Kapitel 64: Der Journalist
Das Telefon klingelte am Dienstagvormittag um Viertel nach zehn.
Ich saß in der Bibliothek meines Vaters. Der Raum hatte sich seit seinem Tod kaum verändert. Das Leder der Sessel war ein wenig dunkler geworden. Die Bücher standen so, wie er sie zuletzt geordnet hatte, was nicht alphabetisch war, sondern nach einer Logik, die nur er gekannt hatte. Ich hatte sie in den elf Jahren seit seinem Tod nicht umsortiert.
Ich nahm den Hörer ab.
„Hartmann.“
Ich hatte mir angewöhnt, am Telefon noch diesen Namen zu sagen. Es war eine Gewohnheit, die ich mir abgewöhnen musste. Aber an diesem Vormittag war ich noch nicht bereit dazu.
„Frau Richter?“
Eine Männerstimme. Höflich, gut moduliert. Ein Mann, der gewohnt war, Menschen am Telefon dazu zu bewegen, mit ihm zu sprechen.
Er hatte mich Frau Richter genannt. Nicht Frau Hartmann. Das hieß, er hatte recherchiert.
„Mit wem spreche ich?“
„Mein Name ist Florian Brückner. Ich bin Wirtschaftsredakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Verzeihen Sie die direkte Anrede. Ich habe Ihre Nummer von einem Kollegen, der mich gebeten hat, sie diskret zu behandeln.“
„Mhm.“
„Frau Richter, ich arbeite seit einigen Wochen an einem Hintergrundbericht über die Hartmann Gruppe. Über die strukturellen Veränderungen, die sich dort offenbar ankündigen. Über die Geschichte des Hauses. Und über die Frage, wer in den letzten Jahren tatsächlich die wesentlichen Geschäfte geführt hat.“
Ich legte den Roman, den ich nicht gelesen hatte, auf den Beistelltisch.
„Herr Brückner.“
„Ja?“
„Ich kommentiere keine Geschäftsangelegenheiten.“
Eine kurze Pause auf der Gegenseite. Er hatte die Antwort erwartet. Er hatte trotzdem gehofft, sie nicht zu bekommen.
„Frau Richter, ich verstehe Ihre Zurückhaltung. Aber ich möchte Ihnen versichern, dass es nicht mein Ziel ist, Ihre persönliche Situation auszubreiten. Ich respektiere Ihre Privatsphäre. Mir geht es um die Firma. Um die Frage, wie eine Münchner Immobiliengruppe in den letzten anderthalb Jahren in die Schieflage geraten ist, in der sie sich heute befindet. Mir geht es darum, eine Geschichte sauber zu erzählen.“
„Das ist Ihre Aufgabe.“
„Ja.“
„Sie ist nicht meine.“
Er schwieg einen Moment.
„Frau Richter, darf ich offen sein?“
„Sie haben angerufen.“
„In meinem Beruf gibt es zwei Arten von Geschichten. Die einen werden mit der Person erzählt, über die sie handeln. Die anderen werden ohne sie erzählt. Beide werden geschrieben. Aber die zweite Variante hat in der Regel mehr Lücken. Lücken, die Menschen füllen, die nicht da sind, um zu widersprechen.“
Es war ein guter Satz. Er war ihn vermutlich oft gefahren.
„Herr Brückner.“
„Ja.“
„Ich habe Ihren Satz verstanden. Er ist nicht neu. Mein verstorbener Vater hat ähnliche Sätze von Journalisten gehört, die nicht das geschrieben haben, was sie ihm versprochen hatten.“
„Ich kenne den Ruf, den unser Berufsstand sich erarbeitet hat. Ich versuche, ihn nicht zu bestätigen.“
„Das ist freundlich von Ihnen.“
„Frau Richter.“
„Ja?“
„Wenn Sie mir nichts sagen, werde ich trotzdem schreiben. Ich werde es so sauber schreiben, wie ich kann. Aber ich werde es ohne Sie schreiben.“
„Das nehme ich zur Kenntnis.“
„Würden Sie es sich überlegen?“
Ich sah aus dem Fenster. Im Garten lag Tau. Der Gärtner Herrn Brandls Cousin schnitt die Hortensien zurück, die zu groß geworden waren.
„Nein.“
„Frau Richter.“
„Ich kommentiere keine Geschäftsangelegenheiten, Herr Brückner. Ich kommentiere auch keine privaten. Ich kommentiere überhaupt nichts. Wenn Sie das in Ihrem Bericht so vermerken wollen, dürfen Sie es tun. Frau Hartmann war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Frau Richter war es auch nicht. Beide haben sich erkundigen lassen, ob ein Gespräch möglich sei. Beide haben höflich abgelehnt. Das ist alles.“
Er lachte leise. Es war kein gehässiges Lachen. Es war eines, das einer leisen Anerkennung näher stand.
„Sie haben den Satz vorbereitet.“
„Ich habe ihn nicht vorbereitet. Ich habe ihn nur gefunden, als ich ihn brauchte.“
„Das ist die teurere Variante.“
„Möglicherweise.“
Er räusperte sich.
