Kapitel 44: Margots Brief
Margot rief am Nachmittag an.
Sie rief selten an. Sie schickte Karten, sie schrieb in einer Schrift, die noch nach den vierziger Jahren aussah, sie ließ sich melden durch Zwischenmenschen. Wenn Margot anrief, war es kein zufälliger Anlass.
Frau Brandl hatte mir das Telefon gebracht, ohne anzukündigen, wer dran war. Sie hatte nur einen halben Schritt im Türrahmen gemacht und das Telefon mit einer kleinen Kopfbewegung übergeben, die sagte: *Das ist nicht alltäglich.*
„Emilia.“
„Ja.“
„Ich möchte Sie morgen Vormittag bei mir sehen.“
„Gerne.“
„Es ist nicht gerne.“
„Dann komme ich, weil Sie es sagen.“
„Das ist die richtige Antwort.“
Sie legte auf, ohne eine Uhrzeit zu nennen. Ich wusste, dass „Vormittag“ bei Margot zwischen halb elf und halb zwölf bedeutete, eher näher an halb elf, und dass sie nicht die Sorte Mensch war, die zweimal das Gleiche sagte.
Ich blieb noch eine Weile mit dem Telefon in der Hand sitzen.
Margots Stimme war heute anders gewesen. Nicht streng. Nicht traurig. Eine Spur formeller als sonst, was bei ihr eine Art Liebe war, die sie nicht offen zeigen wollte. Margot hatte mich seit ich klein gewesen war beobachtet, mit der Geduld einer Frau, die ihre einzige Tochter früh verloren hatte und die in mir, ohne dass sie es je sagte, einen kleinen Ersatz für etwas gefunden hatte, das sie nie ganz haben durfte.
Frau Brandl kam zurück.
„Frau Lenz?“
„Ja.“
„Etwas Bestimmtes?“
„Sie möchte mich morgen sehen.“
„Hm.“
Sie sagte sonst nichts. Sie nahm die Tasse, die noch leer auf dem Tisch stand, und stellte sie in die Küche. Sie wusste, dass Margot mich nicht ohne Grund einbestellte. Sie wusste auch, dass es nicht ihre Sache war, danach zu fragen.
—
Frau Brandl brachte mir am Morgen den Mantel.
„Sie wollen heute hinaus?“
„Ich werde zu Frau Lenz gehen.“
„Allein?“
„Allein.“
Sie sah mich kurz an. Sie sagte nichts. Sie holte die Schuhe, die sie an den Vortagen geputzt hatte, und stellte sie vor die Tür. Sie wusste, wann sie schweigen musste, und sie wusste, wann sie eine kleine Geste machen musste, die für die Worte einstand, die sie nicht sagte.
Ich nahm ein Taxi. Die Fahrt von Bogenhausen zur Prinzregentenstraße dauerte zwölf Minuten. Der Fahrer schwieg. München lag im milden Licht eines späten Vormittags, an dem die Stadt sich nicht entscheiden konnte, ob sie schon Frühling oder noch Winter war.
Am Eingang von Margots Haus stand der Portier, der mich seit zwanzig Jahren kannte und mich jedes Mal grüßte, als hätte er gestern erst nach mir gefragt.
„Frau Hartmann.“
„Guten Tag, Herr Beier.“
Er sah mich kurz länger an, als er es sonst tat. Dann nickte er. Vielleicht hatte er etwas gehört. In München hört man immer etwas. Niemand spricht offen. Alle wissen es.
Ich nahm den Aufzug. Es war ein alter Aufzug, mit einer Schiebetür aus Messing, die man von Hand zuziehen musste. Er fuhr langsam und mit einem leichten, gleichmäßigen Knarren. Im dritten Stock öffnete sich die Tür auf einen Treppenabsatz, an dem zwei Wohnungen lagen. Margots Tür war die linke, mit einem schmalen Messingschild, auf dem nur ihr Nachname stand, in einer Schrift, die seit den siebziger Jahren nicht mehr nachgemacht worden war.
