Kapitel 91: Eine Einladung
Die Sitzung im Juni dauerte länger als sonst.
Wir hatten viel zu besprechen — die Tiefgarage, die nun in den endgültigen Lageplan eingetragen war, die Fassade an der Augustenstraße, für die wir uns auf die mittlere Putzplatte geeinigt hatten, und ein neues Thema, das Möller in der Tagesordnung als „statische Überprüfung Nordflügel“ eingetragen hatte und das er erst gegen Ende der Sitzung erläuterte.
Wir saßen in dem Besprechungsraum in der Theresienstraße, an dem langen Holztisch, mit Frau Steiner an der schmalen Seite und einem zweiten Architekten, den ich noch nicht kannte, mit Namen Herr Wagner. Markus Schmidt war heute krank — er hatte sich bei einem Wochenendausflug an den Tegernsee einen Sommerschnupfen geholt — und Heinrich Altmann war auf einer Beerdigung in Augsburg. Ich war heute allein für die Hartmann Gruppe da.
Es war das erste Mal, dass ich in einer Sitzung mit Möller allein war.
Allein, im Sinn von ohne jemanden meiner Seite. Frau Steiner und Herr Wagner waren ja anwesend.
—
Möller erläuterte den Nordflügel.
„Wir haben in der zweiten statischen Prüfung festgestellt, dass die ursprüngliche Annahme zur Last des Dachgeschosses zu konservativ war. Wir können einen Träger einsparen. Das spart nicht nur Material, sondern erlaubt eine offenere Raumstruktur in den Wohnungen unter dem Dach.“
„Wie viele Wohnungen.“
„Acht. Davon vier mit veränderter Grundrissmöglichkeit.“
„Welche Grundrisse sind möglich.“
Er zog eine Skizze aus der Mappe. Er legte sie vor mich. Sie zeigte zwei Varianten — eine mit zwei kleineren Schlafzimmern, eine mit einem großen Schlafzimmer und einem zusätzlichen Arbeitszimmer.
Ich sah sie an.
„Die zweite Variante.“
„Das war auch unsere Empfehlung. Wir haben die Marktanalyse für diese Lage angesehen. Die Käufer in der Maxvorstadt suchen häufig ein Arbeitszimmer.“
„Verstanden.“
Wir gingen die Variante durch. Es waren noch zwei kleinere Fragen zu klären — die Lage einer Wand, die Möglichkeit eines Balkons, der bisher nicht eingeplant war. Wir entschieden beide Fragen in derselben Sitzung.
Es war fünf Uhr.
—
Frau Steiner und Herr Wagner standen auf.
Sie sammelten ihre Unterlagen. Frau Steiner nahm die Putzplatten, die wir heute nicht mehr gebraucht hatten, und legte sie in einen kleinen Holzkasten, den sie auf einem Sideboard abstellte. Herr Wagner schüttelte mir die Hand und sagte: „Auf Wiedersehen, Frau Richter.“ Frau Steiner sagte: „Auf Wiedersehen.“ Beide gingen.
Möller blieb sitzen.
Er legte seinen Stift hin.
Er klappte die Mappe zu.
Er sah einen Augenblick auf die Mappe, dann auf mich.
—
„Frau Richter.“
„Herr Möller.“
„Eines möchte ich Ihnen sagen, bevor Sie gehen.“
Ich legte meinen Stift hin.
„Bitte.“
Er zog die Mappe ein wenig näher zu sich heran. Er bewegte die Mappe um ungefähr fünf Zentimeter. Es war eine kleine Bewegung, die nicht funktional war — die Mappe hatte vorher gut gelegen, sie lag nachher gut. Ich vermutete, dass er die Bewegung gemacht hatte, weil er kurz Zeit brauchte, bevor er sprach.
„Wir werden in den nächsten Monaten viele Sitzungen haben.“
„Ja.“
„Ich werde Ihnen viele Vorschläge machen.“
„Ja.“
„Ich werde versuchen, in den Sitzungen klar zu sein. Ich werde mich auf das beschränken, was wir besprechen müssen.“
„Das tun Sie bereits.“
„Ich versuche es.“
Er hielt einen Augenblick inne.
„Was ich Ihnen sagen wollte: Falls Sie Fragen haben — auch außerhalb der Sitzungen, auch zu Themen, die nicht direkt das Maxvorstadt-Projekt betreffen — können Sie mich anrufen. Das ist keine Einladung, das ständig zu tun. Es ist die Information, dass ich erreichbar bin.“
Er sah einen Augenblick auf den Tisch.
„Mehr nicht.“
—
Ich war einen Augenblick still.
Ich hörte Möller atmen, einmal langsam, einmal länger, einmal wieder normal. Ich hörte draußen auf dem Korridor Frau Steiner mit einem Telefon sprechen — sie sagte etwas zu einem Lieferanten, leise, höflich. Ich hörte unten auf der Theresienstraße einen Bus halten und wieder anfahren.
