Kapitel 70: Die Bitte um Verhandlung
Drei Tage Stille.
Frau Brandl hörte nichts. Clara hörte nichts. Margot rief am Samstagabend kurz an, sagte zwei Sätze, fragte nach dem Wetter im Garten, legte nach drei Minuten auf. Keiner sagte, woraufer wartete. Es wurde alles still.
Am Montagvormittag, als ich in der Küche stand und Frau Brandl gerade einen frischen Topf Kaffee aufgesetzt hatte, läutete das Telefon.
Frau Brandl nahm ab. Sie hörte zu. Sie nickte einmal, obwohl ihr Gesprächspartner sie nicht sah.
„Einen Moment, Dr. Weber.“
Sie reichte mir den Hörer.
„Klaus.“
„Emilia.“
„Ja.“
„Mertens hat heute morgen geantwortet.“
„Persönlich oder per Brief?“
„Per Brief, der heute früh zugestellt wurde. Persönlich hat er vor einer halben Stunde angerufen. Wir haben kurz gesprochen. Er war höflich.“
„Was schreibt er?“
„Er bestätigt den Empfang unseres Schreibens. Er bestätigt, dass er die beigelegte Kopie der Aktennotiz Dr. Hagen senior zur Kenntnis genommen hat. Er teilt mit, dass seine Mandantschaft an einer einvernehmlichen Klärung interessiert ist.“
„Mhm.“
„Er bittet um eine erste Verhandlungsrunde in den kommenden zwei Wochen.“
„In welcher Form?“
„Er bittet um ein Treffen in unseren Räumen.“
„In der Briennerstraße.“
„Ja.“
„Er kommt zu uns?“
„Er kommt zu uns.“
Ich war einen Augenblick still.
„Klaus.“
„Ja.“
„Das ist viel.“
„Es ist die Form, die er anbietet. Es ist auch die Form, die er sich leisten kann. Er kann es nicht in den Räumen seiner Kanzlei haben. Er kann es nicht in seinem Hause haben. Er kann es auch nicht in der Maximilianstraße haben. Wenn er zu uns kommt, kann er es noch als seinen Vorschlag verkaufen. Wenn wir zu ihm kämen, müsste er die ganze Zeit zeigen, was er nicht mehr hat. In der Briennerstraße kann er es einrichten, dass er weniger zeigt.“
„Wer kommt von ihrer Seite?“
„Mertens. Mark. Vermutlich ein junger Kollege von Mertens, der die Notizen macht.“
„Mark kommt.“
„Mark muss kommen. Es geht um seine Anteile.“
„Ich werde nicht im Raum sein.“
„Sie werden nicht im Raum sein. Das war meine Grundbedingung in dem Telefonat von vorhin. Er hat sie akzeptiert. Sie werden in dem Raum nebenan sein. Er weiß das. Er hat es nicht beanstandet.“
„Gut.“
—
Frau Brandl hatte sich an die Spüle zurückgezogen und tat, als ob sie nicht zuhörte. Sie hörte zu, weil es für sie zu ihrer Arbeit gehörte. Aber sie tat es so, als sei sie nicht im Raum.
„Klaus.“
„Ja.“
„Wie geht es weiter?“
„Mertens schlägt zwei Termine vor. Mittwoch in dieser Woche oder Freitag in der nächsten. Ich werde Mittwoch wählen.“
„Wieso?“
„Weil ich nicht möchte, dass die Gegenseite Zeit hat, einen Druck aufzubauen, der bei mehr Tagen unweigerlich entsteht. Mark wird sich in den nächsten zehn Tagen vermutlich verschiedene Sachen ausdenken. Mit jedem Tag werden die Sachen schwächer. Aber sie werden zahlreicher. Wir nehmen den ersten Termin.“
„Mittwoch.“
„Mittwoch um vierzehn Uhr.“
„Gut.“
„Ich werde Sie heute Nachmittag um sechzehn Uhr in der Bibliothek aufsuchen, wenn es Ihnen recht ist. Wir gehen den Verhandlungsrahmen durch. Es ist nicht viel vorzubereiten. Aber es gibt ein paar Punkte, die ich mit Ihnen vorab abstimmen will.“
„Sechzehn Uhr.“
„Gut.“
—
Ich legte auf.
Frau Brandl drehte den Wasserhahn ab.
„Es geht nun los, Frau Richter.“
„Es geht weiter.“
„Ja, weiter.“
Sie wischte sich die Hände.
„Soll ich Mittwochmittag etwas vorbereiten?“
„Nein.“
„Sie werden in der Briennerstraße Mittag essen?“
„Nein.“
„Sie werden gar nicht essen?“
„Frau Brandl.“
„Ja.“
„Ich werde im Raum nebenan sein. Es ist kein Termin, an dem ich essen muss. Es ist auch keiner, an dem ich nicht essen darf. Es ist einer, an dem das Essen keine Rolle spielt.“
Sie nickte.