Eine Frau in einem dunkelgrauen Kleid öffnete. Frau Saller. Margots Haushälterin seit dreißig Jahren. Sie nickte mir zu, ohne mich anzulächeln.
„Frau Hartmann.“
„Frau Saller.“
„Frau Lenz wartet im kleinen Salon.“
Sie nahm meinen Mantel. Sie nahm die Handschuhe, die ich aus den Manteltaschen zog, und legte sie auf einen kleinen Tisch im Flur.
—
Margot empfing mich in dem kleinen Salon, der von der Prinzregentenstraße abging. Drei Fenster, hohe Decken, ein Flügel, den niemand mehr spielte, ein Sekretär aus dem späten neunzehnten Jahrhundert, dessen oberer Teil immer abgeschlossen war.
„Setzen Sie sich.“
Sie hatte schon Tee bereit. Schwarzen Assam, den sie aus einem alten Service einschenkte, das sie von ihrer eigenen Mutter hatte. Sie schenkte langsam ein. Sie verschüttete nichts. Margot war zweiundsiebzig, und ihre Hände waren noch die Hände einer Frau, die wusste, was sie tat.
„Wie geht es Ihnen?“
„Es geht.“
„Es geht.“
„Ja.“
„Das ist der Satz, den Frauen sagen, die nicht weinen wollen.“
„Ich weine auch nicht.“
„Ich weiß, Emilia. Ich frage trotzdem.“
Sie reichte mir die Tasse. Ich nahm sie. Die Tasse war dünn, fast durchsichtig im Licht.
Eine Weile sagte sie nichts.
Sie trank einen Schluck. Sie stellte die Tasse zurück. Sie faltete die Hände auf dem Schoß. Margot hatte schmale Hände, mit zwei Ringen, die sie seit fünfzig Jahren trug, und an einem der Ringe einen kleinen Stein, den ihre eigene Mutter ihr 1958 gegeben hatte. Sie sagte selten, woher die Dinge kamen, die sie trug.
„Ich habe Sie nicht eingeladen, um über Mark zu sprechen.“
„Gut.“
„Ich habe Sie eingeladen, weil ich etwas habe, was Ihnen gehört.“
Ich sah sie an.
Sie stand auf. Sie ging an den Sekretär. Sie schloss den oberen Teil mit einem kleinen Schlüssel auf, den sie aus einer Schublade des unteren Teils nahm. Sie nahm einen Umschlag heraus.
Sie kam zurück. Sie setzte sich. Sie legte den Umschlag nicht sofort auf den Tisch. Sie hielt ihn in beiden Händen, mit der Schrift nach unten.
—
„Emilia.“
„Ja.“
„Ihre Mutter hat mir diesen Brief vor siebzehn Jahren gegeben. Drei Wochen vor ihrem Tod. Sie war damals schon im Krankenhaus. Sie war damals schon klar, wohin es ging, und sie war klar, dass sie noch eine Sache zu erledigen hatte.“
Ich sagte nichts.
„Sie hat mir den Brief in die Hand gedrückt, hier in diesem Zimmer, an einem Sonntagnachmittag. Sie hat ihn mir nicht erklärt. Sie hat nur gesagt: *Margot, Sie heben das auf. Sie geben das nicht weiter, bis Emilia es braucht. Wenn Emilia es nicht braucht, geben Sie es ihr nie. Sie werden es wissen.*“
Sie sah auf den Umschlag.
„Ich habe ihn siebzehn Jahre nicht gegeben. Ich habe siebzehn Jahre gewartet. Ich habe in den ersten Jahren manchmal gedacht: vielleicht jetzt. Als Sie geheiratet haben. Als Ihr Vater starb. Als Ihre Krankheit kam. Jedes Mal habe ich gedacht: nein, noch nicht. Ihre Mutter war eine kluge Frau. Sie hat *braucht* gesagt. Nicht *möchte*. Nicht *darf*. *Braucht*.“
Sie atmete einmal tief aus.
„Heute weiß ich, dass es jetzt soweit ist.“
Sie legte den Umschlag auf den Tisch. Sie schob ihn nicht zu mir. Sie ließ ihn liegen.
