Kapitel 49: Im Saal
Vogt sah nicht zu Mark auf.
Er sah auf die Uhr. Er sah auf die Mappe vor ihm. Er ließ Mark den Augenblick allein in der Tür stehen, ohne ihn zu retten.
Vogt war ein Mann von siebenundsechzig Jahren, der seit dreißig Jahren Aufsichtsräte leitete. Er hatte in dieser Zeit drei Vorstandsvorsitzende stürzen sehen, zwei davon in Sitzungen, die er selbst eröffnet hatte. Er hatte gelernt, dass ein Vorsitzender in solchen Sitzungen nicht der Richter ist. Er ist nur der Mann, der die Tür aufhält. Wer durchgeht, geht selbst.
Dann hob er den Blick.
„Herr Hartmann. Bitte. Wir beginnen.“
Mark fand den Schritt wieder.
Er ging zu seinem Stuhl, in der Mitte der Tischseite, mir genau gegenüber, durch den ganzen langen Tisch getrennt. Er setzte sich. Er legte das Telefon mit dem Display nach unten neben sich. Er öffnete die Mappe, die Anne Walter ihm vor neun Minuten in den Aufzug gegeben haben musste.
Er sah einmal zu mir.
Ich sah ihn nicht an.
Ich sah auf den Tisch.
Das war keine Strategie. Das war eine Höflichkeit, die meine Mutter mir beigebracht hatte. *Wenn ein Mensch sich in einem Augenblick wiederfinden muss, sieh weg, bis er sich gefunden hat. Sonst ist es Schaulust.* Sie hatte das einmal über einen Mann gesagt, der bei einem Empfang sein Glas hatte fallen lassen. Sie hatte sich sofort weggedreht. Sie hatte gewartet, bis er sich gebückt hatte. Sie hatte sich erst wieder umgedreht, als das Glas in einer Servietten-Falte verschwunden war.
Ich sah erst auf, als ich Marks Atem im Saal nicht mehr hörte.
—
Vogt eröffnete die Sitzung.
Er war in solchen Dingen knapp. Er nannte das Datum. Er nannte die Tagesordnung. Er nannte die Teilnehmer.
Er nannte mich.
„Heute ist Frau Doktor Richter — Frau Doktor Richter-Hartmann — als Beobachterin anwesend, auf Einladung des Aufsichtsrats. Wir haben im Vorfeld sondiert. Es gibt keinen Einwand.“
Er sah einmal in die Runde der Aufsichtsräte. Niemand hob die Hand.
Er sah mich nicht direkt an.
Mark sah einmal zu Vogt. Dann zu Schmidt. Dann zurück zu seinen Unterlagen.
„Herr Hartmann.“
„Ja.“
„Ihr Bericht.“
Mark nickte.
Er blätterte in der Mappe.
Er sah nicht hinein.
Er kannte den Bericht. Er hatte ihn vor zwei Tagen mit einer Beraterin in der dritten Etage durchgesprochen, einer jüngeren Frau, die mir Schmidt einmal erwähnt hatte und die seit acht Wochen für Mark gewisse Folien aufbereitete, mit Diagrammen, in denen die Kurven nach oben zeigten, weil sie die Skalen so wählte, dass sie nach oben zeigten.
Er begann.
—
Er sprach in den ersten zwanzig Sekunden gut.
Er sprach so, wie er es gewohnt war. Er hatte eine Stimme für solche Räume. Sie war eine halbe Oktave tiefer als seine private Stimme, langsamer, mit kleinen Pausen zwischen den Sätzen, die wie Souveränität klangen, wenn man ihm zum ersten Mal zuhörte.
Er sagte:
„Wir haben in den ersten drei Monaten des Jahres in den schwierigen Marktbedingungen unsere Position konsolidiert. Die Hartmann Gruppe hat —“
Er hielt inne.
Er sah einen Moment zu lang auf das Blatt.
Er sagte weiter.
„— die Hartmann Gruppe hat in den letzten Wochen drei strategische Gespräche aufgenommen, die uns für die zweite Jahreshälfte gut positionieren werden.“
Er sah einmal kurz zu mir.
Er sah sofort wieder weg.
Sein Satz, den er weitersprach, klang nicht mehr wie der, den er gerade angefangen hatte.
—
Er sprach insgesamt sieben Minuten.
In der dritten Minute begann seine Stimme einen halben Ton zu klettern. Es war keine starke Veränderung. Aber für einen Menschen, der zwölf Jahre lang an seiner Seite gelebt hatte, war es deutlich genug.
Ich kannte diese halbe Oktave.
