Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 54: Heinrich Altmanns Angebot

Heinrich Altmann kam an einem Freitag.

Er hatte sich am Donnerstagabend telefonisch angemeldet, in seiner alten, knappen Art. „Wenn es Ihnen passt, Frau Richter. Eine halbe Stunde, mehr nicht. Ich bringe etwas mit.“

Ich hatte ja gesagt.

Er kam um Punkt elf. Er kam zu Fuß. Er war achtundsechzig Jahre alt und ging die Strecke vom Hofgarten bis Bogenhausen, als wäre sie ein Spaziergang nach dem Frühstück. Er trug einen grauen Mantel, einen Hut, den ich noch von früher kannte, und unter dem Arm das grüne Lederportfolio, das ich bei unserer letzten Begegnung schon gesehen hatte.

Frau Brandl öffnete ihm die Tür.

Sie kannte ihn. Er war oft im Haus gewesen, vor vielen Jahren, als mein Vater noch lebte. Sie nahm ihm den Mantel ab, ohne danach zu fragen, was er trinken wolle. Sie wusste es. Tee. Schwarz. Ohne Milch.

Wir setzten uns in das kleine Wohnzimmer. Nicht in den großen Salon, wo mein Vater seine Geschäfte gemacht hatte. In das kleine Zimmer mit den zwei Fauteuils am Fenster, in dem meine Mutter las.

Heinrich legte das Portfolio auf den niedrigen Tisch.

Er klappte es nicht auf.

„Frau Richter.“

„Heinrich.“

„Ich habe gestern den Wirtschaftsteil gelesen.“

„Das haben viele.“

„Ich habe ihn zweimal gelesen.“

„Auch das haben viele.“

Er lächelte kurz. Es war ein Lächeln, das nur die Augenwinkel betraf, der Mund blieb ruhig. Mein Vater hatte einmal gesagt, Heinrich habe das Lächeln eines Architekten, der weiß, dass die Statik stimmt, auch wenn der Bauherr daran zweifelt.

Frau Brandl brachte den Tee. Sie stellte die Tasse vor Heinrich. Sie legte einen kleinen silbernen Löffel daneben, den meine Mutter aus Wien mitgebracht hatte.

Sie ging hinaus und schloss die Tür leise.

Heinrich rührte nicht in der Tasse. Er nahm sie auch nicht. Er ließ sie stehen.

„Ich werde Sie nicht fragen, wie es Ihnen geht.“

„Gut.“

„Sie sehen besser aus als bei unserem letzten Gespräch.“

„Ich schlafe wieder.“

„Das ist die Hälfte.“

„Vielleicht.“

Er sah einen Moment zum Fenster. Auf dem Isarhochufer fuhr eine Tram vorbei. Man sah sie nicht, man hörte sie nur.

Dann legte er beide Hände flach auf das grüne Portfolio, ohne es aufzuschlagen.

„Ich möchte Ihnen etwas anbieten, Frau Richter.“

„Ich höre.“

„Ich biete Ihnen meine Beratung an. Offiziell. Mit Vertrag, mit Honorar, mit allem, was man dafür auf Papier setzt.“

Er hielt inne.

„Bevor Sie ablehnen.“

„Ich habe nichts gesagt.“

„Ich kenne Ihren Vater. Ich kenne seinen Blick. Sie haben gerade denselben Blick. Sie wollen sagen: Heinrich, das ist nicht nötig.“

„Ich wollte das nicht sagen.“

„Was wollten Sie sagen.“

„Ich wollte fragen, warum.“

Er nahm eine Hand vom Portfolio. Er strich sich über das Knie, eine Geste, die er auch früher schon gehabt hatte, wenn er nachdachte.

„Ihr Vater hat mir vor zwölf Jahren etwas gesagt. Nach der Fusion. Wir saßen in einem Restaurant in der Maximilianstraße, in dem es das Restaurant heute nicht mehr gibt. Er hat einen Kognak getrunken, ich auch. Er hat zu mir gesagt: Heinrich, falls Mark sich einmal als das herausstellt, was ich befürchte, dann passe auf meine Tochter auf. Sie wird es nicht wollen. Aber sie wird es brauchen.“

Ich sah auf meine Hände.

