Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 50: Die Frage

Er sah mich lange an.

Es waren wahrscheinlich vier Sekunden. In einer Sitzung, in der ein Vorsitzender die zweite Frage zum dritten Mal stellt, sind vier Sekunden eine andere Maßeinheit als an einem Frühstückstisch.

Ich hatte gewusst, dass dieser Augenblick kommen würde. Ich hatte ihn nicht herbeigewünscht. Aber als Schmidt mir vor zwei Wochen gesagt hatte, dass das Berliner Hotelprojekt im nächsten Aufsichtsrat zur Sprache kommen würde, war mir klar gewesen, dass an einer bestimmten Stelle in diesem Saal eine Frage gestellt werden würde, deren Antwort nur einen einzigen Namen enthalten konnte.

Mein Namen.

Es war eine merkwürdige Sache, in einem Sitzungssaal zu sitzen und auf den eigenen Namen zu warten.

Ich sah zurück.

Ich machte mein Gesicht nicht hart. Ich machte es nicht weich. Ich war nur da.

Das war alles, was ich tun konnte.

Er hatte gehofft, dass ich wegsehen würde. Er hatte gehofft, dass ich mit einer kleinen Geste — einem schwachen Lächeln, einem höflichen Senken des Blicks — ihm den Weg freimachen würde, irgendetwas zu sagen, was nicht ganz wahr war, was er aber mit einer Andeutung an mich hätte abfedern können.

Ich machte keine Geste.

Er sah weg.

Er sah zurück zu Vogt.

Er holte Luft. Er holte sie nicht tief. Er holte sie genau so tief, wie ein Mensch sie holt, der einen Satz sagen muss, den er sich seit zwei Minuten nicht zu sagen erlaubt hatte.

Er sagte:

„Das hat — meine Frau organisiert.“

Vier Worte.

Sie waren nicht laut.

Sie waren auch nicht leise.

Sie waren so, wie ein Mann sie sagt, dem in einer Sitzung mit zwölf Stühlen niemand mehr einen anderen Satz erlaubt.

Es war kein Geständnis. Es war kein Bekenntnis. Es war eine sachliche Mitteilung, die er innerhalb eines einzigen Atemzugs entschieden hatte, weil ihm in diesem Atemzug klar geworden war, dass jeder andere Satz ihn in der nächsten Stunde teurer kommen würde als diesen.

Er hatte keine Wahl.

Aber er hatte den Satz gesagt.

Das genügte.

Im Saal blieb es einen Moment still.

Eine Aufsichtsrätin legte ihren Bleistift hin. Sie tat es ohne Geräusch. Aber alle hörten es.

Vogt nickte einmal.

Es war kein triumphierendes Nicken. Es war ein professionelles. Ein Vorsitzender, der einen Satz protokollarisch zur Kenntnis nimmt.

Hinter ihm, an der Wand, hing eine alte Uhr aus dem Jahr 1923. Sie tickte. Sie hatte in den letzten dreißig Jahren in jeder Sitzung getickt, in der mein Vater gesessen hatte, und in jeder Sitzung, in der Mark gesessen hatte, und sie tickte jetzt, einen halben Augenblick lang, in einer Stille, in der niemand sonst sich rührte.

Es war ein altes Geräusch.

Es war heute lauter als sonst.

Er drehte den Kopf zu mir.

„Frau Doktor Richter.“

„Ja.“

„Können Sie diese Aussage bestätigen?“

Ich sah Mark einen Augenblick an.

Er sah nicht zurück.

Ich sah Vogt an.

„Ja“, sagte ich. „Ich war damals Beraterin. Inoffiziell.“

„Können Sie das ein wenig ausführen, in der Form, in der Sie es heute für möglich halten?“

„Ich war zu der Zeit“, sagte ich, „nicht angestellt bei der Hartmann Gruppe. Ich war damals selbständig, ich hatte ein eigenes kleines Büro. Mein Mann hat in mehreren Vorgängen meine fachliche Einschätzung eingeholt. Im Falle der Berliner Verhandlung habe ich die Konditionen entworfen, in Abstimmung mit ihm, und mit der Bank zwei direkte Gespräche geführt, die in seinem Beisein stattfanden, aber von mir vorbereitet und im Wesentlichen geführt wurden.“

„Sie haben den Vorgang dokumentiert?“

„Ja.“

„Können Sie das belegen?“

„Ja.“

„Heute?“

„Wenn der Aufsichtsrat darum bittet.“

Vogt sah Weber an.

