Kapitel 15: Jan aus Hamburg
Jan rief am Abend an.
Ich hatte an diesem Tag die Scheidungspapiere unterschrieben. Weber hatte einen Kurier geschickt, wie versprochen. Der Kurier hatte im Flur gewartet, während ich am Esstisch saß und an drei Stellen unterschrieb. Die Federn waren grün, weil ich keine blaue zur Hand hatte. Weber hatte mir am Telefon gesagt, das sei gleichgültig. Grün oder blau, die Ehe sei dieselbe.
Ich saß danach lange am Tisch. Frau Brandl hatte eine Suppe gemacht. Ich aß zwei Löffel. Ich trank ein halbes Glas Wasser. Ich sah auf die Wand gegenüber, auf der ein Bild meiner Eltern hing, aufgenommen an der Nordsee, zwei Jahre vor dem Tod meiner Mutter. Mein Vater hielt sie an der Schulter. Meine Mutter lachte.
Das Telefon klingelte um halb acht.
Ich wusste, dass es Jan war, bevor ich auf das Display sah. Jan rief zu keiner anderen Zeit an. Er hatte einen Rhythmus. Er aß früh. Er trank nach dem Essen einen Espresso. Er rief nach dem Espresso an, wenn er jemanden anrufen musste.
„Emilia.“
„Jan.“
„Warum höre ich es von Clara?“
„Weil du in Hamburg bist.“
„Das ist keine Antwort.“
„Nein. Es ist eine.“
Er schwieg einen Augenblick.
„Sie hat mich gestern angerufen. Sie hat geglaubt, ich wüsste es. Sie war schockiert, dass ich es nicht wusste.“
„Das tut mir leid.“
„Du hättest mich anrufen müssen.“
„Ich weiß.“
„Wann?“
„Die Papiere sind heute unterschrieben.“
Es folgte eine Pause, in der ich seinen Atem hörte. Jan atmete durch die Nase, wenn er ärgerlich war. Ich kannte das Geräusch seit wir Kinder waren.
„Die Papiere.“
„Die Scheidungspapiere.“
„Du hast unterschrieben.“
„Ja.“
„Emilia.“
„Jan, hör zu.“
„Nein, du hörst jetzt einmal zu.“
Ich schwieg.
„Ich bin in einer Woche in Hamburg fertig. Ich fahre morgen früh los. Ich bin am Nachmittag in München.“
„Das ist nicht nötig.“
„Das entscheide ich.“
„Jan.“
„Emilia.“
Wir hatten beide denselben Namen gesprochen, den des anderen, und wir schwiegen einen Moment, bis wir beide wussten, dass wir nicht weiterkamen, wenn wir nicht atmeten.
„Gut“, sagte ich. „Komm.“
„Dann komme ich.“
„Aber du hörst mir erst zu, bevor du etwas tust.“
„Ich höre zu.“
„Das ist das Erste.“
„Das Zweite?“
„Kein Anwalt aus Hamburg. Ich habe schon einen.“
„Wer?“
„Dr. Weber. Briennerstraße.“
„Weber.“
„Er hat für Vater gearbeitet.“
Jan schwieg.
„Ich erinnere mich an ihn.“
„Gut.“
„Sehr gut sogar. Er war auf der Beerdigung.“
„Ja.“
„Und er hat seinen Kopf noch?“
„Er hat mehr als seinen Kopf.“
„Gut.“
„Das Dritte“, sagte ich. „Du kommst nicht wütend. Du kommst ruhig. Du sagst vor niemandem ein Wort. Auch nicht vor Frau Brandl. Auch nicht vor Clara. Wir reden, und dann wissen wir, was wir tun.“
„Ich bin nicht wütend.“
„Jan.“
„Ich bin wütend. Aber ich bin ruhig wütend.“
Ich lächelte, ohne dass er es hören konnte.
„Das reicht.“
„Wo schlafe ich?“
„Im Gästezimmer. Frau Brandl richtet es her.“
„Das Schlafzimmer.“
„Das ist leer.“
„Marks Sachen?“
„Weg.“
„Wann?“
„Vor zehn Tagen. Er hat zwei Leute geschickt. Frau Brandl war dabei.“
„Er hat sich nicht selbst gekümmert.“
„Nein.“
Jan atmete wieder durch die Nase.
„Emilia.“
„Ja.“
„Wie geht es dir?“
Die Frage kam kurz, fast unbeholfen. Jan war kein Mann, der solche Fragen leicht stellte.
