Kapitel 83: Jan zieht um
Mein Bruder rief um sieben an, wie versprochen.
Ich saß im Arbeitszimmer in der Villa, das Fenster war gekippt, der Flieder hatte fast ausgeblüht. Frau Brandl hatte mir einen Tee gebracht und mir gesagt, sie gehe heute früher. Ich hatte genickt.
Das Telefon klingelte zweimal.
„Emilia.“
„Jan.“
„Ich habe nachgedacht.“
Mein Bruder begann selten ein Gespräch ohne diesen Satz. Es war seine Art, einen Hinweis zu geben, dass er nicht aus dem Bauch sprach. Er hatte in den letzten zwölf Jahren zwei Hochzeiten, drei Beerdigungen und eine Geburtstagsfeier mit demselben Satz begonnen.
„Ich höre.“
„Ich werde für drei Monate nach München kommen.“
Ich legte den Stift hin.
„Ab wann?“
„Ich denke an Ende des Monats.“
„Wo wirst du wohnen?“
„Bei dir.“
„Ja.“
Es gab nichts weiter zu fragen.
—
Drei Wochen später stand er vor der Tür.
Er kam mit zwei Koffern, einem Aktenkoffer und einem länglichen Pappkarton, in dem ein Architekturmodell lag, das er aus Hamburg mitgebracht hatte. Frau Brandl öffnete die Tür, bevor ich den Flur erreicht hatte. Sie nahm ihm den einen Koffer ab, ohne zu fragen.
„Herr Richter.“
„Frau Brandl.“
„Sie sind dünner geworden.“
„Ich bin älter geworden.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„Nein.“
Sie führte ihn in das Gästezimmer im ersten Stock. Es war das Zimmer, in dem Jan als Kind geschlafen hatte, bevor er nach Hamburg gezogen war. Frau Brandl hatte es seit damals nicht umgeräumt. Sie hatte nur die Bettwäsche alle paar Monate gewechselt und das Fenster im Sommer gekippt, in der Annahme, dass jemand eines Tages zurückkommen würde.
Sie hatte recht behalten.
—
Ich kam dazu, als Jan den Koffer aufs Bett stellte.
„Du bist also da.“
„Ich bin da.“
„Wie lange?“
„Drei Monate. Vielleicht vier.“
„Vielleicht fünf?“
„Schauen wir.“
Er sah sich um. Er ging zum Fenster, sah einen Augenblick hinaus, in den Garten, in dem der Flieder nun fast verblüht war. Er drehte sich um.
„Frau Brandl hat das Schreibtischbein wieder angeschraubt.“
„Welches Schreibtischbein?“
„Das hier. Unten links. Es war locker, als ich vor zwölf Jahren wegging. Ich hatte es nie gemeldet. Sie hat es trotzdem gemacht.“
Ich sah unter den Schreibtisch.
Das Schreibtischbein war fest.
„Sie hat viele Dinge gemacht.“
„Ja.“
—
Wir saßen am Abend in der Küche.
Frau Brandl hatte uns ein einfaches Abendessen gemacht — kaltes Fleisch, Brot, ein Glas Wein. Sie war früh gegangen, weil ihre Schwester sie heute zum Konzert abholte. Sie hatte mir noch eine Schüssel mit Kompott in den Kühlschrank gestellt und gesagt: „Für morgen, falls Ihr Bruder Hunger hat.“
Sie hatte gesagt: „Ihr Bruder.“
Sie hatte das Wort drei Mal benutzt, in dem einen Gespräch in der Diele.
Sie war glücklich.
—
„Erzähl mir.“
„Was.“
„Was du dir vorstellst. In den drei Monaten.“
Jan zog ein Notizbuch aus der Innentasche seines Jacketts. Er hatte es seit der Universität dabei, in immer neuen Auflagen — schwarzer Einband, ein Gummi, ein eingehefteter Stift. Er schlug es auf.
