Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 12: Der USB-Stick

Ich fuhr am nächsten Morgen wieder in die Briennerstraße.

Der Himmel über München war von jenem hellen Grau, das man nur im Frühjahr bekam, wenn die Stadt noch nicht wusste, ob sie ihren Mantel endgültig ablegen durfte. Ich trug den Stick in der Innentasche meiner Jacke. Nicht in der Handtasche. Dinge, auf die es ankam, trug ich am Körper.

Dr. Weber erwartete mich. Die Sekretärin nickte, als ich das Vorzimmer betrat, und öffnete die Tür, ohne ein Wort zu sagen.

„Frau Richter“, sagte er.

Er blieb dabei. Er hatte beschlossen, mich mit dem Namen meines Vaters anzureden, und ich hatte beschlossen, ihn nicht zu korrigieren.

„Guten Morgen, Dr. Weber.“

Ich legte den Stick auf seinen Schreibtisch. Zwischen uns. Ein kleines, schwarzes Stück Plastik, das aussah wie jedes andere. Er betrachtete es einen Moment, als wäre es ein Tier, das er nicht erschrecken wollte.

„Das ist er“, sagte ich.

„Wie lange besteht er?“

„Die ältesten Dateien sind siebzehn Monate alt. Die jüngsten drei Wochen.“

Er nickte.

„Ich brauche Zeit.“

„Ich habe Zeit.“

Er schob seinen Stuhl zurück, stand auf und ging zur Tür. Er drehte sich zur Sekretärin um.

„Frau Hoffmann, keine Anrufe. Auch nicht aus Hamburg.“

Dann schloss er die Tür und kam zurück.

Ich sah zu, wie er den Stick in seinen Rechner schob. Der Bildschirm stand so, dass ich die Seite sehen konnte, aber er las, nicht ich. Weber las auf die alte Art. Er las mit den Lippen. Nicht laut, nicht hörbar, aber seine Lippen bewegten sich, und man wusste jederzeit, an welchem Satz er war.

Ich trank den Kaffee, den Frau Hoffmann mir gebracht hatte.

Ich sah aus dem Fenster auf den Hofgarten. Der Obelisk stand dort wie immer. Einige Tauben liefen über den Kies, als hätte sie niemand eingeladen.

Weber las eine halbe Stunde schweigend.

Dann schob er die Brille auf die Stirn und sah mich an.

„Das ist nicht wenig“, sagte er.

„Ich weiß.“

„Doppelte Buchführung. Drei Tochtergesellschaften in Luxemburg, die keinen legitimen Zweck haben. Private Entnahmen, die als Beratungsleistungen getarnt sind. Eine Kreditzusage, die Ihr Mann der Hartmann Gruppe unterschrieben hat, obwohl er dafür allein nicht zeichnungsberechtigt war.“

„Das ist der erste Ordner.“

„Ja. Der Ordner HARTMANN.“

Er schwieg einen Moment.

„Das ist nicht wenig“, wiederholte er. „Aber es ist nicht das Wichtigste.“

Ich sagte nichts.

Ich hatte gelernt, dass ältere Männer wie Weber gern gefragt wurden. Sie wollten nicht zu etwas gezwungen werden, das sie selbst enthüllen sollten.

„Darf ich?“, fragte er.

„Bitte.“

Er klickte weiter.

Der zweite Ordner trug meinen Mädchennamen. RICHTER.

Ich hatte ihn in den letzten zwei Tagen nicht mehr geöffnet. Ich hatte gewartet, bis jemand mit mir in einem Raum sitzen würde, der verstand, was er sah.

Weber las weiter. Er sprach jetzt nicht mehr mit den Lippen. Er las nur noch mit den Augen, und seine Augen wurden schmaler. Zweimal blickte er auf, kurz, als müsse er sich vergewissern, dass ich noch da sei. Dann las er weiter.

Nach einer Weile nahm er die Brille ab, legte sie auf den Tisch und rieb sich die Nasenwurzel.

„Wer hat das zusammengestellt?“

„Ich.“

„In welchem Zeitraum?“

„Über neun Monate. Zwischen den Behandlungen.“

Er sah mich an.

„Frau Richter.“

Er sagte nur das. Kein Satz dahinter. Es war kein Lob und kein Vorwurf. Es war Anerkennung, wie Männer seiner Generation sie aussprachen, wenn sie nichts Größeres sagen wollten.

