Kapitel 86: Frühling im Englischen Garten
Clara rief am Samstagvormittag an.
„Wir gehen spazieren.“
„Wo.“
„Englischer Garten.“
„Wann.“
„In einer Stunde. Ich hole dich ab.“
Sie legte auf.
Ich saß noch eine Weile am Frühstückstisch. Frau Brandl räumte das Geschirr ab, ohne dass ich es ihr sagte. Sie hatte das Telefon mit angehört. Sie sagte nichts. Sie räumte ab und ging in die Küche.
Jan war seit gestern in Salzburg, bei einer Konferenz. Er kam erst Sonntagabend zurück.
Ich war allein im Haus.
Außer Frau Brandl.
—
Clara kam zwanzig Minuten zu spät.
Das war Clara. Sie kam zwanzig Minuten zu spät, immer. Sie wusste es, sie kalkulierte es, sie fuhr trotzdem nicht früher los. Sie hatte mir einmal gesagt: „Wenn ich fünf Minuten vorher da bin, bedeutet es, dass ich etwas falsch gemacht habe.“
Ich stand an der Tür, als sie hupte. Ich hatte einen Mantel an, der zu warm war, und Schuhe, die zu weich waren — Schuhe, in denen man nicht lange gehen kann. Das war Absicht. Ich hatte heute keine Lust, lange zu gehen.
Clara stieg aus, sah mich an, ging um den Wagen, sah meine Schuhe.
„Geh dich umziehen.“
„Wieso.“
„Du gehst heute drei Kilometer mit mir. In den Schuhen kommst du keinen.“
„Clara.“
„Geh.“
Ich ging.
Ich kam fünf Minuten später mit anderen Schuhen wieder.
—
Wir parkten am Chinesischen Turm.
Es war noch nicht Mai, aber die Wiese hatte sich schon mit Menschen gefüllt — junge Männer mit Hemden, die zu früh aufgekrempelt waren, Familien mit Kinderwagen, drei Studentinnen, die auf einer Decke lagen und so taten, als studierten sie. Auf der Wiese vor dem Biergarten standen die ersten Tische, die Bedienung trug noch eine Jacke, weil der Wind aus Norden kam.
Wir gingen am Wasser entlang.
„Clara.“
„Ja.“
„Du hast einen Plan.“
„Welchen Plan.“
„Du hast mich heute nicht zum Spaziergang abgeholt. Du hast mich abgeholt, weil du mit mir reden willst.“
„Stimmt.“
„Worüber.“
„Über dich.“
Ich lachte einmal kurz. Es war ein Lachen, das ich seit langer Zeit nicht gehört hatte.
„Das ist nicht spezifisch.“
„Es ist spezifisch genug.“
—
Wir gingen eine Weile, ohne zu sprechen.
Der Bach lief schnell. Es hatte vor zwei Tagen geregnet, in den Bergen mehr als hier. Auf dem Wasser trieben kleine Zweige, ein einzelnes Stück Schilf, das jemand abgerissen hatte. Eine Frau ging vor uns mit einem Hund, der sich an jedem Baumstamm stoppte, ohne dass die Frau die Geduld verlor.
„Wie geht es dir?“
„Anders.“
Clara nickte.
„Anders ist gut.“
„Anders ist nicht gut. Anders ist anders.“
„Du bist heute pedantisch.“
„Ich bin heute sachlich.“
Sie sah mich von der Seite an.
„Und ich bin mir sicher, dass das eine Form von gut ist.“
—
Wir kamen zu einer Bank.
Sie war leer. Sie stand ein wenig abseits vom Hauptweg, an einer Stelle, an der man auf den Bach blickte und nicht auf die Wiese. Ich hatte diese Bank oft mit Clara benutzt, in den letzten zwölf Jahren. Es war unsere Bank, in der unausgesprochenen Weise, in der Bänke einem gehören, ohne dass man je etwas darüber sagt.
Wir setzten uns.
Clara nahm einen Apfel aus ihrer Tasche. Sie zerschnitt ihn mit einem kleinen Messer, das sie immer dabei hatte. Sie reichte mir die eine Hälfte.
Ich aß den Apfel.
Sie aß ihren.
Wir kauten.
—
„Wer ist Möller.“
Ich hörte auf zu kauen.