„Frau Richter, ich respektiere Ihr Nein. Ich werde es vermerken. Erlauben Sie mir nur eine letzte Frage, die nicht aufs Tonband geht und die nicht in den Bericht kommt.“
„Sie können fragen.“
„Stimmt es, dass die Berliner Verträge der Hartmann Gruppe von 2019 nicht von Mark Hartmann ausgehandelt worden sind?“
Ich antwortete nicht sofort.
Ich überlegte, was ich tat, wenn ich antwortete. Ich überlegte, was ich tat, wenn ich nicht antwortete. Ich überlegte, was Margot mir am Sonntagabend gesagt haben würde, hätte sie an meinem Tisch gesessen.
Margot hätte gesagt: nichts.
„Herr Brückner, das ist eine Frage, die Sie Herrn Hartmann stellen sollten. Oder dem Aufsichtsrat. Oder dem damaligen CFO. Es ist nicht meine Aufgabe, Ihnen die Recherche abzunehmen.“
„Verstehe.“
„Gibt es noch etwas?“
„Nein. Ich danke Ihnen für Ihre Zeit.“
„Sie haben mir nichts Zeit gekostet, Herr Brückner. Ich habe heute keinen Termin.“
Er lachte wieder. Es klang, als sei er nicht ganz sicher, ob er lachen durfte.
„Frau Richter, falls Sie es sich anders überlegen, würde ich mich freuen, wenn Sie mich erreichen. Ich gebe Ihnen meine Mobilnummer.“
„Geben Sie sie der Sekretärin von Dr. Klaus Weber, Briennerstraße. Sie wird sie an mich weiterleiten, falls ich darum bitte.“
Er war einen Moment still.
„Das ist eine kluge Antwort.“
„Es ist nur eine ordentliche.“
„Auf Wiederhören, Frau Richter.“
„Auf Wiederhören, Herr Brückner.“
Ich legte den Hörer auf.
—
Frau Brandl kam einige Minuten später mit einem Tablett herein.
Auf dem Tablett stand eine Tasse Tee und ein kleiner Teller mit zwei Butterkeksen. Sie stellte das Tablett ab. Sie zog die Vorhänge ein wenig weiter zur Seite.
„War etwas?“
„Ein Journalist.“
„Ach.“
„Süddeutsche.“
„Mhm.“
„Er wollte schreiben.“
„Er wird auch ohne Sie schreiben.“
„Das hat er gesagt.“
„Das tun sie alle.“
Sie strich eine Falte aus der Vorhanggardine.
„Mein Mann selig“, sagte sie, „hatte einen Vetter, der für eine Lokalzeitung gearbeitet hat. In Augsburg. Er hat immer gesagt, die größten Geschichten sind die, in denen jemand sehr deutlich nichts gesagt hat. Ein Schweigen, das man hören kann. Das schreibt sich von selbst.“
„Vielleicht hat er recht gehabt.“
„Er hatte oft recht. Er war ein etwas mürrischer Mann.“
Sie ging zur Tür. Sie hielt an.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Soll ich Dr. Weber Bescheid sagen?“
„Ja. Bitte.“
„Heute Nachmittag?“
„Heute Vormittag, wenn es geht.“
„Gut.“
Sie schloss die Tür.
—
Ich blieb in der Bibliothek sitzen.
Ich trank den Tee, der nicht zu heiß war, und ich aß einen der beiden Butterkekse, weil Frau Brandl nachprüfen würde, ob ich gegessen hatte.
Ich dachte an den Satz von Brückner. „In meinem Beruf gibt es zwei Arten von Geschichten. Die einen werden mit der Person erzählt, über die sie handeln. Die anderen werden ohne sie erzählt.“
Es war ein guter Satz. Aber er war auch ein Druckmittel. Er sollte mir suggerieren, dass mein Schweigen mir teurer kommen würde als mein Reden.
Mein Vater hatte mir einmal gesagt, lange vor seinem Tod, in einer Zeit, in der er noch glaubte, mich auf eine Welt vorbereiten zu können, in der ich später Geschäfte führen würde: „Emilia, wenn ein Journalist dir sagt, dass er ohne dich schreiben wird, ist das richtig. Aber er sagt es dir nicht, damit du es weißt. Er sagt es dir, damit du Angst bekommst. Wenn du keine Angst bekommst, schreibt er trotzdem. Und er schreibt fairer, weil er gemerkt hat, dass er dich nicht in der Hand hat.“
Mein Vater hatte das gesagt, als ich vielleicht zwanzig war. Ich hatte es damals nicht verstanden.
Heute verstand ich es.
—
Ich rief Weber selbst an, bevor Frau Brandl es tat.