„Mir geht es gut“, sagte ich. „Nicht gut im Sinne von gesund. Ich meine damit etwas anderes.“
„Ich weiß.“
„Ich schlafe. Ich esse. Ich gehe spazieren.“
„Im Englischen Garten?“
„Ja.“
„Allein?“
„Ja.“
„Ist das klug?“
„Ich gehe langsam.“
„Das meine ich nicht.“
„Ich weiß. Ja, es ist klug. Ich muss allein gehen. Sonst lerne ich nicht, allein zu sein.“
Er schwieg.
„Du klingst wie Mutter“, sagte er dann.
„Ich weiß.“
„Das hast du früher nicht.“
„Ich bin alt geworden.“
„Du bist nicht alt.“
„Ich bin kränker geworden. Und etwas klüger.“
Er schwieg wieder.
„Ich komme morgen.“
„Ja.“
„Emilia.“
„Ja.“
„Ich bin froh, dass du angerufen hast.“
„Du hast angerufen.“
„Ich meine, ich bin froh, dass du es mir jetzt sagst.“
„Ja.“
„Gute Nacht.“
„Gute Nacht, Jan.“
Ich legte auf.
Ich blieb am Tisch sitzen. Frau Brandl kam aus der Küche.
„Herr Jan kommt?“
„Morgen.“
„Ich richte das Zimmer her.“
„Danke.“
„Das blaue?“
„Das blaue. Es ist sein altes.“
„Ja, Frau Hartmann.“
Sie ging.
Frau Brandl nannte mich noch Frau Hartmann. Sie hatte es seit dreißig Jahren getan, und ich hatte sie nicht gebeten, es zu ändern. Irgendwann würde ich sie bitten. Aber nicht jetzt. Jetzt war Frau Hartmann der Name, unter dem die Welt mich noch kannte. Weber nannte mich Frau Richter, weil er mich kannte, bevor ich Mark geheiratet hatte. Frau Brandl hatte mich erst als Frau Hartmann kennengelernt, als die junge Ehefrau des Mannes, der in das Haus meines Vaters eingezogen war. Ich nahm es ihr nicht übel.
Ich räumte den Teller in die Küche. Frau Brandl war schon oben. Ich hörte sie die Bettwäsche aus dem Schrank nehmen. Sie war siebzig, fast achtundsechzig, und sie schleppte noch immer Bettwäsche durch die Flure, obwohl ich ihr längst gesagt hatte, sie müsse das nicht.
„Frau Brandl.“
Sie erschien oben an der Treppe.
„Lassen Sie es bis morgen. Ich mache es.“
„Das Zimmer?“
„Ja.“
„Aber Frau Hartmann.“
„Ich mache es. Ich habe Zeit.“
Sie sah mich an. Dann nickte sie langsam.
„Gut, Frau Hartmann.“
Sie ging in ihre Wohnung im Erdgeschoss. Ich hörte die Tür leise zufallen.
Ich ging ins blaue Zimmer. Es war Jans altes Zimmer, seit er mit acht Jahren hier eingezogen war. Die Wände waren mehrfach neu gestrichen worden, aber die Farbe war immer wieder dasselbe stumpfe Blau geblieben. Seine Bücher standen noch im Regal. Ein paar alte Architekturmagazine, die er als Student gelesen hatte. Ein Buch über Le Corbusier mit einem Riss im Einband, weil Jan einmal wütend darauf geschlagen hatte, nachdem ein Professor ihn gekränkt hatte.
Ich zog die Bettwäsche auf. Die Laken waren sauber. Sie rochen nach Lavendel, wie immer, wenn Frau Brandl sie in den Schrank gelegt hatte. Ich legte das Kopfkissen auf, dann die Decke. Ich schlug die Decke zurück. Nicht ganz. Nur so weit, dass Jan wusste, dass jemand das Bett für ihn vorbereitet hatte.
Ich setzte mich auf den Bettrand.
Jan würde kommen. Jan war gerecht. Gerechtigkeit war bei Jan manchmal ein lautes Wort. Ich musste ihn leise halten. Ich musste ihn verstehen lassen, dass wir nicht laut sein durften. Dass Laut der Fehler wäre, den Mark nicht machen würde, aber den wir nicht machen durften.
Ich saß lange auf dem Bettrand. Dann stand ich auf. Ich schloss die Tür leise hinter mir.
Ich ging die Treppe hinunter.
Das Haus war still. Die Uhr im Flur tickte. Sie tickte seit fünfzig Jahren. Sie war nach dem Krieg in diesem Haus, und sie hatte zwei Generationen Hartmann-Richter überlebt und würde mich überleben. Das war ein tröstlicher Gedanke.
Ich ging in die Küche, trank ein Glas Wasser, löschte das Licht.
Ich ging in mein altes Mädchenzimmer. Ich hatte das Schlafzimmer nicht wieder betreten. Ich schlief jetzt dort, wo ich mit sechzehn geschlafen hatte. Das Bett war schmaler. Die Decke war dünner. Es war genug.