„Woher weißt du von Möller.“
„Margot hat mich gestern angerufen.“
„Margot weiß nicht von Möller.“
„Margot weiß von Möller. Frag mich nicht woher.“
„Ich frage dich.“
„Heinrich Altmann hat mit ihrer Schwester gesprochen, ohne zu wissen, dass die Schwester Margot ist. Margot hat dann mich angerufen, weil sie es wissen wollte und mich für die schnellere Quelle gehalten hat.“
„Margot ist neugierig.“
„Margot ist immer neugierig. Aber heute war sie es auf eine andere Art.“
„Welche andere Art.“
„Die Art, mit der eine Mutter neugierig ist, wenn ihre Tochter einen jungen Mann erwähnt.“
„Margot ist nicht meine Mutter.“
„Ich weiß.“
Ich kaute langsam.
—
„Möller ist ein Architekt.“
„Das hat Margot mir auch gesagt.“
„Möller leitet ein Hamburger Büro. Er macht das Maxvorstadt-Projekt für uns.“
„Auch das hat Margot mir gesagt.“
„Was hat Margot dir nicht gesagt.“
„Wie er ist.“
Ich sah einen Augenblick auf das Wasser.
„Er ist ein ruhiger Mann.“
„Ah.“
„Was bedeutet ah.“
„Ah bedeutet, dass du ihn als ruhig beschreibst und nicht als kompetent oder als seriös oder als gut.“
„Er ist auch kompetent. Er ist auch seriös. Er ist auch gut.“
„Aber das hast du nicht zuerst gesagt.“
Ich sagte nichts.
Clara lehnte sich zurück.
„Schau, Emilia.“
„Was.“
„Ich werde dir keinen Vortrag halten.“
„Gut.“
„Ich werde dir nur eines sagen.“
„Was.“
„Es ist zwei Monate her.“
„Was ist zwei Monate her.“
„Seit du in der Maximilianstraße sitzt. Seit Mark in Schwabing wohnt. Seit Sophia in Berlin ist. Es ist zwei Monate her.“
„Ich weiß.“
„Es ist nicht zwei Jahre her.“
„Ich weiß.“
„Dann ist gut.“
Sie biss in den Apfel.
—
Wir saßen lange.
Eine Frau ging mit einem Kind vorbei, das einen roten Ball trug. Das Kind warf den Ball, fing ihn nicht, ging ihm hinterher. Die Frau lachte einmal kurz und ging weiter, ohne sich umzudrehen.
„Clara.“
„Ja.“
„Wie geht es dir.“
„Mir.“
„Ja.“
„Ich habe Tobias kennengelernt.“
„Wer ist Tobias.“
„Ein Werber. Mitte vierzig. Er hat eine Tochter aus einer früheren Ehe. Sie ist sechzehn. Sie mag mich nicht.“
„Warum nicht.“
„Weil ich nicht ihre Mutter bin.“
„Das ist ein Grund, der sich nicht beheben lässt.“
„Nein.“
„Wie ernst ist es.“
„Ich denke, ernst.“
„Warum hast du es nicht früher gesagt.“
„Weil du in den letzten zwei Monaten andere Dinge zu tun hattest.“
Ich sah sie an.
„Clara.“
„Ja.“
„Du hättest es trotzdem sagen können.“
„Ich weiß.“
Sie sagte das, ohne dass ich es ihr abnahm. Es war ihre Art, die Schuld einzuräumen, ohne sich wirklich zu entschuldigen, weil sie wusste, dass eine Entschuldigung uns beiden überflüssig vorkam.
Ich legte einen Augenblick die Hand auf ihren Unterarm.
Sie ließ es zu.
Dann nahm ich die Hand zurück.
—
Wir gingen weiter.
Wir kamen zu der Brücke, an der ein Schwan saß. Er saß mitten auf dem Weg, und niemand traute sich, an ihm vorbei zu gehen. Ein Vater und seine Tochter standen drei Meter entfernt und sahen ihn an. Der Vater sagte: „Lara, geh nicht näher hin.“ Lara sagte: „Wieso.“ Der Vater sagte: „Weil er beißt.“
Clara ging an dem Schwan vorbei, ohne zu schauen.
Der Schwan biss nicht.
