Kapitel 37: Claras Angebot
Clara kam am Samstagabend.
Sie kam mit einem Kuchen von Sperrer und einer Tüte Mandarinen, die sie auf den Tisch stellte, als wäre sie nicht sicher gewesen, ob sie Wein, Blumen oder Früchte mitbringen sollte, und sich dann für Früchte entschieden hatte.
„Frau Brandl, gehen Sie nach Hause“, sagte sie, als sie hereinkam. „Ich koche.“
Frau Brandl, die eigentlich noch einen Salat vorbereitet hatte, sah mich mit der Augenbraue an, die sie immer hob, wenn Clara etwas anordnete.
„Lassen Sie Clara nur, Frau Brandl. Gehen Sie. Es ist halb sieben.“
„Ich lasse aber die Küche so, wie sie ist.“
„Das lasse ich mir gefallen“, sagte Clara. „Ich bin keine gute Gastgeberin. Aber ich koche Nudeln, und dafür braucht es keine saubere Küche.“
Frau Brandl lachte einmal trocken. Das tat sie selten. Sie zog den Mantel an, küsste mich kurz auf die Stirn — eine Geste, die sie neuerdings machte und die ich nicht kommentierte, weil ich sie mochte — und ging.
Wir waren allein.
Clara öffnete die Flasche, die sie wahrscheinlich in der Tasche mitgebracht hatte. Eine Gute. Sie hatte seit dem letzten Mal dazugelernt.
Wir saßen in der Küche. Nicht im Esszimmer. Clara bestand in letzter Zeit immer auf der Küche. Sie sagte, Esszimmer seien für Leute, die Rollen spielten, und wir hätten jetzt genug Rollen für ein Jahrzehnt.
Die Pasta war einfach. Olivenöl, Salz, zerdrückter Knoblauch, etwas Zitrone. Wir aßen schnell und redeten langsam.
„Sophia ist also da gewesen.“
„Ich habe dir doch geschrieben.“
„Ich wollte es nur noch einmal hören.“
„Sie ist gekommen. Sie hat gefragt. Sie ist gegangen.“
„Wie lange war sie da?“
„Eine halbe Stunde. Vielleicht dreiviertel.“
„Und?“
„Ich mag sie nicht. Aber ich hatte sie mir dümmer vorgestellt.“
Clara lachte. „Das ist der Clara-Hartmann-Befund für fast alle Menschen, die wir nicht kennen: dümmer vorgestellt.“
„Sie ist sehr präzise. Sie sagt, was sie denkt, und nicht, was sie gelernt hat zu sagen.“
„Dann ist sie nicht wie Mark.“
„Nein. Das ist, warum sie geht.“
Clara sah auf.
„Sie geht?“
„Sie hat es mir gesagt. Nicht sofort. Aber bald.“
„Und warum erzählt sie dir das?“
„Weil sie nicht möchte, dass man einen Zusammenhang mit meinem Besuch herstellt, sobald sie weg ist.“
Clara schüttelte den Kopf.
„Die ist wirklich nicht dumm.“
„Nein.“
„Das ist schlecht für Mark. Wenn die Geliebte geht, während die Bank den Kredit sperrt, und die Frau zeitgleich in allen Münchner Salons als ‚zurück‘ gehandelt wird, dann ist das der Anfang eines sehr schnellen Herbstes.“
„Es ist April.“
„Ich meine das im übertragenen Sinn.“
„Ich weiß.“
Wir aßen. Die Nudeln waren besser, als Clara gesagt hatte.
Sie schob irgendwann den Teller weg, goss nach, sah mich über den Rand des Glases an.
„Em.“
„Ja.“
„Ich möchte dir etwas vorschlagen.“
„Ich habe das schon geahnt.“
„Es ist nichts Neues. Es ist das Alte, aber diesmal anders.“
„Sag.“
Sie stellte das Glas ab.
„Mach etwas Eigenes.“
„Du hast mir das schon im Februar vorgeschlagen.“
„Damals war es zu früh. Jetzt nicht mehr.“
Sie legte die Ellbogen auf den Tisch.
„Em, ich rede nicht davon, dass du in meiner Agentur mitmachst. Ich rede nicht davon, dass du dir ein Büro in der Maximilianstraße nimmst und dich mit Marks alten Leuten um die Stühle streitest. Ich rede von etwas Leisem.“
„Ich höre.“
„Immobilien. Wie dein Vater.“
Sie wartete, ob ich reagierte. Ich reagierte nicht. Sie fuhr fort.