„Wir kommen gleich zum zweiten Ordner“, sagte er. „Aber zuerst eine Frage.“

„Ja.“

„Wissen Sie, was Sie da haben?“

Ich überlegte kurz.

„Ich habe eine Ahnung.“

„Eine Ahnung. Das ist gut. Ich möchte, dass Sie in den nächsten Wochen nur eine Ahnung haben. Nichts Lauteres.“

Er lehnte sich zurück.

„Die Dinge im ersten Ordner“, sagte er, „reichen aus, um Ihren Mann auf Jahre zu beschäftigen. Wenn sie an die richtige Stelle kämen. Ein Finanzamt. Eine Staatsanwaltschaft. Ein aufmerksamer Wirtschaftsprüfer. Nichts davon müssten Sie selbst tun. Es gibt Stellen, die solche Dinge ganz von allein bearbeiten, wenn sie einmal auf einem Schreibtisch liegen.“

Er sah mich an.

„Aber Sie haben gestern zu mir gesagt: Ich will nichts mehr für ihn tun. Sie haben nicht gesagt: Ich will ihn ruinieren. Das ist nicht dasselbe.“

„Nein“, sagte ich. „Das ist nicht dasselbe.“

„Gut.“ Er nickte. „Dann legen wir den ersten Ordner beiseite. Für später. Oder für nie.“

Er machte eine kleine Geste, als legte er etwas in eine Schublade.

„Jetzt“, sagte er, „kommen wir zum Ordner RICHTER.“

Er drehte den Bildschirm um ein paar Grad, sodass ich besser sehen konnte.

Mein Vater hatte geordnete Akten hinterlassen. Das hatte ich immer gewusst. Was ich nicht gewusst hatte, war, wie viel davon noch lebte. Die Scans, die ich Weber gezeigt hatte, stammten aus den Mappen im Arbeitszimmer, die ich am Wochenende durchgegangen war. Gründungsakten. Beteiligungsverträge. Notariell beglaubigte Kopien. Zahlen aus einer Zeit, in der Mark noch nicht in der Familie war.

„Ihr Vater hielt ursprünglich sechzig Prozent der Hartmann Gruppe“, sagte Weber. „Das wusste ich. Das wussten manche. Das wussten nicht alle.“

„Und heute?“

„Auf dem Papier liegt der Richter-Anteil bei vierzig Prozent. Seit einer Vertragsänderung, die Ihr Vater drei Monate vor seinem Tod unterschrieben hat.“

„Das habe ich auch gefunden.“

„Und?“

„Die Unterschrift wirkt nicht sauber.“

Er sah mich an. Er sah mich lange an.

„Sagen Sie das noch einmal, Frau Richter.“

„Die Unterschrift wirkt nicht sauber.“

Er nickte langsam.

„Das ist auch meine erste Einschätzung. Ich möchte sie prüfen lassen. Leise. Von einem Kollegen, dem ich seit vierzig Jahren vertraue.“

„Gut.“

„Ich bitte um keine Eile. Solche Prüfungen dauern. Und sie sollen dauern.“

„Ich habe Zeit“, sagte ich zum zweiten Mal an diesem Morgen.

Er lächelte das erste Mal an diesem Tag. Es war kein fröhliches Lächeln, aber es war eines, das etwas anerkannte.

„Sie haben Zeit. Ihr Mann nicht.“

Ich sagte nichts.

„Entschuldigung“, sagte er sofort. „Das war zu leicht gesagt.“

„Schon gut.“

Er schwieg einen Augenblick.

„Es gibt einen dritten Ordner“, sagte er dann.

„Ja.“

„Der hat keinen Namen.“

„Nein.“

„Er hat nur ein Datum.“

„Ja.“

„Ich habe ihn geöffnet. Ich habe nicht hineingesehen. Ich wollte Sie fragen.“

Ich dachte an meinen Vater, der in der Nacht vor diesem Datum an seinem Schreibtisch gesessen und eine Unterschrift geleistet hatte, die er bis zum Morgen bereut hatte. Er hatte davon nie gesprochen. Er war gestorben, ohne es zu erklären. Ich hatte den Ordner aus den Mappen destilliert, Seite für Seite, und ich war mir nicht sicher, ob ich schon bereit war, ihn jemandem zu zeigen.

