Kapitel 109: Margots Geburtstag
Margot wurde am ersten Sonntag im Juni dreiundsiebzig.
Sie hatte den Geburtstag nicht im Voraus angekündigt, und sie hatte auch keine Einladung verschickt. Margot machte das nie. Wer zu ihr kam, wusste, dass er kommen sollte, und wer nicht wusste, dass er kommen sollte, war nicht eingeladen. Sie hielt diese Regel seit dreißig Jahren ein, und alle, die sie kannten, hielten sie ein.
Ich rief sie zwei Wochen vor dem Tag an.
„Margot.“
„Emilia.“
„Ich werde am siebten kommen.“
„Selbstverständlich.“
Ich machte eine kleine Pause.
„Ich bringe jemanden mit.“
Sie sagte einen Augenblick nichts.
Dann lachte sie kurz, in einer Tonlage, die ich an ihr selten gehört hatte. Es war kein lautes Lachen. Es war ein anerkennendes Lachen, eines, das sie gewöhnlich für gelungene Sätze in einer Theateraufführung reservierte und heute mir gönnte.
„Endlich.“
„Es ist nicht endlich.“
„Es ist endlich.“
„Margot.“
„Du bringst Möller mit.“
„Ja.“
„Ich erwarte ihn am Sonntag um sieben.“
„Wir kommen.“
—
Am ersten Sonntag im Juni war es heiß.
Es war der erste warme Tag des Sommers, der so heiß war, dass die Stadt am späten Nachmittag eine Pause machte. Auf der Prinzregentenstraße gingen die Leute ohne Eile, mit Eis in der Hand, mit dem Hemd offen, mit dem Strohhut. Ich war zu Fuß gekommen, von Bogenhausen aus, in einer leichten dunkelblauen Bluse und einer Hose, die ich seit drei Jahren nicht mehr getragen hatte und die heute mir wieder passte.
Fabian stand am Eckhaus, an der Treppe zu Margots Eingang.
Er war pünktlich.
Er war pünktlicher als ich, was nicht oft vorkam.
Er trug ein hellblaues Hemd, eine Hose, die nicht zu förmlich und nicht zu lässig war, und er hatte die Ärmel des Hemdes auf einer Höhe umgeschlagen, von der ich annahm, dass er sie nicht vor dem Spiegel umgeschlagen hatte, sondern auf dem Weg, irgendwo an der Türkenstraße, weil ihm zu warm geworden war.
„Frau Hartmann.“
„Herr Möller.“
Wir hatten uns auf dem Weg zu Margot bei den Nachnamen geblieben. Es war eine kleine Rückkehr, eine bewusste, weil beide wussten, dass wir bei Margot etwas waren, was wir noch nicht sicher zu nennen wussten, und dass wir uns nicht durch eine Vornamen-Anrede verraten wollten, bevor Margot uns selbst dazu auffordern würde.
„Ich habe geklingelt“, sagte er.
„Sie ist da. Sie lässt offen.“
Wir gingen die Treppe hinauf.
—
Margots Wohnung war in den zwei oberen Stockwerken eines Eckhauses an der Prinzregentenstraße, mit einem Eingang im Treppenhaus und einem zweiten, den niemand benutzte, an der Hofseite.
Sie öffnete selbst.
Sie war kleiner geworden, in den letzten Jahren. Sie hatte das nicht zugegeben, aber sie war kleiner geworden, weil sie nicht mehr ganz aufrecht stand, sondern eine kleine Vorbeuge angenommen hatte, die ihr nichts wegnahm und sie dennoch um zwei Zentimeter näher zur Erde brachte.
Sie trug ein dunkelgrünes Kleid.
Das Kleid hatte sie in den siebziger Jahren in Mailand gekauft. Ich hatte es einmal in einem Album gesehen, auf einem Foto, das meine Mutter gemacht hatte. Margot trug das Kleid seither nur an Geburtstagen, weil sie meinte, ein Kleid solle auf seine Anlässe warten und nicht abgenutzt werden.
„Emilia.“
„Margot.“
Sie küsste mich rechts und links, einmal kurz auf jede Wange, ohne zu drücken.
Dann sah sie Fabian an.
Sie sah ihn länger an, als sie höflicherweise hätte tun müssen. Sie tat es nicht prüfend, sie tat es freundlich-direkt, in einer Weise, die nur eine Frau in ihrem Alter sich erlauben konnte.
„Herr Möller.“
„Frau Lenz.“
„Bitte.“
Sie trat zur Seite.
—
Wir kamen in den Salon.
In dem Salon waren schon einige Leute. Heinrich war da, mit seiner Frau, die ich nur dreimal in den letzten zwanzig Jahren gesehen hatte. Eine Cousine Margots, achtzig, aus Salzburg. Ein Ehepaar, das ich nicht kannte und das sich als Stiftungsräte einer Sammlung in der Glyptothek vorstellten. Zwei alte Freundinnen Margots, die sie sich immer abwechselnd zur Seite stellte, wenn sie ein Glas in die Hand nahm.