„Ein kleines Büro. Zwei, drei Leute. Kein Logo in Gold. Nichts Lautes. Nur ein Name, vielleicht deiner, vielleicht ein alter Name aus der Familie. Richter-Grund. Oder so. Du suchst zwei, drei Projekte pro Jahr, Altbauten in mittlerer Lage, die man vorsichtig wieder herrichtet. Du kaufst nicht, um zu flippen. Du kaufst, um zu bewahren.“
„Das ist keine Tätigkeit, mit der man reich wird.“
„Das ist eine Tätigkeit, mit der man lebt. Und du bist die Tochter eines Mannes, dessen ganzes Leben diese Tätigkeit war. Du weißt, wie man das macht. Du weißt es besser als alle anderen, die in München angeblich wissen, wie man das macht.“
„Clara.“
„Ja.“
„Ich habe die Hartmann Gruppe geerbt.“
„Noch nicht offiziell.“
„Doch. Offiziell schon. Ich habe es nur nicht vollzogen. Weber hat das bestätigt. Die Richters halten sechzig Prozent. Mark hat dreißig. Der Rest ist Streubesitz.“
Clara sah mich an.
„Wann hat Weber dir das gesagt?“
„Er hat es mir vorgestern am Telefon angedeutet. Er will mir am Montag die endgültige Analyse bringen.“
„Dann bist du am Montag faktisch die Eigentümerin einer Firma mit dreihundert Angestellten.“
„De facto. Ja.“
„Em.“
„Ja.“
„Und du willst mit mir ein kleines Büro gründen?“
Ich lächelte.
„Clara. Ich nehme, was man nehmen muss. Aber ich habe nicht vor, mein Leben in der Hartmann Gruppe zu verbringen.“
„Dann was?“
„Ich führe sie zurück in das, was sie einmal war. Ich ändere den Namen. Ich setze Leute ein, die das im Alltag machen. Ich bleibe nicht Tag für Tag im Vorstand.“
„Das ist ein großes Vorhaben, Em.“
„Es ist nicht nur ein Vorhaben. Es ist das, was mein Vater angefangen hatte, bevor Mark hereinheiratete.“
„Und das kleine Büro?“
„Das kleine Büro ist die Sache, die mich glücklich machen könnte, während die große Firma die Sache ist, die ich zurückholen muss, ob sie mich glücklich macht oder nicht.“
Clara schwieg lange.
„Okay.“
„Okay?“
„Okay. Dann reden wir in sechs Monaten wieder darüber. Wenn die Hartmann Gruppe in ruhigem Fahrwasser ist, gründest du mit mir das kleine Büro. Ich mache das Marketing.“
„Sie wird nicht in sechs Monaten in ruhigem Fahrwasser sein, Clara.“
„Dann in zwölf. Ich bin geduldig.“
„Du bist nicht geduldig.“
„Ich bin geduldig mit dir. Mit niemandem sonst.“
Sie hob das Glas.
„Auf sechs, zwölf oder achtzehn Monate.“
„Auf einen Namen, den wir noch suchen.“
„Auf Richter-Grund.“
„Vielleicht.“
Wir tranken.
—
Es war spät, als Clara gehen wollte.
Sie zog den Mantel an, sah in den Garten durch das Küchenfenster und sagte: „Du hast den Flieder nicht fertig geschnitten.“
„Nein.“
„Du schneidest ihn doch sonst.“
„Ich habe angefangen. Dann war da der Anruf mit Weber. Dann die SMS von dir. Dann Jan. Dann Sophia. Ich bin nicht mehr dazu gekommen.“
„Lass den Rest. Er treibt auch so.“
„Ich weiß.“
Clara hielt an der Tür inne.
„Em.“
„Ja.“
„Ich bin stolz auf dich. Ich weiß, das sagt man nicht oft. Aber du tust das sehr ruhig.“
„Ich tue es ruhig, weil ich es anders nicht aushalten würde.“
„Das ist die richtige Antwort.“
Sie ging.
Ich sah ihrem Taxi nach. Bogenhausen war still um diese Zeit. Nur irgendwo weiter oben, Richtung Prinzregentenstraße, fuhr ein Lastwagen vorbei und schaltete herunter.
Ich schloss ab.
Ich löschte die Küche.
Oben in meinem alten Mädchenzimmer setzte ich mich ans Fenster.
Im Garten war es dunkel. Aber am westlichen Rand leuchtete der Flieder, weil das Straßenlicht der Nachbarstraße darauf fiel.
Er wuchs weiter. Mit oder ohne Schere.
Ich dachte an Clara. An Weber. An das kleine Büro, das es vielleicht irgendwann geben würde, wenn die große Firma wieder lief.
Ich dachte nicht an Mark.
Das war neu.
Es war nicht, weil ich es wollte.
Es war, weil er gerade keine Rolle mehr spielte.
Ich zog die Vorhänge zu.
