Kapitel 8: Anruf mit Dr. Weber
Ich rief ihn am Abend noch einmal an.
Nicht, weil ich etwas zu sagen hatte, sondern weil ich mir sicher sein wollte, dass der Termin am nächsten Morgen stand. Das ist ein Zug, den man lernt, wenn man lange mit einem unzuverlässigen Mann zusammengelebt hat: Man vergewissert sich zweimal. Man tut es leise, damit die andere Seite nicht merkt, dass man sich vergewissert.
Er hob sofort ab.
„Weber.“
„Emilia Hartmann.“
„Sie wollen wissen, ob ich noch Zeit habe morgen.“
„Ja.“
„Zehn Uhr, Emilia. Wie besprochen.“
„Gut.“
Er wartete einen Moment.
„Haben Sie jemandem gesagt, dass Sie morgen kommen?“
„Niemandem.“
„Frau Brandl?“
„Sie weiß, dass ich in die Stadt fahre. Sie weiß nicht, zu wem.“
„Gut. Lassen Sie es so.“
Ich überlegte einen Augenblick.
„Glauben Sie, Mark beobachtet mich?“
Weber sagte nicht sofort ja.
Er sagte: „Er beobachtet Sie nicht. Er lässt sich berichten. Das ist ein Unterschied.“
„Von wem?“
„Das weiß ich nicht. Aber ich nehme an, aus seinem engeren Kreis. Vielleicht aus der Firma. Er wird wissen wollen, was Sie tun, weil er selbst unsicher ist. Ein Mann wie Ihr Mann wird nicht nervös aus Erkenntnis. Er wird nervös aus Instinkt.“
Ich hörte, wie er einen Stift auf etwas legte.
„Bringen Sie die Mappe morgen, Emilia. Bringen Sie alles. Ich werde es ruhig durchgehen. Und ich werde Ihnen nichts versprechen, was ich nicht halten kann.“
„Das erwarte ich nicht.“
„Gut. Dann bis morgen.“
Er legte auf, wie er aufgelegt hatte, als ich sechzehn gewesen war und ihn einmal versehentlich zu Hause angerufen hatte, weil mein Vater sein Büro verwechselt hatte. Er legte nicht zu schnell auf. Er legte auf wie jemand, der eine Tür schließt.
—
Ich ging zurück in die Küche.
Frau Brandl hatte Suppe gemacht. Sie hatte mich nicht gefragt, ob ich Suppe wollte. Sie wusste, dass ich abends nach der Krankheit noch keine festen Speisen hatte. Die Suppe stand bereits in einem Teller auf dem Tisch, daneben eine Scheibe Bauernbrot, und eine Kerze in einem kleinen Glas, weil Frau Brandl fand, dass man im November abends eine Kerze braucht, auch wenn man allein isst.
„Setzen Sie sich“, sagte sie.
Ich setzte mich.
„Ich habe noch ein bisschen.“
„Kein Problem.“
Ich aß langsam.
Frau Brandl setzte sich dieses Mal. Sie setzte sich nur selten in dieser Küche, aber heute tat sie es. Sie nahm selbst einen Teller, weniger als ich, und aß mit der Hand, die leicht zitterte, aber die Suppe traf. Sie sagte nichts. Wir aßen schweigend.
Nach zehn Minuten sagte sie:
„Ihre Mutter hätte heute Geburtstag gehabt.“
Ich sah auf.
Ich hatte es tatsächlich vergessen. Oder nicht vergessen. Nicht bewusst gewusst. Sie war am neunten November geboren worden, und es war der neunte November.
„Sie wäre siebzig gewesen“, sagte Frau Brandl.
„Ja.“
„Ich weiß, dass man das nicht zählt, wenn jemand nicht mehr da ist. Aber ich zähle es trotzdem.“
„Ich bin froh, dass Sie es tun.“
Sie nickte in ihre Suppe.
„Ich wollte heute nicht darüber sprechen, Frau Hartmann. Ich wollte Sie nicht ablenken. Aber ich wollte, dass Sie wissen, dass jemand an sie gedacht hat.“
„Ich habe auch an sie gedacht, Frau Brandl. Ich habe nur nicht gewusst, warum.“
„Das ist manchmal so. Die Toten wissen das Datum. Wir nicht immer.“
Ich lächelte.
Frau Brandl stand auf.
Sie räumte die Teller ab. Sie ließ die Kerze brennen.
„Gehen Sie früh schlafen“, sagte sie. „Ich lösche die Kerze.“
„Gut.“
—
Ich ging nicht gleich schlafen.
Ich ging zuerst in den Salon, setzte mich in den Sessel am Fenster und sah in den Garten. Der Garten war jetzt ganz dunkel. Nur ein kleines Licht aus der Küche fiel auf den ersten Meter der Terrasse.
Ich dachte an meine Mutter.
Sie war mit zweiundfünfzig gestorben. Siebzehn Jahre her. Ich war einundzwanzig gewesen. Sie hatte mir, in der Woche vor ihrem Tod, eine Reihe von Sätzen gesagt, die ich damals nicht begriff und die ich seitdem immer wieder verstanden hatte, an verschiedenen Stellen meines Lebens.
