Kapitel 52: Der erste Riss
Frau Brandl erzählte es mir am übernächsten Tag.
Sie tat es nicht aus Klatschsucht. Sie tat es so, wie sie alles tat — beiläufig, beim Abräumen des Frühstücksgeschirrs, als sei es ein Wetterbericht.
„Frau Hartmann.“
„Ja.“
„Ich war gestern bei der Wäscherei in der Possartstraße. Auf dem Rückweg habe ich die Trambahn an der Haltestelle Friedensengel verpasst. Ich bin ein Stück gegangen.“
Ich nickte.
„Da ist auf der anderen Seite, kurz vor der Brücke, eine Bank. Sie wissen, welche.“
„Ja.“
„Da saß die junge Dame.“
Ich legte die Tasse auf den Unterteller.
„Welche junge Dame?“
Frau Brandl sah mich kurz an, und in ihrem Blick lag das, was sie selten zeigte — eine Art trockene Komplizenschaft, die zwischen uns immer schon da gewesen war, aber nicht oft an die Oberfläche kam.
„Die, die jetzt am Englischen Garten wohnt.“
„Ah.“
„Sie war am Telefon.“
Ich sagte nichts.
„Sie hat laut gesprochen. Sehr laut. Ich gehe nicht so. Aber ich bin vorbeigegangen, weil die Bank am Weg lag.“
„Frau Brandl.“
„Ich erzähle es Ihnen nur, weil ich glaube, dass Sie es wissen sollten.“
„Erzählen Sie.“
Sie nahm sich Zeit. Sie räumte den Honig in den Schrank. Sie wischte die Anrichte ab. Sie sprach erst, als sie wieder am Tisch stand.
„Sie hat geweint. Nicht laut. Aber sie hat geweint. Und sie hat in das Telefon gesagt: *Du hast mir nie gesagt, dass sie diese Position hatte.*“
Ich stellte die Tasse vorsichtig in die Untertasse.
„Sie.“
„Sie meinte Sie.“
„Ja.“
„Und dann hat sie gesagt: *Wenn du mich angelogen hast über das eine, was hast du dann sonst noch?*“
„Aha.“
„Und dann hat sie eine Weile zugehört. Sie hat den Kopf gesenkt und gehört, dass jemand am anderen Ende sehr viel sprach.“
„Mark.“
„Ich denke, Mark.“
„Und dann?“
„Und dann hat sie gesagt: *Ich brauche Zeit.* Und dann hat sie aufgelegt.“
Ich sah zum Fenster.
Draußen war ein heller, kühler Vormittag. Eine Krähe saß auf dem Sims des Nachbarhauses und putzte sich die Federn. Ich hatte sie schon oft gesehen, oder eine, die ihr glich.
„Frau Brandl.“
„Ja.“
„Hat sie Sie gesehen?“
„Nein. Sie hat in den Boden gesehen, die ganze Zeit. Sie hat sich an der Bank festgehalten, mit der einen Hand. Es war kalt.“
„War sie allein?“
„Ja.“
Ich nickte langsam.
„Danke.“
„Bitte.“
Sie trug das Tablett aus der Küche. Sie sagte nichts mehr.
—
Ich blieb am Tisch sitzen.
Ich hatte erwartet, dass es kommen würde. Ich hatte nicht erwartet, dass es so bald kommen würde, und nicht in dieser Form. Ich hatte gedacht, dass Sophia leise verschwinden würde, eines Nachts, ohne Streit, ohne Worte. Junge Frauen wie sie, hatte ich Clara einmal gesagt, gehen ohne Türenknallen. Sie packen einen Koffer, rufen ein Auto, und am nächsten Morgen ist die Wohnung halb leer und Mark sitzt am Frühstückstisch und tut, als sei nichts geschehen.
Aber Frauen wie Sophia gingen nicht immer leise. Manche von ihnen, hatte mir Margot vor Wochen gesagt, hielten sich für klüger als die Lage und versuchten erst zu verhandeln. Erst dann gingen sie.
Sophia verhandelte.
Sie hatte herausgefunden, was Mark ihr nicht erzählt hatte. Sie hatte herausgefunden, dass die Frau, die er ihr seit neun Monaten als „die Kranke“ beschrieb, in einer Aufsichtsratssitzung in der Maximilianstraße einen Vertrag aus der Hand gezogen hatte, den er selbst nicht mehr verteidigen konnte. Sie hatte herausgefunden, dass die Frau, die in seinen Erzählungen „nur die Ehefrau“ gewesen war, in der Münchner Geschäftswelt einen anderen Namen hatte. Sie hatte irgendwo zugehört. Sie hatte einen Halbsatz aus der zweiten Reihe aufgeschnappt — bei einem Empfang, in einem Friseursalon, bei einer dieser Veranstaltungen, zu denen sie Mark begleiten durfte und auf denen die Frauen miteinander redeten, während die Männer telefonierten.
Sie hatte einen Halbsatz gehört, und der Halbsatz hatte ein Loch in ihre Geschichte geschlagen.
—
Ich stand auf.
Ich ging in das Arbeitszimmer meines Vaters. Ich stellte mich ans Fenster.
Mark saß jetzt vermutlich in der Wohnung am Englischen Garten, oder in der Bar des Bayerischen Hofs, oder im Auto, und er versuchte, eine junge Frau am Telefon zu beruhigen. Er würde die Sätze sagen, die Männer wie er in solchen Momenten sagten. *Es ist nicht so, wie du denkst. Sie übertreibt. Sie hat das immer schon gemacht. Wir reden heute Abend.* Er würde nicht das Wesentliche sagen. Er würde nicht sagen: *Ich habe dich angelogen, weil ich dich nicht verlieren wollte, bevor ich sie verlieren wollte.*
Männer wie Mark erzählten Frauen nichts Wesentliches.
