Kapitel 118: Die Antwort
Wir sprachen am Abend nicht weiter über die Frage.
Wir aßen in der Küche — Fabian hatte unterwegs Brot und Käse gekauft, und ich hatte einen Salat gemacht. Wir tranken einen Wein, den Frau Brandl mir vor zwei Wochen aus dem Keller heraufgeholt hatte. Es war kein bedeutender Wein. Es war ein gewöhnlicher Wein. Er passte gut zum Käse.
Wir saßen am Tisch.
Wir sprachen über andere Dinge — über das Hamburger Verlagsprojekt, über einen Kollegen Fabians, der vor zwei Wochen Vater geworden war, über Frau Brandl, die mir gestern angekündigt hatte, dass sie *bald* in Rente gehen wolle und dass *bald* ein flexibler Begriff sei.
Es war ein gewöhnliches Abendessen.
Es war ein gewöhnliches Abendessen an einem Abend, an dem ich Ja gesagt hatte.
Das war richtig so.
—
Ich war heute Morgen aufgewacht und hatte gewusst, dass ich nicht möchte, dass dieser Tag wie ein besonderer Tag aussieht.
Manche Tage sollen besonders aussehen — Hochzeiten, Geburtstage, Premieren. Manche Tage sollen sich so anfühlen, als seien sie eingehakt in einen Kalender. Manche Tage sollen man später anhand eines Fotos erkennen.
Heute war keiner dieser Tage.
Heute war ein Tag, an dem ich Ja gesagt hatte, in einer Form, die man auf keinem Foto würde erkennen können. Es würde später kein Foto geben. Es würde später kein Datum geben. Es würde nur eine Gewissheit geben, in mir und in Fabian, dass an einem Samstag Anfang März auf einer Bank am Isarhochufer eine Verabredung getroffen worden war, die das nächste Jahrzehnt unseres Lebens prägen würde.
Diese Form war richtig.
—
Nach dem Abendessen gingen wir ins Wohnzimmer.
Wir machten Feuer im Kamin. Es war nicht wirklich nötig — die Wohnung war warm —, aber es war angenehm. Frau Brandl hatte heute Morgen Holz heraufgebracht, weil sie ein Gefühl gehabt hatte, dass Feuer brauchen würde. Frau Brandl hatte eine Eigenschaft, vor Stimmungen Holz zu bringen, lange bevor die Stimmungen sich erkennen ließen.
Fabian saß auf dem Sofa.
Ich saß im Sessel ihm gegenüber.
Wir sahen das Feuer an.
Er sagte nach einer Weile: „Ich habe das nicht erwartet.“
Ich sagte: „Was?“
Er sagte: „Dass es so leicht sein würde.“
Ich sagte: „Es ist nicht leicht.“
Er sagte: „Doch. Heute war es leicht.“
Ich dachte darüber nach.
Er hatte recht.
Es war heute leicht gewesen — die Frage zu stellen, die Antwort zu geben, das Halbe-Ja, das das Stillsein achtete. Es war leicht gewesen, weil wir beide darauf vorbereitet gewesen waren. Wir hatten die Frage nicht überraschen lassen. Wir hatten die Antwort nicht erzwingen müssen. Wir hatten sie hervorgeholt, in der Form, in der man eine reife Frucht hervorholt, ohne dass man am Stiel ziehen muss.
—
Ich sagte: „Fabian.“
Er sagte: „Ja.“
Ich sagte: „Ich möchte dir etwas sagen.“
Er sah mich an.
Ich sagte: „Vor zwei Jahren hätte ich auf eine solche Frage nicht antworten können.“
Er sagte: „Ich weiß.“
Ich sagte: „Vor einem Jahr hätte ich vielleicht Nein gesagt.“
Er sagte: „Auch das weiß ich.“
Ich sagte: „Heute habe ich Ja gesagt, und es ist nicht so, dass ich anders geworden bin.“
Er sagte: „Ich verstehe.“
Ich sagte: „Ich bin dieselbe. Aber ich bin in einer anderen Stelle.“
Er sagte: „Ja.“
Wir schwiegen.
Es war eine Form von Schweigen, in der zwei Menschen das gleiche dachten und keinen Sinn darin sahen, es laut zu wiederholen.
—
Er stand nach einer Weile auf.
Er ging an einen kleinen Tisch, auf dem ich seit einigen Wochen einen Stapel Briefe abgelegt hatte — Geschäftspost, die nicht eilig war, eine Karte aus Hamburg, ein Brief von Jan, der gestern angekommen war.
Er legte etwas dazu.
Er sagte: „Das hier ist von mir.“
Ich sah ihn an.
Er sagte: „Es ist kein Brief. Es ist eine Liste.“
Er kam zurück zum Sofa.
Er setzte sich wieder.
—
Ich stand auf, ging zum Tisch, nahm den Zettel.
Es war ein einzelnes Blatt.
Es war eine handgeschriebene Liste, in seiner geraden, etwas zu kleinen Schrift.
Die Liste hatte sieben Punkte.