Insgesamt waren wir neun.
Margot machte aus dieser Zahl eine Tatsache.
„Wir sind neun. Wir werden zu Tisch sitzen, ohne dass jemand sich aufdrängt.“
Sie führte Fabian und mich kurz herum.
Sie stellte ihn wie einen Mann vor, von dem man irgendwann einmal hören würde, ohne ihn zu loben. Sie sagte zu Heinrichs Frau: „Herr Möller hat das Stadtquartier in der Maxvorstadt gemacht.“ Sie sagte zu der Cousine: „Möller, der Architekt.“ Sie sagte zu dem Ehepaar aus der Glyptothek: „Möller. Aus Hamburg, jetzt München.“
Sie sagte nicht: „Der Begleiter Emilias.“
Aber jeder im Raum verstand, was sie nicht sagte.
—
Vor dem Essen stand ich kurz mit Heinrich am Fenster.
„Gut“, sagte er.
„Was?“
„Dass Sie ihn mitgebracht haben.“
„Sie haben ihn nie gemocht?“
„Ich mag ihn jetzt.“
Er sah einen Augenblick auf die Straße.
„Heinrich.“
„Ja?“
„Ich habe einen Brief gefunden.“
Er drehte den Kopf.
„Von Ihrem Vater?“
„Ja.“
„Wo?“
„In der untersten linken Schublade des Schreibtisches.“
„Ich habe ihn nicht gesehen.“
„Niemand hat ihn gesehen. Mein Vater hat die Schublade so klemmen lassen, dass sie nicht ohne Mühe aufgegangen ist.“
„Was schreibt er?“
„Was er hätte sagen sollen, als Mark um meine Hand anhielt.“
Heinrich sah einen langen Augenblick auf die Straße.
„Ihr Vater war ein klügerer Mann, als er sich getraut hat zu sein.“
„Ja.“
„Auch das stand in dem Brief?“
„Auf seine Art.“
Er legte einen Augenblick die Hand auf meinen Unterarm. Es war eine kleine, kurze Berührung, eine, die er sich seit Jahren nicht erlaubt hatte.
Dann drehte er sich um, weil Margot zu Tisch rief.
—
Wir saßen zu Tisch.
Margot hatte mich rechts neben sich gesetzt, und Fabian links neben mich. Es war nicht die üblichste Anordnung. Sie hätte ihn neben sich setzen können, um ihn besser zu beobachten. Sie hatte ihn neben mich gesetzt, weil sie wusste, dass sie ihn aus dem Auge nicht verlieren würde, weil ihre Augen gut genug waren, jeden Tisch zu überblicken, und weil es ihr darauf ankam, dass wir nebeneinander saßen.
Es gab eine kalte Tomatensuppe.
Es gab einen Lachs.
Es gab ein Sorbet.
Margot aß wenig. Sie hatte nie viel gegessen. Sie trank ein Glas Champagner, dann ein Glas Wein, dann ein Glas Wasser. Sie machte zwischen den Gläsern Pausen, in denen sie sprach, und ihre Pausen waren länger als die Pausen der anderen.
—
Beim Sorbet sagte Margot:
„Herr Möller. Eine Frage.“
Fabian legte den Löffel hin.
„Ja, Frau Lenz.“
„Was haben Sie zuletzt gebaut, das Sie selbst nicht gemocht haben?“
Es war eine Frage, mit der sie ihn prüfte. Margot hielt nicht viel von Architekten, die behaupteten, alles zu mögen, was sie gebaut hatten. Sie sagte oft: „Ein Architekt, der alles mag, was er gemacht hat, ist entweder sehr jung oder sehr eitel.“
Fabian dachte einen Augenblick nach.
„Ein kleines Haus in Eppendorf. Ein Einfamilienhaus für ein Ehepaar. Sie wollten zwei Sachen, die sich ausschlossen — eine moderne Form und ein steiles Satteldach. Ich habe es ihnen gemacht, weil sie es bezahlt haben und nicht von ihrem Wunsch abzubringen waren. Es steht jetzt in einer Straße, in der ich nicht mehr vorbeifahre.“
„Warum nicht?“
„Weil mich das Haus daran erinnert, dass ich nein hätte sagen sollen.“
„Das ist eine ehrliche Antwort.“
„Sie hatten gefragt.“
„Ich frage nicht ohne Grund.“
Sie sah ihn weiter an.
Er hielt ihrem Blick stand. Nicht herausfordernd. Nicht devot. Einfach.
„Herr Möller.“
„Ja.“
„Ich werde im Herbst ein Haus brauchen, das jemand für mich gestaltet.“
„Ein Haus?“
„Ein Anbau. Ich möchte das Erdgeschoss zu einer kleinen Bibliothek umbauen lassen, die ich später einer Stiftung übergeben werde. Es wird dafür einen Architekten brauchen, der mit alten Räumen umgehen kann. Sie haben keine Eile. Ich habe Eile.“
Er nickte einmal.