Weber legte eine Mappe auf den Tisch. Er schob sie nicht zu Vogt. Er legte sie nur in seine Reichweite. Es war eine schmale, beigefarbene Mappe, die Weber am Vortag aus der Kanzlei mitgebracht hatte und die ich seit drei Wochen nicht mehr selbst geöffnet hatte.

„Wir haben hier eine Kopie“, sagte Weber. „Unterschriftenproben, Sitzungsprotokolle und die ursprüngliche Korrespondenz mit der Berliner Bank. Falls der Aufsichtsrat sie sehen möchte.“

Vogt nickte.

„Wir werden sie sehen wollen. Nach der Sitzung.“

„Selbstverständlich.“

Er drehte den Kopf zurück zu Mark.

„Herr Hartmann.“

„Ja.“

„Ich danke Ihnen für die Klarheit Ihrer Antwort.“

Mark sagte nichts.

„Wir werden im Rahmen der nächsten Sitzungen eine kleine Überprüfung der Beraterhonorare aus den Jahren 2015 bis 2018 durchführen. Das ist keine Beanstandung Ihrer Person. Es ist eine Routine.“

„Selbstverständlich.“

Marks Stimme war jetzt leiser.

Es war nicht klein. Es war nur leiser. Das war kein dramatischer Wechsel. Es war nur die Stimme eines Mannes, der sich seit drei Minuten daran gewöhnt, dass er nicht mehr der Mittelpunkt des Raumes ist, in dem er bisher gesprochen hatte.

Vogt sah einmal in die Runde.

„Wenn keine weiteren Fragen sind, schließen wir den ersten Tagesordnungspunkt.“

Niemand hob die Hand.

Vogt nickte.

Er sah auf die Uhr.

„Wir machen eine kurze Pause. Fünfzehn Minuten.“

Die Aufsichtsräte standen langsam auf.

Sie standen so auf, wie ältere Menschen aufstehen, die wissen, dass es in der Pause Fragen gibt, die nicht im Saal gestellt werden, sondern im Vorzimmer, beim Wasser, vor der Tür.

Eine der Frauen — die mit dem weißen Haar — kam an meinem Stuhl vorbei. Sie sah mich kurz an.

„Frau Richter.“

„Frau Doktor Lemmer.“

„Es freut mich, Sie zu sehen.“

Sie ging weiter, ohne mehr zu sagen.

Schmidt stand auf. Er sah einmal kurz zu mir. Er nickte einmal. Er ging an Mark vorbei, ohne ihn anzusprechen. Er ging zur Tür.

Mark blieb sitzen.

Er hatte die Mappe vor sich. Er hielt sie nicht. Er ließ sie nur liegen.

Er sah nicht zu mir.

Er sah auch nicht zu Vogt.

Er sah auf den Tisch.

Es war kein Schweigen, das demonstrativ war. Es war eines, das nicht anders ging. Er hatte gerade einen Satz gesagt, der ihn nicht mehr loslassen würde, und er saß noch einen Augenblick auf dem Stuhl, weil er nicht wusste, wie er aufstehen sollte.

Ich hatte das einmal bei meinem Vater gesehen, vor zwölf Jahren, in einem anderen Raum, an einem anderen Tisch. Mein Vater hatte einen Satz gesagt, der ihn etwas gekostet hatte, und er war einen Moment sitzen geblieben, ohne zu wissen, wie er den nächsten Schritt tun sollte. Er hatte ihn dann getan. Er war aufgestanden. Er war hinausgegangen.

Mark stand jetzt nicht.

Er saß weiter.

Weber stand auf.

Er sammelte die beigefarbene Mappe ein, die er nicht weiter geöffnet hatte. Er steckte sie zurück in seine schwarze Tasche. Er sah mich an.

„Frau Richter. Wenn Sie mögen, können wir kurz vor die Tür gehen.“

„Ja.“

Jan stand schon. Er hatte die ganze Sitzung lang an seinem kleinen Stuhl an der Wand gesessen und sich nicht bewegt. Er war jetzt der Erste, der zur Tür ging, vermutlich, um vor mir den Weg freizumachen.

Ich stand auf.

Ich zog den Mantel ein wenig zurecht.

Ich ging zur Tür.

Ich ging an Mark vorbei. Er saß nicht weit vom Weg.

Er sah einmal kurz auf, im Gehen, und in diesem Augenblick fand er meinen Blick. Er sah mich an. Es war kein vorwurfsvoller Blick. Es war auch kein bittender Blick. Es war ein müder Blick. Ein Mann, der gerade erfahren hatte, dass er nicht alleine entscheidet, wie der Saal ihn ansieht.