Punkt 1: Wir leben in München. Hamburg ist Zweitwohnung.
Punkt 2: Ich respektiere die Villa als deinen Ort. Ich werde das Haus deiner Eltern nicht verändern wollen.
Punkt 3: Ich werde nichts an deiner Firma anrühren, weder als Berater noch als Investor. Sie ist dein Erbe.
Punkt 4: Wir werden separate Konten haben. Was wir teilen, teilen wir absichtlich.
Punkt 5: Ich werde dir keine Kinder abverlangen. Wenn du sie willst, sind sie willkommen. Wenn nicht, bin ich nicht enttäuscht.
Punkt 6: Ich werde dich nicht ändern. Ich habe dich kennengelernt, wie du bist. Ich möchte dich, wie du bist.
Punkt 7: Wenn du jemals wieder Stillsein brauchst, ohne dass ich dabei bin, gehe ich nach Hamburg. Ohne Vorwurf.
Am Ende des Blattes stand: *Fabian. März.*
Mehr nicht.
—
Ich las die Liste zweimal.
Ich las sie ein drittes Mal.
Ich legte sie auf den Tisch.
Ich setzte mich nicht sofort.
Ich sah ihn an.
Er sah mich an.
Er sagte: „Ich habe das vorgestern aufgeschrieben. Ich wollte sicher sein, dass ich es gesagt habe, falls du Ja sagst.“
Ich sagte: „Du hast es gut gemacht.“
Er sagte: „Ich habe nicht alles aufgeschrieben.“
Ich sagte: „Was hast du nicht aufgeschrieben?“
Er sagte: „Den letzten Punkt.“
Ich sah ihn an.
Er sagte: „Den schreibe ich nicht auf, weil er sich von selbst versteht.“
Ich sagte: „Was ist es?“
Er sagte: „Ich werde dich gerne haben, jeden Tag. Auch an den Tagen, an denen du es nicht merkst.“
Ich nickte einmal.
—
Es war keine Liste, wie sie ein Mark Hartmann jemals geschrieben hätte.
Es war eine Liste, wie sie nur ein Mensch schreibt, der sehr genau gesehen hat, mit welcher Frau er es zu tun hatte. Die Punkte waren keine Versprechen. Sie waren Beobachtungen. Sie waren Beobachtungen darüber, wie ich lebte, was ich war, was ich brauchte, was ich nicht brauchte. Sie waren Beobachtungen, die sich, einer nach dem anderen, in eine Form von Vereinbarung übersetzt hatten.
Mark hatte nie eine solche Liste geschrieben.
Mark hatte vielleicht nie eine geschrieben werden können.
Mark hatte mich nicht gesehen, an den Stellen, an denen Fabian mich nun seit Monaten sah.
—
Ich setzte mich neben Fabian auf das Sofa.
Ich saß dicht.
Ich legte den Kopf für einen kurzen Moment an seine Schulter.
Es war eine kurze Geste.
Es war keine theatralische Geste.
Es war eine Geste, in der eine Frau, die seit zwei Jahren wenig Nähe akzeptiert hatte, einem Mann mitteilt, dass sie heute Abend Nähe akzeptiert.
Er hob nicht die Hand, um sie um meine Schulter zu legen.
Er saß einfach.
Er ließ es geschehen.
Er hatte verstanden, dass es weniger um seine Hand ging als um meinen Kopf.
—
Wir saßen so eine Weile.
Im Kamin knackte das Holz.
Es war eines der Stücke, die Mark vor drei Jahren hatte schlagen lassen. Es war jetzt fast aufgebraucht. Frau Brandl hatte mir gesagt, dass im Sommer neues Holz gekauft werden müsse. Ich würde ihr morgen sagen, dass sie das tun solle, von einem Lieferanten ihrer Wahl.
Es war eine kleine Sache.
Es war auch eine symbolische Sache.
Das letzte Holz, das Mark in dieses Haus gebracht hatte, würde in den nächsten Wochen verbrennen. Danach würde dieses Haus mit Holz heizen, das mit Mark nichts mehr zu tun hatte.
Es war richtig so.
—
Fabian sagte schließlich: „Möchtest du, dass ich heute Nacht hier bleibe?“
Ich sagte: „Ja.“
Er sagte: „In dem Gästezimmer am Ende des Flurs?“
Ich sagte: „Im Schlafzimmer.“
Er sah mich an.
Er sagte: „Bist du sicher?“
Ich sagte: „Ja.“
Er sagte: „Gut.“
Mehr sagten wir nicht.
Es war kein dramatischer Moment. Es war ein Erwachsenenmoment, in dem zwei Menschen entschieden hatten, dass die Stille zwischen ihnen reif genug war, um sich auf einer Bettkante zu treffen.
Ich hatte vor einem Jahr nicht geglaubt, dass ich in diesem Schlafzimmer wieder einen Mann haben würde.
Ich hatte vor einem halben Jahr nicht gewusst, ob ich es würde wollen.
Heute wusste ich.
—
Wir blieben noch eine halbe Stunde am Kamin.
Wir tranken den Rest des Weines.