„Das ist viele Jahre her.“

„Das ist es.“

„Er war damals nicht krank.“

„Nein. Er war damals besorgt.“

„Er hat es nicht oft gezeigt.“

„Er hat es nie gezeigt. Er hat es einmal gesagt. Ich habe es mir gemerkt.“

Ich schwieg.

Heinrich ließ mich schweigen.

Es war eine seiner Eigenschaften, mit denen mein Vater ihm so vertraut hatte. Heinrich drängte nicht. Heinrich ließ einen Satz so lange stehen, bis er sich von selbst gesetzt hatte.

„Heinrich.“

„Ja.“

„Was würden Sie tun.“

„Ich würde Ihnen vertraglich für drei Monate zur Verfügung stehen. Beratend. Nicht in der Geschäftsführung. Ich brauche keinen Posten und ich werde keinen nehmen. Ich begleite Sie zu zwei oder drei Sitzungen. Ich schaue mit Ihnen die Akten an, die Dr. Weber Ihnen vorlegt. Ich frage die richtigen Fragen, bevor sie öffentlich gestellt werden.“

„Ein Honorar.“

„Ein symbolisches. Ich nehme keinen Cent von Ihnen, wenn Sie das nicht wollen. Aber wir machen das mit Vertrag. Damit niemand sagen kann, ich täte es aus Gefälligkeit.“

„Aus Gefälligkeit täten Sie es aber.“

„Ja.“

Er lächelte wieder. Diesmal etwas länger.

„Frau Richter, ich bin achtundsechzig. Ich habe siebenunddreißig Jahre in dieser Stadt gebaut. Ich habe Häuser hingestellt, die noch stehen, wenn ich nicht mehr stehe. Ich habe nichts mehr zu beweisen. Was ich noch tun kann, tue ich aus zwei Gründen. Aus Freundschaft. Oder weil mir etwas an einer Sache liegt. Bei Ihnen ist es beides.“

„Das ist viel.“

„Das ist ein Satz, der einem alten Mann nichts kostet.“

„Das ist nicht wahr.“

Er sah mich an.

„Nein. Das ist nicht wahr.“

Ich nahm meine Tasse. Der Tee war noch warm.

„Heinrich, ich werde Sie um einen Tag bitten.“

„Selbstverständlich.“

„Ich möchte mit Dr. Weber sprechen.“

„Das verstehe ich.“

„Und ich möchte mit meinem Bruder sprechen.“

„Das gehört dazu.“

„Sind Sie nicht beleidigt.“

„Frau Richter, ein Mann, der mit achtundsechzig Jahren beleidigt ist, weil eine kluge Frau einen Tag nachdenkt, hätte nichts in einem Beratungsvertrag verloren.“

Ich lächelte.

„Heinrich.“

„Ja.“

„Sie haben das gut gemacht.“

„Was.“

„Den Satz mit meinem Vater. Den haben Sie sich aufgespart.“

„Ja.“

„Wussten Sie, dass er mich überzeugt.“

„Ich habe es gehofft.“

„Es überzeugt mich.“

„Das freut mich.“

Wir sprachen noch eine Viertelstunde über andere Dinge. Über das Wetter, das in München in diesen Tagen zwischen Frühjahr und Spätwinter schwankte. Über ein Bauprojekt am Münchner Ostbahnhof, das er begleitet hatte und das jetzt fertig wurde, ein Wohnviertel mit fünfhundert Einheiten, das ihn drei Jahre gekostet hatte. Über eine Buchhandlung in der Türkenstraße, in der er noch immer regelmäßig Bücher kaufte, weil er Bücher in einer Buchhandlung kaufte, nicht im Netz.

Es war ein Gespräch, das sich nicht eilig anfühlte.

Ich hatte vergessen, wie ein Gespräch sich nicht eilig anfühlte.

Mark hatte solche Gespräche nicht geführt. Mark hatte Termine geführt.

