Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 9: Die Fahrt zur Kanzlei

Ich stand um sieben auf.

Das war eine halbe Stunde vor der Zeit, zu der ich normalerweise aufwachte. Mein Körper wusste immer, wann er gefragt wurde. In den letzten Wochen hatte er gefragt, ob er liegen durfte. Heute fragte er, ob er stehen durfte. Ich ließ ihn stehen.

Ich duschte.

Ich stand länger unter dem Wasser als nötig.

Das warme Wasser des Hauses hatte einen eigenen Geruch, den ich sonst nirgendwo kannte. Nicht Chlor. Etwas mit Kalk. Etwas mit altem Kupfer. Meine Mutter hatte immer gesagt, das Wasser in diesem Haus sei „sauber alt“. Sie hatte dafür keinen anderen Ausdruck gefunden.

Ich zog einen dunkelgrauen Hosenanzug an.

Ich hatte den Hosenanzug in den letzten zwei Jahren nicht getragen. Er passte enger, als ich erwartet hatte, und gleichzeitig weiter. Die Schultern passten nicht mehr. Ich hatte mich zu viel verändert, als dass alte Kleidung noch wissen konnte, wo sie saß.

Aber er war der Hosenanzug, den ich in der Kanzlei tragen würde.

Man geht nicht zu einem Anwalt des eigenen Vaters in der Kleidung, in der man frühstückt.

Frau Brandl war schon unten.

Sie hatte den kleinen Kombi aus der Garage geholt. Er stand vor dem Haus, die Scheinwerfer ausgeschaltet, der Motor nicht an. Frau Brandl saß in der Küche, das Haar unter einem dunklen Band, und stellte eine Thermoskanne auf den Tisch.

„Tee.“

„Danke.“

„Nicht zu heiß. Sie können ihn im Auto trinken, wenn Sie im Stau stehen.“

„Sie meinen, es wird Stau geben?“

„In München, Frau Hartmann. Um diese Zeit.“

„Ja, richtig.“

Sie sah mich an.

„Sie sehen gut aus.“

„Ich sehe nicht gut aus. Aber ich danke Ihnen.“

„Sie sehen geradeaus, Frau Hartmann. Das nenne ich gut.“

Ich trank den letzten Schluck Kaffee. Ich nahm die Thermoskanne. Ich nahm die Ledertasche mit der Mappe und dem Stick. Ich nahm den Autoschlüssel vom Haken neben der Tür.

Frau Brandl ging mit mir zur Haustür.

Sie sagte nichts mehr.

Sie nickte nur, als ich ins Auto stieg, und schloss die Haustür wieder, bevor ich abfuhr.

Die Fahrt in die Stadt dauerte vierunddreißig Minuten.

Das ist ein München-Maß. An einem normalen Dienstagmorgen kann es zwanzig sein. An einem anderen Morgen fünfundfünfzig. Heute war es vierunddreißig. Am Mittleren Ring stockte es kurz, ich fuhr rechts ab, durch die Ismaninger, dann über die Prinzregentenstraße nach Lehel hinunter.

Der Himmel war dicht und hell.

Es ist ein Licht, das München im Spätherbst hat und das ich an keinem anderen Ort der Welt wiedergefunden habe. Kein Glitzern, kein Scheinen. Ein gleichmäßiges, geduldiges Leuchten, als habe jemand hinter den Wolken eine große, matte Lampe angestellt.

Ich fuhr am Haus der Kunst vorbei.

Ich fuhr am Englischen Garten vorbei.

Ich dachte einen Moment an die Zweitwohnung, die Mark dort hatte. Ich wusste, wo sie lag. Ich wusste die Straße. Ich war nie dort gewesen. Ich kannte die Adresse, weil sie vor einem Jahr einmal auf einer Rechnung aufgetaucht war, die er vergessen hatte mitzunehmen, und ich sie aufgehoben hatte, ohne ihn zu fragen.

Ich bog nicht dorthin ab.

Ich hätte es tun können. Ich hätte einmal langsam vor dem Haus vorbeifahren können, hätte mir die Fassade angesehen, die Balkone, die vielleicht gerade offen waren. Ich tat es nicht.

Es gibt Orte, die werden kleiner, je mehr man sie anschaut. Manche dieser Orte darf man nie anschauen, weil sie dann zu klein werden und einen selbst mitnehmen.

An der Briennerstraße fand ich einen Parkplatz vor der Kanzlei.

Das war Glück. Es war auch nicht Glück. In diesem Teil der Briennerstraße bekommt man um zehn Uhr an einem Dienstag immer einen Parkplatz, wenn man weiß, wo man suchen muss, und wenn man bereit ist, rückwärts einzuparken. Ich parkte rückwärts ein.

Ich blieb einen Moment im Auto sitzen.

Ich stellte den Motor ab.

Ich sah zur Fassade hinauf. Das Haus war ein Altbau, drei Fenster breit, im ersten Stock Stuck, im zweiten glatt. Im ersten Stock waren die Fenster zwei Meter hoch, dunkle Holzrahmen, weiße Innenfenster. Dahinter war Webers Kanzlei.