Sie verloren sie deshalb.
Ich öffnete das Fenster einen Spalt. Die Luft, die hereinkam, roch nach dem feuchten Holz der Balkonstühle, die Frau Brandl gestern abgewischt hatte.
Ich dachte an Sophia.
Ich dachte an sie nicht mit Hass. Ich hatte nie Hass für sie gehabt. Ich hatte sie nicht verachtet, ich hatte sie nicht beneidet, ich hatte nicht über sie nachgedacht, in der Art, wie betrogene Ehefrauen über die Geliebten ihrer Männer nachzudenken pflegen. Sie war für mich, vom ersten Moment an, ein Vorgang gewesen, kein Mensch. Eine Tatsache in einer Akte. Ein Beleg in einer Innentasche.
Aber sie war auch eine junge Frau, achtundzwanzig, und sie saß auf einer Bank in der Possartstraße und weinte am Telefon.
Sie würde nicht zur Beerdigung von zwölf Jahren Ehe kommen. Sie würde keinen Anteil an dem haben, was zwischen Mark und mir noch zu klären war. Sie würde am Ende mit einem Koffer stehen und nicht wissen, wohin.
Ich hatte einmal, vor sehr langer Zeit, in einem Gespräch mit meiner Mutter, einen Satz gehört, an den ich seit Tagen wieder dachte.
*Eine Geliebte ist die zweite Frau, die ein Mann verliert, ohne es zu merken.*
Ich hatte den Satz damals nicht verstanden. Ich war achtzehn gewesen.
Ich verstand ihn jetzt.
—
Ich rief Weber an.
Frau Dr. Stelzer hob ab. Sie verband mich, ohne zu fragen.
„Frau Hartmann.“
„Dr. Weber. Eine kurze Frage.“
„Ja.“
„Wenn Mark jetzt versucht, Aktiva auf andere Personen umzuschreiben — Wagen, Wohnung, Konten —, würden wir das mitbekommen?“
Es war einen Moment still.
„Sie haben einen Anlass für die Frage?“
„Vielleicht.“
„Konkret?“
„Eine Person hat angefangen, Fragen zu stellen, die er nicht mehr beantworten kann.“
„Ah.“
„Und ich nehme an, er versucht jetzt, diese Person zu beruhigen.“
„Mit Geld.“
„Mit irgendetwas.“
Weber atmete einmal durch. Es war kein Seufzer. Es war das Atmen eines Mannes, der eine Liste durchging.
„Ich rufe heute Nachmittag bei der Bank an. Frau Brunner kennt mich. Wir bekommen die Bewegungen seines Geschäftskontos seit Beginn der Woche. Wenn dort eine Auffälligkeit ist, wissen wir es bis morgen Mittag. Privatkonto ist schwieriger, aber wir haben den Kontoauszug bis Ende der Woche.“
„Gut.“
„Frau Hartmann.“
„Ja.“
„Sie reagieren genau richtig. Sie reagieren nicht. Sie sehen zu.“
„Ich weiß.“
„Dann lassen Sie es mich tun.“
„Ich lasse es Sie tun.“
Wir legten beide auf.
—
Ich blieb am Schreibtisch sitzen.
Ich nahm einen Bogen Papier aus der oberen Schublade, einen von den glatten, cremefarbenen Bögen meines Vaters, die Frau Brandl noch nicht weggeräumt hatte. Ich nahm den Füller. Ich schrieb nichts darauf. Ich legte ihn nur vor mich hin.
Manchmal genügt es, zu wissen, dass man schreiben könnte.
—
Am Abend rief Clara an.
„Em.“
„Clara.“
„Hast du gehört?“
„Was.“
„Sie hat ihn nicht gestern Nacht reingelassen.“
Ich schwieg.
„Mark“, sagte Clara. „Hat versucht, gestern um halb elf in die Wohnung am Englischen Garten zu kommen. Sie hat die Kette vorgelegt. Sie hat ihn auf der Treppe stehen lassen. Eine Bekannte von Christine wohnt im selben Haus. Sie hat es vom Treppenabsatz gesehen.“
„Wo ist er hin?“
„In den Bayerischen Hof. Allein.“
„Aha.“
„Em.“
„Ja.“
„Das ist der Anfang.“
„Ich weiß.“
„Wie geht es dir?“
Ich dachte einen Moment nach.
„Mir geht es gut. Mir geht es seltsam gut. Aber nicht aus dem Grund, den du jetzt vermutest.“
„Aus welchem Grund dann?“
„Weil ich nichts dafür getan habe.“
Clara lachte leise. Es war kein hartes Lachen.
„Das ist die richtige Antwort.“
„Ich weiß.“
„Schlaf gut.“
„Schlaf du auch.“
—
Ich legte das Telefon weg.
Ich hörte oben Frau Brandl die Vorhänge zuziehen. Ich hörte unten den Kühlschrank summen, ein leises, gleichmäßiges Geräusch, das in alten Häusern Teil der Stille ist.
Ich nahm den Bogen Papier vom Schreibtisch und legte ihn in die obere Schublade zurück. Ich schraubte den Füller zu. Ich schaltete die Lampe aus.
Im Dunkeln dachte ich noch einmal an die Bank in der Possartstraße, an die junge Frau mit dem gesenkten Kopf, an die kalte Hand am Bankbein, an die letzten Worte: *Ich brauche Zeit.*
Sie hatte die Zeit.
Mark hatte sie nicht.