Kapitel 119: Frühling
Ende April kam ein Anruf aus Augsburg.
Es war eine Stadtverwaltung, die einen Auftrag ausschreiben wollte — die Sanierung und Erweiterung eines historischen Verwaltungsgebäudes in der Altstadt, ein Projekt, das seit fünf Jahren in der Planung war und das jetzt endlich vergeben werden sollte. Sie hatten unsere Firma in einer kurzen Liste, sagte der Sachbearbeiter am Telefon. Sie luden uns zu einem ersten Gespräch ein.
Anne hatte den Anruf entgegengenommen.
Sie kam in mein Büro.
Sie sagte: „Frau Richter.“
Ich sagte: „Anne.“
Sie sagte: „Augsburg.“
Sie legte einen Notizzettel auf den Schreibtisch.
Ich las ihn.
Ich sagte: „Wir sagen zu.“
Sie sagte: „Verstanden.“
Sie ging.
—
Am nächsten Morgen rief ich Fabian an.
Er war in Hamburg.
Ich sagte: „Augsburg.“
Er sagte: „Was ist mit Augsburg?“
Ich sagte: „Sie wollen mit uns sprechen. Über die Verwaltungssanierung.“
Er sagte: „Ah.“
Er machte eine kleine Pause.
Er sagte: „Soll ich den Bauplaner mitbringen?“
Ich sagte: „Bringe alles mit, was hilft.“
Er sagte: „Wann?“
Ich sagte: „Nächste Woche Donnerstag, vierzehn Uhr.“
Er sagte: „Ich bin am Mittwoch in München.“
Ich sagte: „Gut.“
Er sagte: „Bis Mittwoch.“
Wir legten auf.
—
Es war ein Gespräch von zwei Minuten.
Es war eines der vielen Gespräche, die wir in den letzten Monaten geführt hatten, in dieser kurzen, sachlichen Art, die für andere vielleicht kühl klingen mochte, die für uns aber die richtige Form gefunden hatte. Wir sprachen, wenn es etwas zu sprechen gab. Wir sprachen kurz. Wir sprachen ehrlich. Wir hatten beide nicht das Gefühl, telefonisch unsere Gefühle bestätigen zu müssen.
Es war eine Form von Vertrauen, die ich vorher nicht gekannt hatte.
—
Am Donnerstag fuhren wir gemeinsam nach Augsburg.
Fabian fuhr.
Ich hatte den Akt auf dem Schoß.
Wir fuhren auf der Autobahn, ohne Hektik, mit der Geschwindigkeit, mit der man fährt, wenn man eine Stunde vor Termin ankommen wird. Es war ein heller Vormittag. Die Wiesen entlang der Autobahn waren grün. An manchen Stellen blühte schon der Raps in einem ersten Gelb.
Ich sah aus dem Fenster.
Ich dachte an wenig.
Es war einer der schönsten Effekte des letzten Jahres geworden, dass ich auf längeren Fahrten nicht mehr viel denken musste. Vor zwei Jahren hatte ich auf jeder Fahrt einen ganzen Plan im Kopf gehabt — Listen, Sorgen, Strategien, Antworten auf Fragen, die mir noch niemand gestellt hatte. Heute saß ich neben Fabian, schwieg, sah in die Wiesen hinaus, ließ die Straße kommen.
Es war ein anderes Gehirn.
Es war ein leichteres Gehirn.
—
In Augsburg wurden wir vom Stadtbaurat empfangen.
Er war ein Mann Mitte fünfzig, mit einem ruhigen Bayerischen Akzent, einer Brille, die er zwischen den Fingern drehte, wenn er zuhörte. Er hatte die Akten gut gelesen. Er stellte präzise Fragen. Wir antworteten präzise.
Das Gespräch dauerte eine Stunde.
Am Ende sagte er: „Wir werden in vierzehn Tagen entscheiden. Aber ich kann Ihnen sagen: Sie sind in der engsten Wahl.“
Ich sagte: „Danke.“
Fabian sagte: „Danke.“
Wir gaben uns die Hand.
Wir gingen.
Auf dem Parkplatz, im Wagen, sagte Fabian: „Wir bekommen den Auftrag.“
Ich sagte: „Ja.“
Er sagte: „Wir werden in den nächsten zwei Jahren oft in Augsburg sein.“
Ich sagte: „Ja.“
Er sagte: „Mir gefällt Augsburg.“
Ich lächelte.
Ich sagte: „Gut.“
—
Wir fuhren zurück.
Es regnete leicht.
Fabian sagte unterwegs: „Heinrich Altmann hat angerufen.“
Ich sagte: „Wann?“
Er sagte: „Heute Morgen. Er möchte uns am Wochenende zum Essen einladen. In seinem Haus am Starnberger See.“
Ich sagte: „Ja.“
Er sagte: „Samstag oder Sonntag?“
Ich sagte: „Sonntag.“
Er sagte: „Gut. Ich rufe ihn an.“
Mehr nicht.