„Ich richte Ihnen ein Brot mit Käse für die Heimkehr.“
„Gut.“
—
Ich verbrachte den Vormittag in der Bibliothek.
Ich tat zunächst nichts. Ich las nicht. Ich sah aus dem Fenster, weil es in den Hortensien noch immer regnete und die Tropfen ein Geräusch machten, das ich gewohnt war.
Dann zog ich aus einer der unteren Schubladen einen alten Hefter hervor. Ein dunkelgrüner Hefter mit einem Etikett, auf dem in der Handschrift meines Vaters stand: *Familie Hartmann.* Mein Vater hatte den Hefter angelegt, als Mark und ich angefangen hatten, ernsthaft zu sprechen. Mein Vater hatte alles archiviert, was ihm wichtig erschien. Briefe, Karten, eine Fotokopie der Verlobungsanzeige, die in der Süddeutschen erschienen war.
Ich blätterte.
Auf einer Seite, gegen Ende des Hefters, fand ich einen kurzen handschriftlichen Vermerk meines Vaters, in seiner ordentlichen Handschrift, mit Datum.
*1. April 2008. Mark hat heute um Emilias Hand angehalten. Ich habe ja gesagt. Ich glaube, sie hat gewählt, weil sie sich entschieden hat, ihren Weg zu gehen, ohne mich zu fragen. Das ist gut. Ich werde nicht eingreifen. Ich werde sie auch nicht warnen. Eine Tochter wird man nicht durch Worte schützen, sondern durch Vorbereitungen, die sie nicht braucht. Wenn sie sie eines Tages braucht, soll sie da sein.*
Ich las den Vermerk dreimal.
Ich las ihn noch ein viertes Mal, weil ich ihn nicht ganz fassen konnte.
Mein Vater hatte mich nicht gewarnt. Er hatte nicht eingegriffen. Er hatte etwas vorbereitet, das ich nicht brauchen sollte und an das ich elf Jahre nach seinem Tod erst herangelangte.
Die Akte mit der Notarsbestätigung von 1996. Die Aktennotiz aus Augsburg. Das Wort Bedenken auf einer Karteikarte.
Mein Vater hatte gewusst, dass etwas nicht stimmen könnte.
Er hatte nicht gewusst, was. Aber er hatte etwas gespürt.
Er hatte vorbereitet.
Er hatte nicht geredet.
—
Weber kam um sechzehn Uhr.
Er hatte einen kleinen Aktendeckel dabei. Er klappte ihn auf dem Schreibtisch auf.
„Emilia.“
„Klaus.“
„Mertens hat schon einen ersten Vorschlag gemacht. Er hat ihn nicht schriftlich gemacht. Er hat ihn am Telefon angedeutet. Er ist vorsichtig. Er weiß, dass wir Dinge in der Hand haben, von denen wir noch nicht alles gezeigt haben.“
„Was hat er angedeutet?“
„Er hat angedeutet, dass seine Mandantschaft bereit wäre, einer Anpassung des Beteiligungsverhältnisses zuzustimmen, sofern eine Geste in Form einer einmaligen Abfindung möglich sei.“
„Eine Abfindung.“
„Eine Abfindung, die Mark erlaubt, sein Gesicht zu wahren.“
„Mhm.“
„Ich habe es zur Kenntnis genommen. Ich habe nicht zugestimmt. Ich habe nicht widersprochen.“
„Was werden Sie am Mittwoch sagen?“
„Ich werde am Mittwoch erst zuhören. Ich werde Mark sprechen lassen, falls er sprechen will. Ich werde Mertens sprechen lassen. Ich werde dann antworten.“
„Was werden Sie antworten?“
„Ich werde ein Verhältnis anbieten, das sechzig zu vierzig zu Ihren Gunsten ist. Mark wird die Geschäftsführung abgeben. Er wird einen Sitz im Aufsichtsrat behalten dürfen, sofern er einen wünscht. Eine Abfindung wird es nicht geben. Er hat seinen Anteil. Vierzig Prozent sind eine Abfindung in der Höhe, in der er sie nicht abschütteln können sollte.“
„Klaus.“
„Ja.“
„Aufsichtsrat.“
„Ja?“
„Will ich ihn dort?“
Er sah mich einen Moment an.
