Kapitel 92: Gespräche über das Projekt
Wir hatten uns auf jeden Mittwochvormittag um zehn geeinigt.
Es war keine große Entscheidung gewesen. Anne hatte den Termin in den Kalender eingetragen, Fabian Möller hatte in einer kurzen E-Mail zugestimmt, und Jan, der inzwischen wieder in Hamburg saß, hatte den Eintrag im gemeinsamen Kalender mit einem Häkchen versehen. Damit war es geschehen. Eine Routine, die sich langsam zu einer Gewohnheit verdichtete.
Im Sitzungsraum der Maximilianstraße hingen seit Anfang Juni die ersten Modelle des Stadtquartiers an der Wand. Drei Schaubilder, jeweils gerahmt, jeweils in der nüchternen Klarheit, die Möller & Partner für ihre eigene Handschrift hielten. Die Modelle selbst standen auf einem langen Tisch in der Mitte, mit Kartonquadern aus weißem Material, mit feinen Bäumen aus Draht, mit den schmalen Linien der Straßen, die in einem helleren Grau eingezeichnet waren als die Höfe.
Ich kam an diesem Mittwoch zwei Minuten vor zehn.
Fabian war schon da.
Er saß am Ende des Tisches, vor sich eine Mappe, daneben einen Becher Kaffee, den ihm Anne gebracht hatte. Er stand auf, als ich eintrat. Das war eine Geste, die er sich nie abgenommen hatte, auch nicht, nachdem ich ihn gebeten hatte, sich diese Höflichkeit zu sparen.
„Frau Hartmann.“
„Herr Möller.“
Wir setzten uns. Anne legte mir die Mappe vor und ging.
—
Wir sprachen über das Material der Fassaden.
Fabian hatte zwei Vorschläge. Er hatte sie auf zwei Karten ausgedruckt, nebeneinander, mit den jeweiligen Lieferanten, mit den jeweiligen Preisen. Er war, wie ich in den letzten Wochen festgestellt hatte, ein Mann der Karten. Er bereitete jedes Gespräch so vor, als müsse er zwei Wege offen halten — den, den er für richtig hielt, und den, den er für möglich hielt.
„Ich tendiere zu dem Klinker“, sagte er.
„Warum?“
„Weil er altert.“
Ich sah ihn an.
„Bauten, die nicht altern, wirken nach zwanzig Jahren falsch“, sagte er. „Man sieht ihnen die Mode an. Klinker altert mit der Stadt.“
Ich sah die Karten an.
„Gut“, sagte ich. „Klinker.“
Er nickte. Er machte einen Strich an seiner Karte. Er klappte die Mappe zu.
„Sonst noch?“, fragte ich.
„Noch eine Sache. Die Höhen im Innenhof.“
Er zog ein zweites Blatt heraus.
—
Wir arbeiteten eine Stunde.
Es war eine andere Art zu arbeiten, als ich sie aus den Jahren mit Mark gekannt hatte. Mark hatte Sitzungen geführt, indem er sprach. Er hatte den Raum gefüllt, mit Gesten, mit Floskeln, mit halblauten Telefonaten zwischendurch. Fabian sprach nicht viel. Er sprach langsam. Er ließ Pausen. Wenn er etwas nicht wusste, sagte er, dass er es nicht wisse.
Es war ungewohnt, in diesem Tempo zu arbeiten.
Es war auch leichter.
Gegen elf legte er den Stift hin. Er sah einen Moment auf das Modell. Dann sah er mich an.
„Frau Hartmann.“
„Ja?“
„Wir könnten beim nächsten Termin auch in das Architekturbüro kommen. Falls Sie die Räume sehen wollen.“
Ich nickte.
„Gerne.“
Er wartete einen Augenblick. Er sagte nichts mehr.
Dann stand er auf.
—
Anne brachte ihn zur Tür.
Ich blieb im Sitzungsraum sitzen und sah die Modelle an. Drei Quartiere, gestaffelt, der mittlere Hof größer als die beiden anderen, ein Durchblick zur Theresienstraße, der die Häuserreihe öffnete, ohne sie zu unterbrechen.
Ein guter Entwurf, dachte ich.
Ich hatte in den letzten Wochen verstanden, woran man einen guten Entwurf erkannte. Er sah selbstverständlich aus. Er sah aus, als sei er die einzig mögliche Lösung. In Wahrheit war er die zwölfte oder zwanzigste, die jemand nachts an einem Schreibtisch ausprobiert hatte, bis das Selbstverständliche sich einstellte.
Anne kam zurück.
„Frau Hartmann.“
„Ja?“
„Frau Lenz hat angerufen. Sie bittet Sie am Donnerstagabend zum Essen. Halb acht, in ihrer Wohnung.“
„Eintragen.“
„Eingetragen.“
Sie zögerte einen Moment.