Ich hatte sie zum ersten Mal vor neun Jahren gehört, an einem Donnerstagabend, als er mir am Telefon erklärt hatte, warum er einen Termin in Frankfurt verpasst hatte. Ich hatte sie wieder gehört, vor sechs Jahren, an einem Sonntagvormittag, als er mir gesagt hatte, dass er den Sommer in Salzburg nicht würde verbringen können. Und ich hatte sie zum dritten Mal gehört, vor siebzehn Monaten, an einem Freitagabend, als er gesagt hatte, er sei in Frankfurt, und ein Frühstücksbeleg aus Rottach-Egern mir gesagt hatte, er sei es nicht.
Es war die Stimme, die er bekam, wenn er log und nicht ganz sicher war, dass die Lüge halten würde.
Heute hielt sie nicht.
In der fünften Minute sagte er einen Satz, der nicht in der Mappe stand. Er sagte:
„Wir haben die Bedingungen für das Berliner Hotelprojekt in den letzten Wochen in mehreren Schritten neu verhandelt.“
Weber, der neben mir saß, bewegte sich nicht.
Er hob nicht den Kopf. Er nahm nicht die Brille ab. Er machte keine Notiz.
Aber ich spürte, dass er den Satz registriert hatte.
In der siebten Minute beendete Mark den Bericht.
Er sagte:
„Insgesamt sehen wir uns vor einer ruhigen, aber nicht stagnierenden Phase. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.“
Er klappte die Mappe zu.
—
Vogt sah einmal in die Runde.
„Fragen?“
Niemand sprach sofort.
Eine der Aufsichtsrätinnen, eine Frau Mitte sechzig, mit weißem, kurzem Haar, die ich nicht persönlich kannte, hob den Bleistift.
„Herr Hartmann.“
„Ja.“
„Eine kleine Sache. Sie haben das Berliner Projekt erwähnt. Können Sie kurz beschreiben, in welchem Stand die Finanzierung steht?“
„Selbstverständlich.“
Er sprach drei Sätze. Sie waren allgemein. Sie waren plausibel. Sie waren nicht falsch. Sie waren auch nicht ganz richtig.
Die Frau nickte. Sie machte eine kleine Notiz.
Vogt sah weiter in die Runde.
Niemand hob die Hand.
Vogt sah zu Weber.
„Herr Doktor Weber. Sie sind heute auf Einladung des Aufsichtsrats anwesend. Wenn Sie eine kurze Frage haben, ist sie an dieser Stelle willkommen.“
Weber legte die Hände flach auf den Tisch.
„Eine kleine Frage.“
Er sah Mark an. Er sah ihn ruhig an. Er hatte den Ton, den er hatte, wenn er Zeugen vernahm — nicht streng, sondern höflich, mit einer Geste, die einem Menschen das Gefühl gab, er werde ernst genommen.
„Herr Hartmann, Sie haben gesagt, dass die Bedingungen für das Berliner Projekt in den letzten Wochen in mehreren Schritten neu verhandelt worden seien. Können Sie kurz benennen, mit welchem Sachbearbeiter der Berliner Bank diese Verhandlungen geführt wurden?“
Mark sah Weber an.
Er sagte nicht sofort etwas.
Weber hatte die Frage in einem Ton gestellt, der nicht aggressiv war. Er hatte nicht den Anwaltston, mit dem er Zeugen in den Sitzungen der Briennerstraße zerlegt hatte. Er hatte den Ton eines älteren Herrn, der zufällig etwas wissen möchte und den niemand für unhöflich halten konnte, weil er jeden Satz mit einem kleinen Atemzug abrundete.
Aber die Frage war eine Falle.
Mark wusste das.
Er wusste, dass jeder Name, den er nannte, in einer Akte überprüfbar war, die Weber in einer dunklen Mappe in einer dunklen Kanzlei in der Briennerstraße liegen hatte. Er wusste, dass jede Antwort, die nicht stimmte, am Nachmittag durch ein Dokument widerlegbar sein würde, das Anne Walter eine halbe Stunde nach der Sitzung in einen Aktenraum bringen konnte, ohne dass jemand sie sah.
Er holte Luft.
Er antwortete:
„Mit der Kreditabteilung.“
„Wir verstehen. Welcher Mitarbeiter hat sie geleitet?“
„Das schaue ich gern in den Akten nach.“
„Sie haben es nicht im Kopf.“
„Nicht im Detail.“
„Ich verstehe.“
Er machte eine kleine Pause.
„Eine zweite kleine Frage. Sie haben gesagt, die Konditionen seien neu verhandelt. Können Sie sagen, ob die ursprünglichen Konditionen, von denen wir hier ausgehen, durch Sie selbst verhandelt wurden, oder durch jemanden in Ihrem Umfeld?“
Mark sah ihn an.
