Kapitel 65: Das Vorzimmer
Das Familiengericht in der Maxburgstraße war ein Bau, den man von außen nicht sofort als Gericht erkannte. Helle Fassade, hohe Fenster, eine Tür, die in besseren Zeiten zu einer Bank geführt hätte. Erst die Schilder neben dem Eingang verrieten, was sich darin abspielte.
Ich kam um Viertel vor vier.
Weber war nicht mit. Ein Trennungsjahr-Termin brauchte keinen Anwalt im Saal. Das hatte er mir am Telefon erklärt. Er hatte nur darum gebeten, dass ich anrief, sobald ich wieder im Wagen saß. Jan sollte fahren, hatte er vorgeschlagen. Ich hatte es abgelehnt. Frau Brandl hatte mich gefahren, in dem alten Wagen meines Vaters, den sie selten benutzte, weil sie sagte, er sei für sie zu groß.
Im Foyer roch es nach Bohnerwachs und nach dem Kaffee aus einem Automaten, den jemand am Vormittag geleert hatte.
Eine Frau in einer dunkelblauen Uniform sah mich kurz an. Sie deutete mit dem Kopf zur Treppe.
„Familiengericht, erster Stock, Saal vier.“
„Danke.“
Ich ging die Treppe hoch.
Die Stufen waren aus einem grünlichen Kunststein. Sie waren sauber. Sie waren in der Mitte heller als am Rand, weil seit fünfzig Jahren Menschen über sie gegangen waren, die schneller hinaufkamen, als sie hinuntergingen.
Vor dem Saal war ein Vorzimmer. Eine kleine Bank an der Wand, drei Stühle gegenüber, ein niedriger Tisch mit alten Zeitschriften, die niemand las. Eine Tür mit der Aufschrift Saal IV, verschlossen.
Auf einem der Stühle saß Mark.
—
Er stand auf, als er mich sah.
Er hatte einen dunklen Anzug an, der nicht der teuerste war, den er besaß. Vielleicht hatte er sich überlegt, dass der teuerste in diesem Raum nicht klug wäre. Vielleicht hatte er den teuersten in der Reinigung. Ich wusste es nicht.
Er war schmaler geworden. Nicht stark. Aber genug, dass das Hemd nicht mehr saß wie vor einem Jahr. Sein Haar war frisch geschnitten. Die Bartlinie war sauber. Frau Lechners Beobachtung vom vergangenen Donnerstag hatte ihn also offenbar nicht weiter erreicht oder er hatte sie für sich gelöst.
Er sah mich an.
Ich nickte. Knapp. Höflich.
Ich setzte mich auf den dritten der drei Stühle, den, der am weitesten von ihm entfernt war.
Ich legte meine Handtasche neben mich. Ich öffnete sie nicht. Ich nahm nichts heraus. Ich faltete die Hände in den Schoß.
Mark setzte sich wieder.
Eine Weile war es still.
Im Flur sprach jemand mit einer Sekretärin. Eine Frauenstimme, die fragte, ob die Akte schon vorne läge. Eine andere Frauenstimme, die antwortete, sie liege auf dem Tisch der Richterin.
Mark räusperte sich.
„Emilia.“
Ich sah auf. Nicht ihn an. Auf die Tür mit der Aufschrift Saal IV.
„Emilia, ich…“
Ich sah ihn nicht an.
Ich öffnete meine Handtasche. Ich nahm meinen Terminkalender heraus. Ich schlug die Seite mit dieser Woche auf. Ich strich mit dem Finger durch die Spalte des Mittwochs, in der nichts stand. Ich tat, als suche ich einen Eintrag.
Mark verstummte.
Er hatte den Satz nicht zu Ende gebracht. Es war kein wichtiger Satz gewesen.
Er sah einen Moment auf seine Schuhe. Er sah zur Decke. Er sah zur verschlossenen Tür.