Lara sah Clara mit einer Mischung aus Bewunderung und Empörung an.
Wir gingen über die Brücke.
—
Auf der anderen Seite des Bachs war es ruhiger. Hier waren weniger Menschen. Wir gingen unter einer Allee hindurch, in der die Buchen erst zur Hälfte ausgetrieben hatten, in einem Grün, das so jung war, dass es fast gelb wirkte.
„Emilia.“
„Ja.“
„Triffst du dich mit ihm.“
„Mit wem.“
„Mit Möller.“
„Geschäftlich.“
„Wie oft.“
„Alle zwei Wochen.“
„Wo.“
„In seinem Münchner Büro. Theresienstraße.“
„Allein.“
„Mit Mitarbeitern.“
„Aber du gehst allein hin.“
„Ich gehe allein hin, ja.“
„Gut.“
„Was ist gut.“
„Dass du allein hingehst.“
Sie sagte das, ohne anzuhalten. Sie sagte es, ohne mich anzusehen.
Ich sagte nichts.
—
Wir gingen bis zur Werneckstraße und drehten um.
Auf dem Rückweg war die Sonne weiter im Westen. Sie kam jetzt zwischen den Buchen durch, in Streifen, die unter unseren Schritten nach hinten wanderten. Es war nicht warm, aber wärmer als am Vormittag.
Wir kamen zur Bank zurück.
Wir setzten uns nicht.
Wir gingen vorbei.
—
An der Wiese vor dem Biergarten lagen jetzt mehr Menschen. Eine Gruppe junger Männer hatte ein Frisbee. Ein Hund jagte das Frisbee, ohne es zu bekommen. Eine Frau in einem hellen Mantel saß auf einer Decke und las.
Clara blieb einen Augenblick stehen.
„Schau.“
„Was.“
„Die Frau in dem Mantel.“
„Was ist mit ihr.“
„Sie sieht aus wie deine Mutter.“
Ich sah sie an.
Sie sah nicht aus wie meine Mutter. Sie sah aus wie eine Frau in einem hellen Mantel auf einer Decke. Aber Clara hatte recht in dem, was sie meinte: Es gab eine bestimmte Art, wie eine Frau einen Mantel anzog, wenn sie sich selbst ernst nahm und niemanden anderen.
Meine Mutter hatte das gehabt.
Diese Frau hatte es auch.
„Ja“, sagte ich.
Clara nickte.
Wir gingen weiter.
—
Am Auto, am Chinesischen Turm, blieb Clara stehen.
„Emilia.“
„Ja.“
„Eines noch.“
„Was.“
„Mark wohnt jetzt in Schwabing.“
„Ich weiß.“
„Du wirst ihn vielleicht zufällig sehen. In München sieht man jeden zufällig, irgendwann.“
„Ich weiß.“
„Es ist okay, wenn das passiert.“
„Ich weiß.“
„Du musst dich nicht vorbereiten.“
Ich sah sie an.
„Ich bereite mich nicht vor.“
„Doch. Du hast den ganzen Spaziergang über überlegt, ob du ihn heute zufällig sehen würdest.“
„Habe ich nicht.“
„Doch. An der Brücke hast du dich umgedreht.“
„Da war ein Schwan.“
„Da war auch ein Mann mit einem Hund. Der Mann sah von hinten ein wenig wie Mark aus. Ich habe es gesehen. Du hast es gesehen. Du hast nichts gesagt.“
Ich sah einen Augenblick zu Boden.
„Du hast recht.“
„Ich weiß.“
„Es ist nicht angenehm.“
„Es wird vergehen.“
„Wann.“
„Wenn du ihn ein zweites Mal nicht zufällig siehst und es dir auffällt, dass es dir nicht aufgefallen ist.“
Sie öffnete die Wagentür.
„Steig ein. Ich bringe dich heim.“
—
Sie setzte mich vor der Villa ab.
Ich stieg aus.
„Clara.“
„Ja.“
„Danke.“
„Wofür.“
„Für den Spaziergang.“
„Spaziergänge sind keine Sache, für die man dankt.“
„Ich danke für ihn trotzdem.“
Sie lächelte einmal kurz.
„Bis bald.“
Sie fuhr.
—
Ich ging ins Haus.