„Ich verstehe die Frage nicht.“
„Ich kann sie wiederholen.“
„Bitte.“
Weber wiederholte sie. Wort für Wort. Im gleichen Ton. Ohne ein einziges anderes Wort.
Mark hörte zu.
Mark sah einmal kurz zu mir. Sein Blick blieb diesmal länger.
Ich sah ihn an. Ich machte nichts mit meinem Gesicht. Ich war nur da.
—
Mark sah zurück zu Weber.
„Die ursprünglichen Konditionen wurden — wir haben damals verschiedene Berater hinzugezogen.“
„Welche Berater?“
„Eine externe Beratungsgesellschaft.“
„Welche?“
Er nannte einen Namen. Es war eine Gesellschaft, die ich kannte. Sie hatte vor zwei Jahren ein Mandat in der Hartmann Gruppe gehabt, allerdings nicht für Berlin.
Weber notierte den Namen.
„Frau Doktor Richter.“
Er drehte den Kopf.
Ich sah auf.
„Sie kennen die Akten dieser Beratungsgesellschaft, weil Sie damals selbst an einem Mandat dieser Gesellschaft mitgearbeitet haben.“
„Ja.“
„War diese Beratungsgesellschaft für die Berliner Konditionen mandatiert?“
„Nein.“
Ich sagte es ruhig. Ich sagte es ohne Schärfe. Ich sagte es so, wie man eine Tatsache sagt, die man kennt.
Weber sah zurück zu Mark.
Er fragte nichts mehr.
—
Vogt sah in die Runde.
Er ließ einen Augenblick stehen. Es war kein langer Augenblick. Es waren vielleicht drei Sekunden. Aber sie waren lang genug, dass jeder im Raum spürte, dass etwas nicht zusammenpasste.
Dann sagte Vogt:
„Herr Hartmann.“
„Ja.“
„Ich frage Sie eine Sache. Wenn ich sie zu früh frage, bitte ich um Verzeihung. Aber sie steht im Raum, und es wäre unhöflich, sie nicht zu stellen.“
Er sah Mark an.
„Wer hat die ursprünglichen Konditionen mit der Berliner Bank ausgehandelt?“
Mark sah ihn an.
Marks Hand auf der Mappe machte eine kleine Bewegung. Er zog die Mappe zu sich. Er ließ sie wieder los.
„Das war damals — das war ein Vorgang, der über mehrere Schreibtische gegangen ist.“
„Ja. Aber wer hat ihn geleitet?“
Mark schwieg.
Vogt wartete.
Im Saal war die Art von Stille, die nicht laut ist, die aber jeden im Raum eindeutig zwingt, sich auf einem Stuhl gerade zu setzen.
Mark sah einmal kurz auf seine Hände.
Er sah einmal zu Schmidt.
Schmidt sah ihn ruhig an, ohne ihn zu retten.
Mark öffnete die Mappe noch einmal. Er blätterte. Er fand das Blatt, das er suchte, nicht. Er schloss die Mappe wieder.
Schmidt hatte die Hand auf seiner Mappe. Er bewegte sie nicht. Er sah nicht zu Mark. Er sah nicht zu mir. Er sah auf den Punkt zwischen Vogts Hand und dem Wasserglas, das neben Vogts Mappe stand.
Eine der älteren Aufsichtsräte räusperte sich kurz, einmal, und ließ es dabei. Es war ein höfliches Räuspern, kein bedeutungsvolles. Aber jeder im Raum spürte, dass er sich nicht räusperte, um zu sprechen, sondern um sich selbst zu stabilisieren.
Vogt sah ihn ohne Ungeduld an.
„Herr Hartmann.“
„Ja.“
„Ich frage Sie noch einmal, in der ruhigsten Form, in der ich es kann. Wer hat damals, vor neun Jahren, die ursprünglichen Konditionen mit der Berliner Bank ausgehandelt?“
Mark hob den Kopf.
Er sah nicht Weber an.
Er sah nicht Vogt an.
Er sah mich an.
Es war ein Blick, in dem mehrere Dinge gleichzeitig waren. Eine Bitte, vielleicht. Eine Frage. Eine alte Erinnerung an eine Frau, die ihm vor neun Jahren auf einem Hocker im Berliner Hotel beigebracht hatte, wie man die Zinsen einer langfristigen Linie mit einer kurzfristigen Sicherheit verschränkt, sodass keine Bilanz darunter litt.
Er suchte in mir nach einer Erlaubnis, die nicht von mir abhing.
Ich gab sie ihm nicht.
Ich gab sie auch nicht weg.
Ich war nur da, an einem Tisch in der Maximilianstraße, in einem Mantel, den meine Mutter mir vor langer Zeit empfohlen hatte, an einem Vormittag, an dem in einem alten Sitzungssaal eine Frage zum dritten Mal gestellt wurde.