„Lassen wir ihn heute“, sagte ich.

„Gern.“

Er zog den Stick aus dem Rechner und schob ihn mir zurück.

„Nehmen Sie ihn mit.“

„Sollten Sie ihn nicht behalten?“

„Ich habe gelesen, was ich lesen muss. Der Rest wartet. Und Dinge, die warten, sollen bei ihren Eigentümern sein.“

Ich nahm den Stick und schob ihn zurück in die Innentasche.

„Dr. Weber.“

„Ja.“

„Was raten Sie?“

Er überlegte. Er überlegte länger, als ich erwartet hätte.

„Ich rate Ihnen, nichts zu tun.“

„Nichts.“

„Nichts Sichtbares. Antworten Sie keine Anrufe aus der Firma. Unterschreiben Sie keine Dokumente, die Ihr Mann Ihnen schickt. Lassen Sie ihn auf keine Frage eine Antwort bekommen, die Sie in den vergangenen zwölf Jahren gegeben haben.“

„Und sonst?“

„Sonst erholen Sie sich.“

„Dr. Weber.“

„Ja?“

„Mein Arzt sagt dasselbe.“

„Dann ist Ihr Arzt ein kluger Mann.“

Ich stand auf.

Er stand auch auf, mit der leichten Mühe eines Menschen, der morgens Knie bemerkt, die er mit fünfzig noch nicht bemerkt hatte.

„Ich melde mich, wenn der Kollege die Unterschrift geprüft hat“, sagte er. „Das dauert. Vier Wochen. Sechs.“

„Gut.“

An der Tür blieb ich stehen.

„Dr. Weber.“

„Ja.“

„Warum sagen Sie Frau Richter?“

Er sah mich an, eine Sekunde lang still.

„Weil ich Ihren Vater gekannt habe“, sagte er. „Und weil ich sehe, wie Sie dasitzen.“

Ich ging.

Draußen stand München im hellen Grau. Ich lief die Briennerstraße hinunter, vorbei an den Jugendstilfassaden, an denen man im Frühjahr den Putz entlang der Simse rieseln sah, und zum ersten Mal seit Wochen hatte ich nicht das Gefühl, dass ich auf jemanden wartete. Ich wartete nicht auf Mark. Ich wartete nicht auf eine Nachricht aus der Firma. Ich wartete nicht auf einen Arzt, der etwas bestätigen oder widerlegen würde.

Ich ging einfach.

Der Stick lag warm in meiner Innentasche. Er war nicht mehr nur meine Vorsicht. Er war jetzt auch die Vorsicht von Dr. Weber. Und irgendwann, das wusste ich, würde er die Vorsicht von mehr als zwei Menschen sein.

Aber nicht heute.

Heute ging ich langsam.

Am Odeonsplatz setzte ich mich in ein Café. Ich bestellte einen zweiten Kaffee, den ich nicht mehr brauchte, nur weil ich einen Tisch am Fenster bekommen hatte und weil ich keinen Grund hatte, nach Hause zu fahren. Draußen gingen die Leute zur Mittagspause, zu zweit, zu dritt, junge Frauen mit Brotzeittüten, ältere Männer mit Hüten, die man in München kaum noch sah. Eine Schulklasse zog vorbei, ein Lehrer zählte die Köpfe an der Kreuzung.

Ich dachte an den Satz, den Weber gesagt hatte.

Weil ich Ihren Vater gekannt habe. Und weil ich sehe, wie Sie dasitzen.

Ich hatte in den letzten Monaten selten darüber nachgedacht, wie ich dasaß. Ich hatte, ehrlich gesagt, selten darauf geachtet, was ich tat. Die Monate im Klinikum waren eine lange Linie gewesen, in der ich nur gewartet hatte. Gewartet auf Blutwerte. Gewartet auf den Arzt. Gewartet auf Schwester Barbara. Gewartet auf den Moment, in dem das Bett unter mir wieder still war, weil die Infusion zu Ende war.

Jetzt, offenbar, saß ich wie jemand, an den ein alter Anwalt sich erinnerte.

Das war keine kleine Sache.