Frau Brandl saß in der Küche und las eine Zeitschrift. Sie sah auf, als ich hereinkam, sagte nichts. Sie hatte verstanden, dass ich nicht gefragt werden wollte, wie es gewesen war.
Ich ging hinauf.
Im Schlafzimmer öffnete ich das Fenster.
Der Wind kam aus Norden, immer noch.
Ich legte mich kurz hin.
Ich schlief eine halbe Stunde.
Als ich wieder aufwachte, war die Sonne schon tiefer, und im Garten unten rief Frau Brandls Schwester von der Straße her, die offenbar gekommen war, um Frau Brandl abzuholen. Frau Brandl rief zurück. Ich hörte die Tür ins Schloss fallen.
Das Haus war jetzt leer.
Ich blieb noch eine Weile liegen, mit offenen Augen, und sah an die Decke.
Ich dachte an die Frau im hellen Mantel.
Ich dachte an meine Mutter.
Ich dachte an niemanden sonst.
—
Am Abend rief Margot Lenz an.
Sie rief um halb acht, was bei Margot ungewöhnlich war. Sie pflegte nicht zu telefonieren, nachdem die Sonne untergegangen war. Sie hatte mir einmal gesagt, das Telefon sei eine Erfindung des Tages, und der Abend gehöre den Briefen oder dem Schweigen.
„Emilia.“
„Margot.“
„Sie waren heute mit Clara im Englischen Garten.“
„Wer hat es Ihnen erzählt.“
„Niemand hat es mir erzählt. Ich war auch dort.“
„Wo.“
„Im Biergarten am Chinesischen Turm. An einem Tisch im hinteren Teil. Mit zwei Damen, die ich vor zwanzig Jahren öfter gesehen habe und die ich heute zum ersten Mal seit langem wiedergesehen habe.“
„Ich habe Sie nicht gesehen.“
„Sie haben mich nicht gesehen, weil Sie heute auf andere Dinge geachtet haben.“
„Welche anderen Dinge.“
„Schwäne. Frauen in hellen Mänteln. Männer mit Hunden, die von hinten wie jemand aussehen, der nicht mehr da ist.“
Ich war einen Augenblick still.
„Margot.“
„Ja.“
„Sie haben uns beobachtet.“
„Ich habe Sie gesehen. Beobachten ist ein anderes Wort.“
„Was haben Sie gesehen.“
„Eine Frau, die sich seit langer Zeit zum ersten Mal mit ihrer Freundin im Park getroffen hat, ohne dass die Freundin ihren Mann erwähnen musste. Das ist ein Fortschritt.“
„Sie war auch nicht erwähnt worden.“
„Ich weiß. Ich saß weit weg.“
„Margot.“
„Ja.“
„Wieso rufen Sie heute Abend an.“
„Weil ich heute Nachmittag nach Hause gegangen bin und mir gedacht habe, dass Sie es vielleicht zu schätzen wissen, wenn jemand Sie heute Abend einmal anruft, ohne ein Anliegen zu haben.“
„Das schätze ich.“
„Gut.“
„Margot.“
„Ja.“
„Danke.“
„Danken Sie mir nicht. Ich habe noch ein zweites Anliegen.“
„Welches.“
„Kommen Sie nächsten Mittwoch zum Essen. Sie müssen sich nicht verabreden. Sie kommen um sieben. Wir essen einfach.“
„Ich werde da sein.“
„Allein.“
„Allein.“
„Gut. Schlafen Sie.“
Sie legte auf.
Ich saß einen Augenblick mit dem Hörer in der Hand.
Margot hatte zwei Dinge in zwei Wochen gesagt, die mir auffielen.
Erstens: „Allein.“ Zweitens: jetzt zum zweiten Mal „Allein.“
Ich legte den Hörer auf.
Im Garten unten fiel ein Apfel vom Apfelbaum, was nicht möglich war, weil im Apfelbaum noch keine Äpfel waren. Es war vermutlich etwas anderes — ein Stück Holz, das der Wind herabgelegt hatte, ein Vogel, der aufgeflogen war, vielleicht der Dackel, der wieder durch das Loch in der Hecke gekommen war.
Ich ging zum Fenster.
Ich sah hinaus.
Es war niemand zu sehen.