Als Heinrich aufstand, nahm er das Portfolio mit. Er klappte es nicht auf.

„Was ist darin?“

„Ein Vertragsentwurf. Drei Seiten. Er bleibt bei mir, bis Sie es wollen.“

„Sie sind sehr sicher gewesen.“

„Ich bin nicht sicher gewesen. Ich war vorbereitet.“

„Das ist ein Unterschied.“

„Ja.“

Er nahm seinen Hut von der Konsole. Er setzte ihn nicht auf, bevor er das Haus verlassen hatte. Mein Vater hatte das auch immer so gemacht. Männer einer Generation, die Hüte trugen, weil Hüte zur Kleidung gehörten, nicht zum Auftritt.

An der Tür blieb er stehen.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Eine letzte Sache.“

„Bitte.“

„Mark Hartmann hat mich vor zwei Wochen angerufen.“

Ich hielt einen Moment inne.

„Mich?“

„Sie nicht. Mich. Er wollte mich für eine Sache zu Rate ziehen. Ein Hotelprojekt, das er zu einem Konsortium hinzufügen wollte. Er sagte, er wolle einen erfahrenen Architekten, der ihm einen Eindruck gibt.“

„Was haben Sie gesagt.“

„Ich habe ihm gesagt, ich sei nicht mehr in dieser Art von Geschäften aktiv.“

„Stimmt das.“

„Es stimmt zur Hälfte. Bei Ihnen wäre es aktiv.“

Ich sah ihn an.

„Heinrich.“

„Ja.“

„Hat er das gewusst, dass Sie mich kennen?“

„Ich glaube nicht. Mark hat sich nie viel für die alten Bekannten Ihres Vaters interessiert.“

„Das ist richtig.“

„Das war ein Fehler. Einer von vielen, vermutlich.“

Er setzte den Hut auf, draußen, auf der Treppe vor dem Haus.

„Auf Wiedersehen, Frau Richter.“

„Auf Wiedersehen, Heinrich.“

Frau Brandl räumte die unberührte Tasse Tee weg, als ich zurückkam.

„Hat er ihn nicht angerührt?“

„Nein.“

„Das hat er bei Ihrem Vater auch nie.“

„Wirklich?“

„Er hat immer gesagt, der Tee sei ein Vorwand, kein Getränk.“

Ich lächelte.

„Wussten Sie, was er wollte?“

„Ich habe es vermutet.“

„Was haben Sie vermutet?“

„Dass er Ihnen das anbietet, was Ihr Vater ihn vor langer Zeit gebeten hat anzubieten.“

„Sie wussten von dem Gespräch?“

„Ihr Vater hat es mir einmal erzählt. Vor Heinrichs Besuch damals. Ich habe dann zwölf Jahre nichts mehr davon gehört.“

„Und jetzt?“

„Jetzt ist es wieder im Haus.“

Sie sagte das, ohne mich anzusehen. Sie räumte die Tasse weg, klappte die Untertasse auf das Tablett, nahm den unberührten Löffel.

Sie blieb an der Tür stehen, einen kurzen Moment, mit dem Tablett in den Händen.

„Frau Emilia.“

„Ja.“

„Soll ich Dr. Weber anrufen?“

„Bitte. Für morgen Vormittag.“

„Hier?“

„Hier.“

Sie nickte. Sie ging hinaus.

Ich blieb in dem kleinen Wohnzimmer sitzen. Im Fauteuil meiner Mutter. Mit Blick auf die Isar, die ich nicht sah, weil das Fenster auf den Garten ging.

Ich dachte an meinen Vater.

Ich dachte daran, wie er in einem Restaurant in der Maximilianstraße gesessen hatte, das es nicht mehr gab, einen Kognak getrunken hatte, und einen Mann gebeten hatte, auf seine Tochter zu schauen, falls es nötig würde.

Es war nötig geworden.

Er hatte recht behalten.

Es war ein stiller Trost und keine Genugtuung. Es war einfach nur das, was es war.

Am Abend rief Weber an.

