Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 74: Vor der Hauptversammlung

Am Donnerstagmorgen wachte ich vor sechs auf.

Es war noch dunkel im Zimmer. Die Vorhänge waren halb offen, und durch den schmalen Streifen sah ich, dass ein feiner Nebel über dem Garten lag. Ein Nebel, der nicht stehenbleiben würde. Ein Nebel, der bis zum Vormittag verschwunden sein würde.

Ich blieb noch einen Moment im Bett liegen.

Ich wartete nicht. Ich überlegte nicht. Ich lag nur und hörte, wie das Haus sich langsam aufrichtete: die Heizung in den Rohren, der Kühlschrank in der Küche zwei Stockwerke tiefer, der Zeitungsbote am Tor, der die Süddeutsche in den Briefschlitz schob.

Dann stand ich auf.

Im Bad sah ich einen Augenblick in den Spiegel.

Mein Gesicht war schmaler geworden in den letzten Wochen. Nicht krank. Nur klarer. Die Haut über den Wangenknochen hatte sich gestrafft, und in den Augen war etwas, was vor sechs Monaten noch nicht da gewesen war.

Ich hatte einmal gelesen, dass Frauen in einem bestimmten Alter aufhören, ihre Mütter im Spiegel zu suchen, und stattdessen anfangen, sie zu finden. Ich hatte den Satz damals für Sentimentalität gehalten.

Heute fand ich meine Mutter.

Nicht in einer einzelnen Linie, nicht in einer einzelnen Geste. Eher in der Art, wie ich den Kopf hielt. Eher in dem Ausdruck, mit dem ich mich selbst ansah.

Ich drehte den Wasserhahn auf.

Ich wusch mir das Gesicht.

Frau Brandl war schon in der Küche.

„Frau Richter.“

„Frau Brandl.“

Sie hatte den Tisch gedeckt. Ein Gedeck. Eine Tasse Tee, schon eingeschenkt. Eine halbe Scheibe Schwarzbrot mit Butter, eine halbe mit Honig. Ein gekochtes Ei.

Sie wusste, dass ich an wichtigen Tagen wenig aß und dass ich es trotzdem ungern weglassen wollte.

„Ihr Anzug hängt im Ankleidezimmer“, sagte sie. „Ich habe ihn gestern Abend ausgebürstet. Die Bluse ist gebügelt. Die Schuhe stehen vor der Tür.“

„Danke.“

„Margot Lenz hat vorhin angerufen.“

„Wann?“

„Sechs Uhr fünfzehn.“

„Was sagte sie?“

„Sie sagte, sie würde um neun bei Ihnen sein. Sie würde mit Ihnen gemeinsam zur Maximilianstraße fahren. Sie sagte, ich solle Ihnen das nicht als Frage übermitteln.“

Ich nahm die Tasse.

„Gut.“

Um halb neun zog ich mich an.

Der Anzug war aus dunklem Wollstoff, fast schwarz, aber nicht ganz. Die Bluse war weiß, mit einem schmalen, kaum sichtbaren Stehkragen. Margot hatte mich vor einer Woche auf den Schneider in der Theatinerstraße aufmerksam gemacht. Ich war hingegangen. Ich hatte den Anzug ausgesucht, ohne lange zu zögern. Der Schneider hatte ihn in vier Tagen geliefert.

Ich zog die Schuhe an, schwarz, niedrig, ohne Verzierung.

Ich legte die Kette an, die meine Mutter mir vermacht hatte. Ein dünner Goldreif mit einem kleinen, schlichten Anhänger. Ich trug sie selten.

Ich trug sie heute.

Ich sah in den Spiegel und ich sah nicht mich.

Ich sah eine Frau, die heute zu einer Versammlung ging.

Margot kam um Punkt neun.

Frau Brandl ließ sie ein. Ich hörte sie unten in der Diele sprechen, kurz, leise. Ich kam die Treppe herunter.

Margot stand in der Tür und sah mir entgegen.

Sie trug einen anthrazitfarbenen Mantel, einen kleinen schwarzen Hut, schwarze Lederhandschuhe. Ihre Haltung war wie immer aufrecht, als hätte sie nie in ihrem Leben einen Stuhl angelehnt.

Sie sah mich an.

Sie sah mich lange an.

Dann sagte sie:

„Ihre Mutter hätte Sie heute gern gesehen.“

Sie sagte es nicht weich. Sie sagte es nicht laut. Sie sagte es so, wie man eine Tatsache festhält, bevor man sie aus dem Auge verliert.

Ich nickte.

Ich konnte nichts sagen. Ich versuchte es auch nicht.

Margot reichte mir die Hand. Nicht zur Begrüßung. Eher zur Begleitung.

Ich nahm sie.

Frau Brandl brachte unsere Mäntel.