„Ich habe in Hamburg mit Möller gesprochen.“
„Möller?“
„Möller und Partner. Architekturbüro. Drei Inhaber, fünfunddreißig Mitarbeiter. Sie haben in den letzten Jahren in Hamburg drei Stadtquartiere gemacht. Eines davon habe ich mit ihnen gemacht.“
„Du arbeitest mit ihnen?“
„Auf Projektbasis. Nicht angestellt.“
„Und?“
„Ich habe ihnen vorgeschlagen, ein Münchner Projekt mitzubieten. Stadtquartier Maxvorstadt. Du weißt, das Grundstück hinter dem Pinakotheken-Areal.“
„Ich kenne das Grundstück.“
„Sie hatten Interesse. Wir haben telefoniert, dann hat einer von ihnen gesagt, er wolle nach München kommen, um es sich anzusehen. Er heißt Fabian Möller. Er ist der jüngste der drei Partner.“
„Wann kommt er?“
„Nächste Woche.“
Ich nahm einen Schluck Wein.
„Du hast das alles vorbereitet, ohne mich zu fragen.“
„Ich habe es vorbereitet, damit ich dich fragen kann.“
Er lächelte einen Augenblick. Es war dasselbe Lächeln, das er als Kind gehabt hatte, wenn er etwas getan hatte, von dem er wusste, dass es richtig war, aber bei dem er trotzdem ein wenig unsicher war.
„Dann frag.“
„Würdest du Möller und Partner erwägen, für das Maxvorstadt-Projekt?“
„Ich erwäge sie.“
„Ja oder nein?“
„Ja. Bring ihn her. Aber er soll vorher mit Heinrich Altmann sprechen. Heinrich kennt das Grundstück seit dreißig Jahren. Wenn Möller den Test bei Heinrich nicht besteht, machen wir es nicht.“
„Einverstanden.“
Er schloss das Notizbuch.
—
Er sah mich einen Augenblick an.
„Emilia.“
„Ja?“
„Es geht dir besser.“
„Ich weiß.“
„Ich habe es nicht erwartet.“
„Ich auch nicht.“
„Doch“, sagte er. „Du hast es. Sonst hättest du nicht aufgehört, in jenem Klinikzimmer zu liegen.“
Ich legte das Brot zur Seite.
„Es ist nicht wahr, dass man aufhört, in einem Klinikzimmer zu liegen, weil man es erwartet hat. Man hört auf, weil jemand kommt und einen aus dem Zimmer holt. In meinem Fall war es Clara, die nicht hereinkam. Es war Schwester Barbara, die hereinkam und nichts sagte. Es war Weber, der mir am Telefon erklärte, was zu tun sei. Es war Frau Brandl, die das Bett im Schlafzimmer der Villa aufgeschlagen hatte, ohne dass ich es ihr gesagt hatte.“
„Und ich?“
„Du warst nicht da.“
„Nein.“
„Aber du bist jetzt da.“
„Ja.“
Er sah einen Augenblick auf das Brot.
„Es tut mir leid, dass ich nicht früher gekommen bin.“
„Du musst dich nicht entschuldigen.“
„Doch. Ich habe gewartet, bis es leicht war, zu kommen. Ich habe nicht gewartet, bis es nötig war. Das ist ein Unterschied.“
Ich sagte nichts.
Er sagte auch nichts.
Wir saßen eine Weile so, in der Küche, in der das Licht über dem Tisch ein Quadrat warf, in dem unsere Hände lagen. Auf der Wand hing ein Foto unserer Mutter, das mein Vater dort vor dreißig Jahren aufgehängt hatte und das niemand seither bewegt hatte.
Sie sah auf uns hinunter.
Sie hatte zwei Kinder gehabt, die sich nicht oft gesehen hatten, und die jetzt zum ersten Mal seit langer Zeit in derselben Küche aßen.
Sie hätte das gemocht.
—
Frau Brandl kam am nächsten Morgen früher als sonst.
