Kapitel 13: Der zweite Ordner
Weber meldete sich eine Woche später, nicht sechs.
„Kommen Sie“, sagte er. „Es eilt nicht. Aber ich hätte es gern mündlich.“
Ich fuhr wieder in die Briennerstraße. Es war ein Dienstag. Der Regen war so fein, dass er die Straße nicht benetzte, sondern nur dunkel färbte. Ich nahm einen Schirm mit und benutzte ihn nicht.
Diesmal war Frau Hoffmann nicht im Vorzimmer. Nur eine junge Frau, die ich nicht kannte.
„Frau Richter. Dr. Weber erwartet Sie.“
Ich merkte es mir. Weber hatte die Anrede weitergegeben. Das war keine Kleinigkeit.
Er stand auf, als ich eintrat. Auf dem Schreibtisch lagen zwei Stapel Papier. Beide ordentlich. Der linke Stapel war älter, das Papier gelblich. Der rechte Stapel war frisch gedruckt.
„Setzen Sie sich.“
Ich setzte mich.
„Ich habe in der letzten Woche mit dem Kollegen gesprochen“, sagte er. „Er ist noch nicht fertig. Aber er hat eine vorläufige Einschätzung. Er hat die Unterschrift zweimal gesehen. Er hält sie für problematisch.“
„Problematisch.“
„Das ist das Wort, das er benutzt. Er benutzt es nicht leichtfertig.“
Er setzte die Brille auf.
„Wir sprechen vorerst noch nicht über die Unterschrift. Wir sprechen über das, was darunter liegt. Den zweiten Ordner.“
Er zog den linken Stapel in die Mitte.
„Ihre Familie“, sagte er, „hat die Hartmann Gruppe 1962 gegründet. Als Richter-Immobilien. Ihr Großvater. Die Firma hat in den siebziger Jahren den ersten großen Wohnbau am Isarhochufer gebaut. Sie hat in den achtziger Jahren das Bürogebäude in der Schwanthalerstraße gemacht. Sie hat in den neunziger Jahren in Grünwald die beiden großen Anlagen gebaut, die später das Kapital für alles Weitere waren.“
„Das weiß ich.“
„Ich sage es trotzdem. Weil ich möchte, dass Sie es noch einmal aussprechen hören.“
„Gut.“
„Ihr Vater hat die Firma übernommen, bevor er dreißig war. Er hat sie gut geführt. Er hat Ihre Mutter kennengelernt, hat geheiratet, hat zwei Kinder bekommen. Er hat Sie und Ihren Bruder gleich behandelt. Er hat Sie studieren lassen. Er hat Sie nach dem Studium mitarbeiten lassen, wenn Sie wollten. Er war einer von wenigen Männern seiner Generation, die das konnten.“
„Ja.“
„Als Sie Mark Hartmann kennenlernten“, sagte Weber, „war die Firma ein Familienbetrieb von mittlerer Größe. Nicht klein, nicht groß. Solide. Ihr Vater besaß sechzig Prozent. Vierzig Prozent lagen bei zwei Gesellschaftern, die er seit seiner Studienzeit kannte. Einer von ihnen war der Onkel von Mark.“
Er sah auf.
„Das wussten Sie?“
„Ja.“
„Mark hat Sie geheiratet. Danach hat er bei Ihrem Vater gearbeitet. Er hat schnell Karriere gemacht. Das muss ich nicht bewerten. Er hatte Talent. Er hat gearbeitet. Er hat Aufträge akquiriert. Er war nicht untalentiert.“
„Nein.“
„Drei Monate vor dem Tod Ihres Vaters wurde der Gesellschaftsvertrag geändert. Der Anteil Ihrer Familie wurde von sechzig auf vierzig Prozent gesenkt. Die restlichen zwanzig Prozent wanderten nicht an Fremde. Sie wanderten an den Onkel von Mark. Der starb ein Jahr später. Der Anteil wanderte an Mark.“
„Ja.“
„Die Unterschrift Ihres Vaters, die diese Änderung trägt, ist nicht sauber.“
Er schob das alte Dokument zu mir hin.
„Sehen Sie sich das an.“
Ich nahm es. Es war ein Beteiligungsvertrag, zehn Seiten, in der Schreibmaschinenschrift, wie man sie vor zwanzig Jahren noch benutzt hatte. Die letzte Seite trug die Unterschrift meines Vaters.
