Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 103: Schellingstraße

Am Dienstag schloss ich die Tür der Maximilianstraße um Viertel vor sieben hinter mir zu.

Ich war später dran, als ich es mir vorgenommen hatte. Anne hatte um halb sieben einen Anruf aus Berlin durchgestellt, und ich hatte das Gespräch nicht abkürzen wollen. Es ging um eine Bürgschaft, die in den nächsten zehn Tagen unterzeichnet werden musste, und um eine Klausel, die Schmidt gestrichen haben wollte und die ich nicht streichen wollte.

Wir hatten uns geeinigt, sie zu kürzen.

Als ich auflegte, sagte Anne durch die Tür: „Frau Richter. Sie sind verabredet.“

„Ich weiß.“

„Soll ich ein Taxi rufen?“

„Ich gehe.“

„Es ist eine halbe Stunde zu Fuß.“

„Es ist genug Zeit.“

Sie sagte nichts.

Sie wusste, dass ich heute Abend nicht zu spät irgendwo ankommen wollte und auch nicht zu früh. Anne wusste vieles, was sie nicht sagte, und manches sagte sie, indem sie schwieg.

Ich ging zu Fuß.

Über den Promenadeplatz, durch die Brienner Anlage, weiter in die Briennerstraße bis zur Pacellistraße, dann nach Norden in die Maxvorstadt. Die Stadt war abendlich, die Geschäfte gingen zu, die Cafés begannen zu öffnen. Ein Geruch von Kaffee, ein Geruch von Brot, dann ein Geruch von Wasser, weil ich an einem der kleinen Brunnen vorbeikam, die in München seit hundertfünfzig Jahren auf Touristen warten.

Vor dem Weinhandel in der Briennerstraße blieb ich kurz stehen.

Ich hatte am Montag eine Flasche gekauft. Einen Lagrein aus Südtirol, von einem Weingut, das ich nur vom Hörensagen kannte. Es war kein Wein, den Mark je getrunken hätte. Mark hatte Bordeaux getrunken, weil Bordeaux ihm Sicherheit gegeben hatte. Lagrein hätte ihn überfordert.

Ich trug die Flasche in einer einfachen braunen Papiertüte.

Ich hatte keine Schleife darum gebunden.

Schellingstraße zweiundvierzig war ein Altbau aus den späten Jahren der Jahrhundertwende, mit einer Fassade, deren Stuck zu drei Vierteln noch original und zu einem Viertel rekonstruiert war. Ich erkannte die Rekonstruktionen an der etwas glatteren Oberfläche. Mein Vater hatte mir als Kind beigebracht, wie man das tat — er hatte es in der Goethestraße einmal gezeigt, an einer Fassade, die nach dem Krieg zu schnell repariert worden war.

Ich klingelte.

„Möller.“

„Ich bin es.“

„Vierter Stock.“

Die Tür summte.

Ich trat ein.

Der Aufzug stand still im Erdgeschoss.

Er war ein alter Aufzug mit Holzpaneelen, einer Innentür aus Messing, einer Stockwerkanzeige mit goldenen Ziffern. Eine kleine Tafel an der Wand erklärte in einem höflichen Ton, dass der Lift „derzeit außer Betrieb“ sei. Die Tafel war nicht heute angebracht worden.

Ich ging die Treppe hinauf.

Die Treppe war breit, niedrig, mit einer Holzleiste am Rand des Linoleums, das vor einer Generation in einem Gelb verlegt worden war, das es heute nicht mehr gab. Ich kam ohne Atemnot oben an, was mich mehr freute, als ich mir vor einem Jahr noch hätte vorstellen können.

Im vierten Stock war eine Tür offen.

Fabian stand in der Tür.

Er trug einen dunkelblauen Pullover über einem hellen Hemd. Keine Schürze. Seine Hände sahen sauber aus. Hinter ihm, durch den schmalen Flur, sah ich eine Lampe, die nicht zu hell war, und eine Wand mit einigen Bildern, die mir zu klein waren, um sie aus der Entfernung zu erkennen.

„Frau Hartmann.“

„Herr Möller.“

„Bitte.“

Er trat zur Seite.

Ich gab ihm die Flasche.

Er sah die Etikette an.

„Lagrein.“

„Ist Ihnen das zu schwer?“

„Im Gegenteil. Ich habe einen Risotto gemacht. Lagrein passt.“

„Das war Glück.“

„Das war Berechnung.“

Er lächelte, halb. Er ging in die Küche. Ich blieb in der Diele stehen, in einer Wohnung, die ich noch nie betreten hatte, und horchte einen Augenblick lang in mich hinein, ob ich irgendetwas spürte, das mich aufhorchen ließ.

Ich spürte nichts Besonderes.

Das war, dachte ich, ein gutes Zeichen.

Die Wohnung war nicht groß.