„Frau Hartmann.“
„Ja, Anne?“
„Sie hat noch etwas gesagt.“
„Was?“
„Sie hat gesagt, ich solle Sie fragen, ob Sie allein kommen oder zu zweit.“
Ich sah Anne an.
Anne sah aus dem Fenster.
„Ich komme allein“, sagte ich.
„Verstanden.“
Sie ging.
—
Ich blieb noch einen Moment am Tisch sitzen.
Margot wusste also Bescheid. Ich hatte mich gefragt, wie schnell es bei ihr sein würde. In München sprachen die Wände, und Margot hatte in dreißig Jahren gelernt, ihnen zuzuhören. Sie hatte vermutlich die Sekretärin eines Aufsichtsrats angerufen, die wiederum mit der Schwiegertochter eines Architekten verwandt war, die im Möller-Büro die Empfangsdame kannte. Es brauchte nicht viel.
Ich war nicht ärgerlich.
Ich war auch nicht überrascht.
Ich war nur, zum ersten Mal seit vielen Monaten, bei einer Sache, die ich nicht erklären wollte, ohne sie wegzuschieben.
Ich nahm die Mappe und ging in mein Arbeitszimmer.
—
Den Rest des Tages arbeitete ich an den Berliner Geschäften.
Frau Dr. Bauer hatte eine Liste vorgelegt, die wir noch vor der Sommerpause durcharbeiten mussten. Sieben Punkte, von denen drei strittig waren. Wir telefonierten zweimal. Beim zweiten Mal sagte sie:
„Frau Hartmann.“
„Frau Doktor.“
„Ich habe gestern Ihren Architekten getroffen. Im Aufzug, im Haus an der Briennerstraße.“
„So.“
„Er hat mich gegrüßt. Sehr höflich. Sehr knapp.“
Ich schwieg.
„Ein angenehmer Mann“, sagte sie.
„Ja“, sagte ich.
Wir kamen zum dritten strittigen Punkt zurück.
—
Am Abend fuhr ich nach Bogenhausen zurück.
Frau Brandl hatte die Veranda geöffnet. Es war einer der ersten Abende des Sommers, der Wind kam von der Isar herauf, der Flieder war längst verblüht, an seine Stelle traten die Pfingstrosen, die meine Mutter vor Jahrzehnten an der Mauer entlang gepflanzt hatte.
Ich aß auf der Veranda.
Frau Brandl hatte mir einen leichten Salat gemacht, ein Glas Apfelschorle, eine Scheibe Brot. Sie setzte sich nicht zu mir. Sie blieb in der Tür stehen, mit dem Geschirrtuch in der Hand.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Soll ich morgen den Tisch im Esszimmer decken oder hier?“
„Hier.“
„Verstanden.“
Sie wollte gehen, dann blieb sie stehen.
„Frau Richter.“
„Ja?“
„Der Herr Architekt — ist er Donnerstag dabei?“
Ich sah sie an.
Sie sah mich an, in einer Art, die ich aus meiner Kindheit kannte — die Art, in der sie meine Mutter angesehen hatte, wenn meine Mutter etwas hatte, das sie noch nicht aussprechen wollte.
„Nein“, sagte ich. „Donnerstag bin ich bei Frau Lenz. Allein.“
„Verstanden.“
Sie wartete einen Augenblick.
„Frau Richter.“
„Ja?“
„Es würde mich freuen, ihn einmal hier zu kochen.“
Ich nickte.
„Ich werde daran denken.“
Sie ging.
—
Ich blieb auf der Veranda sitzen.
Über der Isar wurde es langsam dunkel. Die Lichter auf der gegenüberliegenden Seite, im Lehel, gingen einzeln an, wie an einer langen Schnur. Eine Amsel sang in den Kastanien an der Straße. Sie sang lange. Dann hörte sie auf.
Ich dachte an den Mittwoch.
Ich dachte daran, dass Fabian den Klinker vorgeschlagen hatte, weil er alterte.
Ich dachte daran, dass er beim Aufstehen eine kurze Bewegung mit der Hand gemacht hatte, als wolle er die Mappe an sich halten und als sei ihm dann eingefallen, dass er sie ebensogut auf dem Tisch lassen könne, weil wir uns ohnehin nächste Woche wieder sehen würden.
Ich dachte daran, dass es eine Art Verlässlichkeit war, die ich in mir nicht eingeplant hatte.
Ich erlaubte es mir nicht zu deuten.
Ich erlaubte es mir nur zu sehen.
—
Im Haus klingelte das Telefon.
Frau Brandl nahm ab. Ich hörte sie sprechen, leise, höflich. Dann kam sie heraus.
„Frau Richter.“
„Ja?“
„Ihr Bruder.“
Ich stand auf.
Im Flur nahm ich den Hörer.
„Jan.“
„Emi.“
„Wie geht es dir?“
„Gut. Du?“
„Auch gut.“
Er schwieg einen Moment. Bei Jan war Schweigen eine Form von Hellhörigkeit. Er hörte zwischen den Worten, weil er, anders als die meisten Brüder, nicht alles hatte ausreden müssen.