„Und jetzt das hier.“
Er schob mir ein zweites Dokument hin. Ein Brief, den mein Vater einige Wochen vorher an einen Geschäftspartner geschrieben hatte. Ebenfalls unterschrieben.
Ich sah hin. Lange.
Ich hatte die Unterschrift meines Vaters mein ganzes Leben lang gesehen. Auf Zeugnissen. Auf Einwilligungserklärungen. Auf Geschenkkarten. Auf einer Widmung in einem Buch, das er mir zu meinem achtzehnten Geburtstag geschenkt hatte.
„Das R“, sagte ich.
„Ja.“
„Das R ist falsch.“
„Es ist kleiner. Und die Schleife ist unterbrochen.“
„Und das zweite i.“
„Das zweite i ist ohne Punkt. Ihr Vater hat das i immer punktiert.“
„Auch unterwegs?“
„Immer. Der Kollege hat eine Stichprobe von zwölf Unterschriften aus den letzten fünf Jahren vor seinem Tod. Auf elf davon ist das i punktiert. Die eine Ausnahme ist diese.“
Ich legte das Dokument zurück auf den Tisch.
„Ich hatte es geahnt.“
„Ich weiß.“
„Ich habe es mir nicht erlauben wollen.“
„Das ist verständlich.“
Er schwieg einen Moment.
„Frau Richter“, sagte er dann. „Ich möchte Sie nicht zu früh in eine Richtung drängen. Aber ich sage Ihnen, was der Kollege gesagt hat, weil er es gesagt hat: Wenn diese Unterschrift nicht von Ihrem Vater stammt, dann gehört der Richter-Familie nicht vierzig Prozent dieser Firma. Dann gehören Ihnen sechzig Prozent. Zu gleichen Teilen mit Ihrem Bruder.“
„Zu gleichen Teilen.“
„Ja.“
„Das weiß Mark nicht.“
„Nein.“
„Er hat nicht einmal geahnt, dass etwas faul ist?“
„Mark ist, mit Verlaub, nicht der Mann, der alte Verträge liest, wenn er sie nicht lesen muss.“
Ich nickte langsam.
„Was tun wir?“
„Wir tun nichts.“
Ich sah ihn an.
„Wir tun nichts“, wiederholte er. „Der Kollege braucht noch drei Wochen, um seine Einschätzung in einem schriftlichen Gutachten zusammenzufassen. Das Gutachten wird hinterlegt. Es wird nicht weitergegeben. Es ist ein Dokument für den Fall, dass es nötig wird.“
„Und wenn es nicht nötig wird?“
„Dann bleibt es in meinem Tresor.“
„Und wenn es nötig wird?“
„Dann wird es zum richtigen Zeitpunkt herausgenommen.“
„Wer entscheidet, wann?“
„Sie.“
Ich sah auf die beiden Stapel Papier. Das Gelb des alten Papiers. Das Weiß des neuen.
„Gut.“
Er nickte.
„Eine Frage“, sagte er. „Darf ich?“
„Bitte.“
„Weiß Ihr Bruder das?“
„Jan?“
„Ja.“
„Jan weiß, dass ich hier bin. Er weiß, dass Sie für mich arbeiten. Er weiß nicht, was Sie gefunden haben.“
„Er wird es wissen müssen. Irgendwann.“
„Ich weiß.“
„Er hat auch einen Anspruch.“
„Ich weiß.“
„Es ist seine Familie. Nicht nur Ihre.“
„Dr. Weber. Ich weiß.“
Er hob die Hände, kurz, wie man eine Entschuldigung zeigt.
„Verzeihung.“
„Schon gut.“
Ich sah ihn an.
„Ich rufe Jan an. Diese Woche.“
„Gut.“
„Aber ich möchte, dass er die Einzelheiten erst weiß, wenn das schriftliche Gutachten fertig ist. Er wird sonst Dinge tun, die ich nicht möchte.“
„Jan ist ungeduldig?“
„Er ist gerecht. Manchmal ist das dasselbe.“
Weber lächelte leicht.
„Einverstanden.“
Er nahm die beiden Dokumente, legte sie in eine graue Mappe und die Mappe in einen Tresor, der hinter einem Bild an der Wand stand. Ich hatte nicht gewusst, dass der Tresor dort war. Das Bild war ein Aquarell mit dem Bayerischen Meer. Unauffällig, klein, etwas schief.