—
Ich lag lange wach, bevor ich einschlief.
Nicht, weil ich nicht müde war. Sondern weil die Gedanken leise und geordnet vorbeizogen, wie Passagiere, die auf einen Zug warten. Ich ließ sie durchgehen, ohne sie aufzuhalten.
Ich dachte an den Flieder. Ich dachte an die Pasta, die Clara gekocht hatte. Ich dachte an den Namen „Richter-Grund“, den ich nicht besonders mochte. Ich dachte an die Aufsichtsratssitzung, die ich noch nicht erwartet hatte und die laut Webers Andeutung bald kommen würde. Ich dachte an die sechzig Prozent, die ich nach seiner Analyse besaß, und an die Frage, ob das eine gute Nachricht war oder einfach nur eine Tatsache.
Ich dachte an meinen Vater.
Ich dachte daran, dass er — wenn er jetzt in diesem Raum gewesen wäre, in meinem alten Mädchenzimmer, so wie er früher manchmal hereingekommen war, um gute Nacht zu sagen — nichts Bestimmtes gesagt hätte. Er hätte vielleicht am Türrahmen gelehnt und gewartet, bis ich etwas sagte. Er hätte dann genickt. Er hätte die Tür leise zugezogen.
Er war nicht da.
Aber das Gefühl, dass er nicht weit war, war da.
Ich schlief irgendwann ein.
Es war schon spät. Das Licht der Straße fiel durch den Vorhangspalt auf den Boden neben dem Bett, ein dünner, heller Streifen, der sich im Lauf der Nacht verschob und irgendwann ganz verschwand.
—
Am nächsten Morgen war es immer noch früh, als ich aufwachte.
Ich ging in den Garten, noch im Morgenmantel. Die Luft war klar, die Amseln hatten angefangen, und der kühle Boden roch nach feuchter Erde. Ich lief langsam die Kiesrunde ab, zweimal, dreimal. Ich hatte das in den letzten Wochen zur Gewohnheit gemacht — der Kreis um den Garten, die kleine Schleife an der Glyzinie vorbei, der Blick in die hintere Ecke, wo der alte Nussbaum stand. Drei Runden, dann war ich wach.
Frau Brandl brachte Kaffee ins Frühstückszimmer.
„Gut geschlafen?“
„Ja.“
„Das freut mich.“
Sie stellte die Kanne auf die Wärmeplatte. Sie blieb nicht stehen. Sie ging in die Küche zurück.
Ich las die Zeitung. Nichts Neues.
Ich nahm den zweiten Kaffee im Arbeitszimmer meines Vaters. Ich setzte mich an seinen Schreibtisch, nicht, um etwas zu tun, sondern nur, um zu sitzen. Ich hatte in den letzten Tagen gelernt, dass der Schreibtisch meines Vaters ein Ort war, an dem Gedanken sich ordneten, ohne dass ich sie aktiv ordnete.
Ich schrieb nichts auf. Ich las nichts. Ich trank den Kaffee, und dann, als er leer war, blieb ich noch eine Weile sitzen.
Es war ein guter Morgen.
—
Später, als Frau Brandl einkaufen gefahren war, hob ich das Telefon ab und wählte Margots Nummer.
Sie hob schnell ab.
„Emilia.“
„Margot.“
„Ich hatte gehofft, dass du heute anrufst.“
„Warum hattest du das gehofft?“
„Weil ich etwas gehört habe. Nichts Präzises. Aber etwas.“
„Was?“
„Heinrich Altmann hat gestern gesagt, die Hartmann Gruppe habe eine schwere Woche. Er hat das nicht weiter ausgeführt. Du weißt, wie er ist.“
„Ich weiß.“
„Dann ist es also wahr.“
„Es ist wahr.“
„Soll ich etwas tun?“
„Nein, Margot. Nichts. Ich wollte nur sicherstellen, dass du nichts tust.“
Sie lachte leise.
„Das ist mein Lieblingsanruf, wenn jemand sagt: tu nichts. Das kann ich gut.“
„Ich weiß, dass du das gut kannst.“
„Wenn Mark sich bei mir meldet — —“
„Er wird sich bei dir melden.“
„Und?“
„Höre dir an, was er sagt. Schenke ihm nichts. Nicht einmal einen Gefallen, der nichts kostet.“
„Verstanden.“
„Margot.“
„Ja.“
„Danke.“
„Dafür nicht.“
Sie legte auf, auf ihre Art, ohne Abschied, ohne Aufhebens.
Ich stand noch einen Moment am Telefon. Ich hatte Margot lange nicht angerufen. Es war gut, ihre Stimme zu hören. Sie hatte eine Stimme, die nie hastig war.
Ich legte den Hörer zurück.