hinteren Zaun, langsam, mit der Würde einer Katze, die weiß, dass niemand sie beobachtet.

Ich dachte an Clara und ihre Agentur. Ich dachte an Weber und sein Handwerk. Ich dachte an Margot und ihre alte Wohnung. Sie alle hatten etwas zu tun. Sie alle waren Menschen, die wussten, warum sie morgens aufstanden. Ich hatte in den letzten Jahren geglaubt, ich sei einer von ihnen, nur durch Mark. Heute hatte ich einen kleinen Nachmittag lang gespürt, dass ich es sein könnte, ohne ihn.

Das war eine gefährliche Erkenntnis.

Gefährlich in dem Sinne, dass sie einen Punkt setzt. Man kann nach einem Punkt nicht mehr einfach weiterschreiben wie vor ihm.

Ich öffnete das Heft.

Datum. Zwei Worte.

„Nymphenburg. Danach.“

Ich blieb noch lange sitzen.

Die Villa war still, aber es war eine andere Stille als in den ersten Wochen. Sie war nicht leer. Sie war erwartungsvoll, ohne zu drängen. Sie stand gut.

Ich dachte kurz an Mark.

Ich dachte es, weil es sich so fügte. Er hatte heute vermutlich einen Termin gehabt, den er verpatzt hatte, oder einen, den er verschoben hatte, weil er nichts zu sagen hatte. Ich wusste nichts Genaues. Ich wusste nur, dass irgendwo in München ein Mann an einem Abend saß und nicht verstand, warum es anders lief als gewohnt.

Das war sein Problem.

Ich machte das Licht aus.

Ich ging hinauf.

Auf der Treppe bemerkte ich, dass ich heute, zum ersten Mal seit Monaten, nicht zwischen zwei Stufen stehengeblieben war.

Das merkte ich mir nicht.

Ich schlief ein.

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