„Sie gehen wieder“, sagte er, als er sich gesetzt hatte.
„Ja.“
„Denken Sie an meinen Rat.“
„Nichts tun.“
„Nichts Sichtbares. Erholen Sie sich. Essen Sie. Schlafen Sie. Gehen Sie spazieren.“
„Im Englischen Garten.“
„Zum Beispiel.“
Ich stand auf.
An der Tür drehte ich mich um.
„Dr. Weber.“
„Ja?“
„Sie haben vorhin gesagt, die Unterschrift sei nicht sauber.“
„Ja.“
„Ich habe in unserem ersten Gespräch gesagt, sie sei nie sauber gewesen.“
„Das haben Sie.“
„Ich habe es nicht genau gemeint, als ich es sagte. Ich habe es gefühlt. Jetzt weiß ich es.“
„Das ist etwas anderes.“
„Ja.“
„Es ist etwas, das Sie jetzt tragen müssen.“
„Ich weiß.“
Er nickte.
„Fahren Sie vorsichtig. Es regnet.“
„Es regnet kaum.“
„Man weiß nie.“
Ich ging.
Draußen, auf der Briennerstraße, roch es nach nassem Asphalt und nach dem Bäcker an der Ecke, der um diese Zeit Brezen buk. Ich blieb einen Moment unter dem Vordach stehen und sah in den Hofgarten. Die Tauben waren wieder da. Sie liefen, als hätten sie sich nicht geändert, seit ich vor einer Woche hier stand.
Ich hatte mich geändert.
Ich wusste jetzt Dinge, die ich vorher nicht gewusst hatte. Ich wusste, dass mein Vater in einer Nacht vor zwölf Jahren etwas unterschrieben hatte, das nicht er selbst unterschrieben hatte. Ich wusste, dass eine Firma, die nie den Hartmanns gehört hatte, auf dem Papier zu sechzig Prozent den Hartmanns gehörte. Ich wusste, dass diese Papierlüge irgendwann aufhören würde.
Aber nicht heute.
Ich ging unter dem Vordach hervor. Der feine Regen fiel in mein Haar. Ich öffnete den Schirm nicht.
Ich ging langsam.
Auf der Promenadeplatz kam mir ein Mann entgegen, den ich kannte. Er hatte früher in derselben Bank gearbeitet wie Mark, ein stiller Mensch, der zweimal versucht hatte, sich selbstständig zu machen, und zweimal zurückgekommen war. Er blieb stehen, als er mich sah.
„Frau Hartmann.“
„Herr Lenz.“
Er war nicht sicher, ob er mir die Hand geben sollte. Er wusste offenbar etwas. Ich hatte gelernt, an den ersten drei Sekunden einer Begegnung zu erkennen, ob jemand in der letzten Woche über mich oder meinen Mann gesprochen hatte. Herr Lenz hatte über einen von uns gesprochen.
„Schön, Sie zu sehen“, sagte er.
„Ebenso.“
„Sie gehen spazieren?“
„Ja.“
„Bei diesem Wetter.“
„Das Wetter ist nicht schlecht.“
„Nein. Das stimmt.“
Er zögerte.
„Frau Hartmann. Wenn ich darf.“
„Ja.“
„Ich möchte Ihnen nichts Unangenehmes sagen.“
„Dann sagen Sie mir etwas Angenehmes.“
Er lächelte kurz, etwas verunsichert.
„Ich wollte nur sagen: Ich habe Ihren Vater geschätzt. Er hat mir einmal, vor zwanzig Jahren, einen guten Rat gegeben, auf den ich nicht gehört habe. Ich habe es danach bereut.“
„Was für einen Rat?“
„Er hat mir gesagt, ich solle die Bank nicht verlassen, bevor ich wüsste, was ich danach tue. Ich habe sie trotzdem verlassen. Er hatte recht.“
Ich nickte.
„Ihr Vater war ein guter Mann.“
„Ich weiß.“
„Alles Gute, Frau Hartmann.“
„Ihnen auch, Herr Lenz.“
Er ging weiter. Er ging schneller, als ich erwartet hätte. Ich sah ihm kurz nach. Er war vielleicht fünfundsechzig. Er hatte die Bank vor zehn Jahren zum dritten Mal verlassen, diesmal endgültig, wie Clara mir damals gesagt hatte.