Ich sah ihn an. Ich nickte einmal — nicht freundlich, nicht hart, sondern höflich, in der Art, in der man jemandem zunickt, mit dem man einmal lange in einem Haus gewohnt hat und der heute, an diesem Tag, in einem anderen Stuhl sitzt als gestern.

Ich ging weiter.

Ich verließ den Saal.

Hinter mir hörte ich, wie sich der Saal allmählich auflöste. Stühle wurden zurückgeschoben. Eine Mappe fiel auf den Tisch. Vogt sprach kurz mit jemandem, vermutlich mit Schmidt. Eine der Aufsichtsräte fragte, ob im Vorzimmer Wasser bereit sei.

Ich hörte Marks Stimme nicht.

Er saß.

Im Vorzimmer stand Anne Walter.

Sie hatte einen kleinen Block in der Hand. Sie hatte die Brille an dem dünnen Band um den Hals, das ich mir in meinem Kopf vorgestellt hatte. Sie war Mitte fünfzig, wie ich vermutet hatte. Sie hatte keinen einzigen Tropfen Schweiß im Gesicht, was bei ihr in diesem Moment etwas hieß.

„Frau Walter.“

„Frau Richter.“

„Ich danke Ihnen.“

„Ich habe nichts getan.“

„Ich weiß.“

Sie sah mich kurz an.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Wenn Sie es heute nicht möchten, ist es heute nicht. Aber wenn Sie es einmal möchten — ich kann auch in einem anderen Vorzimmer arbeiten.“

„Ich weiß.“

„Heute ist heute.“

„Heute ist heute.“

Sie nickte einmal.

Sie ging an mir vorbei, in den Saal hinein, mit dem Block in der Hand, weil sie das Protokoll für die zweite Hälfte der Sitzung führen würde.

Weber stand neben mir.

Er sah mich an.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Sie haben gut gesprochen.“

„Ich habe wenig gesprochen.“

„Das ist dasselbe.“

Jan trat zu uns. Er sah mich an. Er sah, ob ich an einem Glas Wasser oder an einem Stuhl Halt brauchte. Ich brauchte keines von beidem.

„Möchtest du gehen?“

„Nein. Ich möchte die Pause stehend verbringen.“

„Gut.“

Wir gingen zum Fenster, die drei.

Das Vorzimmer hatte einen langen Vorhang aus dunkelgrünem Stoff, der bis zum Boden hing. Hinter dem Fenster lag die Maximilianstraße, im Mittagslicht, mit zwei Limousinen, die nicht weggefahren waren, und mit einem alten Mann, der mit einem Hund auf der anderen Straßenseite stand und auf nichts wartete, was ich erkennen konnte.

Ich blieb am Fenster stehen.

Weber stand einen Schritt weiter rechts.

Jan stand einen Schritt weiter links.

Ich sah hinaus.

Ich war jetzt nicht stärker als vor einer Stunde. Ich war nicht klüger. Ich war nicht schöner.

Ich hatte nur einen Satz weniger im Raum, den ich heute hätte sagen müssen.

Mein Satz war gesagt.

Marks Satz war gesagt.

Beide gehörten jetzt dem Protokoll, das in fünfzehn Minuten weitergeschrieben würde, und beide würden, lange nachdem dieser Tag vorbei war, in einer beigen Mappe in einem Aktenraum in der Maximilianstraße liegen, in einer Reihe von anderen Sitzungsprotokollen, in einer Schicht von Papieren, die niemand mehr öffnete, bis sie irgendwann gebraucht wurden.

Ich dachte einen Augenblick an meinen Vater.

Er hatte mir vor langer Zeit, in einem Hotel in Bad Reichenhall, an einem Sonntagvormittag bei einer Tasse Kaffee, gesagt: *„Emilia, wenn du eines Tages an einem Tisch sitzt, an dem dein eigener Mann etwas zugeben muss, dann sieh ihn nicht an. Sieh aus dem Fenster. Er muss seine Worte selbst aushalten. Wenn du ihn ansiehst, hilfst du ihm dabei. Du sollst ihm nicht helfen. Du sollst nur da sein, damit er die Worte sagt.“* Er hatte das gesagt, und er hatte es nicht erklärt, und ich hatte ihn damals gefragt, was er meine, und er hatte nur gelächelt und gesagt, das werde ich verstehen, wenn es soweit sei.

Heute hatte ich ihn verstanden.

Heute hatte ich aus dem Fenster gesehen, ohne dass jemand mir gesagt hatte, dass ich es solle.

Hinter mir, im Saal, hörte ich, wie ein Stuhl leise gerückt wurde.

Mark stand auf.

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