Kapitel 114: Silvester
An Silvester war ich allein im Haus.
Frau Brandl war bei ihrer Schwester in Tegernsee.
Jan war in Hamburg.
Margot war bei einer Cousine in Salzburg.
Clara war mit Tobias an der Nordsee.
Es waren vier Abwesenheiten, die sich, ohne dass jemand von ihnen es wollte, zu einem ruhigen Abend zusammenfügten.
Fabian kam um sechs.
—
Er kam zu Fuß, wie an Heiligabend. Es war wieder kein Schnee. Es war auch kein Regen. Es war einer dieser milden Münchner Silvesterabende, an denen die Stadt sich nicht ganz entscheiden kann, ob sie schon Winter ist oder nicht.
Er hatte eine Flasche Sekt mitgebracht.
Er hatte einen Strauß weißer Tulpen mitgebracht — mitten im Winter, was nicht ganz einfach gewesen war, das wusste ich, weil ich am 30. selbst kurz versucht hatte, weiße Tulpen zu finden, und nichts gefunden hatte.
Er sagte nichts, als er sie mir gab.
Ich sagte nichts, als ich sie nahm.
Wir wussten beide, woher sie kamen.
Margot hatte ihm vor zwei Wochen, als sie sich kurz im Cafè getroffen hatten, gesagt, dass meine Mutter weiße Tulpen geliebt hatte. Er hatte das aufgehoben — in der Art, in der er Dinge aufhob, ohne sie zu kommentieren — und heute hatte er die Blumen mitgebracht.
Ich stellte sie in eine Vase.
—
Ich hatte einfach gekocht.
Eine Linsensuppe, die ich von Frau Brandl zu kochen gelernt hatte, in dem Winter, in dem mein Vater krank gewesen war. Brot. Ein Käse. Ein bisschen Räucherlachs. Es war kein Festessen. Es war ein gutes Abendessen, das nicht wie ein Festessen aussah.
Wir aßen in der Küche.
Wir saßen am alten Holztisch, an dem Frau Brandl jeden Vormittag den Einkauf prüfte, und wir aßen in dem Licht, das aus der Hängelampe kam, einer Lampe, die meine Mutter vor vierzig Jahren in einem Antiquitätengeschäft in der Briennerstraße gekauft hatte und die seitdem nicht ein einziges Mal hatte ausgewechselt werden müssen.
Fabian sagte: „Es ist gut hier.“
Ich sagte: „Ja.“
Er sagte: „Es ist still.“
Ich sagte: „Ja.“
Wir aßen weiter.
—
Nach dem Essen gingen wir hinaus.
Auf der Straße brannten schon einige Knaller. Es war erst halb neun, aber die Kinder, die ihre Eltern an Silvester früh gehen ließen, waren schon unterwegs. Wir hörten zwei oder drei Knaller in der Nähe, dann einen weiter weg.
Wir gingen die Straße hinunter, Richtung Isarhochufer.
Wir gingen langsam.
Er hatte die Hände in den Manteltaschen.
Ich hatte den Schal höher gezogen.
Wir sprachen wenig.
Es gab Themen, über die wir vor einem Monat noch nicht hätten sprechen können, und es gab Themen, über die wir nun schon nicht mehr sprechen mussten. Beides hatte sich, ohne dass ich es bemerkt hätte, in einen ruhigen Mittelraum geschoben — ein Bereich, in dem Worte nicht mehr nötig waren, weil sie schon einmal gesagt worden waren oder weil sie noch nicht gesagt werden müssten.
Es war eine angenehme Art zu schweigen.
—
Am Isarhochufer blieben wir an dem Geländer stehen, an dem ich, als Kind, oft mit meinem Vater gestanden hatte.
Mein Vater hatte mich an das Geländer gehoben.
Er hatte gesagt: *Schau die Isar an. Sie ist immer da. Sie geht immer in dieselbe Richtung.*
Ich hatte gefragt: *Warum?*
Er hatte gesagt: *Weil sie nach unten muss.*
Ich hatte das damals nicht ganz verstanden.
Heute, während ich neben Fabian an demselben Geländer stand, verstand ich es.
Manche Dinge mussten nach unten. Manche Dinge mussten weiter. Manche Dinge mussten in eine bestimmte Richtung, weil sie nicht anders konnten. Mein Leben hatte in den letzten zwei Jahren mehrmals so eine Richtung genommen — eine Richtung, die ich nicht gewählt hatte, sondern die mich, sehr leise, getragen hatte.
Heute Abend stand ich an einem Geländer.