Ich ging weiter.
Ich dachte an den Satz: Er hat mir gesagt, ich solle die Bank nicht verlassen, bevor ich wüsste, was ich danach tue. Das war ein Satz meines Vaters. Er hätte diesen Satz auch zu mir sagen können, vor zwölf Jahren, als ich meine Tätigkeit als Beraterin aufgegeben hatte, um Mark in der Firma zu helfen. Er hatte ihn nicht gesagt. Er hatte mich nur angesehen, an einem Abend im September, und hatte zweimal kurz den Kopf geschüttelt, so leise, dass es mehr ein Atemzug als ein Schütteln war.
Ich hatte das Schütteln damals nicht gedeutet.
Ich deutete es jetzt.
Am Ende der Briennerstraße blieb ich stehen. Vor mir, auf der anderen Straßenseite, lag das Lenbachhaus. Ich war seit Jahren nicht mehr dort gewesen. Es war keine bewusste Pause gewesen. Es war nur passiert. Mark mochte Museen nicht. Er hatte sie „langsam“ genannt, als sei das ein Schimpfwort.
Ich überlegte, ob ich hineinginge.
Ich ging nicht. Nicht heute. Aber ich merkte mir die Idee. Vielleicht in zwei Wochen. Vielleicht in drei.
Am Königsplatz fuhr gerade die U-Bahn ein. Ich stieg nicht ein. Ich nahm ein Taxi bis zur Ismaninger Straße. Der Taxifahrer war jung, schweigsam, er hatte ein Radio an, in dem ein Nachrichtensprecher etwas über den DAX sagte. Ich hörte nicht zu. Der DAX war mir egal.
Als ich ausstieg, sagte der Fahrer:
„Passen Sie auf sich auf.“
Er sagte es, ohne mich anzusehen.
Ich wusste nicht, ob er solche Sätze zu allen seinen Fahrgästen sagte oder nur zu mir. Ich bezahlte, gab ein kleines Trinkgeld und ging die letzten fünfzig Meter zu Fuß.
In der Auffahrt stand kein Auto. Frau Brandl hatte heute frei. Das hatte ich ihr angeboten, und sie hatte es nach langem Zögern angenommen. Das Haus war leer.
Ich schloss auf. Ich legte den Mantel ab. Ich ging in die Küche und trank ein Glas Wasser. Dann ging ich in die Bibliothek und setzte mich an den Tisch, an dem ich in den letzten Tagen die Mappen durchgegangen war.
Ich öffnete die Mappe mit den Gründungsakten.
Ich brauchte das nicht für Weber. Ich brauchte das für mich. Ich wollte die Papiere noch einmal sehen, ohne Hast, ohne dass jemand mit mir am Tisch saß. Ich wollte die Schrift meines Großvaters sehen, des Mannes, den ich nur als dreijähriges Kind gekannt hatte. Ich wollte die Unterschriften meines Vaters aus der Zeit, in der er Anfang dreißig gewesen war, als sich seine Schrift noch nicht ausgemustert hatte in das, was sie später geworden war.
Ich las eine Stunde.
Ich las nicht nach Information. Ich las, um mich zu erinnern, dass ich in einer Familie stand. Das war in den letzten zwölf Jahren schwer gewesen. Marks Familie war klein, laut und immer in der Gegenwart. Meine Familie war still, lang und immer in der Vergangenheit. Ich hatte zwischen beiden gestanden, und ich hatte mich immer stärker in Marks Richtung gedreht, ohne dass ich es bewusst gewollt hätte.
Ich drehte mich jetzt zurück.
Um Viertel vor sechs schloss ich die Mappe. Ich stellte sie zurück ins Regal. Ich ging in mein Mädchenzimmer und legte mich eine halbe Stunde aufs Bett. Ich schlief nicht. Ich sah an die Decke. Die Decke hatte einen kleinen Riss, der seit meiner Kindheit dort war. Er hatte die Form eines geschwungenen S. Ich hatte ihn als Zwölfjährige einen Monat lang angesehen, jeden Abend, und mir ein Lebewesen ausgedacht, das in diesem Riss wohnte.
Das Lebewesen war noch da.
Das war ein freundlicher Gedanke.