Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 20: Das Schloss

Am Abend nach Marks Besuch ging ich durch das Haus.

Jan war in Hamburg. Er war am Dienstagmorgen abgefahren, weil er seinen Entwurf abliefern musste. Er hatte gesagt, er komme nach zehn Tagen wieder. Ich hatte es gut gefunden, dass er weg war, als Mark kam. Ich hätte nicht gewusst, wie Jan reagiert hätte, wenn er Marks Stimme im Flur gehört hätte. Es hätte ihn Ruhe gekostet, und Ruhe war das, was wir jetzt brauchten.

Frau Brandl war in ihrer Wohnung im Erdgeschoss. Sie sah fern. Ich hörte das Gemurmel ihres alten Fernsehers durch die Wand, wenn ich am Ende des Flurs stehenblieb. Sie sah um diese Zeit die Nachrichten. Sie kannte die Sprecherin seit zwanzig Jahren, und sie sagte manchmal, sie sei ihr vertrauter als manche lebende Verwandte.

Ich ging durch die Villa, Raum für Raum.

Ich fing im Erdgeschoss an. Die Küche. Der Hauswirtschaftsraum. Der kleine Speisesaal, den wir kaum benutzt hatten. Der große Salon. Die Bibliothek. Das kleine Arbeitszimmer, in dem jetzt Jans Kabel auf dem Schreibtisch lagen.

Ich ging in jeden Raum und sah mich um. Ich machte kein Licht an, nur in den Räumen, die ich nicht klar genug sehen konnte. Die meisten Zimmer lagen im Dämmer. Draußen war es dunkel, aber nicht finster. Der Mond hing tief über den Linden, und sein Licht fiel durch die großen Fenster genug, dass ich die Umrisse der Möbel erkennen konnte.

Ich ging langsam.

Ich hatte diese Villa als Kind gekannt. Ich hatte in den Zimmern gespielt, in denen jetzt Sofas und Tische standen, die ich als Erwachsene gekauft hatte. Ich hatte in der Bibliothek gelesen, wenn es draußen regnete, und ich hatte meine Hausaufgaben an dem Tisch gemacht, der heute in der Ecke stand, mit einer Lampe, die meine Mutter gekauft hatte. Viele Dinge in diesem Haus waren älter als ich. Einige Dinge, wie das Klavier im Salon, waren schon da gewesen, bevor mein Großvater hier eingezogen war.

Ich ging in den Speisesaal.

Der Speisesaal war der Raum, in dem wir zuletzt am wenigsten gewesen waren. Mark hatte gegen Ende nur noch im Stehen gegessen, an der Kücheninsel, ein Stück Brot, einen Kaffee, ein Glas Wein, das er mitnahm, wenn er in sein Arbeitszimmer ging. Ich hatte auf dem Bett gegessen, wenn ich es überhaupt geschafft hatte. Der Speisesaal hatte Staub angesetzt, den nicht einmal Frau Brandl vollständig hatte vermeiden können.

Ich ging weiter.

Ich ging ins erste Obergeschoss.

Das Schlafzimmer. Ich hatte es seit meiner Rückkehr nicht wieder betreten. Die Tür stand einen Spalt offen. Ich schob sie auf, zögerte eine Sekunde, trat ein.

Das Bett war gemacht. Frau Brandl hatte es vor Wochen neu überzogen. Die Decke war glatt. Die Kopfkissen waren aufgeschüttelt. Auf dem Nachttisch auf meiner Seite lag ein Buch, das ich vor zwei Jahren begonnen und nie zu Ende gelesen hatte. Auf Marks Seite war nichts. Seine Lampe war da. Der Nachttisch war leer.

Ich ging in den begehbaren Schrank.

Seine Seite war leer. Zwei Leute hatten vor knapp drei Wochen seine Anzüge in Koffer gelegt und mitgenommen. Sie hatten nichts zurückgelassen. Keine Socke, keinen Schuh, keinen Gürtel. Nur die Bügel an den Stangen, leer, und eine einzige Krawatte, die ihnen heruntergefallen und hinter die Kommode gerutscht war. Ich hatte die Krawatte dort liegen gelassen. Ich würde sie nicht anfassen.

Meine Seite war nicht voll. Ich hatte in den letzten anderthalb Jahren wenig gekauft. Die Kleider, die ich noch trug, waren die, die ich immer getragen hatte. Blusen, Röcke, ein paar Hosen. Der Kaschmirmantel meiner Mutter, den ich jetzt oft trug. Zwei Mäntel, die ich nicht mehr mochte. Ein Paar Schuhe aus einem Winter vor drei Jahren, den ich sehr kalt in Erinnerung hatte.

Ich schloss die Schranktür.

Ich ging zurück ins Schlafzimmer.