Ich löschte das Licht.
Im Dunkeln hörte ich den Wind in den Pappeln am Isarufer.
Morgen kam Jan.
Heute schlief ich.
—
Ich schlief nicht sofort.
Ich lag eine Weile wach und ging die Sätze durch, die ich mit Jan gesprochen hatte. Ich hatte Jan seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Wir hatten uns nicht entzweit. Wir hatten uns nicht versäumt. Wir hatten in zwei Städten gelebt, in zwei Berufen, in zwei verschiedenen Arten von Tagen, und irgendwann waren die telefonischen Nachrichten seltener geworden, die Geburtstagsgrüße kürzer, die Weihnachtsbesuche kürzer.
Mark hatte Jan nie gemocht. Jan hatte Mark nie gemocht. Sie hatten es nie ausgesprochen. Sie hatten höflich miteinander verkehrt, wenn es nicht anders ging, und sie hatten sich beide auf ihre Weise geschont. Aber die Abneigung war da gewesen, vom ersten Abend an, an dem ich Jan Mark vorgestellt hatte, in einem Restaurant in der Schwabinger Prinzregentenstraße.
Ich erinnerte mich an diesen Abend.
Mark hatte sich in Schale geworfen, weil er wusste, dass Jan Architekt war und einen Sinn für Details hatte. Er hatte einen Anzug getragen, der neu gewesen war, und eine Krawatte, die seine Mutter ihm gekauft hatte und die nicht zu dem Anzug passte. Jan hatte die Krawatte nicht kommentiert. Er hatte auch nichts kommentiert, was Mark gesagt hatte. Er hatte nur zugehört, gegessen, einmal gelächelt. Nach dem Essen hatte er mich auf dem Nachhauseweg gefragt:
„Liebst du ihn?“
„Ich denke schon.“
„Denk noch ein bisschen.“
Das war alles.
Ich hatte nicht mehr nachgedacht. Ich hatte Mark sechs Monate später geheiratet. Jan war zur Hochzeit gekommen, in einem grauen Anzug, der ihm nicht gepasst hatte, und er hatte mir eine Flasche Wein geschenkt, die ich zwölf Jahre lang im Weinkeller aufbewahrt hatte, weil sie eine Jahrgangsmarke trug, die bedeutungsvoll war. Ich hatte die Flasche nie geöffnet.
Ich überlegte, wo sie jetzt war.
Vielleicht hatten Marks Leute sie mitgenommen, als sie seine Sachen holten. Vielleicht war sie noch da. Ich würde morgen im Keller nachsehen. Nein. Ich würde nicht nachsehen. Es gab keinen Grund, nachzusehen.
Ich drehte mich auf die andere Seite.
Das Bett im Mädchenzimmer war schmal. Die Matratze war weich an den Stellen, an denen ich mit sechzehn geschlafen hatte, und härter an den Stellen, an denen ich seit Jahren nicht mehr gelegen hatte. Ich bewegte mich in das Muster hinein, das mein Körper als Teenager hinterlassen hatte. Es passte noch. Es passte gut genug.
Draußen fuhr irgendwo ein Auto. Ich hörte eine Tür schlagen, weit weg, wahrscheinlich vor dem Haus der Nachbarn. Ich hörte den Wind in den Linden und in den Pappeln am Isarufer. Der Wind war lauter als gestern. Er würde morgen früh aufhören, wie er es meist tat, und dann würde es wieder still sein.
Ich dachte an meinen Vater.
Ich dachte nicht an seinen Tod. Ich dachte an einen Nachmittag im Herbst, an dem er mir im Garten gezeigt hatte, wie man einen Apfelbaum richtig schneidet. Ich war vielleicht vierzehn gewesen. Er hatte die Schere in die Hand genommen und mir erklärt, dass man die Äste, die nach innen wachsen, immer als erstes entfernt. Nicht die kranken. Nicht die toten. Die nach innen wachsenden.
„Warum die zuerst?“, hatte ich gefragt.
„Weil sie Licht wegnehmen, wo kein Licht sein sollte.“
Ich hatte ihn damals nicht verstanden.
Ich verstand ihn jetzt.
Jan war ein nach außen wachsender Ast. Er war laut. Er war gerecht. Er nahm Platz ein, und er nahm ihn gerade nach außen, wohin er gehörte. Ich musste ihn nicht schneiden. Ich musste ihn nur ruhig bitten, dass er seine Richtung beibehielt und nicht plötzlich nach innen sprang.
Ich würde ihn bitten.
Ich würde ihn morgen bitten.
Heute schlief ich.
Ich atmete einmal tief aus. Ich zog die Decke hoch. Ich schloss die Augen.
Irgendwann wurde der Wind leiser.
Irgendwann schlief ich ein.