Wir hatten uns angewöhnt, einfache Termine in zwei oder drei Sätzen zu klären, ohne lange Diskussion. Es war effizient. Es war aber vor allem eine Form von gegenseitigem Vertrauen — ich vertraute Fabian, dass er Wochenendentscheidungen mit der gleichen Sorgfalt traf wie ich, und er vertraute mir umgekehrt.
—
Auf der Autobahn fiel mir, ohne dass ich danach gesucht hätte, ein Bild ein.
Ein Krankenzimmer.
Eine Decke aus weißem Polyester.
Ein Mann in einem teuren Anzug, der am Fenster stand und nicht neben dem Bett.
Eine Hand unter einem Kissen, die einen schmalen schwarzen Stick festhielt.
Ein Lächeln, kaum sichtbar.
Ein „Adieu, Emilia“, das ein Mann auf Französisch gesagt hatte, der kein Französisch konnte.
Ich sah aus dem Fenster.
Es regnete jetzt etwas stärker.
Die Scheibenwischer arbeiteten in einem ruhigen Rhythmus.
Ich dachte an das Klinikum-Zimmer in der Art, in der man an einen Ort denkt, an dem man einmal eine Nacht verbracht hat und der nun nicht mehr existiert. Es war noch da, das Klinikum. Aber das Zimmer von damals war es nicht mehr. In diesem Zimmer lagen seitdem andere Patienten. Es war kein Schrein. Es war einfach ein Zimmer.
Aber etwas war an dem Tag dort begonnen worden.
Oder nein — nicht begonnen.
Etwas war an dem Tag dort *deutlich geworden*. Es war schon vorher begonnen worden, von meiner Mutter, die mir Briefe geschrieben hatte. Von meinem Vater, der mir Akten hinterlassen hatte. Von Margot, die mich, ohne es zu wissen, jahrelang vorbereitet hatte. Von Frau Brandl, die geblieben war. Von Clara, die nicht ohne Erlaubnis ins Klinikum gekommen war.
An dem Tag war das alles deutlich geworden.
Und ich hatte begonnen, es zu sehen.
—
Ich sagte zu Fabian: „Ich habe gerade an etwas gedacht.“
Er sagte: „Mhm.“
Ich sagte: „An den Tag im Klinikum.“
Er sah kurz zu mir herüber.
Er sagte: „Welcher Tag?“
Ich sagte: „Der Tag, an dem Mark mir die Scheidungspapiere brachte.“
Er sagte: „Ja.“
Ich sagte: „Ich habe mir damals nicht vorstellen können, wie ich in zwei Jahren leben würde.“
Er sagte: „Niemand kann das.“
Ich sagte: „Manche schon.“
Er sagte: „Wer?“
Ich dachte einen Moment nach.
Ich sagte: „Schwester Barbara.“
Er sagte: „Wer war das?“
Ich sagte: „Eine Krankenschwester. Sie ist an dem Vormittag in mein Zimmer gekommen, nachdem Mark gegangen war. Sie hat eine Hand auf meinen Unterarm gelegt. Sie hat gesagt: ‚Sie sind stärker, als er denkt.'“
Fabian schwieg eine Weile.
Dann sagte er: „Hat sie Recht gehabt.“
Ich sagte: „Ja.“
Ich sah weiter aus dem Fenster.
Ich sagte, nicht zu ihm, mehr zu mir selbst: „Ich war stärker, als sie dachten.“
—
Wir kamen am späten Nachmittag in München an.
Es regnete noch.
Wir fuhren direkt in die Villa.
Frau Brandl hatte einen Eintopf gemacht — sie hatte das gestern Abend angekündigt, in der Form, in der sie Eintopfgerichte ankündigte: *Morgen ist es kalt, ich mache Eintopf.* Es war heute nicht kalt, aber wir aßen den Eintopf trotzdem, weil Frau Brandl, wenn sie einen Eintopf gemacht hatte, ihn gegessen sehen wollte.
Wir aßen in der Küche.
Frau Brandl saß mit am Tisch.
Sie hatte sich seit Heiligabend angewöhnt, am Tisch mitzuessen, wenn ich es vorschlug. Es war eine Veränderung in dem Gefüge des Hauses, die sich nicht in Worten beschreiben ließ. Frau Brandl war noch immer Haushälterin. Aber sie war auch ein Mensch, der nun manchmal mit am Tisch saß.
Es war richtig so.
Es würde noch richtiger werden, wenn sie im Sommer in Rente ging und ihren Nachfolger einführte. Sie wollte einen jüngeren Mann nehmen, sagte sie — einen aus Augsburg, einen Bekannten ihres Sohnes, der auf der Suche nach einer Position sei. Ich hatte zugesagt, ihn kennenzulernen. Wir würden sehen.
—
Nach dem Essen ging Fabian in das Arbeitszimmer hinunter, das wir ihm in den letzten Wochen eingerichtet hatten — das alte Arbeitszimmer meines Vaters, das ich im letzten Jahr halb für mich genommen und halb leer gelassen hatte. Wir hatten dort einen zweiten Schreibtisch aufgestellt, einen kleineren, und Fabian hatte dort seine Hamburger Pläne, wenn er in München war.