„Frau Lenz, ich würde mich freuen.“
„Ich freue mich auch.“
Sie nahm ihren Löffel und aß weiter.
—
Nach dem Sorbet sprach Margot über meine Mutter.
Sie tat es kurz, in einem Ton, den sie an Geburtstagen für Toaste benutzte. Sie sagte: „Meine liebste Freundin Beate Richter, die heute neunundsechzig wäre, würde es schön finden, dass ich am Tisch ihrer Tochter neben einem Architekten sitze, der seine schlechtesten Häuser gut beschreibt.“ Es war ein Toast, der nichts erklärte und alles enthielt.
Sie hob das Glas.
Wir hoben.
Wir tranken.
Heinrich nickte mir zu.
Fabian, neben mir, drehte das Glas einen Augenblick zwischen den Fingern, ohne es abzustellen.
—
Nach Tisch tranken wir Kaffee im Salon.
Ich stand kurz an der Bibliothekswand. Margot hatte hier eine ganze Wand mit ihren liebsten Bänden — Stifter, Eichendorff, die Tagebücher der Gräfin Vorbeck, die Arno-Schmidt-Ausgabe, die ihr Mann ihr zur fünfzigsten Hochzeit geschenkt hatte. Sie kam zu mir, mit der Tasse in der Hand.
„Emilia.“
„Margot.“
„Er ist gut.“
Ich sah sie an.
„Ich habe ihn an der Tomatensuppe geprüft.“
„An der Tomatensuppe?“
„Er hat zugegriffen, ohne nach Salz zu fragen. Männer, die nach Salz fragen, sind nicht unbedingt schlecht. Aber Männer, die nicht nach Salz fragen, sind selten schlecht.“
Ich lachte einmal.
„Das ist Ihr Kriterium?“
„Nein. Das Kriterium ist die Frage, die er auf meine zweite Frage gegeben hat. Ein Architekt, der zugibt, dass er einmal nicht hätte ja sagen sollen, ist ein Architekt, der nicht ständig versuchen wird, Sie zu beeindrucken. Das ist alles, was ich für Sie wollte.“
Sie sah mich an.
„Ihre Mutter hätte ihn gemocht.“
„Sie haben das schon einmal gesagt.“
„Ich sage es noch einmal, weil es heute zur Anwendung kommt.“
—
Wir blieben bis halb elf.
Auf dem Heimweg gingen wir nicht zur Trambahn. Wir gingen zu Fuß über die Prinzregentenbrücke zur Maximilianstraße. Es war nicht direkt der Weg nach Bogenhausen, aber es war der Weg, der mir zustand.
Wir sprachen wenig.
Auf der Brücke blieben wir kurz stehen und sahen die Isar hinunter. Es war fast Mitternacht. Auf dem Geländer lag ein abgelegter Pullover, den irgendjemand vergessen hatte und den niemand mitnehmen würde, weil München eine Stadt war, in der vergessene Pullover am nächsten Morgen noch da sein konnten.
„Margot mag Sie“, sagte ich.
„Ich mag sie auch.“
„Sie gibt Ihnen einen Auftrag.“
„Sie ist klüger als wir alle.“
„Ja.“
Wir gingen weiter.
In der Maximilianstraße rief ich ein Taxi. Wir warteten zusammen am Straßenrand. Das Taxi kam in zwei Minuten. Bevor ich einstieg, sah Fabian mich an.
„Emilia.“
„Ja.“
„Ich danke dir.“
„Wofür?“
„Dass du mich heute mitgenommen hast.“
Es war das erste Mal, dass er mich duzte.
Ich antwortete nicht in einem Satz. Ich nickte nur einmal, und ich legte für einen Augenblick die Hand auf seinen Arm, kurz, ohne mehr.
Dann stieg ich ein.
—
In Bogenhausen stand das Haus dunkel.
Frau Reisinger schlief schon. Sie hatte mir auf dem Tisch im Esszimmer einen Zettel hingelegt — *Frau Richter, Heinrich Altmann hat angerufen, nichts Eiliges, er meldet sich morgen wieder.* Ich legte den Zettel zur Seite.
Ich ging in das Arbeitszimmer.
Ich öffnete die obere Schublade nicht.
Ich blieb nur an der Tür, sah einen Augenblick hinein, wo der Schreibtisch im Dunkel stand, und wo in der oberen Schublade die Mappe mit dem Brief meines Vaters lag.
„Du hättest ihn auch gemocht“, sagte ich, leise, ohne mich zu fragen, ob ich an meinen Vater oder an meine Mutter gerichtet sprach.
Ich machte die Tür wieder zu.
Ich ging die Treppe hinauf.
Auf halber Höhe blieb ich kurz stehen, nicht aus Erschöpfung, sondern um zu hören, ob das Haus heute etwas zu sagen hätte. Es sagte nichts. Es schwieg. Das war heute eine Form von Zustimmung.
Ich ging weiter.