Heute Abend ging die Isar nach unten.
Heute Abend war ich da.
Es war genug.
—
Wir gingen zurück.
Wir trafen vor dem Haus eine kleine Gruppe Kinder, die einen Knaller gezündet hatten und kicherten. Eine Mutter rief sie ins Haus zurück. Wir nickten ihr zu. Sie nickte zurück.
In meiner Küche machte ich einen Tee.
Wir tranken ihn im Wohnzimmer.
Ich saß auf dem Sofa.
Er saß im Sessel gegenüber.
Wir sahen das Feuer, das ich vorhin im Kamin angemacht hatte.
Es brannte ruhig. Es brannte ohne Knistern. Es war altes, gutes Holz, das in einem Stapel im Garten lag, seit drei Jahren — Holz, das Mark im Frühling vor seiner Krankheit hatte schlagen lassen, um damit zu zeigen, dass er sich um das Haus kümmere. Er hatte sich nie um das Haus gekümmert. Aber das Holz war geblieben.
Heute brannte es.
Es brannte gut.
Es war seine letzte Nutzbarkeit, in einem Haus, das ihn nicht mehr brauchte.
—
Fabian sagte um halb zwölf: „Möchtest du den Sekt?“
Ich sagte: „Ja.“
Er stand auf.
Er ging in die Küche.
Ich hörte das vertraute Geräusch der Sektkappe, das er offensichtlich nicht zum ersten Mal in seinem Leben machte, und das vertraute Geräusch der Korkfeder, die in einer Schublade landete. Er kannte sich in meiner Küche schon ein wenig aus. Er hatte sie zweimal gesehen, drei oder vier Mal vielleicht. Er fand die Gläser ohne zu fragen. Es war nicht die Art von Vertrautheit, die einen unangenehm berührt. Es war die Art, die sich, ohne Hast, einstellt, wenn ein Mensch oft genug an einem Ort gewesen ist, um zu wissen, wo die Dinge stehen.
Er kam mit zwei Gläsern zurück.
Er goss ein.
Er gab mir das eine Glas.
Wir setzten uns wieder.
—
Um Viertel vor zwölf gingen wir in den Garten.
Ich hatte einen Wollmantel angezogen.
Er hatte den seinen wieder angezogen.
Wir standen am Ende der Terrasse, dort, wo man über die Hecken Richtung Stadt sehen konnte.
Es war nicht kalt. Es war nicht warm.
Über München war der Himmel teilweise klar.
Schon jetzt stiegen vereinzelte Raketen auf — Privatleute, die keine Geduld hatten, die schon eine halbe Stunde vor Mitternacht ihre Vorräte zündeten.
Wir tranken den Sekt.
Wir sprachen nicht.
—
Um zehn vor zwölf sah ich auf die Uhr.
Er sah auch.
Er sagte: „Noch zehn Minuten.“
Ich sagte: „Ja.“
Wir sahen uns nicht an.
Wir sahen die Stadt an.
München wirkte heute Abend nicht groß. Es wirkte ruhig. Über dem Tal lag eine dünne Lichtkuppel — von den Straßenlaternen, von den Fenstern, von den ersten Feuerwerken — und über dieser Lichtkuppel begann der Himmel.
Ich dachte an meine Mutter.
Ich dachte daran, dass sie ihren letzten Silvester in einer kleinen Wohnung an der Prinzregentenstraße verbracht hatte, weil mein Vater an diesem Abend in Berlin gewesen war, und dass sie an ihrem Fenster gestanden und mit einer Freundin telefoniert hatte. Sie war damals zweiundvierzig. Sie hatte nicht gewusst, dass es ihr letzter Silvester sein würde. Sie hatte einfach am Fenster gestanden und Sekt getrunken und gewartet.
Heute stand ich am Geländer einer Terrasse, in einer Stadt, in der sie gewohnt hatte, mit einem Mann, den sie nicht mehr kennengelernt hatte, und ich wartete.
Es war eine Art Fortsetzung.
Es war eine Art Antwort.
—
Zwölf Uhr.
Die Glocken läuteten.
Die ersten großen Raketen stiegen über München auf — vom Englischen Garten, vom Maximilianeum, von einigen Dächern in Bogenhausen.
Der Himmel füllte sich mit kleinen, kurzen Lichtern.
Es war kein großes Feuerwerk. Es war ein normales Münchner Silvester-Feuerwerk, das aus vielen kleinen, privaten Beiträgen bestand, die sich nicht koordiniert hatten.
Ich sah den Himmel an.