Er hatte mit Heinrich gesprochen. Heinrich hatte ihn vorher informiert, was Weber auf seine knappe Art als „angemessen“ bezeichnete. Weber war ein Mann, der das Wort „angemessen“ sparsam einsetzte. Es bedeutete bei ihm das Höchste an Lob, das er für berufliche Vorgänge bereit war zu geben.

„Frau Hartmann, ich werde nichts gegen den Vertrag haben. Heinrich Altmann ist der einzige Architekt in dieser Stadt, dessen Wort allein vor Gericht zählt.“

„Sie kennen ihn.“

„Ich kenne ihn seit fünfunddreißig Jahren. Er hat einmal, vor Jahren, eine Aussage in einem Verfahren gemacht, in dem ich für die Gegenseite tätig war. Er hat zwei Sätze gesagt. Wir haben den Fall verloren.“

„An den Sätzen.“

„An der Glaubwürdigkeit. Die Sätze waren nebensächlich.“

„Was hat er gesagt.“

„Etwas, das ihm bekannt war und mir nicht. Damit war für den Richter alles gesagt.“

Ich lächelte ins Telefon.

„Verzeihen Sie, dass Sie damals den Fall verloren haben.“

„Frau Hartmann, ich habe den Fall gerne verloren. Heinrich war im Recht. Es war mir, ehrlich gesagt, eine Beruhigung.“

„Ein seltener Anwalt.“

„Ein Anwalt, der lange genug im Beruf ist, dass er nicht mehr jeden Fall gewinnen muss.“

„Auf morgen.“

„Auf morgen.“

Heinrichs Vertrag lag am nächsten Tag mittags auf meinem Schreibtisch.

Er hatte ihn von einem Boten bringen lassen. Drei Seiten, wie versprochen. Die Sätze waren kurz. Die Klauseln waren leserlich. Das Honorar betrug einen symbolischen Euro pro Monat.

Ich las ihn am Mittag, einmal im Stehen, ein zweites Mal im Sitzen. Heinrich hatte den Vertrag so geschrieben, dass ich ihn jederzeit innerhalb von vierundzwanzig Stunden auflösen konnte. Er hatte sich kein Honorar zugesichert, das ihn band. Er hatte sich keinen Anspruch auf Mitsprache eingeräumt. Er hatte sich nur das Recht zugesprochen, mich auf zwei oder drei Sitzungen begleiten zu dürfen, ohne offizielle Funktion.

Ein Vertrag, der weniger Rechte für ihn enthielt, als die meisten Verträge enthalten, die ein Mensch unterschreibt.

Ich rief Frau Brandl in die Bibliothek.

„Frau Brandl, Sie waren bei meiner Hochzeit Trauzeugin meines Vaters.“

„Ja.“

„Sie kennen Heinrich Altmann seit über dreißig Jahren.“

„Ja.“

„Würden Sie ihm vertrauen.“

„Frau Emilia, Heinrich ist einer der wenigen Männer, denen ich noch vertraue. Ihr Vater hat ihm vertraut. Ihre Mutter hat ihn geschätzt. Er hat in dreißig Jahren nicht ein Wort gesagt, das er später zurücknehmen musste. Wenn er Ihnen einen Vertrag schickt, hat er ihn zweimal gelesen, bevor er ihn schickte.“

„Würden Sie ihn unterschreiben.“

„Ich würde ihn unterschreiben.“

„Danke.“

Sie ging hinaus.

Ich nahm den Füllfederhalter meines Vaters aus der oberen Schublade. Ich legte den Vertrag flach auf den Tisch. Ich unterschrieb mit *Emilia Richter*. Es war das erste Dokument, das ich in dieser Form unterschrieb. Es fühlte sich nicht ungewohnt an. Es fühlte sich an, als hätte ich auf diese Unterschrift seit zwölf Jahren gewartet.

Ich legte den Vertrag in einen Umschlag.

Ich hatte um fünfzehn Uhr Termin bei Dr. Weber.

Ich nahm den Vertrag mit.

Mark wusste es nicht.

Mark würde es noch zwei Wochen lang nicht wissen.

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