Ich blieb noch in der Küche.
Frau Brandl räumte ab.
Sie sagte: „Frau Richter.“
Ich sagte: „Frau Brandl.“
Sie sagte: „Sie sehen heute zufrieden aus.“
Ich sagte: „Es war ein guter Tag.“
Sie sagte: „Augsburg?“
Ich sagte: „Augsburg.“
Sie sagte: „Mein Sohn würde sich freuen, wenn Sie öfter dort wären.“
Ich lächelte.
Ich sagte: „Er kann uns auch in München besuchen.“
Sie sagte: „Er kommt im Mai. Mit Bruno.“
Ich sagte: „Er ist willkommen. Mit Bruno.“
Sie nickte.
Sie ging.
—
Ich ging in mein Arbeitszimmer.
Auf dem Schreibtisch lag der Akt aus Augsburg, den ich heute Vormittag mitgenommen hatte. Daneben lagen einige Briefe. Daneben lag, in einem kleinen Holzkasten, das Zeug, das ich seit Monaten als *die Anker* bezeichnete: der Brief meiner Mutter, der Brief meines Vaters, ein Stein vom Grab in Bogenhausen, eine alte Visitenkarte meines Vaters, eine Postkarte von Schwester Barbara.
Schwester Barbara hatte mir vor einem Jahr eine Postkarte geschrieben — aus dem Urlaub, Sylt. Eine kurze Nachricht: *Liebe Frau Hartmann. Ich denke manchmal an Sie. Schwester Barbara.* Sie hatte mit *Hartmann* unterschrieben, weil ich für sie noch *Frau Hartmann* gewesen war. Ich hatte ihr nicht geantwortet. Ich hatte die Karte aufbewahrt.
Heute öffnete ich den Kasten.
Ich nahm die Karte heraus.
Ich sah sie an.
Ich legte sie zurück.
—
Ich setzte mich an den Schreibtisch.
Ich nahm einen Briefbogen aus der Schublade.
Ich schrieb:
*Sehr geehrte Schwester Barbara,*
*ich danke Ihnen, dass Sie mir vor zwei Jahren in einem Zimmer im LMU Klinikum Großhadern eine Hand auf den Unterarm gelegt haben. Ich danke Ihnen, dass Sie ‚Sie sind stärker, als er denkt‘ gesagt haben.*
*Ich war stärker, als sie dachten.*
*Mit besten Grüßen*
*Emilia Richter*
Ich legte den Stift ab.
Ich las das Geschriebene.
Ich faltete den Brief.
Ich kuvertierte ihn.
Ich klebte ihn zu.
Ich schrieb die Adresse, die ich von einer früheren Karte hatte.
Ich legte den Brief auf den Stapel der Briefe, die morgen Anne mit der Post wegschicken würde.
—
Draußen war es jetzt dunkel.
Im Garten brannte die Lampe an der Terrasse.
Im Arbeitszimmer unten brannte die Lampe an Fabians Schreibtisch.
Im Erdgeschoss, hinter der Küchentür, brannte die Lampe an Frau Brandls Tisch.
Drei Lampen, in einem Haus.
Drei Männer und Frauen, die unter einem Dach arbeiteten, kochten, lebten.
Es war ein Frühlingsabend.
Es war ein gewöhnlicher Frühlingsabend.
Es war einer der schönsten gewöhnlichen Frühlingsabende, die ich kannte.
—
Spät, als das Haus schon ruhiger geworden war, ging ich noch einmal in den Flur, an die Garderobe, an meinen Mantel, der dort vom Vormittag in Augsburg hing.
Ich nahm aus der Innentasche einen Zettel.
Es war ein Zettel, den der Stadtbaurat mir am Ende des Gesprächs gegeben hatte — eine kleine Karte mit seiner privaten Telefonnummer, *für den Fall, dass eine Frage nicht über die Verwaltung läuft*. Es war eine Geste, die nicht selbstverständlich gewesen war, und sie war auch nicht zufällig gewesen. Sie war eine Anerkennung. Sie war auch eine Form von Vertrauen.
Ich legte die Karte in die obere Schublade des Schreibtisches.
Auf den Stapel der anderen Karten, die ich in den letzten zwei Jahren bekommen hatte — von Heinrich Altmann, von Doktor Vogt, von einem Bürgermeister, von einer Verlegerin in München.
Es war ein Stapel.
Er war nicht der wichtigste Besitz in meinem Leben.
Aber er war ein Anhaltspunkt dafür, dass mein Leben mich nun von einer anderen Seite sah, als es mich vor zwei Jahren gesehen hatte.
Ich schloss die Schublade.
Ich ging die Treppe hinauf.
In meinem Schlafzimmer öffnete ich kurz das Fenster.
Es regnete nicht mehr.
Aus dem Garten kam der nasse, weiche Geruch des Frühlings, der nur an Abenden nach einem leichten Regen so genau auftaucht.
Ich schloss das Fenster.
Ich legte mich hin.
Ich schlief schnell ein.
Ich träumte nicht.