Sie half mir in den meinen, was sie sonst nie tat. Sie strich kurz mit der Hand über meine Schulter, was sie auch sonst nie tat. Sie sagte nichts.

Margot wartete am Ausgang.

„Wir haben Zeit“, sagte sie. „Es ist erst Viertel nach neun. Die Versammlung beginnt um elf. Weber will uns um halb elf in der Maximilianstraße sehen.“

„Wie kommen wir hin?“

„Mein Wagen steht vor dem Tor. Mein Fahrer wird uns bringen.“

„Sie haben einen Fahrer?“

„Ich habe heute einen Fahrer, Emilia.“

Sie lächelte kurz.

„Heute hat es niemand mit Auto-Selbstfahren gewagt.“

Ich verstand sie nicht ganz. Ich nickte trotzdem.

Im Wagen schwiegen wir lange.

Margot saß rechts, ich saß links. Der Fahrer war ein älterer Herr in einem dunklen Anzug, der nicht sprach, der keine Musik anstellte, der die Maximilianstraße über die Prinzregentenstraße ansteuerte, statt den direkteren Weg über den Altstadtring zu nehmen.

Ich verstand auch das erst nach einer Weile.

Margot wollte mir Zeit geben.

Margot wollte, dass ich die Stadt einmal sah, bevor ich in das Gebäude ging.

Wir fuhren am Englischen Garten vorbei. Die Bäume waren noch nicht voll. Auf der Wiese am Monopteros lag ein einzelner Mann mit einem Buch. Es war zu kalt zum Liegen, aber er lag.

Wir fuhren über den Prinzregentenplatz. Vor dem Prinzregententheater stand ein Plakat. Eine Aufführung von etwas, was ich nicht kannte. Margot sah hinüber und sagte nichts.

Wir fuhren am Hofgarten entlang.

Ich sah die Linden, durch deren Allee ich am Montag gegangen war.

Ich sah den Brunnen, an dem mein Vater vor vielen Jahren mit mir gestanden hatte.

In der Maximilianstraße hielten wir vor dem Bayerischen Hof.

„Wir haben einen Tisch“, sagte Margot.

„Jetzt?“

„Eine Tasse Tee. Nicht mehr. Ich möchte nicht, dass Sie zu früh in das Gebäude kommen.“

Wir gingen hinein.

Der Concierge kannte Margot. Er nickte ihr zu. Er führte uns ins Café Atrium. Wir bekamen einen Tisch in einer Ecke, an einem Fenster, weit weg vom Klavier.

Margot bestellte für uns beide Earl Grey.

Sie wartete, bis der Tee da war. Sie wartete, bis der Kellner gegangen war. Dann sah sie mich an.

„Emilia.“

„Ja?“

„Heute ist nicht Ihr Sieg.“

„Ich weiß.“

„Heute ist eine Aufgabe, die jemand erledigen muss. Sie sind diejenige, die sie am wenigsten verzerrt erledigen wird.“

„Auch das weiß ich.“

„Gut. Dann muss ich es nicht zweimal sagen.“

Sie hob die Tasse.

„Ihre Mutter hatte einen Satz für Tage wie diesen. Ich habe ihn fast vergessen.“

„Welchen?“

„*Heute ist nur ein Tag. Morgen ist auch einer.*“

Ich nickte.

„Ich erinnere mich.“

„Sie erinnern sich nicht. Sie waren elf, als sie gestorben ist.“

„Ich erinnere mich an den Satz. Sie hat ihn am Tag vor der Beerdigung meiner Großmutter zu mir gesagt.“

Margot sah mich einen Moment lang an. Dann nickte sie.

„Vielleicht erinnern Sie sich doch.“

Wir tranken den Tee in Ruhe.

Nach zwanzig Minuten zahlte Margot. Sie nickte dem Kellner zu. Sie nickte dem Concierge zu. Sie nahm ihren Mantel und ich nahm meinen.

Wir gingen die Maximilianstraße hinunter.

Ich war kürzer als Margot, aber wir gingen im selben Schritt. Sie hatte ihn an meinen angepasst, ohne darüber zu sprechen. Sie hatte das immer schon getan, auf Wegen mit meiner Mutter und auf Wegen mit mir.

Wir kamen an der Hartmann Gruppe an.

Maximilianstraße zwölf.

Eine Jugendstilfassade, vier Geschosse, ein Eingang aus Mahagoniholz, eine Messingplatte rechts neben der Tür. Auf der Messingplatte stand: *Hartmann Gruppe – Geschäftsführung 2. OG*.

Ich blieb einen Augenblick davor stehen.

Ich hatte dieses Gebäude in vielen Jahren betreten und verlassen. Ich kannte den Geruch des Foyers, ich kannte das Quietschen der dritten Stufe in der Treppe zum zweiten Geschoss, ich kannte den Hall der Stimmen unter der Stuckdecke des Eingangsbereichs.