Dann hob er die rechte Hand. Eine kleine Geste, kaum mehr als ein Anheben der Finger über das Knie. Eine Geste, mit der er in den vergangenen dreizehn Jahren Bestellungen in Restaurants gemacht hatte, in denen wir saßen. Ein Mann, der einen Kellner ruft.
Er wollte mich grüßen.
Ich sah ihn nicht.
Ich hörte ihn nur — die Bewegung des Stoffes, das Knacken seines Knies, als er die Hand wieder fallen ließ.
—
Eine Sekretärin trat aus dem Saal.
Sie hatte eine schmale, höfliche Stimme.
„Frau Hartmann. Herr Hartmann. Frau Direktor Walter wird Sie gleich aufrufen.“
Ich nickte. Ich blieb sitzen.
Mark stand halb auf, dann setzte er sich wieder. Er nickte, als sei er erleichtert, dass die Sekretärin ein Wort gesprochen hatte, das die Stille brach.
Sie schloss die Tür wieder.
Mark sah auf seine Hände.
„Du musst nicht reden.“
Ich sah ihn nicht an.
„Ich rede nicht.“
„Ich meine, mit mir.“
„Ich rede nicht mit Ihnen, Mark.“
Es war das erste Mal seit unserer Hochzeit, dass ich ihn gesiezt hatte.
Ich hatte es nicht geplant.
Es war keine Demonstration.
Es war nur die Wahrheit.
—
Er blieb still.
Er saß sehr ordentlich. Er hatte gelernt, in fremden Räumen zu sitzen, wie man in fremden Räumen sitzen sollte. Das war eines der Dinge, die er von meinem Vater übernommen hatte, als er noch glaubte, ihm gefallen zu müssen.
„Du siehst gut aus.“
Ich sagte nichts.
„Du… du wirkst kräftiger als…“
Ich sagte nichts.
Er sprach in den Raum.
„Ich wollte dir nur sagen — ich habe nicht erwartet, dass du heute kommst.“
Ich sah einen Moment auf den Türrahmen. Saal IV. Die Schrift war in einem nüchternen Grau. Die Buchstaben waren in einem leichten Winkel angebracht, weil der Schildmacher es vor langer Zeit nicht ganz gerade gehängt hatte.
„Es ist mein Termin“, sagte ich.
„Ja.“
„Ich komme zu meinen Terminen.“
„Ich weiß.“
Er sagte es leise.
Es war vermutlich der ehrlichste Satz, den ich seit Monaten von ihm gehört hatte.
—
Die Tür ging auf.
Frau Direktor Walter stand in der Tür. Eine Frau Mitte fünfzig, brauner Hosenanzug, eine Brille, deren Schnur sie um den Hals trug. Sie sah uns beide an, ohne dass eine besondere Wertung in ihrem Blick lag.
„Frau und Herr Hartmann. Bitte.“
Ich stand auf. Ich glättete den Rock. Ich nahm die Handtasche.
Mark stand auf der anderen Seite des Vorzimmers auf.
Wir gingen nicht gemeinsam in den Saal. Ich ging zuerst. Mark hielt einen Abstand von zwei Schritten. Frau Direktor Walter wartete an der Tür, bis wir beide vorbei waren, dann schloss sie die Tür hinter sich.
Der Saal war klein. Ein Tisch in U-Form, drei Stühle vor dem Tisch, ein Stuhl hinter dem Tisch. Eine Aktentasche auf dem Stuhl der Richterin. Ein Glas Wasser, das schon halb leer war.
Sie wies uns die Stühle an. Mark links, ich rechts.
Sie öffnete die Akte.
„Herr und Frau Hartmann, Sie haben den Antrag auf Feststellung der Trennung eingereicht. Ich habe die Unterlagen vorliegen. Beide Anwälte sind über diesen Termin in Kenntnis gesetzt. Sie haben darauf verzichtet, hier zugegen zu sein. Das ist im Trennungsjahr-Termin üblich. Mir geht es heute nur darum, Ihre Aussagen zu Protokoll zu nehmen. Es gibt keine Verhandlung. Es gibt nur eine Feststellung.“
Sie sah auf.