„Sie wollen ihn dort nicht. Aber wenn Sie ihn dort haben, ist er kontrolliert. Wenn Sie ihn nicht dort haben, ist er ungebunden. Es ist die Frage, was Sie mehr stört. Ein Mann am Tisch, den Sie nicht sehen wollen. Oder ein Mann ohne Tisch, von dem Sie nicht wissen, was er tut.“
„Ich überlege es.“
„Tun Sie das. Sie müssen nicht heute entscheiden. Wir können es offenlassen. Mertens wird es ohnehin als Forderung in das Treffen einbringen.“
„Welche Forderung?“
„Dass Mark einen Sitz behält.“
„Mhm.“
„Wir können mit ja antworten, wir können mit nein, wir können mit auf Probe.“
„Auf Probe.“
„Ein befristeter Sitz, sagen wir achtzehn Monate, danach Neubewertung. Das ist die Form, die einem Mann eine Tür offen lässt, ohne ihm den Schlüssel zu geben.“
„Auf Probe.“
„Ja.“
—
Er sagte mir noch zwei oder drei weitere Punkte. Er sagte sie sachlich. Er stellte keine Fragen, auf die ich nicht antworten konnte. Er führte die Sache, ohne dass es danach aussah, als führe er sie.
Bevor er ging, stand er einen Augenblick am Fenster.
„Emilia.“
„Ja.“
„Mark wird am Mittwoch nicht der Mann sein, den Sie kennen.“
„Ich weiß nicht, ob ich ihn je gekannt habe.“
„Den Sie zwölf Jahre für sich gehalten haben.“
„Ja.“
„Er wird älter wirken. Er wird nicht ganz die gleichen Sätze haben. Er wird nicht so frei sprechen, wie er es gewohnt ist. Mertens wird das einkalkuliert haben. Wir kalkulieren es auch ein.“
„Klaus.“
„Ja.“
„Ich werde ihn nicht sehen.“
„Sie werden ihn nicht sehen. Sie werden im Nebenraum sein. Ich werde Sie nach jeder halben Stunde kurz aufsuchen. Wir entscheiden gemeinsam. Sie entscheiden. Ich nehme die Entscheidungen mit.“
„Gut.“
Er legte einen Augenblick die Hand auf den Stapel der Akten.
„Es wird ein Termin von zwei bis drei Stunden. Es ist nicht der Tag, an dem alles entschieden wird. Es ist der erste Tag, an dem etwas entschieden werden kann.“
„Ja.“
„Bis Mittwoch um vierzehn Uhr.“
„Bis Mittwoch.“
—
Er ging.
Frau Brandl kam mit einem Glas Wasser herein.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Mittwoch.“
„Mittwoch.“
„Was tragen Sie?“
„Den schwarzen Mantel. Das graue Kostüm. Die Bluse mit dem geschlossenen Kragen.“
„Und die Schuhe?“
„Die niedrigen schwarzen. Ich werde nicht stehen müssen. Ich werde nicht laufen müssen. Sie sollen nicht klingen.“
„Gut.“
Sie stellte das Glas ab.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Eines noch.“
„Was?“
„Frau Lechner war heute morgen wieder dort. Es war ihr regulärer Tag.“
„Mhm.“
„Die Wohnung war leer. Er war nicht da. Sie hat aufgeräumt. Sie hat nichts berichtet, was sich nicht selbst berichtet.“
„Mhm.“
„Sie hat ein Hemd auf einem Stuhl gefunden. Es war das Hemd, das sie schon vor zwei Wochen zum Bügeln mitgenommen und am vergangenen Mittwoch zurückgebracht hatte. Es war wieder an derselben Stelle.“
„Mhm.“
„Sie sagt, der Stuhl steht so, dass jemand sich auf ihn setzen müsste, wenn er das Hemd auszieht. Sie sagt, das Hemd lag nicht auf dem Bett. Es lag nicht im Schrank. Es lag auf dem Stuhl.“
„Frau Brandl.“
„Ja.“
„Sie soll mir das nicht mehr erzählen.“
Sie sah einen Augenblick erstaunt auf.
„Ich erzähle es Ihnen, weil sie es mir erzählt.“
„Ich verstehe. Aber ich brauche es nicht mehr zu wissen.“
Frau Brandl nickte langsam.
„Verstanden.“
„Es ist nicht meine Wohnung. Es ist nicht mein Stuhl. Es ist nicht mein Hemd.“
„Verstanden.“
Sie nahm das Tablett.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Ihre Mutter hätte denselben Satz gesagt.“
Sie ging.
—
Ich blieb am Fenster stehen.
Mittwoch, vierzehn Uhr.
Briennerstraße.
Mark würde kommen.
Er würde mit einem Anwalt kommen, der älter war als er, müder als er, und der von dem ganzen Sachverhalt vermutlich seit zehn Tagen nicht gut schlief. Er würde durch die Tür der Kanzlei kommen. Er würde sich ausziehen. Er würde in einem Raum Platz nehmen, in dem ich nicht saß.
Er würde sich der Frage stellen, die er seit dreizehn Jahren in seiner Bleistiftnotiz mit OK abgehakt hatte.
Es war nicht meine Aufgabe, an diesen Mittwoch vorab zu denken.
Es war meine Aufgabe, an diesem Mittwoch dabei zu sein, ohne im Raum zu sein.
Ich würde es schaffen.
Im Flur klingelte das Telefon einmal kurz, dann nichts mehr.