Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 42: Cafè Luitpold

Markus Schmidt rief am Freitagvormittag an.

Er fragte nicht, ob es passte. Er fragte, ob ich Zeit hätte für einen Kaffee, und ob es das Cafè Luitpold sein dürfe. Hinten, wenn möglich. Sechzehn Uhr.

„Sechzehn Uhr ist gut“, sagte ich.

„Frau Hartmann.“

„Ja.“

„Ich bin nicht sicher, ob ich Sie das fragen darf.“

„Fragen Sie.“

„Können wir reden?“

„Wir reden gerade.“

„Ich meine — über die Firma.“

Ich hörte das Zögern in seiner Stimme. Es war kein nervöses Zögern. Es war das andere. Das, das ein Mann zeigt, der seit Wochen einen Satz mit sich trägt und nicht weiß, wie er ihn loswird.

„Sechzehn Uhr“, sagte ich. „Ich höre zu.“

„Danke.“

Er legte auf, bevor ich noch etwas hätte sagen können.

Frau Brandl brachte mir den Mantel an die Tür.

„Den dunklen?“

„Den dunklen.“

„Sie gehen ins Cafè?“

„Ja.“

„Mit?“

„Mit jemandem aus der Firma.“

Sie sah mich kurz an. Sie nickte. Sie reichte mir den Schal, ohne weiter zu fragen. Frau Brandl hatte über die Jahre eine bestimmte Art entwickelt, mich anzuschauen, wenn etwas Wichtiges anstand. Es war nicht Sorge. Es war Aufmerksamkeit.

„Soll ich auf Sie warten?“

„Sie können essen.“

„Ich warte trotzdem.“

„Gut.“

Das Cafè Luitpold lag in der Brienner Straße, fünf Minuten von Webers Kanzlei. Ich war früh genug, um vor Schmidt da zu sein. Ich nahm den Tisch hinten am Fenster, der zur Theatinerkirche zeigte. Die Bedienung kannte mich. Sie nickte und brachte das Glas Wasser, ohne zu fragen.

Ich saß und sah hinaus.

Vor dem Fenster ging der Nachmittagsverkehr. Eine Frau mit zwei Hutschachteln. Ein älterer Herr, der seinen Hund führte, der an der Leine schon zu langsam war für den Mann, aber der Mann ließ es ihm. Drei junge Leute mit Aktentaschen, die in das Café nebenan gingen.

Schmidt kam um zwei nach vier.

Er sah müde aus. Müder als bei unserem letzten Gespräch in seinem Büro. Sein Anzug war derselbe, aber das Hemd war nicht ganz frisch, und seine Augen waren eine halbe Schicht weiter eingesunken in das Gesicht.

Er gab mir die Hand. Er setzte sich.

„Frau Hartmann.“

„Herr Schmidt.“

„Danke, dass Sie gekommen sind.“

„Sie haben mich gefragt.“

„Trotzdem.“

Er bestellte einen Espresso. Ich blieb beim Wasser. Er rührte den Espresso länger, als ein Espresso braucht, um gerührt zu sein. Ich wartete.

„Ich werde direkt sein“, sagte er schließlich.

„Ich höre.“

„Wir haben ein Liquiditätsproblem.“

Ich nickte.

„Erzählen Sie.“

Er holte ein kleines Papier aus der Innentasche. Es war kein offizielles Dokument. Es war eine handgeschriebene Liste. Sechs Zeilen. Zahlen. Daten. Ein paar Initialen am Rand.

Er legte das Papier nicht auf den Tisch. Er hielt es in der Hand, sodass ich es schräg lesen konnte.

„Drei laufende Verbindlichkeiten gegenüber zwei Banken“, sagte er. „Die Tilgungen waren eigentlich für nächsten Monat angesetzt. Ihr Mann hat sie zweimal verschoben.“

„Wie weit verschoben?“

„Sechs Wochen.“

„Sechs Wochen ist nicht ungewöhnlich.“

„Beim ersten Mal nicht. Beim zweiten Mal schon.“

Ich sah ihn an.

„Was sagt die Bank?“

„Die Bank sagt nichts. Noch nicht. Aber unsere Sachbearbeiterin hat mich am Mittwoch privat angerufen. Sie wollte wissen, ob alles in Ordnung sei.“

„Was haben Sie gesagt?“

„Ich habe gesagt, dass alles in Ordnung sei.“

„War das richtig?“

„Es war das Übliche.“

Er steckte das Papier zurück in die Tasche.

„Frau Hartmann.“

„Ja.“

„Ich weiß, dass das nicht meine Stelle ist. Ich weiß, dass Sie sich nicht offiziell um die Firma kümmern. Ich weiß, dass ich mit dem CEO sprechen müsste.“

„Sie haben mit ihm gesprochen.“

„Ich habe.“

„Und?“

Er sah auf seinen Espresso.