Der Umschlag war elfenbeinfarben. Verschlossen mit rotem Wachs. Auf der Vorderseite stand ein Wort in einer Schrift, die ich seit siebzehn Jahren nicht mehr gesehen hatte und die ich sofort wiedererkannte, ohne darüber nachzudenken.
*Emilia.*
Mein Name in der Handschrift meiner Mutter.
Ich sah ihn lange an.
Meine Mutter hatte das *E* immer mit einer kleinen Schleife oben begonnen, einer Schleife, die sie bei keinem anderen Buchstaben machte. Niemand sonst in der Familie hatte das so geschrieben. Mein Vater hatte einmal, viele Jahre nach ihrem Tod, an einem Sonntag in der Bibliothek einen alten Brief von ihr aus einer Schublade genommen, ihn auf das Knie gelegt und gesagt: *„Schau, Emilia, deine Mutter hat ihre Buchstaben getanzt. Andere Leute haben sie nur geschrieben.“* Er hatte das gesagt, und er hatte den Brief wieder weggelegt, ohne ihn weiterzulesen, weil er nicht weinen wollte.
Heute, auf diesem Umschlag, tanzte das *E* meines Namens noch immer.
—
„Sie müssen ihn nicht heute öffnen.“
„Ich weiß.“
„Nehmen Sie ihn mit. Lesen Sie ihn, wenn Sie allein sind. Lesen Sie ihn, wenn Sie es können. Es eilt nicht.“
„Margot.“
„Ja.“
„Warum heute?“
Sie sah mich an.
„Weil ich gehört habe, dass Sie nächste Woche in die Maximilianstraße gehen.“
„Wer hat es Ihnen gesagt?“
„Niemand direkt. Aber zwei oder drei Leute haben Sätze gesagt, die ich zusammensetzen konnte.“
„Ich verstehe.“
„Ihre Mutter würde wollen, dass Sie diesen Brief vorher lesen. Nicht, weil etwas Geheimes drinsteht. Sondern weil sie Ihnen einmal etwas sagen wollte, das eine Mutter nur sagt, wenn sie weiß, dass ihre Tochter eines Tages an einem bestimmten Tag aufstehen muss.“
Ich nahm den Umschlag.
Er war leichter, als ich gedacht hatte.
„Margot.“
„Ja.“
„Was hat sie noch zu Ihnen gesagt? An jenem Sonntag?“
Margot sah einen Augenblick auf den Tisch.
„Wenig“, sagte sie. „Sie war an diesem Tag nicht zum langen Reden in der Verfassung. Sie hat den Umschlag in meine Hände gelegt, und sie hat noch einen Satz gesagt, den ich Ihnen heute weitergebe, weil ich glaube, dass er dazugehört.“
„Welchen Satz?“
„Sie sagte: *Margot, sagen Sie ihr nicht, dass ich Sorge hatte. Sagen Sie ihr nur, dass ich es geahnt habe.*“
Ich hielt die Tasse einen Moment fester.
„Ich nehme nicht an, dass Sie das verstehen müssen, heute.“
„Heute verstehe ich es.“
„Gut.“
—
Wir tranken den Tee zu Ende.
Margot sprach über andere Dinge. Über die Restaurierung des Cuvilliéstheaters, die wieder ins Stocken geraten war. Über eine Bekannte, deren Sohn nach London gegangen war, und die nicht verstanden hatte, warum. Über das Konzert am Sonntag, zu dem sie nicht gehen würde, weil das Programm sie nicht überzeugte.
Sie sprach so, dass ich mich nicht eilen musste. Margot wusste, wann ein Mensch Zeit brauchte, einen Gegenstand in der Hand zu halten, ohne ihn schon zu öffnen.
Erst als ich ging, sagte sie noch einen Satz.
„Emilia.“
„Ja.“
„Ihre Mutter war eine andere Frau, als Sie sich erinnern. Sie war Ihre Mutter, und sie war noch jemand davor. Lesen Sie den Brief mit dieser Möglichkeit im Kopf.“
Ich nickte.