„Herr Möller.“
„Ja.“
„Danke.“
„Ich wollte nicht, dass es zu groß klingt.“
„Es klingt nicht zu groß.“
„Gut.“
Ich nahm meinen Stift in die Hand. Ich legte ihn wieder hin.
„Ich werde mich melden, wenn ich Fragen habe.“
„Auch außerhalb des Projekts.“
„Auch außerhalb.“
Ich sah ihn einen Augenblick an.
Er sah mich nicht zu lange an. Er sah mich nicht zu kurz an. Er sah einfach.
—
„Ich habe noch eine Frage zu der Linde.“
„Bitte.“
„Ist sie geschützt im Sinne der Stadt München, oder durch eine private Eintragung im Grundbuch.“
„Beides.“
„Beides.“
„Sie steht in der Münchner Baumschutzverordnung, weil sie über zweihundertzwanzig Zentimeter Stammumfang hat. Sie steht zusätzlich in einer privaten Eintragung im Grundbuch des Nachbargrundstücks, weil der Eigentümer der Nachbarbauten in den siebziger Jahren eine Vereinbarung mit dem damaligen Eigentümer Ihres Grundstücks getroffen hat.“
„Welche Vereinbarung.“
„Dass die Linde nicht entfernt werden darf. Selbst wenn sie ihre statische Festigkeit verliert. Selbst wenn sie krank wird. Selbst wenn sie tot ist.“
„Auch wenn sie tot ist.“
„Auch dann.“
„Das ist ungewöhnlich.“
„Ja.“
„Wer war der damalige Eigentümer des Nachbargrundstücks.“
„Ein Doktor Lechner. Hausarzt. Er ist 1981 gestorben. Sein Sohn hat die Eintragung beibehalten.“
Ich machte eine Pause.
„Mein Vater hat einen Doktor Lechner gekannt.“
„Vermutlich denselben.“
„Vermutlich.“
Ich sah ihn einen Augenblick an.
„Sie haben das alles im Stadtarchiv überprüft.“
„Ja.“
„Wann.“
„Letzten Donnerstag.“
„Sie sind ein gründlicher Mann.“
„Ich versuche es.“
—
Wir saßen noch einen Augenblick.
Es war nicht mehr eine Sitzungsstille. Es war eine andere Stille — die Stille nach einer Sitzung, in der die offiziellen Sätze gesprochen waren und die inoffiziellen Sätze gerade zu Ende waren, und in der zwei Menschen nicht mehr genau wussten, ob sie gehen sollten oder noch einen Augenblick bleiben.
Ich stand auf.
Möller stand auch auf.
„Frau Richter.“
„Herr Möller.“
„Ich begleite Sie zur Tür.“
„Danke.“
—
Wir gingen durch das Vorzimmer.
Frau Steiner saß an ihrem Schreibtisch. Sie hatte das Telefonat beendet. Sie sah auf, als wir vorbeigingen.
„Auf Wiedersehen, Frau Richter.“
„Auf Wiedersehen, Frau Steiner.“
Möller öffnete die Tür zum Treppenhaus.
Im Treppenhaus war es kühler als im Büro. Die Fenster zum Innenhof waren gekippt. Aus dem Hof kam der Geruch von feuchtem Stein, weil heute Mittag ein Sommerregen gefallen war und die Pflastersteine sich noch nicht erholt hatten.
Möller blieb auf dem Treppenabsatz stehen.
Ich blieb auch stehen.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Eine letzte Sache, dann lasse ich Sie gehen.“
„Bitte.“
„Ich werde Sie in den nächsten Sitzungen weiter Frau Richter nennen. Sie werden mich weiter Herr Möller nennen. Ich finde, es passt.“
„Es passt.“
„Falls Sie das ändern wollen, werde ich es ändern.“
„Wir lassen es so.“
„Gut.“
Er nickte einmal.
—
Ich ging die Treppe hinunter.
Auf halber Höhe drehte ich mich um.
Möller stand noch oben am Treppenabsatz. Er stand nicht in der Tür. Er stand auf dem Absatz, mit der Hand am Geländer, und sah mich nicht direkt an, sondern in die Richtung des Innenhofs.
Ich nickte einmal.
Er nickte einmal.
Ich ging weiter.
—
Auf der Theresienstraße war es schon Abend.
Die Sonne stand tief, zwischen den Häusern. Auf dem Gehweg gingen Menschen, die von der Arbeit kamen, einzelne mit einer Einkaufstasche, ein paar mit Aktenkoffer. An der Ecke zur Ottostraße stand ein Mann mit einer Trompete und spielte ein Lied, das ich nicht kannte. Er spielte es leise, wie man eine Trompete leise spielt, was nicht ganz leise ist, aber doch leiser als üblich.
Ich ging an dem Mann vorbei.
Ich legte nichts in seinen Hut.
Es war keine Absicht. Ich hatte vergessen, dass ich Geld in der Tasche hatte. Ich blieb nach drei Schritten stehen, drehte um, ging zurück, legte einen Schein in den Hut.