„Er hat gesagt, ich solle mir keine Sorgen machen. Es laufe alles.“

„Aha.“

„Frau Hartmann, mit Verlaub: Es läuft nicht.“

Ich nickte langsam.

„Und Sie kommen jetzt zu mir.“

„Ich komme zu Ihnen, weil ich nicht weiß, zu wem ich sonst gehen soll.“

Wir saßen einen Moment.

„Herr Schmidt.“

„Ja.“

„Warum sind Sie heute hier?“

Er sah mich kurz an.

„Sie wissen nicht, was Sie gerade fragen.“

„Ich weiß genau, was ich frage.“

Er lehnte sich zurück.

„Frau Hartmann, ich bin neunzehn Jahre in der Firma. Ich war schon dabei, als Ihr Vater noch jeden Mittwoch in die Maximilianstraße kam. Ich habe Ihnen einmal die Tür im zweiten Stock aufgehalten, als Sie dreiundzwanzig waren und ein Praktikum gemacht haben, bei dem Sie nach drei Wochen die Bilanzpläne gerade gerichtet haben, an denen wir damals seit zwei Monaten saßen.“

„Das hatte ich vergessen.“

„Ich nicht.“

Er sah jetzt nicht mehr an mir vorbei.

„Frau Hartmann, viele in der Firma haben auf Sie gewartet.“

Ich legte die Hände vor mich auf den Tisch.

Ich sagte nichts für einen Moment.

„Herr Schmidt“, sagte ich dann. „Ich habe nicht vor, in die Firma zurückzukommen.“

„Das müssen Sie mir nicht sagen.“

„Ich sage es trotzdem.“

„Das ist gut. Das ist Ihre Sache.“

„Aber ich werde mir das ansehen, was Sie mir gerade gezeigt haben.“

„Das wäre mir lieb.“

„Schicken Sie mir keine offiziellen Dokumente. Schicken Sie mir gar nichts. Wenn ich etwas brauche, frage ich Weber.“

„Verstanden.“

„Und Herr Schmidt.“

„Ja.“

„Wir haben uns heute nicht getroffen.“

Er nickte.

„Wir haben uns nicht getroffen.“

Er ging um halb fünf.

Ich blieb noch eine Weile sitzen. Ich trank das Wasser zu Ende. Die Bedienung fragte, ob ich noch etwas wolle. Ich verneinte.

Ich sah in den Spiegel hinter der Theke. Ich sah eine Frau, die etwas älter aussah als noch vor sechs Monaten. Aber das Gesicht war ruhig. Der Mund war geschlossen. Die Hände lagen, wie sie liegen sollten.

Ich dachte an das, was Schmidt gesagt hatte.

*Viele in der Firma haben auf Sie gewartet.*

Ich hatte es nicht gewollt. Ich hatte mich nicht in eine Position bringen wollen, in der jemand etwas in mich hineinprojizierte. Ich hatte zwölf Jahre in einer Position gelebt, in der jemand Dinge in mich hineinprojiziert hatte, die nicht ich war, und ich hatte nicht vor, das wieder zu tun.

Aber das, was Schmidt gerade getan hatte, war anders.

Schmidt hatte mich nicht zu etwas gemacht. Schmidt hatte gesehen, was schon da war.

Das war ein Unterschied.

Auf dem Heimweg ging ich durch den Hofgarten.

Die Bäume waren schon weiter im Knospen, als sie es vor zwei Wochen gewesen waren. Die Beete waren frisch geharkt. Ein paar Touristen standen am Diana-Tempel und machten Fotos. Eine Mutter mit einem Kinderwagen ging langsam an den Arkaden entlang.

Ich blieb kurz unter dem Tempel stehen.

Ich dachte an meinen Vater. Mein Vater hatte mir, als ich siebzehn war, gesagt, dass eine Firma nichts ist, wenn die Menschen darin nicht mehr glauben, dass sie wichtig sind. Er hatte das auf eine ganz unpathetische Weise gesagt, beim Frühstück, als wir über einen Konkurrenten sprachen, dessen Geschäft gerade unterging. Er hatte es nicht als Theorie gemeint. Er hatte es als Beobachtung gemeint.

Ich hatte den Satz lange vergessen.

Schmidt hatte ihn mir heute zurückgegeben.

Frau Brandl wartete in der Küche.

Sie hatte einen Auflauf in den Ofen geschoben. Es roch nach Kartoffeln und nach dem Thymian, den sie aus dem Topf vor dem Fenster nahm.

„Wie war es?“

„Es war kürzer, als ich dachte.“

„Und sonst?“

Ich zog den Mantel aus. Ich hängte ihn an die Garderobe.