„Danke, Margot.“
„Nicht ich. Sie.“
—
Im Taxi auf dem Rückweg hielt ich den Umschlag auf den Knien.
Ich öffnete ihn nicht. Ich wollte ihn nicht im Auto öffnen. Ich wollte ihn nicht öffnen, während draußen der Englische Garten vorbeizog, während die Stadt um mich herum war, während ein Fahrer vorne saß, der nicht wissen sollte, was geschah.
Ich legte die Hand auf den Umschlag.
Es war eine alberne Geste. Aber meine Mutter war seit siebzehn Jahren tot, und ich hatte siebzehn Jahre nichts mehr von ihr gehört, was nicht aus meinem eigenen Gedächtnis kam.
Heute war etwas Neues von ihr da.
Etwas, das sie geschrieben hatte, als sie wusste, dass sie ging.
Etwas, das sie für einen Tag aufgehoben hatte, an dem sie nicht mehr da sein würde.
Für heute.
Der Fahrer sah einmal in den Rückspiegel.
„Geht es Ihnen gut, gnädige Frau?“
„Ja, danke.“
Er fragte nicht weiter. Er fuhr ruhig, in einem mittleren Tempo, an dem Geschäft mit den dunkelroten Markisen vorbei, an der Kreuzung vor der Galeriestraße, in der die Ampel länger rot war, als ich erwartet hatte. Ich nutzte das Rot. Ich legte den Umschlag flach auf meinen Knien, mit der Schrift nach oben, und sah noch einmal das *E*.
Dann sprang die Ampel um.
Wir bogen in die Tatsachen meines eigenen Stadtviertels ein, in das stille, baumige Bogenhausen, in dem alle Häuser sich kennen, ohne sich zu grüßen.
—
Frau Brandl öffnete mir die Tür.
„Sie sind blass.“
„Ja.“
„Soll ich Ihnen etwas machen?“
„Nein. Ich gehe in mein Zimmer.“
„Brauchen Sie etwas?“
„Ruhe.“
Sie nickte. Sie sagte nichts.
Ich stieg langsam die Treppe hinauf. Mein Schritt war heute langsamer als sonst. Vielleicht lag es an der Krankheit, die seit gestern eine kleine Schwere in den Beinen hinterlassen hatte. Vielleicht lag es an dem Umschlag in meiner Hand.
Ich ging in mein Zimmer.
Ich schloss die Tür.
Ich legte den Umschlag auf den Schreibtisch.
Ich setzte mich nicht sofort.
Ich stand am Fenster und sah hinaus. Der Garten unten war noch nicht so weit, wie er es im April hätte sein sollen. Der Magnolienbaum, den mein Vater vor dreißig Jahren gepflanzt hatte, hatte noch keine Knospen geöffnet.
Ich drehte mich um.
Ich sah auf den Umschlag.
Mein Name in der Handschrift meiner Mutter, im Licht des Nachmittags, auf dem dunklen Holz des Schreibtisches.
Ich setzte mich.
Ich legte die Hand auf das rote Wachs.
Es war kühl unter meinen Fingern.
Ich öffnete den Umschlag nicht sofort. Ich blieb so sitzen. Ich hatte die Hand auf dem Wachs, und ich atmete, und draußen ging der Nachmittag in den frühen Abend über, und das Licht im Zimmer wurde langsam wärmer.
Ich dachte daran, wie meine Mutter aussah, wenn sie schrieb. Wie sie den Stift hielt. Wie sie sich beim Schreiben leicht über das Papier beugte. Wie sie immer einen Augenblick zögerte, bevor sie einen Satz beendete.
Sie hatte diesen Brief geschrieben, als sie wusste, dass sie ging.
Sie hatte ihn für mich aufgehoben, durch siebzehn Jahre fremde Hände, an einem Tag, den sie nicht erleben würde.
Ich nahm die Hand vom Wachs.
Ich atmete einmal aus.
Ich brach das Siegel.