„Frau Hartmann, sind Sie seit dem fünften April letzten Jahres dauerhaft von Ihrem Ehemann getrennt?“
„Ja.“
„Leben Sie nicht mehr in häuslicher Gemeinschaft?“
„Nein.“
„Haben Sie keinen gemeinsamen Hausstand mehr?“
„Nein.“
„Haben Sie keinen geschlechtlichen Verkehr mehr?“
„Nein.“
Sie nickte. Sie schrieb mit. Es war ein Standardformular.
„Herr Hartmann, bestätigen Sie diese Aussagen?“
„Ja.“
„Wird der Trennungstermin von beiden Seiten anerkannt?“
„Ja“, sagte er.
„Ja“, sagte ich.
„Gut.“
Sie schrieb noch etwas. Sie hob den Kopf.
„Damit ist das Trennungsjahr formell bestätigt. Es endet, wie aus den Unterlagen ersichtlich, am fünften April dieses Jahres. Den Antrag auf Scheidung können beide Parteien danach stellen, sofern keine Versöhnung erfolgt ist. Möchten Sie eine Versöhnung erklären?“
Mark sah einen Augenblick zu mir.
„Nein“, sagte ich.
„Nein“, sagte er, eine halbe Sekunde später.
Frau Direktor Walter nickte, als sei sie einen Termin gewohnt, in dem solche Antworten gesprochen wurden.
„Damit sind wir hier durch. Ich danke Ihnen für Ihr Erscheinen.“
—
Wir verließen den Saal nicht zusammen.
Frau Direktor Walter sagte zu mir, dass ich noch einen Augenblick warten möge, weil eine Sekretärin eine Unterschrift auf dem Protokoll wünsche. Ich blieb stehen.
Mark verließ den Saal allein.
Im Vorzimmer hörte ich seine Schritte. Sie gingen zur Treppe. Sie waren langsamer als sonst. Sie waren nicht eilig. Sie waren nicht zögerlich. Sie waren nur die Schritte eines Mannes, der einen Saal verließ, der ihn in ein zweites Jahr entließ, das er nicht erwartet hatte.
Frau Direktor Walter sah von der Akte auf.
„Frau Hartmann, ich bin Ihrer Familie zwei oder drei Mal begegnet. Vor vielen Jahren. Ihr Vater hat einer meiner Kolleginnen einmal einen Auftrag gegeben.“
„Mhm.“
„Er war ein anständiger Mann.“
„Danke.“
Sie sah einen Moment auf das Protokoll. Dann sah sie wieder auf.
„Es gibt Termine, Frau Hartmann, in denen ich beide Parteien anschauen muss. Ich versuche, mir kein Urteil zu bilden. Manchmal gelingt es mir besser, manchmal weniger gut.“
Ich sagte nichts.
„Ich wollte nur sagen, dass ich mir bei diesem Termin nicht die Mühe machen musste, mir kein Urteil zu bilden. Das war einfach.“
„Frau Direktor Walter.“
„Ja.“
„Ich nehme Ihre Worte zur Kenntnis. Ich werde nichts darauf entgegnen.“
„Das hatte ich auch nicht erwartet.“
Sie reichte mir das Protokoll. Ich unterschrieb. Ich gab es ihr zurück.
„Auf Wiedersehen, Frau Hartmann.“
„Auf Wiedersehen.“
—
Im Foyer wartete Frau Brandl.
Sie hatte den Mantel über dem Arm. Sie sah mir entgegen.
„Es ist gut“, sagte ich.
„Ja.“
„Es war schnell.“
„Diese Termine sind immer schnell.“
„Mark ist schon weg.“
„Er ist gerade hinten in einen Wagen gestiegen. Nicht in seinen eigenen. Ein Taxi.“
Ich blieb einen Augenblick stehen.
„Ein Taxi?“
„Ein Taxi.“
Ich sagte nichts.
Frau Brandl half mir in den Mantel. Sie öffnete die Tür.