Drei Zimmer, von denen er das größte als Wohn- und Esszimmer benutzte. Ein Bücherregal, das eine ganze Wand einnahm und das nicht voll war. Ein langer Tisch aus Eichenholz mit zwei Stühlen an einer Längsseite, einem an der anderen, einer Lampe darüber. Ein offener Kamin, der heute nicht in Betrieb war.

Auf dem Tisch standen zwei Teller.

Sie standen einander gegenüber.

Er hatte nicht versucht, sie an dieselbe Längsseite zu setzen — eine Geste, die manche Männer für romantisch hielten und die in Wirklichkeit nur unbequem war.

Ich legte meine Tasche auf einen Sessel.

„Soll ich Ihnen etwas helfen?“

„Nein. Setzen Sie sich. Ich bin gleich fertig.“

Er ging in die Küche zurück.

Ich ging zum Bücherregal.

Es waren architektonische Werke, viele in italienischer Sprache, einige in Französisch. Eine Reihe mit Aufsätzen über norddeutsche Backsteingotik. Ein schmales Buch über die Arkaden in Bologna. Eine Biographie Hans Döllgasts, des Architekten, der nach dem Krieg die Alte Pinakothek wieder zusammengefügt hatte, ohne den Schaden zu verbergen.

Ich blieb bei dem Döllgast einen Moment stehen.

Mein Vater hatte mir als Kind die Pinakothek einmal gezeigt — die Naht zwischen dem alten und dem neuen Mauerwerk, die nicht hatte überdeckt werden sollen, weil sie ein Teil des Hauses geworden war. Er hatte gesagt, nichts auf der Welt sei so haltbar wie eine sauber sichtbare Reparatur.

Fabian kam herein, mit zwei Schalen.

Er sah, wo ich stand.

„Döllgast“, sagte er.

„Ich kenne ihn.“

„Mein Lieblingsarchitekt.“

„Mein Vater hat oft von ihm gesprochen.“

Er stellte die Schalen ab. Er sah auf das Regal.

„Es gibt Männer, die sich vor einer Reparatur scheuen, weil sie meinen, sie verlöre dadurch ihren Wert. Das ist die schlechteste Art, ein Haus zu lieben.“

„Und ein Mensch?“

Er sah mich an.

„Bei einem Menschen ist es genauso.“

Wir setzten uns.

Der Risotto war Safran. Er war nicht italienisch perfekt — er war ein wenig zu fest in der Mitte, ein wenig zu cremig am Rand — aber er war gut. Ich aß langsam.

Fabian schenkte den Lagrein ein. Er probierte den Wein, ohne eine Bemerkung zu machen, dann goss er meines ein. Mark hatte immer als Erstes für sich eingeschenkt; ich hatte es ihm in den ersten Jahren gesagt, später nicht mehr. Bei Fabian war es selbstverständlich, dass er als Letztes sich selbst einschenkte.

Wir aßen.

Wir tranken.

Wir sprachen über vieles, was kein wir war.

Über das Café an der Ecke der Schellingstraße, in dem er morgens manchmal frühstückte. Über die Frau im Erdgeschoss, die seit zwanzig Jahren dort wohnte und ihm jedes Jahr im Dezember einen Kalender schenkte, den er nie aufhängte und nie wegwerfen konnte. Über Hamburg und das Hafenwasser. Über München und das Isarwasser, das ihn nach wie vor verwirrte, weil es so klar war, wie kein Hafenwasser je sein konnte.

Über mich sprachen wir nicht.

Über ihn auch nicht.

Wir sprachen über die Welt zwischen uns, die er und ich teilten, und um diese Welt herum standen wir, ohne hineinzutreten.

Nach dem Risotto kam Salat.

Es war ein schlichter Salat — Feldsalat, ein paar Walnüsse, ein wenig Birne. Das Dressing schmeckte nach Walnussöl, ein wenig nach Apfel, fast nicht nach Essig.

„Sie kochen oft?“, fragte ich.

„Nicht oft.“

„Aber sicher.“

„Ich habe vor zehn Jahren in Florenz gekocht. Sechs Wochen. Ich war mit einer Frau zusammen, die schlecht kochte und das wusste. Sie hat mir gesagt, einer von uns müsse es lernen, sonst werden wir uns scheiden lassen.“

„Und?“

„Wir haben uns trotzdem getrennt.“

Er sagte es ohne Bitterkeit.

„Aber ich hatte sechs Wochen Florenz gelernt“, sagte er. „Das ist mehr, als die meisten Trennungen dem Mann zurücklassen.“

Ich lachte einmal.

Es war ein leises Lachen, eines, das nicht häufig vorgekommen war in den letzten zwei Jahren. Es überraschte mich, dass es noch da war, und dass es seinen Platz gefunden hatte, ohne dass ich es zu suchen brauchte.

Nach dem Salat kam ein Espresso.