„Klaus.“
„Emilia.“
„Ein Florian Brückner, Süddeutsche, war eben am Telefon. Er recherchiert zur Hartmann Gruppe.“
„Ich kenne ihn.“
„Persönlich?“
„Wir sind uns ein paarmal begegnet. Er ist anständig. Soweit man das sagen kann. Er recherchiert sauber, er schreibt nüchtern, er erfindet nichts. Er stellt aber Fragen, die unangenehm sind. Das ist sein Geschäft.“
„Ich habe nichts gesagt.“
„Gut.“
„Er hat gefragt, ob die Berliner Verträge von 2019 von Mark stammen.“
„Er hat gefragt, ob sie nicht von Mark stammen.“
„Ja.“
„Er weiß es bereits. Er fragt, weil er hofft, dass jemand es bestätigt.“
„Ich habe es nicht bestätigt.“
„Sie haben es ihm freigestellt, andere zu fragen.“
„Ja.“
„Andere werden es bestätigen.“
Er schwieg einen Augenblick.
„Emilia, ich werde Ihnen heute Nachmittag zwei Dokumente schicken. Lassen Sie mich Sie gegen siebzehn Uhr zurückrufen. Ich brauche Ihre Bestätigung für etwas. Es ist nichts, was Sie in Sorge versetzen sollte. Aber es ist etwas, das wir besprechen müssen.“
„Was für Dokumente?“
„Briefe an meine Kollegen. An den Anwalt von Herrn Hartmann.“
„Gut.“
„Frau Brandl hat mir eben eine Nachricht hinterlassen.“
„Ich weiß.“
„Sie hatten mich vor ihr.“
„Das ist ihre einzige Niederlage in dieser Woche.“
Er lachte trocken.
„Bis siebzehn Uhr, Emilia.“
„Bis siebzehn Uhr, Klaus.“
—
Ich legte auf.
Der Tee war kalt geworden.
Im Salon klingelte es wieder, ein einzelnes Klingeln, dann nichts.
Ich stand auf und ging zum Fenster.
Der Gärtner war fertig mit den Hortensien. Er trug die abgeschnittenen Zweige in einem Korb zur Kompostecke. Er ging langsam, weil er sechzig war und weil seine Knie ihn an feuchten Tagen zwickten. Er hatte mir das einmal erzählt, vor zwei Jahren, an einem Vormittag, an dem ich ihm einen Kaffee gebracht hatte.
Damals war ich Frau Hartmann gewesen.
Jetzt war ich es nicht mehr ganz, und noch nicht wieder die andere.
—
Frau Brandl kam noch einmal um zwölf Uhr.
„Frau Richter, der Termin um sechzehn Uhr.“
„Welcher?“
„Familiengericht. Anhörung zum Trennungsjahr. Sie hatten ihn auf den Schreibtisch gelegt.“
„Stimmt.“
„Sie haben den Termin nicht vergessen?“
„Nein. Ich habe ihn nur einen Moment beiseite gelegt.“
„Soll ich Ihnen den schwarzen Mantel bereitlegen?“
„Den schwarzen Mantel und das graue Kostüm.“
„Die Bluse?“
„Die weiße. Ohne Spitze.“
„Ja.“
Sie nickte.
„Was hat der Journalist Ihnen gesagt?“
„Dass er auch ohne mich schreiben wird.“
„Schreibt er?“
„Vermutlich.“
„Mhm.“
Sie sah einen Moment an mir vorbei, als überlege sie etwas.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Sie wussten, dass dieser Termin heute zwei Dinge bringen würde, nicht eines.“
„Wieso?“
„Im Vorzimmer des Gerichts wird er sein.“
Sie sagte es ruhig. Wie eine Frau, die seit dreißig Jahren in diesem Haus arbeitete und die wusste, was zu welchem Termin gehörte.
Ich sah sie an.
Ich hatte den Termin nicht vergessen.
Ich hatte nur das Vorzimmer noch nicht gesehen.
—
Ich nahm den Mantel aus dem Schrank.
Frau Brandl bürstete ihn kurz auf den Schultern ab, obwohl er sauber war. Sie tat es so, wie sie es bei meiner Mutter getan hatte. Eine Geste, mit der sie eine Frau auf einen Termin schickte, der nicht angenehm sein würde, sondern nur erforderlich.
„Frau Brandl.“
„Ja.“
„Sie sind eine kluge Frau.“
„Ich bin keine kluge Frau. Ich bin eine, die dreißig Jahre in einem Haus lebt und zuhört.“
„Das ist dasselbe.“
„Es ist nicht dasselbe. Aber es klingt ähnlich.“
Sie reichte mir die Handschuhe.
„Soll ich auf Sie warten im Wagen?“
„Nein. Sie kommen mit hinein.“
„Ins Vorzimmer?“
„Ins Foyer. Nicht weiter.“
„Gut.“
Im Spiegel über dem Beistelltisch sah ich mich.
Ich sah aus wie eine Frau auf dem Weg zu einem Geschäftstermin, an dem es um eine Sache ging, die sie nicht selbst veranlasst hatte. Das graue Kostüm saß. Die weiße Bluse war geschlossen am Kragen. Die Haare waren zurückgebunden. Die Augen waren ruhig.
Im Spiegel sah ich auch Frau Brandl hinter mir. Sie nickte einmal, als hätte ich sie etwas gefragt.