Der Mann nickte einmal, ohne aufzuhören zu spielen.
Ich ging weiter.
—
Im Wagen — Herr Steiner wartete an der Maximilianstraße auf mich, weil ich vorhin gesagt hatte, ich würde dort hinkommen — sah ich aus dem Fenster.
Wir fuhren am Königsplatz vorbei, dann an der Pinakothek, dann durch die Innenstadt, dann über die Maximiliansbrücke, dann die Möhlstraße hinauf, dann in die Auffahrt der Villa.
Ich stieg aus.
„Herr Steiner.“
„Frau Richter.“
„Morgen früh um halb neun.“
„Verstanden.“
Er fuhr.
—
Im Haus war Jan im Esszimmer.
Er hatte einen Plan auf dem Tisch ausgebreitet. Frau Brandl brachte ihm gerade einen Tee. Sie sah auf, als ich hereinkam.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Möchten Sie auch einen Tee.“
„Ja.“
Sie ging in die Küche.
Jan sah mich an.
„Wie war die Sitzung.“
„Lang.“
„Was wurde besprochen.“
„Tiefgarage, Fassade, Statik des Nordflügels.“
„Klingt produktiv.“
„Es war produktiv.“
Ich setzte mich an den Tisch.
Er sah mich einen Augenblick an.
„Du bist anders heute Abend.“
„Wieso.“
„Du bist nicht müde.“
„Bin ich nicht.“
„Sonst bist du nach den Sitzungen müde.“
„Heute nicht.“
Er ließ es dabei.
—
Frau Brandl brachte den Tee.
Sie stellte ihn vor mich hin.
Sie sah mich kurz an.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Sie haben heute Abend rote Wangen.“
„Ich bin gegangen.“
„Wo gegangen.“
„Vom Königsplatz bis zum Wagen.“
„Das sind zweihundert Meter.“
„Es war warm.“
„Es ist warm, ja.“
Sie sah einen Augenblick auf den Tisch.
Dann ging sie.
Sie hatte gewusst, dass ich nicht von der Maximilianstraße bis zum Wagen rote Wangen bekam.
Sie hatte nicht weiter nachgefragt.
—
Im Bett, später am Abend, lag ich mit offenen Augen.
Im Garten unten zirpte etwas — eine Grille, vielleicht, die diesen Sommer früh dran war. Im Haus ging Frau Brandl auf den Treppen herum, machte das Licht aus, schloss das Schloss in der Garderobentür, ging dann in ihr Zimmer im Erdgeschoss.
Jan war noch im Esszimmer, mit dem Plan.
Ich dachte an Möllers Satz.
*Falls Sie Fragen haben — auch außerhalb der Sitzungen.*
Es war kein außergewöhnlicher Satz.
Geschäftspartner sagten so etwas oft, in ähnlicher Form, in Münchner Sitzungssälen seit dreißig Jahren.
Aber Möllers Satz war anders gemeint.
Ich wusste das.
Ich wusste es, weil er den Satz an einem bestimmten Punkt der Sitzung gesagt hatte — am Ende, nicht am Anfang. Ich wusste es, weil er die Mappe vorher um fünf Zentimeter verschoben hatte. Ich wusste es, weil er nach dem Satz „mehr nicht“ gesagt hatte, was eine Form der Vorsicht war, die er sonst nicht zeigte.
Er hatte den Satz gesagt, weil er wollte, dass ich ihn anrufen konnte.
Er hatte ihn nicht gesagt, weil er erwartete, dass ich es tat.
Er hatte ihn gesagt, weil er die Möglichkeit offen halten wollte.
Möglichkeiten offenzuhalten war eine Form der Höflichkeit, die in München in den letzten zwanzig Jahren verloren gegangen war. Mark hatte sie nie verstanden. Mark hatte alles immer gleich entschieden, weil er gefürchtet hatte, dass eine offene Möglichkeit zu lange offen bleiben könnte.
Möller fürchtete offene Möglichkeiten nicht.
Das war der Unterschied.
—
Ich schloss die Augen.
Ich schlief nicht sofort.
Ich dachte einen Augenblick daran, dass ich Möller in den nächsten Tagen nicht anrufen würde.
Es würde Wochen dauern, vielleicht Monate.
Aber ich wusste — und das war der ungewohnte Teil dieses Abends —, dass ich ihn irgendwann anrufen würde.
Vielleicht zu einer Frage zur Linde.
Vielleicht zu einer Frage zur Aufschüttung.
Vielleicht zu einer Frage, die mit dem Maxvorstadt-Projekt nichts zu tun hatte.
Es war eine kleine Sache. Sie passte in einen einzigen Satz: *Ich werde mich melden, wenn ich Fragen habe.*
Ich hatte es heute gesagt.
Ich hatte es gemeint.
—
Ich schlief ein.
Im Garten unten zirpte die Grille noch eine Weile, dann nicht mehr.
Im Haus war es still.