„Es waren mehr Leute im Café als ich vermutet hatte.“

„Mehr Leute, oder mehr Augen?“

Sie sagte das ohne aufzusehen.

Ich lächelte schwach.

„Mehr Leute.“

„Gut.“

Sie stellte den Auflauf in den Ofen. Sie schloss die Klappe. Sie wischte sich die Hände an dem grünen Tuch ab, das immer am Schrankgriff hing.

„Frau Hartmann.“

„Ja, Frau Brandl.“

„Soll ich Ihnen etwas sagen?“

„Sagen Sie es.“

„Sie sehen heute anders aus, als Sie vor zwei Wochen ausgesehen haben.“

„Wie sehe ich aus?“

Sie überlegte.

„Wie jemand, der weiß, wo er hingehört.“

Ich hängte das Tuch zurück.

„Das ist eine schöne Beobachtung.“

„Das ist keine Beobachtung. Das ist ein Satz, den ich seit Jahren auf Sie gewartet habe.“

Ich ging nach dem Essen ins Arbeitszimmer.

Ich schloss die Tür leise. Ich setzte mich an den Schreibtisch meines Vaters. Ich legte die Hände vor mich.

Ich dachte an die Liste, die Schmidt mir gezeigt hatte. Sechs Zeilen. Drei Verbindlichkeiten. Zwei Banken. Eine Sachbearbeiterin, die am Mittwoch angerufen hatte, weil ihr etwas aufgefallen war. Ein CEO, der Verschiebungen verschob. Ein CFO, der nicht mehr wusste, zu wem er gehen sollte.

Ich hatte Mark in zwölf Jahren tausend Mal aus solchen Situationen geholt.

Ich würde es nicht wieder tun.

Ich würde nichts mehr tun.

Aber ich würde es jetzt von Weber prüfen lassen.

Das war kein Eingriff. Das war Vorsicht.

Ich nahm den Telefonhörer von der Gabel.

Frau Dr. Stelzer hob beim ersten Klingeln ab.

„Frau Hartmann.“

„Frau Stelzer. Ich brauche Herrn Weber.“

„Er ist im Haus. Soll ich ihn holen?“

„Wenn es geht.“

„Es geht.“

Ich hörte sie das Telefon weglegen. Ich hörte das gedämpfte Tippen ihrer Schuhe auf dem Parkett der Kanzlei. Ich hörte eine Tür. Ein leises Gespräch. Schritte.

Weber meldete sich nicht mit Namen. Er wusste, wer am anderen Ende war.

„Frau Hartmann.“

„Schmidt war heute bei mir.“

„Aha.“

„Im Cafè Luitpold.“

„Aha.“

„Drei Verbindlichkeiten. Zwei Banken. Verschoben. Eine Sachbearbeiterin hat angerufen.“

„Wann?“

„Mittwoch.“

„Welche Bank?“

„Hat er nicht gesagt.“

„Frau Hartmann.“

„Ja.“

„Ich melde mich morgen früh.“

„Gut.“

„Sie haben das richtig gemacht, dass Sie ihn angehört haben.“

„Ich habe nichts gemacht.“

„Doch.“

Ich legte auf.

Später am Abend ging ich noch einmal in den Garten.

Es war kühl, aber nicht kalt. Die Amsel saß nicht auf dem Rasen. Sie saß im Flieder, der jetzt fast voll in der Knospe stand, und sie sang in die Dämmerung, die nicht ganz Dämmerung war, weil die Lichter der Stadt immer ein wenig Helligkeit von Osten her in den Garten warfen.

Ich blieb auf dem Weg stehen.

Ich dachte daran, dass ich vor zehn Jahren, als Mark seine erste schwierige Verhandlung hatte, ihm ein Papier auf den Schreibtisch gelegt hatte, ohne ihn zu fragen, ob er es wollte. Er hatte es benutzt. Er hatte den Auftrag gewonnen. Er hatte mir nie dafür gedankt, weil er es nicht für nötig gehalten hatte. Er hatte mich nicht einmal gefragt, woher das Papier kam.

Damals hatte ich gedacht, das sei seine Art.

Heute wusste ich, dass es etwas anderes gewesen war.

Es war Selbstverständlichkeit.

Selbstverständlichkeit ist die teuerste Form, in der ein Mensch einen anderen behandelt.

Frau Brandl hatte die Lampe im Salon brennen lassen.

Ich ging hinein. Ich nahm das Buch, das seit drei Tagen dort lag, und legte es weg. Ich setzte mich nicht. Ich sah nur hinaus.

Draußen war München jetzt ganz im Abend.

Ich hatte heute nichts entschieden.

Ich hatte nur zugehört.

Manchmal ist Zuhören die ganze Entscheidung, und man merkt es erst hinterher.

Schmidt hatte etwas in Bewegung gesetzt, ohne zu wissen, was er bewegt hatte.

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