Kapitel 38: Webers Eröffnung
Montag.
Ich fuhr selbst in die Stadt. Ich fuhr immer noch den kleinen Audi, den ich seit Jahren hatte, nicht den Jaguar, nicht den Geländewagen, nur das Auto, das mein Auto war und das ich kannte. Die Briennerstraße war überraschend leer für einen Montagvormittag. Ich parkte in der Tiefgarage beim Karolinenplatz und ging die letzten zweihundert Meter zu Fuß.
Es war sonnig.
Die Münchner Altbauten an der Briennerstraße haben eine Eigenschaft, die ich in anderen Städten nicht kenne: sie wirken morgens wärmer als abends. Die Sandsteinfassaden nehmen das schräge Licht auf und halten es für eine halbe Stunde in sich fest, bevor sie wieder in ihre gewohnte Kühle zurückfallen.
Ich kam ein paar Minuten zu früh.
Frau Engelmann, Webers Sekretärin, sah mich durch die Glastür. Sie stand auf und öffnete mir, bevor ich klingeln musste.
„Frau Richter.“
„Frau Engelmann.“
„Er wartet.“
„Gut.“
Webers Büro war unverändert. Dunkles Holz, zwei Bürofenster zur Briennerstraße, ein kleiner Rundtisch in der Ecke, an dem er die Gespräche führte, die länger dauern sollten. Auf dem Tisch lagen drei Mappen.
„Frau Richter.“
„Dr. Weber.“
„Setzen Sie sich.“
Ich setzte mich. Er setzte sich gegenüber. Er zog die oberste Mappe zu sich.
„Wollen Sie Kaffee?“
„Nein, danke.“
„Wasser?“
„Nein.“
„Sie wissen, warum Sie da sind.“
„Ja.“
„Ich erzähle es Ihnen trotzdem der Reihe nach. Das ist meine Berufspflicht.“
„Ich weiß.“
Er öffnete die Mappe. Er blätterte nicht. Er sah mich an.
„Ich habe in den letzten drei Wochen die Gründungsakten der Richter-Immobilien und die späteren Umwandlungsverträge zur Hartmann Gruppe aus dem Jahr 2003 vollständig durchgesehen. Ich habe das mit einem externen Urkundenprüfer in Zürich abgeglichen. Ich habe mit einem Notar gesprochen, der damals eine Beglaubigung in einer Nebenakte gemacht hat und der noch lebt. Ich habe eine Analyse der Stimmrechtsstruktur nach dem damaligen und nach dem aktuellen Gesellschaftsrecht durchführen lassen.“
„Das war viel Arbeit.“
„Ja. Das war es.“
Er legte die Hände flach auf die Mappe.
„Das Ergebnis ist eindeutig.“
„Ich höre.“
„Im Herbst 2003 wurden die Richter-Immobilien in die neu gegründete Hartmann Gruppe GmbH überführt. Ihr Vater war an dieser Überführung persönlich beteiligt. Die Überführung erfolgte in drei Schritten — ich erspare Ihnen die technischen Details. Entscheidend ist der letzte Schritt, eine notarielle Urkunde vom siebzehnten November 2003, in der die Verteilung der Gesellschaftsanteile festgelegt wurde.“
„Ja.“
„Nach dieser Urkunde hielt die Familie Richter — zu diesem Zeitpunkt Ihr Vater und, über einen Treuhandvertrag, Sie selbst — sechzig Prozent der Gesellschaftsanteile. Ihr damaliger Verlobter, Mark Hartmann, hielt dreißig Prozent, über eine Einlage, die teilweise von Ihrem Vater kreditiert worden war. Die verbleibenden zehn Prozent waren ein Mitarbeiterpool, der später weitestgehend an einen Streubesitz überging.“
„Sechzig dreißig zehn.“
„Sechzig dreißig zehn.“
Ich sagte nichts.
„Im Januar 2005 — zwei Monate vor dem Tod Ihres Vaters — wurde eine Änderungsurkunde angefertigt, in der die Anteilsverhältnisse neu festgesetzt wurden. Nach dieser Änderungsurkunde sollen die Anteile Ihres Vaters auf vierzig Prozent reduziert und die Anteile Ihres Mannes auf fünfzig Prozent erhöht worden sein. Die Urkunde trägt die Unterschrift Ihres Vaters.“
„Die Unterschrift.“
„Die Unterschrift.“
Er zog einen Umschlag aus der Mappe. Er öffnete ihn. Er legte zwei Blätter nebeneinander vor sich.
„Links die Originalunterschrift Ihres Vaters aus dem Jahr 2003. Rechts die Unterschrift auf der Änderungsurkunde von 2005.“
Ich sah hin.
„Sie sind ähnlich.“
„Ja. Sie sind ähnlich. Aber sie sind nicht identisch. Und der entscheidende Punkt ist nicht das Schriftbild. Der entscheidende Punkt ist die Urkunde selbst.“
Er zog ein drittes Blatt hervor.