„Wie war heute mit Fabian?“
„Gut. Wir nehmen den Klinker.“
„Ich hatte es ihm geraten.“
„Das habe ich mir gedacht.“
Er lachte kurz.
„Emi.“
„Ja?“
„Margot weiß es.“
„Ich weiß.“
„Sie hat gestern Abend in Hamburg angerufen.“
Ich lehnte mich an die Wand.
„Hat sie etwas gesagt?“
„Sie hat gesagt: ‚Sagen Sie Ihrer Schwester, dass ich mich freue, wenn sie Donnerstag kommt. Allein oder nicht allein. Wie sie möchte.'“
Ich schwieg.
„Emi.“
„Ja?“
„Es gibt nichts, was sie nicht sieht. Aber es gibt vieles, was sie nicht ausspricht. Das ist ihre Form von Anstand.“
„Ich weiß, Jan.“
Er schwieg wieder.
Dann sagte er: „Ich rufe nur, weil ich nicht möchte, dass du dich überrumpelt fühlst.“
„Ich fühle mich nicht überrumpelt“, sagte ich.
„Dann gut.“
„Jan.“
„Ja?“
„Danke.“
„Pass auf dich auf, Emi.“
Wir legten auf.
—
Ich ging zurück auf die Veranda.
Mein Glas stand noch dort, halb leer. Ich trank es aus. Frau Brandl hatte das Geschirr abgeräumt, ohne mich zu stören. Auf dem Tisch lag nur noch eine Serviette und ein Streifen Mondlicht, der durch das Geländer fiel.
Ich saß lange.
Ich dachte an Margot, an ihren Blick, an die Art, wie sie eine Tasse hielt, wenn sie etwas wusste, das sie nicht sagte. Ich dachte an Donnerstag, an ihren Esstisch mit den weißen Servietten und den schweren Bestecken. Ich dachte daran, dass ich seit Monaten keinen Abend mehr bei ihr verbracht hatte, an dem sie nicht etwas wissen wollte, was ich noch nicht wusste.
Ich erlaubte mir die Vorstellung.
Sie blieb still.
Sie machte keinen Lärm in mir.
—
Ich ging hinein.
Im Treppenhaus war es dunkel. Frau Brandl hatte ihr Licht im Erdgeschoss schon ausgemacht. Sie hatte sich, als sie noch jünger war, manchmal die Mühe gemacht, mir auf der Treppe zu begegnen, wenn ich spät heimkam. Heute machte sie das nicht mehr. Sie ließ die Treppe für mich allein.
Ich ging nach oben.
Im Schlafzimmer schloss ich das Fenster nicht ganz. Die Luft kam herein, kühl, weich. Ein Auto fuhr unten an der Straße vorbei, ein zweites folgte. Dann nichts mehr.
Ich legte mich hin.
Ich machte das Licht aus.
Ich dachte einen Augenblick an Mittwoch, an die nächste Sitzung, an die Räume des Architekturbüros, die ich noch nicht gesehen hatte, an die Gangart, in der jemand vorausgehen würde, und an die Art, wie ich folgen würde.
Ich erlaubte mir, mich zu freuen.
Ich erlaubte es nicht laut.
—
In der Nacht wachte ich einmal auf.
Es war kein Traum, der mich geweckt hatte. Es war ein Geräusch im Garten, vielleicht ein Tier, das durch die Hecke gestreift war. Ich blieb liegen und hörte. Es kam nicht wieder.
Ich sah auf die Uhr. Es war Viertel vor drei.
Ich dachte einen Augenblick an Mark, den ich seit Wochen nicht mehr in den Gedanken gehabt hatte. Ich dachte an ihn nicht lange. Er war nicht mehr eine Figur, die mich nachts holen konnte. Er war jemand, an den ich an einem Donnerstagabend, im Vorbeigehen einer Erinnerung, einmal kurz dachte, weil ich wach geworden war und weil das Haus still war.
Ich hatte ihn vor einem Jahr aus diesem Schlaf gerissen.
Er hatte mich heute Nacht nicht mehr gerissen.
Ich drehte mich um.
Ich dachte an Mittwoch. An die nächste Sitzung. An die Karten, die Fabian wieder vor sich hinlegen würde. Ich dachte daran, dass ich mir, ohne es geplant zu haben, in der vergangenen Woche zwei kleine Dinge in einem Geschäft an der Theatinerstraße gekauft hatte: einen neuen Schal, einen blassen, und ein Paar Lederhandschuhe. Ich hatte beides nicht gebraucht. Ich hatte beides gekauft, weil ich an einem Mittwoch zu der Adresse fahren wollte, an der das Architekturbüro lag, und weil ich an diesem Vormittag mich, ohne dass es mehr war, in einer kleinen Form auch sehen wollte.
Es war nicht eitel.
Es war nur — neu.
Ich schlief weiter.