Kapitel 62: Berlin
Clara kam am Donnerstagvormittag.
Sie hatte angerufen am Vorabend, kurz, wie man bei ihr anrief, wenn etwas mitzuteilen war, das man nicht in einem zweiten Anruf wieder vergessen wollte. „Em, hast du morgen Zeit für einen Kaffee?“ — „Ich habe Zeit.“ — „Bei dir?“ — „Bei mir.“
Sie kam um halb elf. Sie hatte einen kleinen Beutel dabei, weißes Bäckerpapier, das nach Mandeln roch, und sie stellte ihn ohne Worte auf den Küchentisch. Frau Brandl hatte schon die Maschine angestellt. Der Kaffee war fertig, bevor Clara den Mantel ausgezogen hatte.
„Setz dich.“
„Ich setz mich.“
Sie setzte sich an den Tisch, an die Seite, wo das Licht durch das Küchenfenster auf das Holz fiel. Sie sah einen Augenblick auf die Tasse, die Frau Brandl ihr hingestellt hatte. Dann sah sie mich an.
„Em.“
„Ja.“
„Sie ist weg.“
Ich rührte nicht in meinem Kaffee. Ich hatte nichts hineingegeben, was hätte gerührt werden müssen.
„Seit wann?“
„Seit Dienstagabend, glaub ich. Vielleicht Mittwochmorgen. Ich habe es heute morgen erfahren.“
„Über?“
„Eine Bekannte. Eine, die für ein Online-Magazin in Berlin arbeitet. Sie hat sie gestern in einem Café in Mitte gesehen. Mit einem Mann, dessen Namen ich vergessen habe. Sie sagt, Sophia habe sehr ruhig ausgesehen, sehr schön, sehr berlinerisch. Den Wagen hat sie verkauft. Den, den Mark ihr gegeben hat. Schon vor drei Wochen. Das wusste niemand.“
Ich nahm die Tasse in die Hand.
„Berlin“, sagte ich.
„Berlin.“
„Wohnt sie dort jetzt?“
„Sie hat eine Wohnung gemietet. In Prenzlauer Berg. Klein, aber ihre eigene. Sie hat den Kanal zurück. Sie postet wieder. Du hättest die Bilder sehen sollen, Em. Fünfundsiebzigtausend Likes auf dem ersten Foto. Sie sitzt an einem Fenster, sie trinkt Tee, im Hintergrund irgendein Buch, ich glaube, sie hat es nicht mal gelesen. Aber sie sieht aus wie eine, die sich entschieden hat. Das ist neu.“
„Sie ist nicht dumm.“
„Nein. Das war sie nie.“
Frau Brandl trat in die Küche, sah uns kurz an, und entschied, dass dies kein Moment für eine dritte Person war. Sie holte sich ihre Schürze, ging in den Hauswirtschaftsraum, und schloss die Tür leise hinter sich. Sie hatte ein Gespür für solche Übergänge. Sie hatte es schon damals gehabt, als ich sechzehn war und mit meiner Mutter über etwas weinte, das wir nie aussprachen.
„Em.“
„Ja.“
„Sagst du etwas?“
„Was soll ich sagen?“
Clara nahm einen kleinen Schluck. Sie stellte die Tasse zurück. Sie sah zur Fensterscheibe, an der außen ein Tropfen vom letzten Regen festhing.
„Ich frage nicht, weil ich denke, du solltest etwas sagen. Ich frage nur, weil ich weiß, dass dir manche Sachen jetzt durch den Kopf gehen, die du vor zwei Jahren nicht gewusst hättest, dass sie dir durch den Kopf gehen würden.“
„Welche Sachen?“
„Dass es dir gleichgültig ist.“
Ich dachte einen Moment nach. Ich war ehrlich, weil ich Clara gegenüber selten anders war.
„Es ist mir nicht gleichgültig. Aber es bewegt mich nicht.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„Nein. Das ist nicht dasselbe.“
„Was ist es dann?“
Ich stellte die Tasse weg. Ich sah aus dem Fenster.
„Sie ist nicht meine Geschichte. Sie war nie meine Geschichte. Sie war Marks Geschichte. Sie ist es nicht mehr. Das, was passiert, geschieht zwischen ihm und ihr, und das, was zwischen ihm und ihr geschieht, ist sein Problem. Nicht meines.“
Clara nickte langsam.