Wir saßen auf dem Sofa, weit genug auseinander, dass man uns nicht hätte beschuldigen können, einander näher zu sein, als es ein Abend zuließ. Auf dem niedrigen Tisch standen die zwei Tassen, die Lagrein-Flasche, die noch zu einem Drittel voll war, ein kleiner Teller mit zwei Stücken Schokolade, von denen er eines nahm und ich keines.

Wir sprachen jetzt langsamer.

Die Zeit ging gemächlicher, ohne dass wir sie hätten ablesen müssen.

„Fabian“, sagte ich, und es war das erste Mal in dieser Wohnung, dass ich seinen Vornamen sagte. „Erzählen Sie mir etwas.“

„Was?“

„Etwas, das Sie noch keinem hier in München erzählt haben.“

Er sah mich an.

„Warum?“

„Weil ich von Ihnen etwas wissen möchte, was Sie keinem anderen gesagt haben. Sonst wäre dieser Abend nur ein Termin, der spät in den Abend reicht.“

Er dachte einen Augenblick nach.

„Ich habe einen Bruder.“

„Ich wusste, dass Sie einen Bruder haben. Jan hat es mir gesagt.“

„Ich habe einen Bruder, mit dem ich seit zwölf Jahren nicht spreche.“

Ich war einen Moment still.

„Warum?“

„Eine Erbschaft. Ein Stück Land in Schleswig-Holstein. Eine Wiese. Sie ist nichts wert. Mein Bruder hatte sie an einen Bauern verkauft, ohne mich zu fragen. Ich hatte keinen Anspruch darauf — die Wiese gehörte ihm, juristisch. Aber er hatte sie verkauft, ohne mich zu fragen, weil er wusste, dass ich auf der Wiese als Kind oft gespielt hatte.“

„Haben Sie versucht, ihn anzurufen?“

„Drei Mal in den ersten zwei Jahren. Dann nicht mehr.“

„Würden Sie es noch einmal versuchen?“

Er sah mich lange an.

„Vielleicht. In diesem Jahr.“

„Warum jetzt?“

Er sah aus dem Fenster. Draußen, in der Schellingstraße, fuhr ein Fahrrad vorbei, mit einem Licht, das im Frühlingsdunkel glühte.

„Weil mir an diesem Abend klar geworden ist“, sagte er, „dass es Dinge gibt, die nicht ewig auf einen warten.“

Er sagte es nicht schwer.

Er sagte es einfach.

Ich blieb nicht lange.

Ich war fast eine Stunde geblieben, als ich aufstand. Es war Viertel vor zehn. Ich hatte mir vorgenommen, vor zehn zu gehen. Ich war zufrieden, dass ich den Vorsatz mit dreizehn Minuten Spielraum gehalten hatte.

„Soll ich Sie hinunterbegleiten?“

„Nein. Bleiben Sie.“

„Ich werde Ihnen ein Taxi rufen.“

„Ich gehe. Ich kenne die Straße.“

„Es ist Abend. Es ist nicht weit, aber es ist Abend.“

„Es ist halb zehn an einem Dienstag in der Maxvorstadt. Ich gehe.“

Er nickte.

Er brachte mir den Mantel.

An der Tür blieben wir einen Moment stehen.

Er gab mir nicht die Hand. Er hatte mir auch in der Diele am Anfang nicht die Hand gegeben. Es war eine kleine Geste, die mir aufgefallen war und die ich erst jetzt verstand: er behandelte mich nicht, als wären wir Geschäftspartner, weil wir an diesem Abend keine waren.

„Gute Nacht, Frau Hartmann.“

„Emilia.“

Er sah einen Moment an mir vorbei, dann mir wieder in die Augen.

„Gute Nacht, Emilia.“

„Gute Nacht.“

Ich ging.

Auf der Treppe hörte ich, wie er die Tür hinter mir schloss.

Ich blieb im dritten Stock einen Augenblick stehen.

Nicht aus Erschöpfung.

Aus etwas, das ich nicht zu nennen wusste, das aber kein Zögern war, sondern eher eine kleine Stille, in der ich den Abend schon einmal in seinem Inneren überprüfte, bevor er sich draußen, auf der Straße, mit dem Geräusch der Stadt vermischen würde.

Ich stieg weiter hinunter.

In der Schellingstraße war es kühl.

Ich ging zur Theresienstraße. Ich winkte einem Taxi, das vor einem Lokal wartete. Ich gab Bogenhausen an. Der Fahrer nickte. Wir fuhren.

In der Maximilianstraße ließ ich die hellen Schaufenster an mir vorbeiziehen, ohne sie zu sehen.

Ich dachte an den Risotto, der ein wenig zu fest gewesen war.

Ich dachte daran, dass mir das gefallen hatte.

Ich dachte daran, dass ich am Mittwochmorgen Clara würde anrufen müssen.

Ich war zufrieden.

Zufriedenheit war ein Wort, das ich in den letzten zwei Jahren selten gedacht hatte.

Heute Abend dachte ich es einmal.

Es genügte.

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