Fabian sah mich an.
Ich drehte den Kopf.
Er stellte sein Glas auf das Geländer.
Ich stellte meines daneben.
Er beugte sich kurz herunter.
Er küsste mich.
Es war ein kurzer Kuss.
Sehr kurz.
Vielleicht zwei Sekunden.
Es war kein Hollywood-Kuss, es war kein Kuss, den man später in einem Roman ausschmücken könnte, es war kein Kuss, an den ich später zurückdenken würde mit der Erinnerung an eine besondere Form von Druck oder Wärme.
Es war ein Kuss zwischen zwei Erwachsenen, die sich vorher angesehen und sich verständigt hatten, ohne dass irgendetwas hatte gesagt werden müssen.
Es war fast unscheinbar.
Es war so unscheinbar, dass ein Beobachter aus einem benachbarten Garten, hätte er hinübergesehen, vielleicht nicht einmal bemerkt hätte, dass es ein Kuss gewesen war. Vielleicht hätte er gedacht, der Mann habe sich kurz über das Geländer gebeugt, um etwas an dem Sektglas zu prüfen, und die Frau habe den Kopf gedreht.
Es war sehr deutsch.
Es war auch sehr richtig.
Er hatte einen kleinen Geschmack nach Sekt.
Er hatte einen sehr kurzen Geschmack nach mir, vermutete ich.
Dann war er vorbei.
—
Wir sahen uns einen Augenblick an.
Er sagte nichts.
Ich sagte nichts.
Es war nicht peinlich.
Es war auch nicht feierlich.
Es war einfach geschehen, in der Art, in der manche Dinge einfach geschehen, wenn sie schon lange genug fertig waren, um zu geschehen.
Er nahm sein Glas wieder.
Ich nahm meines.
Wir hoben sie kurz.
Er sagte: „Frohes Neues.“
Ich sagte: „Frohes Neues.“
Wir tranken.
Über uns explodierte eine grüne Rakete, dann eine rote, dann zwei weiße. Dann waren ein paar Sekunden Stille. Dann begann es wieder, weiter weg.
—
Wir blieben noch eine Weile auf der Terrasse stehen.
Er hatte für einen Moment seine Hand auf meine gelegt, auf das Geländer, dort wo sie nebeneinander lagen. Er ließ sie liegen, bis ich kurz vor halb eins meine zurückzog, weil es kalt geworden war. Er folgte mir ins Haus.
Wir tranken den Tee aus.
Er nahm das Sektglas auseinander vom Tablett mit, in die Küche.
Ich hörte ihn dort.
Ich saß im Wohnzimmer, vor dem Kamin, auf dem Sofa, und sah in das Feuer.
Er kam zurück.
Er setzte sich nicht.
Er sagte: „Ich gehe.“
Ich sagte: „Magst du nicht bleiben?“
Er sagte: „Doch. Aber heute nicht.“
Ich sah ihn an.
Er sagte: „Ich möchte das nicht beschleunigen.“
Ich sagte: „Verstehe.“
Er sagte: „Du auch nicht.“
Ich nickte.
Ich hatte ihn mehr verstanden in diesem Augenblick als in vielen Augenblicken zuvor.
—
Er ging zur Tür.
Ich begleitete ihn.
Auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um.
Er sagte: „Bis nächste Woche?“
Ich sagte: „Bis nächste Woche.“
Er nickte.
Er ging.
Ich schloss die Tür.
Ich blieb einen Moment im Flur stehen.
Dann ging ich ins Wohnzimmer zurück.
Das Feuer im Kamin brannte noch.
Ich setzte mich auf das Sofa.
Ich hörte, draußen in der Stadt, das Feuerwerk, das nun schon weniger wurde. In zehn Minuten würde es zu Ende sein. Eine Stunde später würde keine einzige Rakete mehr aufsteigen. München würde wieder still werden.
Ich legte mich nicht.
Ich saß einfach.
Ich dachte über den Kuss nach.
Es war nicht viel zu denken.
Es war nicht ein Kuss gewesen, der Gedanken brauchte. Es war ein Kuss gewesen, der einfach gewesen war, und das war seine Eigenschaft. Wenn ich später, in vielen Jahren, an ihn zurückdachte — und ich würde an ihn zurückdenken, das wusste ich —, dann würde ich an seine Schlichtheit denken.
An die zwei Sekunden.
An den Sekt-Geschmack.
An das Geländer.
An Fabians Hand auf meiner.
An die kalte, Münchner, milde Silvesternacht.
Es war genug.
Es war mehr als genug.