„Der Notar, der die Urkunde 2005 beglaubigt haben soll, war zum Zeitpunkt der Beglaubigung nachweislich in einem Kurort im Schwarzwald. Ich habe das über das Bundesnotaramt verifiziert. Der Notar war vom siebten bis zum einundzwanzigsten Januar 2005 auf einer angezeigten Urlaubsvertretung. Die Urkunde trägt das Datum des fünfzehnten Januar 2005.“
Ich sah ihn an.
„Das heißt.“
„Das heißt, die Änderungsurkunde ist nicht wirksam. Und was immer sich zwischen Ihrem Vater und Ihrem Mann in den Wochen vor seinem Tod abgespielt hat — rechtlich ist die Urkunde eine Fälschung, oder bestenfalls eine fehlerhafte Beurkundung. Das eine wie das andere führt zur Unwirksamkeit.“
Er ließ die Worte stehen.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Sie besitzen de facto sechzig Prozent Ihrer eigenen Firma.“
Ich sah aus dem Fenster.
Draußen auf der Briennerstraße ging eine Frau mit einem Hund. Der Hund hielt an einer Laterne. Die Frau wartete. Es war ein ganz gewöhnlicher Moment, ein Dienstag — nein, Montag — im April, in einer Stadt, in der ich seit achtunddreißig Jahren lebte.
Ich spürte keinen Triumph.
Ich spürte keine Freude.
Ich spürte nur ein stilles Erkennen — wie wenn man etwas endlich laut ausspricht, was man längst gedacht hat. Wie wenn man die letzte Seite eines Buches liest, dessen Ende man seit der Hälfte geahnt hat, und es stellt sich heraus, dass man richtig geahnt hat.
Mein Vater hatte es mir einmal fast gesagt.
Es war ein Abend im Februar 2005 gewesen, drei Wochen vor seinem Tod, und er hatte mich in sein Arbeitszimmer gerufen, und er hatte gesagt, er habe „etwas in Bewegung gesetzt, das du wissen solltest“, und dann hatte er mich angesehen, lange, und dann hatte er gesagt: „Aber nicht heute, Emilia. Wenn ich morgen noch atme, reden wir morgen weiter.“
Wir hatten nicht weitergeredet.
Er war zwei Wochen später gestorben.
Ich hatte dreiundzwanzig Jahre lang gedacht, er habe mir etwas sagen wollen, das er nicht mehr gesagt hatte.
Jetzt wusste ich: er hatte etwas rückgängig gemacht. Er hatte eine Urkunde nicht unterschrieben, die Mark ihm vorgelegt hatte. Er hatte diese Urkunde irgendwann zwischen dem fünften und dem zwanzigsten Januar 2005 abgelehnt. Jemand hatte sie dann trotzdem ausgefertigt — mit einer Unterschrift, die nicht seine war, und einem Notar, der nicht im Haus war.
Mein Vater hatte nicht verloren. Er hatte sich geweigert. Und jemand hatte diese Weigerung einfach umgangen.
„Dr. Weber.“
„Ja.“
„Weiß Mark davon?“
„Von der Fälschung? Nein. Von den Prozenten? Ich vermute, er hat über die Jahre gelernt, sich die Zahlen so zu erzählen, wie er sie braucht. Ich glaube nicht, dass er sich in den letzten zehn Jahren die ursprünglichen Akten angesehen hat. Er hat sich auf den Stand nach der Urkunde von 2005 verlassen, weil er ihn kannte. Er ist auf seiner eigenen Version reingefallen.“
„Das sieht ihm ähnlich.“
„Ja. Das sieht ihm ähnlich.“
Ich sah die beiden Unterschriften noch einmal an.
Die erste — die echte — war die Unterschrift, die ich kannte. Groß, rund, mit dem kleinen Bogen am Ende des „r“ in „Richter“, den mein Vater immer machte, weil er als Kind so gelernt hatte. Die zweite war beinahe gleich. Aber der Bogen am „r“ fehlte. Er war gerade.
Wer auch immer sie gemacht hatte, hatte das kleine Detail nicht gewusst.
„Frau Richter“, sagte Weber. „Sie haben mehrere Möglichkeiten.“
„Ich höre.“
„Die erste: Sie fechten die Urkunde von 2005 an. Das wäre ein Prozess, der ein bis zwei Jahre dauern würde und öffentlich werden könnte. Das Ergebnis wäre, dass Sie nach einem Urteil offiziell sechzig Prozent halten.“
„Die zweite?“
„Sie nutzen die faktische Mehrheit bei der Aufsichtsratssitzung der Hartmann Gruppe, die für Ende des Monats einberufen ist. Sie lassen sich als Miteigentümerin ins Protokoll aufnehmen. Sie stimmen mit sechzig Prozent. Sie fechten die Änderungsurkunde später nicht an — sie betrachten sie einfach als nicht existent und stimmen gemäß der ursprünglichen Urkunde. Das wird Ihr Mann bestreiten. Er wird prozessieren. Er wird verlieren.“
„Die dritte?“
„Sie tun nichts. Sie lassen Mark die Firma so weiterführen, wie er sie führt. Sie halten Ihre sechzig Prozent still in der Hand. Sie warten, bis die Bank und die anderen Gläubiger von selbst nach einer Mehrheit fragen, die ihnen gegenüber verantwortet werden kann.“
„Die dritte Möglichkeit.“
„Ja. Es ist die ruhigste.“
„Und die zweite?“
„Die zweite ist die, die ich Ihnen empfehle. Aber sie ist weniger ruhig.“
Ich dachte nach.