Sie hatte einen Korb mit Brötchen vom Bäcker mitgebracht, was sie sonst nur am Sonntag tat. Sie hatte den Tisch im Frühstückszimmer schon gedeckt, mit drei Gedecken — meinem, ihrem (für den Fall, dass ich sie zum Sitzen aufforderte, was ich nicht tat) und Jans.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Ihr Bruder schläft noch.“
„Lassen Sie ihn schlafen.“
„Ich habe ihm einen Kaffee bereitgestellt. Falls er um neun aufsteht.“
„Er steht um halb zehn auf.“
„Dann mache ich um halb zehn frischen Kaffee.“
Sie ging.
—
Ich saß am Frühstückstisch.
Ich las die Süddeutsche Zeitung. Auf der zweiten Seite des Wirtschaftsteils stand eine kleine Notiz: „Hartmann Gruppe trennt sich von Lifestyle-Beteiligungen. — Konzentration auf Kerngeschäft.“ Sie war drei Zeilen lang. Sie war von Markus Schmidt vorbereitet und gestern Nachmittag von Anne an die Pressestelle weitergeleitet worden. Sie war sachlich. Sie enthielt meinen Namen einmal.
Ich legte die Zeitung zur Seite.
Ich nahm einen Schluck Kaffee.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches war noch keine Tasse abgestellt, weil Jan noch schlief. Aber das Gedeck war schon bereit.
Es war ungewohnt.
Es war nicht unangenehm.
—
Um halb zehn kam Jan herunter.
Er trug ein Hemd ohne Krawatte. Er hatte seinen Aktenkoffer dabei, weil er noch heute Vormittag mit Heinrich Altmann sprechen wollte. Er setzte sich an den Tisch, nahm eine Brötchenhälfte, schmierte Butter darauf, aß sie ohne zu sprechen.
Frau Brandl brachte den Kaffee.
„Frau Brandl.“
„Herr Richter.“
„Vielen Dank für das Schreibtischbein.“
„Welches Schreibtischbein.“
„Das hier. Vor zwölf Jahren.“
Sie sah ihn einen Augenblick an, ohne zu lächeln.
„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“
Sie ging.
Jan sah mir nach, dann mich an.
„Sie hat es vergessen.“
„Sie hat es nicht vergessen. Sie sagt es nur nicht.“
„Wieso nicht?“
„Weil es nicht ihre Aufgabe ist, dass jemand es weiß.“
Er nickte langsam.
—
Heinrich Altmann kam um elf.
Er trug einen grauen Anzug, der zu groß für ihn war, weil er in den letzten Jahren dünner geworden war, ohne dass er sich neue Anzüge gekauft hatte. Er hatte ein Buch unter dem Arm — eine alte Monografie über das Maxvorstadt-Quartier, herausgegeben in den siebziger Jahren, mit Plänen und Fotografien aus der Jahrhundertwende.
Er stellte das Buch auf den Tisch.
„Guten Morgen, Emilia.“
„Heinrich.“
„Wo ist er.“
„Im Garten.“
„Ich gehe zu ihm.“
Er ging.
—
Ich blieb im Frühstückszimmer.
Ich sah aus dem Fenster, durch das ich die beiden im Garten gehen sah — Heinrich vor, Jan einen halben Schritt hinter ihm, das Buch zwischen ihnen, das Heinrich an mehreren Stellen aufschlug und Jan zeigte. Heinrich zeigte mit dem Finger auf eine Karte. Jan nickte. Heinrich klappte das Buch zu, schlug es wieder auf, zeigte eine andere Stelle. Jan nickte wieder.
Sie standen lange so, bei den Rosen, die noch nicht blühten.
Frau Brandl kam dazu.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Soll ich den Herren etwas hinausbringen?“
„Bitte.“
Sie ging mit zwei Tassen Kaffee in den Garten.
Ich sah zu, wie sie die Tassen auf dem Gartentisch abstellte. Heinrich nahm seine, ohne zu unterbrechen. Jan nahm seine, sah einen Augenblick zu Frau Brandl auf, sagte etwas. Frau Brandl sagte etwas zurück. Jan lachte.