Ich bezahlte. Ich ging die Briennerstraße zurück, am Hofgarten vorbei, bis zum Odeon. Ich dachte an den Stick in meiner Tasche. Ich dachte nicht daran wie an eine Waffe. Ich dachte an ihn wie an ein Schriftstück, das mein Vater mir vermacht hätte, wenn er Zeit gehabt hätte, es mir zu vermachen. Er hatte diese Zeit nicht gehabt. Ich hatte das Schriftstück für ihn selbst angefertigt.

Es war keine Rache.

Es war eine Vervollständigung.

Am Auto blieb ich kurz stehen. Ich hatte es in einer Seitenstraße geparkt, weil ich die Tiefgarage am Hofgarten nie mochte. Ich stieg ein. Ich drehte den Schlüssel, ohne den Motor zu starten. Ich saß eine Weile im Auto, die Hand auf dem Steuer, und sah auf das Armaturenbrett, auf dem ein kleines Bild meines Vaters steckte. Es war ein altes Foto, aus den späten neunziger Jahren. Er stand vor dem Isarufer, in einem grauen Mantel, und er lachte über etwas, das ich beim Fotografieren gesagt hatte. Ich wusste nicht mehr, was. Er wusste es wahrscheinlich auch nicht mehr gewusst, als er noch lebte.

Ich startete den Motor.

Ich fuhr nach Bogenhausen. Die Ismaninger Straße im Nachmittagslicht, die Villen hinter den hohen Hecken, die Bäume, die jetzt die ersten Knospen zeigten. Ich fuhr langsam. Ich fuhr, wie eine Frau fährt, die sich ihre Zeit zum ersten Mal seit langem wieder selber einteilen darf.

Die Auffahrt knirschte unter den Reifen.

Frau Brandl öffnete die Tür, bevor ich den Schlüssel fand.

„War es gut?“

„Es war gut.“

„Kaffee?“

„Ich hatte schon zwei.“

„Dann Tee.“

„Ja, Tee.“

Sie ging in die Küche. Ich zog den Mantel aus und blieb einen Moment im Flur. Das Haus war warm. Es war zum ersten Mal seit Wochen wirklich warm, weil die Sonne am Nachmittag durch die großen Südfenster gefallen war und die Dielen angewärmt hatte. Ich ging in den Salon. Ich legte den Stick in die Hand, einmal, und dann wieder in die Innentasche. Ich würde ihn später unten im Tresor im Arbeitszimmer verstauen. Es musste heute nicht mehr sein.

Frau Brandl brachte den Tee. Sie stellte ihn vor mich hin.

„Frau Hartmann.“

„Ja.“

„Herr Weber hat eine gute Art.“

„Woher wissen Sie das?“

„Ich habe ihn vor vielen Jahren bei Ihrem Vater gesehen. Er kam manchmal zum Essen.“

„Das hatte ich vergessen.“

„Sie waren damals Studentin. Sie waren nicht oft zu Hause.“

„Ja. Das stimmt.“

„Er hat sich damals über Sie unterhalten mit Ihrem Vater.“

„Worüber?“

„Darüber, dass Sie klug seien. Und dass Ihr Vater hoffe, Sie würden es schaffen, nicht unter Ihrem Wert verkauft zu werden.“

Ich sah sie an.

„Das hat mein Vater gesagt?“

„Das habe ich ihn sagen hören. Im Vorbeigehen.“

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Das haben Sie mir noch nie erzählt.“

„Es war nicht die Zeit dafür.“

„Und jetzt?“

„Jetzt ist es vielleicht die Zeit.“

Sie nickte kurz und ging zurück in die Küche.

Ich nahm die Tasse. Ich umfasste sie mit beiden Händen. Der Tee war heißer, als ich gedacht hatte. Ich hielt die Tasse trotzdem, bis das Brennen in den Handflächen aufhörte, ein Wort zu sein, und nur noch eine Wärme war.

Ich trank langsam.

Draußen kippte das Licht. Der Salon lag in dem weichen, halbtransparenten Bräunlich, das die Abenddämmerung in alten Häusern mit hohen Fenstern hinterlässt. Ich machte keine Lampe an. Ich saß da, wo ich saß. Der Stick lag in der Innentasche. Die Mappen waren in der Bibliothek. Das Arbeitszimmer meines Vaters war offen. Jan war in Hamburg. Weber war in der Briennerstraße. Mark war irgendwo in seiner Zweitwohnung.

Alles stand an seinem Platz.

Ich hatte, zum ersten Mal seit Monaten, nichts zu tun.

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