Ich dachte länger, als Weber erwartet hatte, aber er wartete geduldig. Weber war einer der wenigen Männer, die ich in meinem Leben kennengelernt hatte, die mir einen Moment nicht ausreden wollten.
„Dr. Weber.“
„Ja.“
„Ich gehe zur Aufsichtsratssitzung.“
„Gut.“
„Aber ich fechte nicht an.“
„Das ist Ihre Entscheidung.“
„Ich möchte nicht, dass mein Vater nachträglich zum Opfer einer Fälschung erklärt wird. Ich möchte nicht, dass die Presse das aufgreift. Ich möchte einfach, dass die ursprüngliche Urkunde von 2003 wieder den Maßstab bildet.“
„Das geht, wenn Mark der Sitzung stillschweigend zustimmt. Das wird er nicht.“
„Dann werde ich ihm die Fälschung zeigen. Unter vier Augen. Vor der Sitzung.“
Weber nickte langsam.
„Das ist eine elegante Lösung.“
„Es ist keine elegante Lösung, Dr. Weber. Es ist die einzige, die ich mit dem Bild meines Vaters im Arbeitszimmer noch aushalten kann.“
Er nickte wieder.
„Ich verstehe.“
Wir saßen noch eine Weile.
Dann stand ich auf.
„Dr. Weber.“
„Ja.“
„Wann ist die Sitzung genau?“
„In zwei Wochen. Der neunte Mai. Vierzehn Uhr. Maximilianstraße zwölf. Im großen Sitzungssaal.“
„Dann sehen wir uns dort.“
„Dann sehen wir uns dort.“
Ich ging.
Auf der Briennerstraße war es jetzt Mittag.
Ich ging nicht sofort zum Wagen zurück. Ich ging einmal um den Block. Ich ging an den Platanen entlang. Ich dachte nicht. Ich ging nur.
Am Karolinenplatz, vor der Tiefgarage, blieb ich stehen.
Mein Vater hatte sich geweigert.
Das war das eine Wort, das alles ordnete.
Ich ging hinunter zum Auto.
—
Zu Hause, in der Villa, legte ich den Mantel auf die Garderobe und ging direkt ins Arbeitszimmer meines Vaters.
Ich schloss die Tür hinter mir.
Ich setzte mich an den Schreibtisch, an seinen Schreibtisch. Ich blieb lange so sitzen. Ich sah das Porträt an der Wand nicht an. Ich sah nur die Mappe, die in der Schublade lag, von der ich wusste, was darin war.
Frau Brandl klopfte irgendwann.
„Darf ich kurz?“
„Ja.“
Sie kam herein. Sie stellte eine Tasse Kaffee auf das Sideboard neben der Tür. Sie sah mich einen Moment an, dann sagte sie:
„Frau Hartmann. Soll ich heute Abend etwas Bestimmtes kochen?“
„Nein, Frau Brandl. Was Sie möchten.“
„Rinderbrühe?“
„Gern.“
„Ich mache eine kleine Einlage dazu.“
„Danke.“
Sie wartete einen Moment, als wollte sie noch etwas sagen. Dann drehte sie sich um und ging.
Ich saß weiter am Schreibtisch.
Ich dachte an vieles, und ich dachte an nichts. Ich dachte an den Winter 2004 und an den Januar 2005 und an den Notar, den ich nicht kannte, der im Schwarzwald gewesen war, während sein Stempel hier in München auf eine Urkunde gesetzt wurde, die er nicht beurkundet hatte. Ich dachte an Mark, der damals einunddreißig gewesen war, sechs Monate frisch verheiratet mit mir, und der offenbar schon damals begriffen hatte, dass ein Schwiegervater, der im Sterben lag, ein Schwiegervater war, den man zu Dingen drängen konnte, die er bei gesundem Atem nicht getan hätte.
Dass er es versucht hatte.
Dass mein Vater sich geweigert hatte.
Dass Mark dann einen anderen Weg gesucht hatte — einen, der ohne die Unterschrift meines Vaters auskommen konnte.
Das war die eigentliche Geschichte.
Ich schluckte einmal.
Ich stand nicht auf.
Ich blieb am Schreibtisch sitzen, bis das Licht im Arbeitszimmer sich verschoben hatte, bis der Kaffee, den Frau Brandl gebracht hatte, kalt geworden war, und bis ich wusste, dass ich bereit war für das, was in zwei Wochen in der Maximilianstraße zwölf geschehen würde.