Wir sprachen wenig.
Manchmal sprach er einen Satz aus, den ich kommentierte. Manchmal sprach ich. Manchmal saßen wir und sahen das Feuer an. Es waren keine wichtigen Sätze. Es waren Sätze über Brot und Wein und das morgige Wetter und einen kleinen Vogel, der eben aufs Fenster getippt hatte und weggeflogen war.
Es waren die Sätze eines gewöhnlichen Abends.
Sie waren der erste gewöhnliche Abend nach einer wichtigen Frage.
Das machte sie nicht weniger gewöhnlich. Es machte sie nur mehr wert.
—
Um halb elf gingen wir nach oben.
Im Schlafzimmer hatte ich am Morgen das Bett gemacht. Ich hatte heute morgen, ohne dass ich es gewusst hätte, das Bett für zwei Personen gemacht. Ich hatte zwei Kissen aufgeschüttelt, obwohl ich das letzte Mal vor Wochen zwei Kissen gebraucht hatte. Es war eine dieser kleinen Vorbereitungen gewesen, von denen ich nicht hatte wissen können, dass sie sich heute Abend lohnen würden.
Mein Körper hatte etwas gewusst, was mein Verstand noch nicht gewusst hatte.
Frauen wissen oft solche Dinge, lange bevor sie sie aussprechen können.
—
Fabian zog sich aus.
Ich zog mich aus.
Wir gingen schlafen.
Es war kein dramatischer Schlaf. Es war kein leidenschaftlicher Schlaf. Es war einfach Schlaf — der Schlaf von zwei Menschen, die einander seit Monaten kannten und nun nebeneinander lagen.
Er schlief schnell ein.
Ich blieb noch eine Weile wach.
Ich hörte seinen Atem.
Ich sah die Schräge des Laternenlichts, die durch das Fenster fiel.
Ich dachte daran, dass dieses Schlafzimmer in den letzten zwölf Jahren ein anderes Schlafzimmer gewesen war — eines, in dem ein Mann neben mir gelegen hatte, der mich nicht mehr sah. Ich dachte daran, dass dieses Schlafzimmer heute zum ersten Mal seit Jahren wieder ein Schlafzimmer war, in dem ein Mann neben mir lag, der mich sah.
Es war ein großer Unterschied.
Es war einer der größten Unterschiede, die ein Schlafzimmer haben konnte.
—
Ich schlief schnell ein.
Bevor ich einschlief, dachte ich an meine Mutter — daran, dass sie diesen Mann nicht mehr kennengelernt hatte. Daran, dass sie ihn vermutlich gemocht hätte, in der ruhigen Art, in der sie Männer mochte. Daran, dass Margot mir vor Monaten gesagt hatte: *Er hat den ruhigen Blick, den Ihr Vater hatte.*
Ich dachte daran, dass meine Eltern uns nicht mehr sahen.
Aber sie hatten dieses Haus gebaut.
Sie hatten es so gebaut, dass eines Tages eine Tochter in diesem Schlafzimmer mit einem zweiten Mann liegen konnte, ohne dass das Haus dagegen war.
Das war eine Form von elterlicher Voraussicht, die ich erst jetzt verstand.
—
Am Sonntagvormittag stand Fabian vor mir auf.
Ich hörte ihn leise in das Bad gehen, dann in die Küche, dann die Treppe hinunter. Er hatte sich angewöhnt, die Stufen vorsichtig zu nehmen, weil er wusste, dass die alten Stufen, wenn man sie schnell ging, knarrten. Er war ein Mann, der beim Zubettgehen einer Frau, die er noch nicht wusste, schon morgens leise Treppen ging.
Ich blieb noch einen Augenblick liegen.
Ich sah die Decke an.
Es war ein gewöhnliches Schlafzimmer, mit einer gewöhnlichen Decke, mit einem gewöhnlichen Stuck am Rand. Es war kein Schlafzimmer aus einem Magazin. Es war ein Schlafzimmer aus einem Leben.
Ich stand auf.
Ich zog den Bademantel an.
Ich ging hinunter.
In der Küche stand er am Herd, mit einer Schürze, die Frau Brandl ihm vor zwei Wochen hingelegt hatte, und machte Rührei. Er hatte zwei Tassen Kaffee schon vorbereitet. Er hatte den Tisch gedeckt, in der Form, in der ein Mann einen Tisch deckt, der nicht oft Tische deckt, aber sich erinnert, wie es geht.
Er sagte: „Guten Morgen.“
Ich sagte: „Guten Morgen.“
Er sagte: „Mit Schnittlauch?“
Ich sagte: „Ja.“
Er sagte: „Gut.“
Wir aßen.
Wir sprachen über das Wetter.
Wir sprachen über die Pläne der Woche.
Wir sprachen nicht über die Frage, die er mir gestellt hatte, und auch nicht über das Ja, das ich gegeben hatte. Es war abgehandelt. Es lag nun zwischen uns wie ein Brief, den man unterschrieben hatte und den man nun, beide gemeinsam, in einer Schublade ablegte.