„Du weißt, dass sie ihn am Sonntagabend gepackt verlassen hat.“
„Frau Brandl hat es vorgestern erwähnt. Über die Köchin der Voigts, ich weiß nicht genau. Sie hat einen Anruf gehört. Sie hat es mir am Mittag gesagt. Ich habe nicht weitergefragt.“
„Hat er sich gemeldet?“
„Nein.“
„Niemand?“
„Nein.“
„Auch nicht über Anne?“
„Nein. Anne hatte heute morgen einen Termin mit Weber. Was sie zu sagen hatte, hat sie ihm gesagt. Ich werde es lesen, wenn Weber den Bericht schickt.“
Clara sah mich an. Sie hatte einen langen, prüfenden Blick, der zu nichts kam.
„Du bist sehr ruhig.“
„Ich bin müde.“
„Müde?“
„Müde von Mark. Von seiner Geschichte. Von der ganzen Maschine, die seine Geschichte war. Ich habe zwölf Jahre lang in dieser Maschine gewohnt. Jetzt wohne ich hier.“
Ich machte mit der Hand eine kleine Geste, die das Haus, die Küche, den Garten, das Fenster und den Tropfen draußen einschloss.
„Hier ist es ruhiger.“
„Ja.“
„Sophia ist in Berlin. Sie wird dort eine Weile bleiben. Vielleicht länger. Vielleicht kommt sie zurück. Vielleicht nicht. Es spielt keine Rolle.“
„Du hörst dich an wie deine Mutter.“
Ich sah auf.
„Ja?“
„Genau wie deine Mutter.“
„Das nehme ich.“
Wir tranken weiter.
Clara sagte eine Weile nichts. Sie hatte mir die Nachricht gebracht, sie hatte sie überreicht wie ein Päckchen, das jemand anderes adressiert hatte, und sie wartete jetzt nur, ob ich es noch öffnen würde. Ich öffnete es nicht. Ich legte es auf den Tisch.
„Em.“
„Ja.“
„Ich sage dir das nicht, weil ich denke, du solltest dich freuen.“
„Ich freue mich nicht.“
„Ich weiß. Ich sage es dir, weil ich denke, dass du es wissen solltest. Damit du nicht aus der Zeitung erfährst, dass die Frau, die deinen Mann genommen hat, jetzt in Berlin sitzt und ihren eigenen Tee einschenkt.“
„Sie hat ihn nicht genommen.“
Clara hob die Augenbraue.
„Wie meinst du das?“
„Sie hat ihn nicht genommen. Er ist gegangen. Sie hat ihn aufgenommen. Das ist nicht dasselbe.“
Clara dachte einen Augenblick nach.
„Das stimmt“, sagte sie dann.
„Sie hat ihn so lange aufgenommen, wie sie aufnehmen wollte. Jetzt nimmt sie ihn nicht mehr auf. Das ist ihr gutes Recht. Sie hat schneller verstanden als er, was passiert ist.“
„Ja.“
„Und das ist klug.“
„Ja.“
Clara sah mich noch einmal lang an.
„Em, du bist nicht hart geworden, oder?“
Ich überlegte.
„Nein.“
„Sicher?“
„Ich bin nicht härter geworden. Ich bin nur klarer geworden. Härte ist nicht Klarheit. Klarheit ist nur das, was übrig bleibt, wenn keine Lügen mehr im Weg stehen.“
Sie nickte langsam.
„Auch das ist eine richtige Antwort.“
—
Nach Clara saß ich noch eine Weile am Küchentisch.
Frau Brandl kam aus dem Hauswirtschaftsraum, sah die zwei leeren Tassen, sah die Mandelhörnchen, von denen wir keines angerührt hatten, und nahm das Bäckerpapier zusammen.
„Soll ich die noch in den Schrank?“
„Tun Sie.“
„Sie hat es Ihnen gesagt?“
„Sie hat es mir gesagt.“
„Gut.“
Frau Brandl sagte sonst nichts. Sie verstaute die Hörnchen in einer Dose, stellte die Dose in den Schrank, und ging dann in den Garten, um den Rosen Wasser zu geben, die sie heute vormittag schon gegossen hatte.