Auf der Straße war es kühler geworden. Über den Dächern lag das gelbe Licht eines späten Aprilnachmittags. Ein Lieferwagen fuhr langsam an.
Ich stieg in den Wagen meines Vaters.
Frau Brandl schloss die Beifahrertür.
Bevor sie um den Wagen ging, sagte sie etwas, was sie sonst nicht sagte.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Dr. Weber hat um halb fünf angerufen. Er bittet Sie, sobald Sie zu Hause sind, ihn zurückzurufen. Er sagt, er habe etwas gefunden, das er Ihnen vorlegen müsse.“
„Was?“
„Er hat es mir nicht gesagt.“
Sie ging um den Wagen.
—
Auf der Rückfahrt schwieg sie.
Sie schwieg, weil sie wusste, dass jedes Wort, das sie jetzt sagen würde, ein Wort zu viel sein konnte. Sie hatte das in den dreißig Jahren in unserem Haus gelernt. Mein Vater hatte einmal zu meiner Mutter gesagt: „Die Brandl ist die einzige Person, die ich kenne, die die Stille als Höflichkeit beherrscht.“
Frau Brandl hatte den Satz vermutlich nie gehört. Aber sie hatte ihn beherzigt, ohne ihn zu kennen.
Wir fuhren am Englischen Garten vorbei.
Ich sah einen Augenblick die Bäume an. Sie waren jünger als die in Bogenhausen. Sie hatten dieses Frühlingsgrün, das man im April noch sehr sauber sieht, bevor der Mai die Farbe dunkler werden lässt. Im Hintergrund stand ein Gebäude, in dem irgendwo eine Wohnung lag, die ich nie betreten hatte und die Frau Lechner zweimal in der Woche reinigte.
Ich sah weg.
—
In Bogenhausen.
Frau Brandl bog in die Einfahrt. Sie schaltete den Wagen aus. Sie ließ den Schlüssel im Zündschloss.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Es ist getan.“
„Es ist ein Schritt getan.“
„Es sind viele Schritte getan.“
Sie nahm den Mantel von der Rückbank.
„Ich werde Tee machen.“
„Bitte.“
Im Salon klingelte das Telefon. Frau Brandl ging hin. Es war Clara.
Ich hörte Frau Brandl höflich antworten und sagen, ich sei gerade nach Hause gekommen und werde später zurückrufen.
Sie legte auf.
„Sie sagt, es habe Zeit. Sie wollte nur wissen, ob alles glattgegangen sei.“
„Sagen Sie ihr morgen, dass es glattgegangen ist.“
„Gut.“
—
Ich saß noch eine Weile im Salon.
Auf dem Beistelltisch lag der Roman, den ich seit Tagen nicht las. Daneben die Karte von Margot. Daneben eine ungeöffnete Rechnung der Apotheke.
Ich legte die Karte über die Rechnung. Ich legte den Roman daneben.
Ein Taxi.
Frau Brandl hatte gesagt, Mark sei in ein Taxi gestiegen. Nicht in seinen eigenen Wagen.
Ich überlegte einen Moment, was das bedeuten konnte. Dann hörte ich auf zu überlegen. Es war nicht meine Aufgabe, die Lebensbewegungen Marks zu deuten.
Ich rief Weber zurück.
„Klaus.“
„Emilia.“
„Ich bin zu Hause. Es war kurz. Frau Direktor Walter war gewissenhaft. Mark war im Vorzimmer.“
„Hat er etwas gesagt?“
„Sehr wenig.“
„Sie haben nicht geantwortet.“
„Nein.“
„Gut. Wir sehen uns morgen früh. Ich bringe alles mit.“
„Klaus.“
„Ja.“
„Sie haben am Telefon gesagt, Sie hätten etwas gefunden, das ich wissen muss.“
„Ja.“
„Es ist groß?“
„Es ist groß.“
„Klaus.“
„Morgen. Bitte schlafen Sie heute.“
Ich legte auf.
Ich blieb noch eine Weile sitzen, ohne den Tee zu trinken, den Frau Brandl gebracht hatte.