Einen dieser Sätze hörte ich an diesem Abend neu.
„Emilia, wenn ein Mann dir nicht gefällt, muss ich es dir nicht sagen. Du wirst es selbst wissen. Aber du wirst sehr lange brauchen, bis du es dir zugibst.“
Ich hatte das damals auf Mark bezogen, den ich bereits kennengelernt hatte. Sie hatte nie gesagt, dass er ihr nicht gefiel. Sie hatte ihn nur freundlich begrüßt und dann, jedes Mal, wenn er ging, geschwiegen, bis ich sie etwas anderes fragte. Meine Mutter hatte jemanden nie offen kritisiert. Sie hatte einen Menschen nur dadurch bewertet, dass sie über ihn nichts sagte.
Ich hatte zwölf Jahre gebraucht, um es mir zuzugeben.
Aber ich hatte es jetzt.
—
Ich ging nach oben.
Ich ging nicht in das Schlafzimmer.
Ich ging in mein altes Mädchenzimmer.
Das Bett war noch frisch bezogen von Frau Brandl. Ich zog meine Sachen aus. Ich zog einen alten Schlafanzug an, den sie von irgendwoher gefunden hatte und den ich zuletzt getragen hatte, als ich neunzehn gewesen war. Er war zu groß, und die Ärmel schlossen nicht mehr am Handgelenk, aber er roch nach dem Wäscheschrank meines Elternhauses, und das genügte mir.
Ich legte mich hin.
Ich ließ das Licht brennen.
Ich hätte es löschen können. Ich tat es nicht.
Ich hatte in den letzten siebzehn Monaten nicht gerne im Dunkeln gelegen. Mark hatte das gewusst. Er hatte mich ausgelacht dafür, einmal, in den Monaten, in denen er begonnen hatte, mich auszulachen. „Eine erwachsene Frau, die nicht im Dunkeln schlafen kann.“ Ich hatte nicht gelacht. Ich hatte die Leselampe an meiner Seite angemacht und gelesen, bis er eingeschlafen war, und dann ausgemacht.
Heute Abend machte niemand mich aus.
Ich lag im Bett und sah die Decke an.
An der Decke war ein kleiner Riss, den ich als Kind immer als Fluss gezeichnet hatte. Ich hatte mir einen Namen für diesen Fluss ausgedacht. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, welchen. Es war ein albernes Wort gewesen, eine Mischung aus zwei Buchstaben, die ich in einem Kinderbuch schön gefunden hatte.
Ich lag da und versuchte, mir den Namen wieder einzufallen.
Er kam nicht.
Das war in Ordnung.
Es gab Dinge, die zurückkamen. Es gab Dinge, die nicht zurückkamen. Ich musste nicht entscheiden, welche welche waren. Ich musste nur einschlafen.
—
Ich hörte, wie unten die Standuhr zehn schlug.
Die Standuhr war seit fünfzig Jahren in der Eingangshalle. Sie ging eine halbe Minute vor. Frau Brandl zog sie zweimal im Jahr auf. Niemand sonst durfte an den Schlüssel.
Die Uhr war in den letzten zwölf Jahren der einzige Ton in diesem Haus gewesen, auf den ich mich verlassen konnte.
Ich drehte mich zur Seite.
Ich dachte an den kommenden Morgen.
Ich dachte an die Kanzlei in der Briennerstraße. An den hellen Gang dort, das alte Parkett, die gemalte Zeichnung des Eherner Münchens, die seit Jahrzehnten über Webers Schreibtisch hing. Ich war dort nur zweimal gewesen. Einmal nach dem Tod meines Vaters, wegen des Testaments. Einmal zehn Jahre später, wegen einer unbedeutenden Angelegenheit, die damit nichts zu tun hatte.
Aber ich wusste, wo ich hingehen würde.
Ich wusste, wer mir die Tür öffnete. Eine Frau Dr. Stelzer, seine langjährige Sekretärin, die ich einmal mit meinem Vater getroffen hatte, als ich elf war. Sie hatte mir damals ein Glas Orangensaft angeboten.
Ich wusste, dass sie mich wiedererkennen würde.
—
Es war nicht die Kanzlei, die mich beruhigte.
Es war der Gedanke, dass mein Vater dort gearbeitet hatte.
Nicht Weber. Mein Vater.
Mein Vater hatte Weber benutzt, wie man einen guten Werkzeugmacher benutzt. Nicht als Werkzeug. Als Handwerker, dem man vertraut, dass er das Werkzeug macht, das man braucht.
Mein Vater war nicht mehr da.
Aber seine Werkzeuge lagen in der Schublade seines Schreibtischs, und Weber war noch da, und morgen um zehn würden die beiden wieder zusammenkommen, mit mir als der, die sie brachte.
Das Haus um mich herum atmete.
Das Arbeitszimmer direkt hinter der Wand war abgeschlossen. Der Schlüssel lag auf dem kleinen Tisch im Flur, damit Frau Brandl ihn finden konnte.
Die Mappe lag in der Ledertasche auf dem Stuhl an meinem Bett. Der Stick daneben.
Das Haus war groß und leer.
Aber heute Nacht war ich nicht allein.
Mein Vater war wieder da.