Heute kam ich als jemand anderes.

Margot sah mich an. Sie sagte nichts.

Sie reichte mir noch einmal die Hand.

Ich nahm sie nicht.

Ich ging zuerst.

Im Foyer stand Frau Lehmann.

Sie war seit elf Jahren die Empfangsdame der Hartmann Gruppe. Sie hatte mich tausendmal mit „Frau Hartmann“ begrüßt.

Heute stand sie hinter ihrem Tresen, und als ich eintrat, hob sie den Kopf.

„Frau Richter.“

„Frau Lehmann.“

„Herr Doktor Weber wartet im großen Sitzungssaal. Erste Etage, links.“

„Danke.“

„Ich begleite Sie nach oben.“

„Das ist nicht nötig.“

„Herr Doktor Weber hat gebeten, dass ich Sie begleite.“

Ich nickte.

Frau Lehmann kam hinter dem Tresen hervor. Sie trug heute ein dunkles Kostüm. Sie war angezogen wie zu einer Beerdigung, aber sie sah nicht aus wie auf einer Beerdigung. Sie sah aus wie jemand, der wusste, dass dieser Tag wichtig war, und der sich zugehörig zeigen wollte.

Wir gingen zur Treppe.

Margot blieb hinten. Ich hörte ihren Schritt eine halbe Treppenstufe versetzt zu meinem.

Auf halber Höhe blieb ich stehen.

Frau Lehmann blieb auch stehen, eine Stufe über mir, und sah mich an.

„Frau Richter?“

„Eine Sekunde.“

Ich wartete einen Augenblick.

Ich sah die Treppe hinauf und sah die Marmorbalustrade, die ich seit vielen Jahren kannte, und ich dachte an einen anderen Tag, an dem ich diese Treppe hinaufgegangen war, vor sieben Wochen, in einem schwarzen Mantel, mit Weber an meiner Seite.

Damals war Mark im Saal gewesen, und er hatte nicht gewusst, dass ich kommen würde.

Heute war Mark im Saal, und er wusste, dass ich kommen würde.

Es war ein Unterschied, der größer war, als die Treppe zwischen den beiden Tagen lang war.

„Frau Richter?“, sagte Frau Lehmann noch einmal.

Ich nickte.

„Gehen wir.“

Auf der ersten Etage stand Weber vor dem großen Sitzungssaal.

Er trug einen dunklen Anzug. Er hielt eine Mappe unter dem linken Arm. Er sah mich, und er nickte mir zu.

Hinter ihm war die Tür zum Saal halb offen.

Ich konnte schon Stimmen hören. Nicht laut. Gedämpft, geordnet, das Geräusch einer Versammlung, die sich noch nicht gesetzt hat.

Weber kam mir entgegen.

„Emilia.“

„Klaus.“

„Sind Sie bereit?“

Ich antwortete nicht sofort.

Ich sah an ihm vorbei zur halb offenen Tür.

Hinter der Tür hörte ich, wie ein Stuhl verschoben wurde.

Ich wusste, wer in dem Stuhl saß.

Ich nickte.

Weber sah mich noch einen Augenblick an.

„Emilia.“

„Ja?“

„Ich habe Ihrer Mutter einmal versprochen, Sie heute zu begleiten, falls dieser Tag jemals kommen würde.“

Ich sah ihn an.

„Wann haben Sie ihr das versprochen?“

„An einem Frühling, vor vielen Jahren. Sie war damals schon krank. Sie hatte Sie und Jan gerade aus dem Internat zurückgeholt. Sie saß bei Ihrem Vater im Garten. Ich war zu Besuch, wegen einer Sache mit dem Haus. Sie sagte zu mir, ohne dass Ihr Vater es hörte: ‚Klaus, wenn meine Tochter eines Tages eine Versammlung leiten muss, dann begleiten Sie sie.‘ Ich habe ihr versprochen, dass ich es täte. Ich hatte es seitdem fast vergessen.“

„Aber heute haben Sie sich erinnert.“

„Heute habe ich mich erinnert.“

Margot legte ihre Hand kurz auf seinen Unterarm.

Sie sagte nichts. Es war eine Geste, die mehr von ihrer Generation war als ich verstand.

Ich sah noch einmal zur Tür.

Dann nickte ich Weber zu.

„Gehen wir hinein.“

Er trat einen Schritt zurück, um mich vorzulassen.

Margot folgte mir. Jan folgte Margot. Frau Lehmann blieb auf dem Treppenabsatz stehen und nickte mir zu, einmal, mit einem Ausdruck, den ich an ihr noch nie gesehen hatte. Sie wartete dort, bis wir alle hineingegangen waren.

Ich trat in den Saal.

Ich sah nicht in die dritte Reihe.

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