Ich setzte mich auf den Bettrand, auf meine Seite, die ich immer gehabt hatte. Das Bett war stabil. Es war das Bett meiner Eltern gewesen. Mark hatte es, als wir eingezogen waren, austauschen wollen. Ich hatte das nicht gewollt. Das war einer der Kämpfe, die ich gegen ihn geführt und gewonnen hatte. Die Kämpfe in diesem Haus hatte ich meistens gewonnen. Außerhalb des Hauses hatte Mark gewonnen. Er hatte es nicht gewusst, dass ich es zugelassen hatte.

Ich stand auf.

Ich löschte das Licht.

Ich ging auf den Flur.

Am Ende des Flurs war die Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters.

Sie war abgeschlossen.

Ich hatte sie vor zwei Wochen abgeschlossen, nachdem ich die wichtigsten Mappen herausgenommen hatte. Die anderen Mappen, die Weber nicht gebraucht hatte und die Jan durchgesehen hatte, lagen jetzt in der Bibliothek, in einem Regal, das ich leergeräumt hatte. Das Arbeitszimmer selbst war danach wieder zu einem Raum geworden, den niemand betrat.

Ich zog den Schlüssel aus der Tasche. Er war klein und schwer, ein alter Bronzeschlüssel, der zu den Schlössern im Haus gehörte, die noch aus der Zeit meines Großvaters stammten. Er hatte ein Muster auf dem Griff. Ein M, wie das M im Namen Maximilian, meinem Großvater. Mein Vater hatte den Schlüssel aufbewahrt, und ich hatte ihn nach seinem Tod gefunden, in einer Lade seines Schreibtisches.

Ich schloss die Tür auf.

Die Tür öffnete sich leise. Die Scharniere waren geölt. Frau Brandl hatte die Scharniere aller Türen im Haus geölt, seit ich denken konnte. Es war eine ihrer stillen Gewohnheiten, die nicht jeder bemerkte.

Ich ging hinein.

Das Arbeitszimmer stand, wie ich es vor zwei Wochen hinterlassen hatte. Der Schreibtisch am Fenster. Die zwei Sessel vor dem Bücherregal. Die Lampe aus den fünfziger Jahren, die mein Vater gekauft hatte, weil sie ein grünes Glas hatte, das er schön fand. Der Globus auf dem Beistelltisch, den niemand mehr gedreht hatte seit seinem Tod. Das kleine Silberkreuz an der Wand, das er nicht wegen der Religion aufgehängt hatte, sondern weil seine Mutter es ihm geschenkt hatte.

Ich ging zum Schreibtisch.

Ich öffnete die mittlere Schublade. Leer. Ich hatte die Mappen herausgenommen. Ich hatte alles herausgenommen, was noch nützlich war. Übrig geblieben waren ein paar Stifte, ein Radiergummi, eine alte Büroklammer, ein Stück Papier mit einer Notiz meines Vaters. Die Notiz war unwichtig. Sie war eine Einkaufsliste. Brot. Milch. Zeitung. Sie war an einem Morgen geschrieben worden, an dem mein Vater wahrscheinlich nicht gewusst hatte, dass er einen Tag später nicht mehr aufstehen würde.

Ich schloss die Schublade.

Ich sah aus dem Fenster.

Das Fenster des Arbeitszimmers ging auf die Auffahrt hinaus. Ich sah die Linden. Ich sah den Kies, auf dem heute Nachmittag der Transporter gestanden hatte. Ich sah das Tor. Das Tor war geschlossen.

Ich sagte nichts laut. Ich dachte auch nicht viel. Ich sah nur hinaus, eine Minute, vielleicht zwei.

Dann drehte ich mich um. Ich ging zur Tür.

Ich trat hinaus auf den Flur.

Ich schloss die Tür hinter mir.

Ich drehte den Schlüssel einmal. Zweimal. Bis das Schloss einrastete.

Ich zog den Schlüssel ab.

Ich legte ihn in die Tasche meiner Strickjacke.

Dann blieb ich einen Moment stehen, die Hand auf der Türklinke, und sagte doch einen Satz. Ich sagte ihn nicht laut. Ich sagte ihn nur für mich, in meinem Kopf. Aber ich formte die Worte mit den Lippen, ohne dass sie ein Geräusch machten.

Mark hatte die Tür abgeschlossen, als er ging.

Er hatte es am zweiten Tag nach dem Klinikum getan. Frau Brandl hatte es mir erzählt, als ich zurückgekommen war. Er hatte alle Zimmer abgeschlossen, die ihm wichtig waren. Sein Arbeitszimmer. Das Schlafzimmer. Den Weinkeller. Er hatte die Schlüssel mitgenommen und Frau Brandl gesagt, er werde sie zurückgeben, wenn es nötig sei. Es war nicht nötig gewesen. Frau Brandl hatte den Schlosser kommen lassen. Sie hatte die neuen Schlüssel in eine Schale im Flur gelegt, als ich nach Hause kam.

Ich hatte die Schlüssel genommen, ohne viel darüber zu denken.

Jetzt dachte ich darüber.

Mark hatte die Tür abgeschlossen, als er ging. Jetzt schloss ich sie auch.

Aber von innen.