Links eine kleine Messingtafel.

„Dr. Klaus Weber / Rechtsanwalt / Erbrecht, Gesellschaftsrecht.“

Mehr stand nicht.

Weber hatte seit zehn Jahren kein neues Schild machen lassen. Das Messing war grünlich angelaufen an den Rändern.

Ich stieg aus.

Ich schloss das Auto.

Ich ging über den Gehweg zum Eingang.

Ich drückte die Klingel.

Jemand summte die Tür auf.

Im Treppenhaus roch es nach Bohnerwachs und kaltem Stein.

Die Treppe hatte Eichenholz. Der Läufer war dunkelrot, in der Mitte abgelaufen, an den Rändern noch voll. Das Geländer war schmiedeeisern, und die Knaufe hatten winzige Lilien, die nur sah, wer genau hinschaute.

Ich sah genau hin.

Ich stieg.

Im ersten Stock öffnete mir Frau Dr. Stelzer die Tür.

Sie hatte ein graues Haar, das nicht gefärbt war, und eine schmale Brille, die auf der Nase saß. Sie war vielleicht zwei Jahre jünger als Weber. Sie trug eine dunkelblaue Jacke über einer weißen Bluse und eine schmale Silberkette.

Sie sah mich an.

„Frau Hartmann.“

„Frau Dr. Stelzer.“

„Sie sind pünktlich.“

„Ich versuche es.“

Sie hielt die Tür auf.

„Kommen Sie herein.“

Sie sagte nicht „Guten Tag“. Sie sagte nichts von Beileid wegen der Krankheit. Sie sagte nichts über Mark. Sie führte mich nur den kurzen Flur hinunter, zum großen Empfangszimmer, und bedeutete mir mit einer Handbewegung, in einen der beiden Ledersessel zu setzen.

„Er kommt gleich.“

„Danke.“

Sie ging.

Ich saß in dem Sessel.

Ich legte die Ledertasche neben mich, nicht auf den Schoß. Das hätte eng gewirkt.

Auf dem Tisch vor mir lag eine Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Die heutige. Sie war nicht geöffnet worden. Daneben eine Schale mit kleinen Keksen aus einem bayerischen Kloster. Frau Dr. Stelzer bestellte sie seit dreißig Jahren direkt dort.

Ich nahm keinen.

Ich sah mich um.

Der Raum hatte sich nicht verändert.

Der Raum war in den letzten zwanzig Jahren derselbe gewesen. Das war, wie Weber mir jetzt klar wurde, eine Haltung gewesen. Er hatte nichts renoviert. Er hatte nichts modernisiert. Er hatte nicht einmal die Sessel neu bespannen lassen. Der rechte hatte an einer Stelle eine feine, weiße Naht, die sich im Leder abhob. Die Stelle hatte ich, als ich vor Jahren hier gesessen hatte, bereits gesehen.

Manche Männer verändern ihre Umgebung nicht, weil sie wissen, dass ihre Klienten in Zeiten zu ihnen kommen, in denen wenigstens ein Raum gleich bleiben sollte.

Die Tür ging auf.

Weber trat ein.

Er hatte weißes Haar, kurz geschnitten. Er war groß, nicht breit. Er trug einen dunkelgrauen Dreiteiler, den ich sofort als dreiteilig erkannte, obwohl das heute kaum jemand mehr trug. Darunter eine Weste, nicht zu weit, nicht zu eng. Keine Krawatte. Stattdessen ein offener Kragen und ein schmales schwarzes Tuch, das zwischen Kragen und erster Knopfleiste saß.

Er ging auf mich zu.

Er blieb einen halben Meter vor dem Sessel stehen.

Er streckte die Hand nicht aus.

Er neigte nur leicht den Kopf, dreiviertel, nicht tief.

„Frau Richter.“

Nicht Frau Hartmann.

Das war nicht ein Versehen. Das war nicht eine Formalität. Das war eine Entscheidung, die er offenbar getroffen hatte, bevor ich gekommen war.

Ich war für diesen Moment nicht vorbereitet gewesen.

Ich spürte, wie etwas in mir, das sich lange gespannt hatte, einen halben Millimeter nachgab. Es war kein Weinen. Es war nicht einmal eine Rührung. Es war nur eine Anerkennung, die mir gegeben wurde, zum ersten Mal seit sehr langer Zeit, mit dem richtigen Namen.

„Herr Weber.“

Er nickte einmal.

Er setzte sich in den anderen Sessel.

Er faltete die Hände im Schoß.

„Ich nenne Sie so, wenn es Ihnen recht ist. Ihr Vater hat Sie so genannt. Ihre Mutter hat Sie so genannt. Ich tue das, solange wir miteinander arbeiten. Wenn das falsch ist, sagen Sie es mir jetzt.“

„Es ist nicht falsch.“

„Gut.“

Er sah kurz zur Tür.

„Frau Dr. Stelzer, bringen Sie uns bitte Kaffee. Für Frau Richter mit Milch.“

Ich hatte ihm nie gesagt, dass ich Kaffee mit Milch trank.

Er wusste es trotzdem.

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