Er hatte in den letzten zwölf Jahren in diesem Garten nicht gelacht.
—
Ich ging in mein Arbeitszimmer.
Auf dem Schreibtisch lag der Briefumschlag mit der Karte aus Berlin, den Anne mir gestern Abend in einen kleineren Umschlag gelegt und auf den Tisch gestellt hatte. Ich hatte ihn gestern nicht geöffnet. Ich öffnete ihn auch heute nicht.
Ich ließ ihn liegen.
Heute war nicht der Tag.
Heute war der Tag, an dem mein Bruder nach zwölf Jahren wieder im Garten stand und lachte.
Andere Tage konnten warten.
—
Am Nachmittag kam Heinrich noch einmal ins Haus.
Er hatte das Buch unter dem Arm, das er heute Vormittag mitgebracht hatte. Er hielt es jetzt nicht mehr unter dem Arm, sondern in der Hand. Er klingelte nicht. Er klopfte an die offen stehende Tür meines Arbeitszimmers, in einer Geste, die ich von ihm seit dreißig Jahren kannte.
„Emilia.“
„Heinrich.“
„Ich gehe wieder. Ich wollte das Buch hierlassen.“
„Warum.“
„Weil Ihr Bruder es vorhin im Garten in der Hand hatte und ich gemerkt habe, dass er es noch lesen wollte. Ich habe es ihm nicht gegeben, weil ich es Ihnen lassen wollte. Sie können entscheiden, ob er es bekommt.“
„Es ist sein Buch, sobald er es liest.“
„Genau das wollte ich hören.“
Er legte das Buch auf den Tisch.
„Heinrich.“
„Ja.“
„Wie haben Sie ihn gefunden.“
„Ihn.“
„Möller. Sie haben mit ihm gestern lange telefoniert.“
„Ich habe ihn richtig gefunden.“
„Was bedeutet richtig.“
„Es bedeutet, dass er nicht versucht hat, mir zu gefallen. Er hat mir Auskunft gegeben. Er hat zwei Fragen gestellt, die mir unangenehm waren. Er hat sich entschuldigt, ohne dass er es musste, weil eine Frage zu spät gekommen war. Er hat dann die Frage trotzdem zu Ende gestellt.“
„Verstehe.“
„Ich erwähne das.“
„Ich verstehe.“
Er sah einen Augenblick auf das Buch.
„Wenn er nächste Woche kommt, werde ich nicht dabei sein.“
„Warum nicht.“
„Weil Sie ihn ohne mich sehen sollen. Wenn ich dabei bin, höre ich zu, und ich kommentiere. Sie sollen ihn ohne meinen Kommentar sehen.“
„Verstanden.“
Er ging.
—
Am Abend, in der Küche, fragte mich Jan beiläufig:
„Was hat Heinrich heute Nachmittag gewollt.“
„Er hat ein Buch gebracht.“
„Ein Buch.“
„Eine Monografie über das Quartier.“
„Über die Maxvorstadt?“
„Ja.“
„Ist es interessant?“
„Frag ihn selbst. Es liegt in meinem Arbeitszimmer.“
„Darf ich es haben.“
„Du darfst es haben.“
„Heute Abend?“
„Ja.“
Er ging in mein Arbeitszimmer, kam mit dem Buch zurück, setzte sich an den Küchentisch, schlug das Buch an einer Karte auf. Er las nicht in dem Sinn, in dem man ein Buch liest. Er sah auf die Karten, die Pläne, die Schwarzweiß-Fotografien aus den ersten Jahrzehnten. Er sagte nicht viel.
Frau Brandl räumte um uns herum.
Sie schüttelte einmal den Kopf, als Jan in das Buch blätterte, ohne den Suppenlöffel hochzuheben. Sie schüttelte ihn so, dass nur ich es sah. Sie war zufrieden.