Ich ging den Flur hinunter. Ich ging die Treppe hinunter. Ich ging in mein Mädchenzimmer. Ich setzte mich ans Fenster. Draußen war München. Draußen war es Nacht. Draußen war alles, was einmal gewesen war, und alles, was noch kommen würde.

Ich zog den Schlüssel aus der Strickjacke und legte ihn auf das Fensterbrett.

Er blieb dort.

Ich löschte das Licht.

Ich legte mich nicht gleich hin. Ich setzte mich auf den Bettrand und blieb dort sitzen. Die Augen waren offen. Draußen war es dunkel. Der Wind hatte aufgehört. Es war eine dieser Nächte, in denen der Garten selbst an den Fenstern zu ruhen scheint.

Ich dachte an das, was ich getan hatte.

Ich hatte eine Tür abgeschlossen.

Das war in einem Haus, das dreihundert Quadratmeter misst und in dem es einunddreißig Türen gab, eine kleine Handlung. Aber es war eine Handlung, die ich zwölf Jahre lang unterlassen hatte. In diesen zwölf Jahren hatte ich nichts abgeschlossen. Ich hatte die Türen offen gehalten, damit Mark sich bewegen konnte, wie er wollte. Ich hatte die Zimmer offen gehalten, damit Gäste hereinkommen konnten, die eingeladen waren, oder Leute, die es nicht waren. Ich hatte die Schubladen offen gehalten, weil Mark nicht mochte, wenn etwas verschlossen war, das er öffnen wollte. Er hatte nie alles öffnen wollen. Aber er hatte wollen, dass alles zu öffnen sei.

Jetzt war eine Tür zu.

Es war nicht irgendeine Tür.

Es war die zum Arbeitszimmer meines Vaters.

Es war die Tür, hinter der die Papiere lagen, die Mark zwölf Jahre nicht gesehen hatte, obwohl er in diesem Haus gewohnt hatte. Es war die Tür, hinter der mein Vater gesessen und Dinge getan hatte, die Mark nicht verstanden hätte. Es war die Tür, die mein Vater selbst nie abgeschlossen hatte, weil er der Einzige gewesen war, der den Raum nutzte, und weil er keinen Grund gehabt hatte, sich vor jemandem in seinem eigenen Haus zu verschließen.

Ich schloss sie jetzt für ihn.

Ich schloss sie auch für mich.

Ich schloss sie von innen.

Das war ein kleiner Unterschied. Es war ein großer Unterschied.

Mark hatte sein Arbeitszimmer abgeschlossen, als er das Haus verließ, damit niemand hineinkam. Er hatte sich von außen geschützt. Er hatte nicht gewusst, dass das Haus ihm nicht gehörte. Er hatte nicht gewusst, dass sein Schutz nicht mehr war als eine Geste, die an dem Tag irrelevant würde, an dem jemand das Schloss ersetzen ließe.

Ich schloss das Arbeitszimmer meines Vaters von innen. Ich schützte es nicht vor Mark. Ich schützte es vor mir. Ich wollte nicht, dass ich unbedacht hineinging und etwas anrichtete, was ich später bereuen würde. Ich wollte, dass ich jedes Mal, wenn ich den Schlüssel anfasste, merkte: das, was dahinter liegt, ist ein Akt, der eine Vorbereitung braucht.

Ich wollte, dass ich mich vor mir selbst zur Ruhe rufen würde.

Das war eine neue Disziplin.

Ich stand auf. Ich ging zum Fensterbrett. Ich nahm den Schlüssel in die Hand. Er war kalt geworden, aber nicht so kalt wie die Fensterscheibe. Ich hielt ihn einen Moment. Dann legte ich ihn zurück.

Ich ging zurück zum Bett.

Ich legte mich hin.

Ich zog die Decke bis zum Kinn.

Ich dachte nicht mehr an das Haus. Ich dachte nicht mehr an die Tür. Ich dachte nicht mehr an Mark. Ich dachte an meinen Vater. Ich dachte daran, dass er jetzt, wenn er hätte leben dürfen, zweiundsiebzig Jahre alt wäre. Er hätte jetzt einen Enkel haben können. Er hätte jetzt in einem Alter sein können, in dem man langsam wurde, nicht aus Krankheit, sondern aus Wahl.

Ich hätte ihm heute gern eine Tasse Tee gemacht.

Das war alles.

Ich schlief ein.

Irgendwann in der Nacht wachte ich einmal auf, weil das Haus ein Geräusch machte, eines von denen, die alte Häuser nachts machen, wenn die Temperatur plötzlich fällt und das Holz sich zusammenzieht. Ich hörte zu. Ich erkannte das Geräusch. Ich erkannte es aus meiner Kindheit. Ich schlief wieder ein.

Am Morgen war es still.

Der Schlüssel lag auf dem Fensterbrett, wo ich ihn abgelegt hatte.

Das erste Licht fiel auf ihn. Er glänzte einen Moment. Dann drehte die Sonne weiter, und er glänzte nicht mehr.

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