Manche Menschen geben Rosen Wasser, wenn sie nicht wissen, was sie sonst tun sollen.
Ich blieb am Tisch.
Ich dachte einen Moment an Sophia. Nicht lang. Nicht mit Zorn. Ich dachte an das Bild, das Clara beschrieben hatte: eine Frau am Fenster in Prenzlauer Berg, mit einem Tee und einem Buch, das sie nicht gelesen hatte. Sie war vor neun Monaten in eine Wohnung am Englischen Garten eingezogen, weil ein Mann ihr versprochen hatte, sie sei das Neue. Sie war jetzt in Berlin, in einer kleinen Wohnung, allein, und sie postete Bilder, auf denen sie nicht mehr neu war, sondern jemand. Das war ein Unterschied.
Mark hatte in beiden Geschichten verloren. Er wusste es vermutlich noch nicht.
—
Nachmittags rief Weber an.
„Frau Richter.“
„Dr. Weber.“
„Ich nehme an, Frau Winter war heute Morgen bei Ihnen.“
„Sie war.“
„Gut. Ich hätte es Ihnen sonst gesagt. Aber sie sagt diese Dinge besser. Sie ist Ihre Freundin, ich bin Ihr Anwalt.“
„Sie sind beides.“
„Danke.“
Er räusperte sich kurz.
„Ich rufe aus einem anderen Grund an. Der Termin beim Familienrichter ist bestätigt. Nächste Woche, Dienstag, zehn Uhr. Justizpalast, Saal 207.“
„Ich werde da sein.“
„Sie müssen nichts sagen. Ich rede.“
„Ich weiß.“
„Eine Frage, falls Sie sie beantworten möchten. Wenn nicht, lasse ich sie.“
„Fragen Sie.“
„Wenn Sie Herrn Hartmann begegnen — im Vorzimmer, im Gang, wo immer —, was möchten Sie tun?“
Ich überlegte einen Moment.
„Ich grüße ihn nicht. Ich beleidige ihn nicht. Ich sehe an ihm vorbei, ohne dass es so aussieht.“
„Gut.“
„Reicht das?“
„Das reicht.“
Er war einen Moment still.
„Frau Richter, Sie sollten wissen, dass in Berlin eine Notiz erschienen ist. Eine Boulevardzeile, klein, eine halbe Spalte. Über das, was Frau Winter Ihnen heute Morgen gesagt hat. Es wird in den nächsten Tagen vermutlich auch in einer Münchner Publikation auftauchen. Nichts Großes. Nichts mit Foto. Aber ich wollte, dass Sie es vorher wissen.“
„Danke.“
„Sie wissen, was zu tun ist.“
„Nichts.“
„Genau.“
Ich legte auf.
—
Am Abend stellte ich mich kurz an das Fenster im Arbeitszimmer meines Vaters.
München lag im milden Licht eines späten Frühjahrsabends. Drüben über der Isar gingen die ersten Lichter an. Der Himmel war noch blau, aber das Blau war schon das tiefe, das in Schwarz übergeht, wenn man eine halbe Stunde wartet.
Sophia saß irgendwo in Berlin an einem Fenster.
Mark saß irgendwo in einer Wohnung am Englischen Garten, von der ich nur wusste, dass sie groß war, weiß gestrichen und teuer gewesen.
Ich saß hier.
Drei Frauen, drei Männer, drei Fenster. Nur dass ein Mann fehlte. Drei Fenster, ein Mann, zwei Frauen. Das war das richtige Verhältnis.
Frau Brandl klopfte hinter mir.
„Frau Richter?“
„Ja.“
„Soll ich heute abend kochen, oder essen Sie nur?“
„Ich esse nur.“
„Brot, Käse?“
„Brot, Käse. Ein Apfel, wenn Sie einen haben.“
„Ich habe einen.“
Sie ging wieder.
Ich blieb am Fenster stehen.
Auf dem Tisch hinter mir lag ein Briefumschlag mit dem Stempel der Kanzlei Weber. Den hatte Frau Stelzer am Vormittag mit Kurier geschickt. Ich hatte ihn noch nicht geöffnet. Er konnte warten.
Manches kann warten.
Manches nicht.
Aber das wusste ich noch nicht.